Annette und Peter Nobel haben über 2500 Kunstwerke gesammelt. Einziges Kriterium: Es muss eine Zeitung drauf oder drin seinEigentlich ist die Zeitung ein Wegwerfprodukt. Aber Journalismus hat mehr mit Kunst zu tun, als man denkt. Das zeigt die Sammlung des Ehepaars Nobel, die jetzt in Prag zu sehen ist.Paolo Bianchi, Prag08.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMimmo Rotella: «Casablanca» (1963/73).©DoxAngefangen hat alles mit einem Bild eines «Blick»-Verkäufers: Als der Zürcher Wirtschaftsanwalt Peter Nobel seine Stelle als Rechtsberater von Ringier antritt, will er das Werk von Hannes Portmann als Wandschmuck für sein Büro haben. Den Preis von 5000 Franken muss er allerdings selber bezahlen, wie er später dem «St. Galler Tagblatt» erzählt. Denn die Direktion des Medienhauses findet das Bild zu wenig schön.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Insgesamt haben Annette Nobel und ihr kürzlich verstorbener Ehemann Peter in den letzten vierzig Jahren über 2500 Werke zum Thema Presse und Kunst zusammengetragen. Einziges Kriterium: Es muss eine Zeitung drauf oder drin sein. Und die Kunstwerke müssen sich mit den Printmedien auseinandersetzen.Kritik, Skandal und WirklichkeitUnter dem Titel «Hit by News» sind in diesem Sommer fast 400 Werke aus der Sammlung zu sehen im Zentrum für zeitgenössische Kunst in Prag (Dox). Der Einstieg in die Ausstellung ist mit viel Nonchalance gesetzt: Ein leeres, weisses Blatt Papier bestimmt den ersten Eindruck. Von Gerhard Richter gibt es einen Zeitungsausschnitt mit dem Titel «Erster Blick in das Innere eines Atoms» zu sehen: eine weissgraue und unscharfe Form.Eine ähnliche Unschärfe verursachen heute die endlosen Feeds von Social Media und KI. Das klingt paradox, doch gerade die ungehemmte Informationsflut erzeugt nur noch belangloses, weisses Rauschen. Dagegen dienen Zeitungen der Kunst seit Dada als «authentische Bruchstücke des täglichen Lebens» (Walter Benjamin). Die Aura des Zeitungspapiers mit seiner Haptik und seiner Materialität kennt die digitale Welt nicht.Rosemarie Trockel «Ex Libris #4», Pierre Klossowski / Pierre Zucca: «Lebendes Geld» (1982/2003).©DOXMit Augenmerk auf das Wechselspiel zwischen Kunst und Zeitung, Fiktion und Facts sowie subjektiver und objektiver Weltwahrnehmung tun sich zwischen Kunstschaffen und Journalismus mehr Gemeinsamkeiten auf als vermutet. Die DNA des Journalismus und jene der Kunst sind geformt aus Kritik, Skandal und Wirklichkeit. Als Quintessenz gilt: Obschon die Zeitung ein Wegwerfprodukt ist, gewinnt sie in Kunst verwandelt an Wert und Bedeutung, denn sie befeuert unsere Imagination.Eine Verzückungsspritze für die BesucherAnnette und Peter Nobel lernten sich während ihres Studiums an der Universität St. Gallen (HSG) kennen. Sie studierte Wirtschaft und Soziologie, er Staatswissenschaften. Für das Paar folgte eine Phase der Lern- und Wanderjahre. Die beiden lebten in New York, Istanbul, Moskau, Göttingen und auf den Philippinen, bevor sie nach Zürich zurückkehrten. Der Kosmopolit Peter Nobel gründete 1982 seine eigene Anwaltskanzlei und arbeitete als Rechtsberater für den Medienkonzern Ringier.Annette Nobel ist von klein auf mit dem Geruch von Druckerschwärze und Papier vertraut. Ihr Vater war Produzent der «Appenzeller Zeitung». Der emotionale Bezug des Ehepaares zum Medium Presseprodukt hat somit seine Logik. Neben seiner ausgeprägten Sammelleidenschaft wurde Peter Nobel zu einer eigenen Marke. Wer Rechtsdossiers über grosse Wirtschaftsfälle verfolgte, stiess immer wieder auf seinen Namen. Den Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt vertrat Peter Nobel lange Zeit anwaltlich und war dessen Willensvollstrecker.Wiktor Dubrowin: «Perestroika 88» (1991).