„Als Junge“, schreibt Ernst Ludwig Kirchner 1916 an den Kunsthistoriker Botho Graf, „saß ich immer am Fenster und zeichnete, was ich sah; Frauen mit Kinderwagen, Bäume, Eisenbahnzüge etc.“ Das, so scheint es, hat den Mitbegründer der Künstlervereinigung „Brücke“ tief beeindruckt und geprägt. Denn nicht nur nimmt er als reifer Künstler das eine oder andere Motiv der Kindheit wieder auf.Er kehrt in seinen Erinnerungen, in Briefen und Tagebuchnotizen auch immer wieder nach Aschaffenburg zurück, wo Kirchner (1880–1938) zur Welt kommt und seine ersten vier Lebensjahre verbringt, gleich gegenüber vom Bahnhof hatte die Familie ein Haus.Kirchner gehört zu den wenigen Künstlern von Weltrang, deren Zeichnungen aus der frühen Kindheit sich erhalten haben, hob er sie doch bis zu seinem Tod 1938 auf. Weshalb man Thomas Schauerte nun unbedingt recht geben muss, der als Direktor der Aschaffenburger Museen und als Vorsitzender des Trägervereins des Kirchnerhaus Museums bei der Vorstellung des vielleicht bekanntesten, im Januar 1884 in Aschaffenburg entstandenen und nun als Schenkung zurück nach Hause gelangten Blattes konstatierte: „Was wir Ihnen heute zeigen können, ist schlicht eine Sensation.“Weniger wegen des materiellen als wegen des ideellen Werts, den diese kleine, mit Bleistift gezeichnete Lokomotive mit ihren vier über das Papier holpernden Waggons für Aschaffenburg und für das Museum bedeutet.„Wir haben 20 Jahre darauf gewartet“Immerhin ist es gerade hier, genauer in der Beletage des Hauses, entstanden. Sodass man sich nun, auf dem Balkon des Hauses, beinahe ein wenig wie der kleine Junge fühlen darf, dessen offenbar recht stolzer Vater mit der Feder oben rechts vermerkte: „Ernst allein gezeichnet. Jan. 1884.“Dabei hat sich auch hier in den vergangenen Jahrzehnten allerhand verändert. Fahren keine Dampflokomotiven mehr und sieht auch der Bahnsteig längst nicht mehr wie vor rund 140 Jahren aus. Und Familie Kirchner, die im Herbst des Jahres von Aschaffenburg nach Frankfurt zog, wohnt hier auch schon längst nicht mehr. Die Perspektive auf die ein- und abfahrenden Züge aber ist geblieben.Vor allem ist es die Geschichte dieser von den Erben des Schweizer Sammlers, Kunsthändlers und Kirchner-Experten Eberhard W. Kornfeld ermöglichten Heimkehr, die auch die Leiterin des Museums Kirchnerhaus noch immer staunen lässt. Kaum drei Wochen ist es her, dass sie in die Schweiz gefahren ist, um die Zeichnung persönlich abzuholen. „Immerhin“, freut sich Brigitte Schad bei der Präsentation, „haben wir 20 Jahre darauf gewartet.“Kornfeld, der um die Jahrtausendwende anlässlich der großen Kirchner-Schau in der Kunsthalle Jesuitenkirche in Aschaffenburg war, hatte sich von Schad, die seinerzeit die Ausstellung kuratiert hatte, bei der Gelegenheit auch das einigermaßen desolate Kirchnerhaus zeigen lassen und kurzerhand versprochen, wenn es die Stadt jemals schaffte, das Haus wieder in einen würdigen Zustand zu versetzen, ihr das Kinderbild zu schenken.Das dauerte bekanntlich. Bis die neuen Eigentümer – die Stadt hatte auf ihr Vorkaufsrecht verzichtet – das Gebäude von Grund auf sanierten: 2013 konnte zunächst das Kirchner-Zimmer im Obergeschoss und 2014 das Museum eingerichtet werden. Und Kornfeld schließlich, der dem Haus stets wohlwollend verbunden war, Schad und den Verein wissen ließ, er habe mittlerweile andere Verfügungen getroffen.Jetzt erst, drei Jahre nach Kornfelds Tod, haben seine Erben von der Geschichte überhaupt erfahren und verfügt, dem Haus das empfindliche Blatt zu schenken. Das wird seinen Platz zunächst im Depot finden, bevor es im Herbst 2027 in einer monographischen Ausstellung zum grafischen Werk Kirchners erstmals in einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert werden soll.
Ernst Ludwig Kirchner: Kindheitszeichnung kehrt nach Aschaffenburg zurück
Ein Blatt des drei Jahre alten Ernst Ludwig Kirchner kehrt zurück an den Ort, wo es entstanden ist.









