PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenCocktail-Trends„James Bond lag falsch. Ein Martini sollte gerührt werden – es ist ein anspruchsvoller Drink“Von Uwe PützVeröffentlicht am 11.02.2026Lesedauer: 7 MinutenBartender Jakob Schröder, 25, an der Tür der Bar „Toddy Tapper“ in KölnQuelle: Wolfgang ZimmJakob Schröder, 25 Jahre jung, ist amtierender „Deutscher Cocktail-Meister“. Ein Gespräch über den guten alten Martini, der derzeit als Espresso sein Comeback feiert. Und darüber, welche Drinks 2026 besonders gefragt sind?Vor drei Monaten überraschte ein 25-Jähriger die Barszene. Jakob Schröder aus Gummersbach gewann die deutsche „Cocktail-Meisterschaft“ mit einem „Slow Motion“ aus Tee, Cognac, Rum und Likör, dem die Jury ein Höchstmaß an Kreativität und handwerklichem Niveau bescheinigte. Vielleicht half ihm dabei auch eine besondere Zutat: Schröder garnierte seinen Cocktail auf Basis eines japanischen Tees mit einem selbstgebackenen Glückskeks. Ein Zufallstreffer ist sein Meistertitel jedoch nicht. Schon im Jahr zuvor belegte der talentierte Youngster aus der Kölner Bar „Toddy Tapper“ beim bundesweiten Contest den dritten Platz. Höchste Zeit, mit ihm einmal über sein Metier zu reden.WELT: Herr Schröder, der Espresso Martini war im vergangenen Jahr einer der beliebtesten Cocktails in Deutschland – schafft er es auch 2026 auf die Top-Ten-Liste an der Bar? Jakob Schröder: Definitiv, er wird weiter stark gefragt sein, einfach weil er vielen Leuten schmeckt und ein Feel-Good-Drink ist.WELT: Was genau macht ihn so erfolgreich?Schröder: Er vereint zwei Trends, die zurzeit in den Bars den Ton angeben. Einmal der Wunsch nach schlanken, schönen Drinks. Mit seiner Schaumkrone aus Espresso-Crema sieht er einfach sehr elegant aus, und dann kommt er dem Bedürfnis entgegen, den Abend offen zu gestalten. Er gibt einem Energie, manche sagen auch, er ist die feine Variante von Wodka Red Bull.Lesen Sie auchWELT: Welche Rolle spielt der Espresso Martini auf Ihrer Karte?Schröder: Er ist sehr gefragt, wobei wir dem Drink einen eigenen Twist geben. Wir mischen zum Kaffee und Wodka einen selbst hergestellten Salzkaramellsirup, einen Kaffeelikör auf Tequila-Basis und den Abrieb der Tonkabohne. Die Vanillenote macht den Drink runder. Es gibt auch neue Varianten mit Cold-Brew-Kaffee, Whiskey oder als Coffee-Mojito mit Minze und Zuckersirup. Ich selbst bevorzuge Rum, weil er der Mischung ein schokoladiges Aroma verleiht.WELT: Ein Martini besteht ja im Wesentlichen aus zwei Komponenten: Gin oder Wodka plus Wermut? Im Fall des Espresso Martini ist es meist Wodka. War das erst der Anfang für ein Comeback der Martini-Cocktails?Schröder: Streng genommen ist der Espresso Martini gar kein Martini, denn der Mischung aus Wodka, Espresso und Kaffeelikör fehlt der Wermut. Weil er wie das Ursprungsgetränk in einem klassischen V-förmigen Kelchglas gereicht wird, bekam er den Zusatz Martini. Man verbindet damit etwas Klassisches, und das ist gerade sehr beliebt, sei es ein Negroni, ein Old Fashioned oder eben der Martini, der wohl für immer der bekannteste Drink der Welt sein wird. Die Kombination aus Gin und Wermut mit einem Spritzer Zitrone erlebt gerade ein Comeback in vielen Variationen. Als „Pornstar-Martini“ mit Wodka, Vanille und Passionsfrucht und als „Savory Martini“, salzig und mit Kräuterduft. Ich mag ihn als „Dirty Martini“ mit herzhafter Olivenlake.WELT: Gerührt oder geschüttelt?Schröder: Eindeutig gerührt, nicht geschüttelt, das gilt vor allem für den Klassiker. Was den Geschmack angeht, lag James Bond falsch. Der Martini ist technisch anspruchsvoll und muss sehr kalt serviert werden. Dazu sollte man die Mischung in einem großen Glas schnell mit vielen Eiswürfeln verrühren, bevor sie ins Glas gefüllt wird, wobei Gin oder Wodka am besten aus dem Eisfach kommen. Die Kälte verhindert, dass die Mixtur zu aufdringlich nach Alkohol schmeckt.WELT: Im November 2025 sind Sie als Sieger bei der Deutschen Cocktail-Meisterschaft prämiert worden. Was war Ihr Erfolgsrezept?Schröder: Ich denke, es war dieser ungewöhnliche Kontrast aus schlichter Präsentation in einer Teeschale und einem komplexen Spiel mit Aromen, bei dem Tee im Mittelpunkt stand. Ich habe einen Sirup auf der Basis von „Milky Oolong“-Blättern, der weich und etwas milchig schmeckt, mit Cognac, fruchtigem Rum und einem Schuss Orangenlikör gemischt und dazu einen selbst gebackenen Glückskeks serviert.WELT: Und was stand darauf?Schröder: „Nimm dir Zeit, genieße den Moment.