PfadnavigationHomeICONISTModeArtikeltyp:MeinungMännermodeWarum das Comeback der Krawatte längst überfällig warVeröffentlicht am 11.12.2025Lesedauer: 5 MinutenAusgerechnet Krawatten: Jonathan W. Anderson rückt bei Dior jenes Accessoire in den Fokus, das er eigentlich hasst – hier mit der Innenseite nach außenQuelle: Getty Images/EstropEinst Zeichen der Förmlichkeit, heute fast schon subversiv: Die Krawatte ist zurück – nicht nur auf den Laufstegen. Warum dieses Wiedersehen so große Freude macht, wie sie jetzt getragen wird – und welche Alternativen es für die Zögerlichen gibt.Die Erwartungen hätten kaum größer sein können, als Jonathan W. Anderson im Sommer in Paris seine erste Herrenkollektion für Dior präsentierte. Der 41-Jährige, gerade erst zum dritten Mal in Folge bei den British Fashion Awards in London als „Designer of the Year“ ausgezeichnet, hatte zuvor Loewe zu einer der gefragtesten Marken überhaupt gemacht. Mit seinem Label JW Anderson erfand er Silhouetten und Proportionen neu. Bei Dior ist er nun für die Herren- und die Damenlinie verantwortlich – das war zuletzt bei Christian Dior höchstpersönlich der Fall.Sein Herren-Debüt gab er vor 600 Gästen, darunter Donatella Versace und Silvia Venturini Fendi, Daniel Craig und Robert Pattinson, Sabrina Carpenter und A$AP Rocky. Sie alle waren gespannt auf Andersons Vision des Dior-Manns. Der, so stellte sich während der Schau heraus, spielt mit Elementen der klassischen Herrenmode und trägt sie auf entspannt-souveräne Weise: Anzüge mit Doppelreiher-Sakko fallen betont locker, Fliegen werden zum lässig über die Schultern geworfenen pinkfarbenen Pulli getragen, Krawatten mit der Innenseite und sichtbarem Logo nach außen.Lesen Sie auchKrawatten waren auffallend oft auf dem Laufsteg zu sehen – mal bunt gestreift, mal einfarbig, mal umgedreht und immer so locker gebunden, als hätte ihr Träger sie gerade eben erst gedankenverloren gelockert. Auch an den Gästen war der Look zu sehen, etwa an Robert Pattinson und A$AP Rocky. Sie zeigten, dass die Kombination aus Hemd und Krawatte keineswegs steif und förmlich anmuten muss: Der Knoten, aber auch der Hemdkragen dürfen jetzt schief sitzen und auch schon mal unter die Krawatte rutschen.Nicht nur bei Dior war in Paris die lässig verrutschte Krawatte zu sehen; auch auf den Straßen wurden lose sitzende Lederkrawatten zum strahlend weißen Hemd gesichtet. Der Musiker Davido erschien im Herbst mit lockerem Schlips zu ebenso locker aus der Hose rutschendem Hemd unter gemustertem Sakko und Mantel bei der Thom-Browne-Schau. In New York und Mailand war die lockere Variante ebenfalls zu sehen. Der Musiker Joe Jonas erschien im November in der TV-Show „Good Morning America“ mit Krawatte zu Hemd und Reißverschluss-Pulli – für „CNN Style“ der „Look der Woche“.Aber auch in der klassisch-akkurat sitzenden Variante ist das lange, mehr oder weniger schmale Stück Stoff wieder öfter an Männern zu sehen – sowohl mit als auch ohne Sakko, sowohl abends, etwa kürzlich bei der Verleihung der „GQ Men of the Year“-Awards in London, als auch tagsüber. Von Kopenhagen über Paris bis New York blitzt sie auf den Straßen unter Mänteln, Jacken, Pullovern und Sakkos hervor. Saint Laurent, Louis Vuitton, Amiri, Balenciaga – sie alle schickten in ihren letzten Herrenkollektionen Models