PfadnavigationHomeICONISTModeAlpenmodeNeuer Look aus den Alpen – jenseits von FolkloreVeröffentlicht am 28.02.2026Lesedauer: 6 MinutenAlpenidyll im Farbrausch: Entkitscht – durch ein Übermaß an KitschQuelle: Reto Schmid/MontàHaferlschuhe in Millennial-Pink, traditionelle Wollstoffe und eine Liebeserklärung an mondäne Skiorte: Die Alpen und ihre Funktionskleidung dienen unterschiedlichsten Modedesignern als Inspiration. Mal sind es die zeitlosen Schnitte, mal die Sehnsucht nach Schönheit und Ruhe.Alpenglühen hin oder her, so schrill hat man die Berge des Engadins noch nie gesehen. Der Schweizer Modefotograf Reto Schmidt hat den Wiesen, Seen und Gipfeln des Naturparks Beverin in Graubünden einen kräftigen pinken und orangen Filter verpasst. Die idyllischen, allzu vertrauten Bilder sind damit komplett entkitscht (genau genommen durch ein Übermaß an Kitsch) und man ahnt: Hier soll ein neuer Blick gewagt werden.Einige der Bilder sind frei von Filtern, schließlich soll ein neues Produkt damit beworben werden: Schuhe der Marke Montà, eine Unternehmung der drei findigen Berliner Kreativen Hans Bussert, Tobias Holz und Karolina Leczkowski in Zusammenarbeit mit der Schwangau Schuh GmbH, die im Allgäu und in Ungarn unterschiedliche Marken produziert und verkauft. Unter anderem den Original Haferl, eine traditionelle Schuhform des Alpenraums, die sich durch ihre seitliche Schnürung auszeichnet.Nach einem Beratungsjob für die Allgäuer Traditionsschuster entstand die Idee, eine neue Marke zu gründen. Neben ihrer Agentur EX EX EX betreiben Bussert und Holz auch die Kulturplattform Frontrose in einem ausgesprochen hübschen Agenturkonzertsaalgalerie-Hybrid, der sich in einem Hinterhof in der nicht unbedingt hübschen Potsdamer Straße befindet. Die hat sich in den vergangenen Jahren als kreativer Hotspot von Berlin etabliert.Im Rahmen der Berlin Fashion Week präsentierten sie die erste Montà-Kollektion auf einer Spiegelskulptur. Was ein interessanter Gegensatz zu den alpinen Referenzen ist: Montà ist im piemontesischen Dialekt das Wort für den Almauftrieb, wenn im Frühjahr die Rinder in die Berge gebracht werden, um sich auf den Kräuterwiesen in den nächsten Monaten die Bäuche vollzuschlagen.Lesen Sie auchUnd tatsächlich gibt es neben kräftigem Schuhwerk mit Profilsohlen und einem Ballett-Loafer auch einen Haferlschuh, unter anderem in Betongrau und Rosa. Verantwortlich für das Design ist der Franzose Romain Kremer, der mal für Mugler gearbeitet hat und von 2014 bis 2019 der erste Kreativdirektor für die mallorquinische Schuhmarke Camper war, deren Spagat zwischen Albernheit und Massenappeal er intelligent überhöht hat. „Romain ist für eine klare Designsprache bekannt, so konnten wir sicher sein, dass wir nicht in die Folklore abrutschen und bei einem Alpenraumgedenkprojekt landen“, sagt Tobias Holz. Um Montà richtig zu platzieren, arbeiteten die Berliner mit dem Magazin Novembre zusammen, denn von den Haferlschuhen zu den urbanen Geschmackseliten kommt man nicht zu Fuß.Holz und Bussert sind nicht die Einzigen, die sich von den Traditionen und Materialien des Alpenraums beeinflussen lassen. Tatsächlich gibt es eine gute Handvoll Kreativer, die sich auf unterschiedlichste Arten auf die Berge berufen. Es geht um lebendige Traditionen, Stoffe und Handwerk. Um Nachhaltigkeit und Langlebigkeit. Und natürlich um eine Art Gegengift zum ultrahochbeschleunigten Digitalkapitalismus, das Versprechen auf ein echteres, tieferes, wertigeres Leben. Oder zumindest eine Strickjacke aus gewalkter Wolle, die einen mit ihrem Kratzen daran erinnert, dass man noch am Leben ist.Es gibt die karge, edle Kreation von Maison Douillet, 2021 gegründet von den Brüdern Clément und Germain Douillet, die vage eine Welt von Bußpredigern, Heilerinnen und bäuerlichen Matriarchinnen in den französischen Alpen heraufbeschwören. Oder den Modedesigner Andreas Hofer, der in einem Dorf in Südtirol auf 1100 Meter Höhe aufwuchs und später u. a. für Prada und Louis Vuitton arbeitete, bevor er 2019 seine Marke Rier gründete. Sein Ziel war es, alpine Schneiderkunst und Materialien aufzunehmen und modern zu interpretieren. „Die Leute in der Mode sehnen sich nach einer neuen Perspektive. Ich fand es reizvoll, einen Teil meiner Vergangenheit in den Bergen in meine Pariser