©DOXDie Ausstellung der Sammlung Nobel in Prag umspannt einen zeitlichen Bogen von mehr als hundert Jahren. Die Medien seien zwar grossen Veränderungen unterworfen gewesen, «die Kunst aber erwies sich als extrem resilient», sagte der Schweizer Kurator Christoph Doswald anlässlich seiner Eröffnungsrede. Doswald inszeniert den Dialog zwischen Kunst und Presse auf über 1200 Quadratmetern. Über 500 Exponate präsentieren sich in 14 Kapiteln, die einer spielerischen Chronologie folgen: von den Anfängen dieses Genres im frühen 20. Jahrhundert bis in die disruptive Gegenwart der KI.Den Besuchern wird eine mehrfache «Verzückungsspitze» (Nietzsche) an ästhetischer Erfahrung angeboten. Die Schau zeigt nicht nur Einzelwerke von über 150 Kunstschaffenden aus der internationalen Kunstszene. Sie weckt auch die Erkenntnis, dass die Gattung «Press Art» von globaler Relevanz ist. Künstler aus aller Welt nutzten in den letzten hundert Jahren irgendwann und irgendwo Zeitungen und Zeitungspapier als Objekt und Arbeitsmaterial – und sie tun es immer noch.Von Haile Selassie bis Donald TrumpBeispielhaft ist der Themenraum «Gender War and Culture Clash». Johannes Wohnseifers Werk «The King of Kings 1930» aus dem Jahr 2007 zeigt ein vergrössertes Cover des «Time Magazine». Abgebildet ist der 1930 in Addis Abeba zum «König der Könige» gekrönte Kaiser Haile Selassie (1892–1975); er galt in Äthiopien als von Gott auserwählt. Die Rastafaris auf Jamaica sahen in ihm sogar ihren Messias. Hierzulande galt er als aufgeklärter, moderner Herrscher. Bei Hof jedoch herrschten Feudalismus und Rückwärtsgewandtheit. Macht zu teilen, war für ihn undenkbar. Die Geschichte wiederholt sich: Als Zeugen der Jetztzeit wissen wir, dass die «No Kings»-Bewegung gegen Trump, der mehrmals auf der «Time»-Titelseite affichiert war, die grösste Protestwelle der amerikanischen Geschichte ausgelöst hat.Collage «Man soll nicht asen mit Phrasen» (1930) von Kurt Schwitters.Sammlung Annette und Peter NobelIn unmittelbarer Nähe zum Königsporträt von Haile Selassie hängt – in einem krassen Kontrast – das Werk «Nudes # 07» von Thomas Ruff. Der Künstler hat 2012 aus dem Internet kopierte Fotos mit pornografischem Inhalt vergrössert und die Körperposen von sexuellen Praktiken mit Weichzeichner bearbeitet. Im gleichen Raum werden die Greuel in Abu Ghraib und die Verhüllung von muslimischen Frauen thematisiert. Das Obszöne, Böse und Dunkle im Menschen drängt derart stark in den Vordergrund, dass man sich als Betrachter in den Flugmodus schalten möchte.Entpersonalisierung und Nötigung von FrauenDie Folterungen in Abu Ghraib wurden vom katalanischen Fotokünstler Joan Fontcuberta medial dekonstruiert. Besonders ein Bild wurde zum Ausdruck des Ungeheuerlichen und erlangte Symbolcharakter: Eine Soldatin der USA hält einen am Boden liegenden, nackten Mann wie einen Hund an der Leine. Der Künstler zeigt dieses Foto als Collage aus 10 000 kleinen Aufnahmen von aus dem Internet identifizierten Personen, die an der «Operation Iraqi Freedom» beteiligt waren. Wurde ihnen allen der Prozess gemacht wie der Soldatin Lynndie England, die sich schuldig bekannt hat?Mit einem grossen Bild von in Burkas gekleideten Figuren, das aus vielen kleinen Pornostandbildern von Frauen zusammengesetzt ist, klagt der pakistanische Künstler Rashid Rana die unterdrückerischen Folgen von patriarchalen Gesellschaften, Religion und Pornoindustrie an, die Entpersonalisierung und Nötigung von Frauen. Sowohl in der Verhüllung als auch in der Entblössung verschwindet der weibliche Körper als menschliches Subjekt.Im Ausstellungskatalog zitiert Peter Nobel im Vorwort den Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt. Dieser lässt seiner Phantasie freien Lauf, wenn er «Über den Stand des Zeitungswesens in der Steinzeit» schreibt. Laut Dürrenmatt ein gefährliches Unternehmen, man konnte von einem stürzenden Zeitungsblatt verschüttet werden. «Hit by News» wirkt wie ein Schutzschild – vor einstürzenden Nachrichten aus aller Welt.Paolo Bianchi ist Kulturpublizist und Dozent an der ZHdK. Die Ausstellung «Hit by News. Press Art from the Collection of Annette und Peter Nobel» im Dox Prag dauert bis zum 23. August 2026.Passend zum Artikel