mit Krawatte auf die Laufstege. Der für seine Liebe zu Accessoires bekannte (und um seine Taschen-Auswahl beneidete) Schauspieler Jacob Elordi ist in letzter Zeit ständig mit Krawatte zu sehen; A$AP Rocky gehört ebenfalls zu den erfahrenen Krawatten-Fans. Das Wiedersehen mit dem jahrhundertealten Accessoire mag so manchen überraschen, schließlich war gerade noch vom Niedergang der Krawatte die Rede. Die Schlipspflicht im Job gibt es kaum noch; selbst der sogenannte „Business Casual“-Look ist einigen schon „zu chic“. Die Kombination aus irgendwie geformtem oder gleich gänzlich formlosem Pullover, ausgebeulten Jeans und malträtierten Turnschuhen hat sich zur Alltagsuniform gemausert, der man auch in vielen Büros kaum entgehen kann.Lesen Sie auchDa wirkt der freiwillige Griff zum Klassiker, für dessen Knotentechnik, Breite und Länge es so viele Regeln gibt, dass einem schwindelig werden kann (und die nur zu gerne als Vorlage für Stilkritiken genutzt werden), fast schon subversiv. Dass ausgerechnet die Mode- und Unterhaltungsbranchen, in denen Brüche mit Konventionen und Exzentrik seit jeher als Ausdrucksmittel und Aufmerksamkeitsgarant gleichermaßen gelten, jetzt das einst als spießig belächelte Accessoire wieder aufleben lassen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie – zumindest auf den ersten Blick.Auf den zweiten entpuppt sich das, was sich einst gehörte, um vollständig und repräsentabel gekleidet zu sein, heute als Ausdruck von Hedonismus. Denn wer Krawatte trägt, tut es, weil er (oder sie) es will, nicht aus Pflichtbewusstsein oder aufgrund von Konventionen. Die Krawatte hatte immer eher eine soziale als eine praktische Funktion; erstere ist jetzt, da sie fast nur noch ein freiwillig gewähltes Accessoire ist, eine andere: Ob betont locker unter schiefem Kragen oder ganz korrekt gebunden – der Krawattenträger zeigt aller Welt, dass er sich Gedanken über und Zeit für sein Erscheinungsbild gemacht hat. Er steht zu seiner Eitelkeit, zu seinem Sinn für das Unnötige und auch gerade deshalb so Genussvolle. Und er steht dazu, seiner Umgebung einen besonderen, zumindest in den eigenen Augen gelungenen Anblick präsentieren zu wollen.Ausgerechnet Jonathan W. Anderson, der sie so sehr in den Fokus rückte, gestand im Sommer im Magazin „GQ“, dass er Krawatten hasse und gerade deshalb nach Wegen gesucht habe, sie ansprechend zu gestalten. Wer sich weder von Andersons lockerer Variante noch von der klassischen Trageweise angesprochen fühlt, kann auf eine Alternative ausweichen: Auch das Halstuch ist in jüngster Zeit immer öfter an mode- und stilbewussten Männern zu sehen. Mit Paisley-Print über weißem T-Shirt zur Cordjacke, auf nackter Haut unterm Sakko oder zum klassischen Hemd – die Tragevarianten sind vielseitig. Das Tuch eignet sich sogar als Krawattenersatz bei Hochglanzveranstaltungen, wie etwa Pedro Pascal schon bewies.Ganz ähnlich wie Jacob Elordi und A$AP Rocky steht Pascal für einen souverän-entspannten Umgang mit Mode und eine sehr charmante Schamlosigkeit dabei, sich gerne gut anzuziehen und Accessoires einzusetzen – ob sie nun eine praktische Funktion haben oder nicht. Letzteres trifft auf die Krawatte zu. Und genau das macht dieses Stück Stoff (oder Seide) so wohltuend. Für alle, die es tragen. Und für alle, die es an ihnen sehen.