Gegenwart zu bringen“, sagt Hofer. Er arbeitet mit alten Techniken der Wollverarbeitung, und schwärmt von der Funktionalität und Haltbarkeit traditionell bearbeiteter Naturmaterialien – und von dem Vermeiden von Mikroplastik, das bei moderner Funktionskleidung anfällt. Rier bietet überknielange Lederhosen, Cordhosen mit unverdeckten Reißverschlüssen, wie man sie von Zimmermannshosen kennt, Lodenjacken im Hoody-Schnitt, Schürzenkleider, die allerdings nicht ironisch überzeichnet sind, wie bei MiuMiu, sondern unstrittig elegant. So wie seine Kollektionen insgesamt einen selbstbewussten Minimalismus atmen, der entfernt an den Österreicher Helmut Lang erinnert. Die Gründung seiner Marke veränderte auch sein Leben: „Ich verbringe so viel Zeit wie möglich mit den Schneidern, lokalen Produzenten und Stoffmachern, reise durch die Alpen und Norditalien, um die Geschichte, das Handwerk und die Natur zu erleben.“Lesen Sie auchGanz anders die Österreicherin Laura Andraschko. Nach ihrem Studium an der Central St. Martin in London, der Kaderschmiede für den Modenachwuchs, und arbeitet sich mit ihren Kollektionen an dem Typus „feierfreudiges Mädchen aus gutem Haus ab“. Mal geht es um britische Eliteschulen und Studentenverbindungen wie den Bullingdon Club, in dem die Upper Class seit Jahrhunderten ihr Unwesen treibt. „In dieser Saison geht diese Person Ski fahren. Da trifft das Partygirl auf die Tradition des Alpinen Tayloring“, sagt Andraschko. Es gibt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Chalet Slut“ (in etwa: Hüttenschlampe), Lederhosen-Hotpants, aber auch Hornknöpfe, gerüschte Ärmel, Loden und Mäntel, die vage an Gebirgsjäger erinnern. „Wenn man Loden in der Hand hat, diesen schweren Stoff, dann ist das ein schönes Gefühl“, sagt Andraschko und schwärmt von einem Dirndl-Stich, der nur mit der Hand ausgeführt werden kann. Und das ist das Interessante: Sie feiert die Alpen vordergründig als krawallige soziale Bühne – der T-Shirt-Print „Ischgl 2010“ ist wie ihre Aufforderung zu einem „brat winter“ –, aber dahinter verbergen sich eine Verbundenheit und Erdung.Der Flirt mit Loden, Dirndl und Profilsohlen kommt nicht aus heiterem Berghimmel, sondern hat eine Tradition. Der deutsche Designer Bernhard Wilhelm entwarf für Camper eine Reihe von Schuhen, deren schrille Farben und lautstarke Senkel sie damals wie Objekte im Memphis-Design wirken ließen. Tatsächlich erwiesen sie sich als stilprägend, was die Verjüngung von Funktionskleidung betraf. Und die knallgrünen Krokodilsohlen von Wilhelms Schuhen zeigen nach 15 Jahren noch immer kaum Abnutzungserscheinungen, für Wanderungen bis zum Schwierigkeitsgrad Rot dürften sie anstandslos funktionieren. Die Marke Gucci, an sich nicht bekannt für naturnahe Besinnlichkeitsmode, tat sich vor wenigen Jahren mit dem Outdoor-Riesen Northface zusammen und stellte eine Wanderkollektion vor, inklusive Igluzelt. Auch in solchen vermutlich eher ironisch gemeinten Aktivitäten kann sich eine echte Sehnsucht manifestieren. Lesen Sie auch„Wir verbringen furchtbar gern Zeit in den Alpen“, sagt Hans Bussert von Montà: „Und wir beobachten es auch bei anderen: Es gibt ein Bedürfnis nach den Bergen. Zum Runterkommen vom Großstadtleben. Mit Montà interpretieren wir die Berge nicht als Ort, an dem man zwingend Sport machen muss. Unsere Schuhe sind eher für Wiesen und Weiden als für Geröllfelder geeignet.“ Doch auch wenn die Alpen Ruhe ausstrahlen, ist die Modernisierung ihrer Traditionen ein Stück Arbeit. „Wir wollten den Haferlschuh modernisieren“, sagt Bussert: „Wir haben den Leisten angepasst. Das Original hatte eine extrem prononcierte Zehenspitze, die haben wir etwas entschärft. Jetzt sind wir bei einer Silhouette gelandet, die es so vorher nicht gab.“Und das ist ja, bei allem ehrfürchtigen Blicken in die Tradition, das ureigenste Ziel der Mode: Neuland zu finden. Und sei es bei einem Schuh mit schräger Schnürung.
Alpenmode: „Es gibt ein Bedürfnis nach den Bergen“ – wie Designer die Berge neu entdecken - WELT
Haferlschuhe in Millennial-Pink, traditionelle Wollstoffe und eine Liebeserklärung an mondäne Skiorte: Die Alpen und ihre Funktionskleidung dienen unterschiedlichsten Modedesignern als Inspiration. Mal sind es die zeitlosen Schnitte, mal die Sehnsucht nach Schönheit und Ruhe.