“WELT: Wie kamen Sie auf diese Idee?Schröder: Ich wollte eine kleine Geschichte erzählen, die mit meinem Leben zu tun hat. In der Gastronomie hat man viel Stress, der Drink hieß „Slow Motion“ sollte genau das bewirken – zur Ruhe zu kommen. Mir persönlich hilft Teetrinken dabei sehr, ich habe auch schon an Teezeremonien teilgenommen und irgendwann begonnen, mit Tees zu experimentieren. Bis der Cocktail mich überzeugt hat, vergingen Wochen.WELT: Was hat Sie dazu inspiriert, Bartender zu werden?Schröder: Ich bin nach der Schule erst mal in die Gastronomie gegangen, um im Service zu arbeiten. Mir gefiel der Austausch mit den Gästen, deshalb stand ich auch öfter hinter dem Tresen und machte die ersten Erfahrungen mit Cocktails. Dann begann ich, Mixology-Bücher zu lesen und habe einiges ausprobiert. Eine klassische Ausbildung zum Barkeeper gibt es in Deutschland nicht, vieles musste ich mir selbst beibringen, und dann hatte ich das Glück, dass der Inhaber meiner Lieblingsbar „Toddy Tapper“ jemanden suchte.WELT: Was treibt Sie an in Ihrem Beruf?Schröder: Der Spaß daran, immer wieder etwas Neues auszuprobieren. Mir schwirren viele Ideen im Kopf herum, manche Anregungen kommen von Gerichten oder aus der Patisserie. Ich habe zum Beispiel mal einen Streuselkuchen in flüssige Form gebracht, Rhabarber und Butter mit einer Spirituose vermischt, und danach das Fett wieder entzogen, damit nur das pure Aroma übrigbleibt. Das Geschmacksbild war sehr ähnlich.Lesen Sie auchWELT: Welche Spirituosen benutzen Sie besonders gern?Schröder: Am allerliebsten Rum, für mich funktioniert er mit seinen Geschmacksrichtungen in vielerlei Hinsicht, man kann damit karamellige oder fruchtige, rauchige oder herbe Nuancen betonen.WELT: Die Spirituose mit dem größten Wachstum war 2025 Agavenschnaps – spiegelt sich das auch in der Bar wider?Schröder: Tequila und Mezcal werden beliebter. Es geht heute weniger darum, einen Tequila-Shot zu trinken, dafür wächst das Interesse an Premium-Marken, ein bis drei Jahre gelagerte Añejos, die komplex und samtig schmecken. In Amerika ist das ein viel größeres Thema, dort haben Stars wie George Clooney oder Kendall Jenner ihre eigenen Celebrity-Marken herausgebracht. Doch auch hier fragen Gäste öfter nach Agavenschnaps, wobei mir vor allem Mezcal wegen der rauchigen Note gut gefällt.WELT: Verfolgen Sie an der Bar eine bestimmte Leitidee?Schröder: Ich mag es gern puristisch. Ein guter Cocktail in einem schönen Glas braucht keine große Dekoration. Was ich liebe ist „Food Pairing. Zum Beispiel reiche ich zum bestimmten Cocktail ein Stück dunkle Schokolade, denn im Zusammenspiel damit kommen süßen Geschmacksnoten im Getränk besser zur Geltung. Oder in Ahornsirup karamellisierte Walnüsse, die mit ihren Tanninen Tiefe geben.WELT: Mit 25 Jahren gehören Sie zu den jungen Stars der Branche – was machen Sie anders als ältere Generationen?Schröder: Ich bin null infiziert von der Kultur der Disco-Drinks, die man früher serviert hat, zum Beispiel Piña Colada oder Tequila Sunrise. Ich orientiere mich bei den Zutaten viel mehr an der Sterneküche, verarbeite Früchte zu Juice, setzte einen Cordial auf und tüftele an Kräuteressenzen und Gewürzen für neue Geschmacksrichtungen. Man kann so vieles in flüssige Form überführen. Es reizt mich auch, Klassiker wie Negroni, Daiquiri oder Sidecar neu zu interpretieren. Der Sidecar besteht ursprünglich aus Cognac, Orangenlikör und Zitronensaft, ich ersetze die Zitrone durch eine Mixtur aus koreanischem Yuzu-Konzentrat und essigbasiertem Fruchtsirup, was eine ganz andere komplexe Frische erzeugt.Lesen Sie auchWELT: Klingt alles nach viel Promille – spüren Sie an der Bar nichts von der Sober-Bewegung?Schröder: Wer zu uns kommt, möchte meist etwas Alkoholisches. Insgesamt trinken die Gäste weniger Alkohol und entscheiden sich heute öfter für leichtere Getränke wie Spritz oder Wermut. Gerade im Bereich der mit Kräutern aromatisierten Weine sind in den letzten Jahren einige Produkte auf den Markt gekommen, die wenig bis gar keinen Alkohol haben und trotzdem sehr gut schmecken.WELT: Was ist das Schönste an Ihrem Beruf?Schröder: Neben dem Spaß am Ausprobieren ist es der Kontakt zu den Gästen, mit ihnen über Cocktails zu sprechen und zu erfahren, was sie gern trinken. An der Bar ist man ja tatsächlich ganz nah an seinen Kunden, bekommt unmittelbar Feedback. Wenn ich ihnen einen Drink so zubereite, wie sie ihn noch nie getrunken haben, und dann ein Leuchten in ihren Augen sehe – das ist ein tolles Gefühl.
„James Bond lag falsch. Ein Martini sollte gerührt werden – es ist ein anspruchsvoller Drink“ - WELT
Jakob Schröder, 25 Jahre jung, ist amtierender „Deutscher Cocktail-Meister“. Ein Gespräch über den guten alten Martini, der derzeit als Espresso sein Comeback feiert. Und darüber, welche Drinks 2026 besonders gefragt sind?







