PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungDigitale KastrationIm Kulturkampf zensiert Olympia den harmlosesten Penis der KunstgeschichteVeröffentlicht am 16.02.2026Lesedauer: 3 MinutenDas öffentlich-rechtliche Fernsehen in Italien zeigt eine zensierte Fassung von einem da Vinci-Kunstwerk. Und die stolze Kulturnation Italien findet das natürlich gar nicht lustig, sagt WELT-Autor Dennis Sand.Im italienischen Olympia-Fernsehen wird ein fünfhundert Jahre altes Kunstwerk von Leonardo da Vinci zensiert. Die Italiener sind empört. Im Zentrum des Kulturkampfes steht ein männliches Genital.Einem nackten Mann, so heißt es sprichwörtlich, kann man nicht in die Taschen greifen, doch in Zeiten des Kulturkampfes, da kann man sich auch auf alte Volksweisheiten nicht mehr verlassen. Und nun hat es nicht nur irgendeine nackte Figur getroffen, sondern gleich den Vitruvianischen Menschen, die bedeutsamste Zeichnung von Leonardo Da Vinci, die einen Mann in zwei überlagerten Positionen eingeschrieben in Kreis und Quadrat zeigt. Die Zeichnung gilt als eines der bedeutendsten Kunstwerke der Welt, sie ist ein Manifest der Renaissance-Idee, die besagt, dass der Mensch nach rational erfassbaren Proportionen aufgebaut ist und dass sich im menschlichen Körper die Ordnungsprinzipien von Natur und Geometrie widerspiegeln. Der Mensch als das Maß aller Dinge.Lesen Sie auchBis jetzt. Denn nun wurde der Vitruvianische Mensch, nun ja, ziemlich offensichtlich digital entmannt. Im Vorspann zur italienischen Olympia-Berichterstattung auf dem öffentlich-rechtlichen Sender RAI wird er nämlich mit wegretuschierten Genitalien gezeigt. Puh! Da hilft es auch nicht, dass es bei den Winterspielen für Italien gerade ziemlich gut läuft. Das Blut der stolzen, alten Kulturnation kocht, die Debatte um die digitale Kastration wird sogar im Parlament zum Thema. Jetzt nehmen sie uns auch noch die Genitalien unserer bedeutenden Nationalzeichnung! Jetzt wird auch noch Leonardo da Vinci zensiert! Wo sind wir hier nur gelandet? Bildungshumanismus trifft auf EmpfindlichkeitsbürokratieHier muss man fairerweise kurz einhaken und anmerken, dass den öffentlich-rechtlichen Sender hier wohl gar keine Schuld trifft, denn der Vorspann und das Grafikpaket stammen vom offiziellen Produktionsdienst des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). RAI muss das vertraglich so ausstrahlen. Dennoch ist der Vorgang bezeichnend. Denn das, was da Vinci 1490 als Ausdruck des menschlichen Maßes, der Proportion und des humanistischen Ideals zeichnete, wird im 21. Jahrhundert ausgerechnet von einem Sport-Megaprojekt amputiert, das doch eigentlich die menschliche Physis und ihre Leistungsfähigkeit feiert, deren philosophischer Unterbau mit dem Renaissance-Konzept Hand in Hand geht.Wir erleben einen Kulturkampf im Miniaturformat. Hier trifft klassischer Bildungshumanismus auf eine gegenwärtige Empfindlichkeitsbürokratie. Denn statt dem vorauseilenden Gehorsams-Impuls nachzugeben, den Zuschauer aus irgendeinem Prinzip vor Nacktheit „schützen“ zu wollen, hätte man sich ja auch noch einmal bewusst machen können, dass gerade Olympia in seinen Ursprüngen aus vielen nackten Griechen bestand, dass es sich bei der Zeichnung um eines der meistreproduzierten Bilder der Welt handelt und dass der Vitruvianische Mensch nicht nur in Anatomie- und Schulbüchern, sondern sogar auf der italienischen Ein-Euro-Münze zu sehen ist. Aber nein, eine 540 Jahre alte Zeichnung ist für das Fernsehen im Jahr 2026 zu sexuell. Darum wird in einer hypersexualisierten Gegenwart ausgerechnet der wohl harmloseste Penis der Kunstgeschichte zensiert. Das ist so, als würde man an Silvester nicht das Feuerwerk, sondern bloß das Teelicht verbieten. Ausgerechnet ein 500 Jahre alter Kunst-Penis gefährdet plötzlich die sittliche Weltordnung des Fernsehens. Darüber wird man in 500 Jahren vielleicht einmal philosophische Abhandlungen schreiben. Falls man bis dahin nicht gelernt hat, auch Gedanken vorsorglich unkenntlich zu machen.
Digitale Kastration: Im Kulturkampf zensiert Olympia den harmlosesten Penis der Kunstgeschichte - WELT
Im italienischen Olympia-Fernsehen wird ein fünfhundert Jahre altes Kunstwerk von Leonardo da Vinci zensiert. Die Italiener sind empört. Im Zentrum des Kulturkampfes steht ein männliches Genital.













