PfadnavigationHomeICONISTModeArtikeltyp:MeinungTrachten von Adidas bis HighsnobietyLimitierter Hype, Logomania, Gore-Tex – Wie Streetstyle-Marken das Dirndl verhunzenVon Isabell GielischVeröffentlicht am 02.10.2025Lesedauer: 6 MinutenWenn Tracht auf Streetwear trifft: Modell aus der Oktoberfest-Kollektion von Lodenfrey und HighsnobietyQuelle: über instagram.com/highsnobietyStreetstyle-Marken wie Adidas und Highsnobiety entdecken das Oktoberfest für sich – und mischen jetzt auch im Trachtenmarkt mit. Heimatgefühl? Fehlanzeige, sagt unsere Autorin aus München. Vieles wirke eher wie eine Karikatur bayerischer Tradition.Mit dem traditionellen „O’zapft is!“ von Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter war am 20. September pünktlich um 12 Uhr der Startschuss für das 190. Oktoberfest gefallen. Nun herrscht also wieder knapp zwei Wochen lang Ausnahmezustand auf der Münchner Theresienwiese – da war natürlich auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder nicht fern. Nachdem er beim Anstich im Schottenhammel-Festzelt ein paar Fotos mit Florian Silbereisen und Jürgen Drews geknipst hatte, ging es weiter ins Hofbräuzelt, danach in die Käfer Wiesn-Schänke und zum Abschluss ins Schützenzelt. „Ein echter Wiesn-Marathon“, schrieb Söder auf Instagram, und: „Ein bisschen Feiern muss auch mal sein.“Das dachte sich wohl auch Rapper Drake, der nach drei ausverkauften Konzerten in der Olympiahalle einen Abstecher ins Schützenzelt unternahm. Obwohl es sein erster Oktoberfestbesuch war, integrierte sich der 38-Jährige ganz passabel: Er trank mit seinen Kumpels Bier, machte Fotos mit Kellnern und zog später noch weiter in die Käfer Wiesn-Schänke – dorthin, wo früher oder später alle Prominente und Szenegrößen landen. Insofern: vorbildliches Wiesn-Verhalten, da kann man nicht meckern! Nur seine Outfitwahl war etwas unkonventionell: eine blaue Latzhose von Chanel aus der Herbst-/Winterkollektion von 1993, einst von Naomi Campbell auf dem Laufsteg in Paris präsentiert.Nun musste das Vintage-Teil eben mit einer bayerischen Bierbank vorliebnehmen. Während Drakes Outfit in puncto Wiesn-Dresscode zwar durchfällt, kommt es immerhin auf Instagram ziemlich gut an – sein Post zählt derzeit über 1,9 Millionen Likes. Ausnahmsweise mal einer, dem Markus Söder nicht den Bierkrug reichen kann. Der Beitrag, in dem der Ministerpräsident seine dunkelbraune Miesbacher Hirschlederhose mit grüner Stickerei aus dem Alpenvorland präsentiert, hat schlappe 14.000 Likes.Unausgesprochener Wiesn-DresscodeDass Drake in Chanel-Latzhosen über die Wiesn spaziert, mag amüsant wirken – doch es zeigt, wie sehr Tracht inzwischen zur globalen Projektionsfläche geworden ist. Was dabei in Vergessenheit gerät: Für viele Bayern, vor allem aus München, ist sie weit mehr als Mode, sondern ein Symbol kollektiver Identität und Heimatverbundenheit. Ob bei Einschulung, Zeugnisverleihung oder Hochzeit – Tracht begleitet die wichtigen Stationen des Lebens. Auf der Wiesn schließlich wird sie zum Festgewand, das wie kaum etwas anderes für bayerische Lebensfreude und Gemeinschaft steht.Darum gilt auf dem Oktoberfest ein unausgesprochener Dresscode: Authentizität vor Auffälligkeit. Grelles Polyester, Mini-Dirndl, Kunstlederhosen oder Karnevalsmuster sind tabu. Wer sich daran hält, zeigt Respekt gegenüber der Tradition – und dass Tracht kein Kostüm, sondern gelebte Kultur ist. Ihr höherer Sinn liegt darin, zu einen: Banker und Bauarbeiter, Touristen und Münchner sitzen Seite an Seite, und für ein paar Stunden treten auf dem Oktoberfest Unterschiede in den Hintergrund.Während man sich allmählich an Prominente in Designerteilen oder Touristen in Billig-Tracht gewöhnt hat, begegnen einem dieses Jahr weitere unerwartete Kuriositäten: Adidas und Highsnobiety präsentieren Neuinterpretationen des Dirndls, die man nur als Karikaturen begreifen kann.Das schwarz-weiße Modell des deutschen Sportswearlabels Adidas, nennen wir es „Adidirndl“ (auf dieses naheliegende Wortspiel ist man in der Marketingabteilung wohl nicht gekommen), wirkt, als hätte man eine KI darum gebeten, ein