Bern, München. Dem einstigen Kanzler Helmut Schmidt verdanken die Deutschen ein riesiges Bild von Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), das die meisten aus den Fernsehnachrichten kennen. Zumindest in Ausschnitten, denn das in Grün und Blau gehaltene Großformat „Sonntag der Bergbauern“ bebilderte viele TV-Berichte aus dem Kabinettsaal des Bundeskanzleramts. Schmidt hatte es sich einst von Roman Norbert Ketterer, dem ersten Nachlassverwalter von Kirchner, zunächst ausgeliehen, dann angekauft. Der kunstsinnige Sozialdemokrat wollte den von den Nazis verfemten Expressionisten Wiedergutmachung und Anerkennung zukommen lassen. Seit 1985 gehört das expressionistische Großformat der Bundesrepublik Deutschland.

Der Fries aus blockhaften Figuren feiert das einfache Leben von drei Generationen in den Schweizer Bergen, wo Kirchner seit 1917 lebte. Seine Nachbarn von der Alp gehen ganz auf in der sie umgebenden Natur, nicht nur farblich. Ein Bild vom Glück, gemalt zwischen 1923 und 1926. Es steht in krassem Gegensatz zur Künstlerseele, die seit traumatischen Erfahrungen als Sanitäter im Ersten Weltkrieg schwer angeschlagen ist.

Das nun erstmals ausgeliehene Querformat aus dem Kanzleramt ist eines der Hauptwerke in der ambitionierten Ausstellung „Kirchner x Kirchner“ im Berner Kunstmuseum, die noch bis zum 11. Januar 2026 läuft. Gleich daneben hängt das Pendant „Alpsonntag. Szene am Brunnen“ aus Berner Sammlungsbestand. 1933 wurde es angekauft, als die Nazis Kirchners Werke in deutschen Museen bereits abhängten und sie verächtlich machten. Dem Künstler war die symbolische Anerkennung durch eine führende Schweizer Institution derart wichtig, dass er statt der ursprünglich veranschlagten 16.000 Schweizer Franken nur 4250 Franken verlangte. Das war exakt die Summe, die die Schweizer Mäzene aufbringen konnten.