Dirndl mit dem Adidas-Samba-Sneaker zu kreuzen. Mieder oder Bluse? Fehlanzeige. Dafür gibt es ein Oberteil, das aussieht, wie eine in der Wäsche eingelaufene Sportjacke, die an Omas Faltenrock genäht wurde. Statt Streublümchen oder Karo-Muster zieren die Schürze viele kleine Markenlogos. Damit auch wirklich jeder begreift, dass sich hier Adidas verwirklicht hat, ziehen sich von den Schultern bis zum Rocksaum die berühmten drei weißen Streifen. Diese zum Dirndl gewordene Litfaßsäule kostet 350 Euro – mittlere Preisklasse in der Trachtenwelt.Auch das Streetwearlabel Highsnobiety ist im Oktoberfest-Fieber. Das internationale Streetstyle-Magazin mit Sitz in Berlin und New York ist nicht nur für redaktionelle Inhalte, sondern auch für limitierte Kollektionen in Kooperation mit bekannten Marken bekannt. Für ihre Oktoberfest-Edition haben sie sich das Münchner Familienunternehmen und Traditionslabel Lodenfrey an Bord geholt.Neben T-Shirts mit Paulaner-Spezi- oder Brezn-Aufdruck entstand so auch ein Dirndl, das auf den ersten Blick fast zünftig wirkt. Immerhin kommt es in drei bavariablauen Farbvariationen daher. Doch beim Material wurde es experimentell: Statt Baumwolle, Leinen oder Seide setzt Highsnobiety auf Gore-Tex. Das Hightech-Textil, sonst bei Outdoorjacken und Wanderschuhen zu finden, hält Regen ab, schützt vor Wind und bleibt dabei atmungsaktiv. Auf der Website wirbt Highsnobiety damit, das erste bierfeste Dirndl überhaupt geschaffen zu haben.Ob hier eine bedeutende Marktlücke geschlossen wurde, ist fraglich. Denn streng limitiert auf gerade einmal drei Exemplare kann selbst der Hersteller kaum an den Erfolg geglaubt haben. Mindestens drei Käufer scheinen sich aber gefunden zu haben, denn das Modell ist derzeit ausverkauft. Mit 995 Euro liegt das Gore-Tex-Dirndl preislich im gehobenen Segment – auf Augenhöhe, preislich zumindest, mit Designer-Dirndln von Traditionsmarken wie Sportalm, Alpenherz oder Kinga Mathe.Lesen Sie auchBis vor Kurzem schien es undenkbar, dass Streetstyle-Marken wie Adidas oder Highsnobiety im Marktumfeld des Oktoberfests mitspielen würden. Was also steckt hinter diesen auf den ersten, wohlwollenden Blick „niedlichen“ Aktionen?Die Analyse der beiden Neuinterpretationen des Dirndls zeigt: Echte Verbundenheit mit bayerischer Tradition sieht anders aus. Statt der jahrhundertealten Symbolik von Tracht scheint es hier vor allem um den schnellen Profit zu gehen. Die Marken bedienen sich einer Lebenswelt, die fest in Brauchtum und Gemeinschaft verankert ist, und übersetzen sie in limitierten Hype, Gore-Tex oder Logomania. Kultur wird zur Ware, Identität zum Produkt.Lesen Sie auchEin Blick auf die Wirtschaftszahlen des Oktoberfests zeigt, wie attraktiv dieser Markt ist: Laut einer Pressemitteilung der Stadt München wird der Wert des Festes in diesem Jahr auf 1,57 Milliarden Euro geschätzt – leicht steigend im Vergleich zu 2023 (1,49 Milliarden Euro). Wie groß der Anteil der Trachtenmode ist, lässt sich schwer beziffern. Offizielle Zahlen gibt es kaum, doch Beispiele wie Moser Trachten zeigen die ökonomische Relevanz: Das Unternehmen mit deutschlandweit 38 Filialen erzielt rund 45 Millionen Euro Umsatz jährlich. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Versuche, Tracht als Trendprodukt zu vermarkten, weniger als Liebeserklärung an die Wiesn, sondern als Teil der ökonomischen Logik, die längst das ganze Fest prägt.Doch die Antwort darauf kann nur lauten – auch auf die Gefahr hin, wie Markus Söder zu klingen: Finger weg vom Dirndl! Es braucht keine Logomania-Schürze oder bierfesten Stoff. Auf der Wiesn gilt: Wird man mit Bier überschüttet, gehört das zum Erlebnis dazu. Wer das nicht aushalten kann, bleibt vielleicht besser zu Hause.
Adidas und Highsnobiety entdecken das Oktoberfest – und verhunzen das Dirndl mit Hype und Logos - WELT
Streetstyle-Marken wie Adidas und Highsnobiety entdecken das Oktoberfest für sich – und mischen jetzt auch im Trachtenmarkt mit. Heimatgefühl? Fehlanzeige, sagt unsere Autorin aus München. Vieles wirke eher wie eine Karikatur bayerischer Tradition.







