PfadnavigationHomeICONISTTrendsRomantisches IdealWiederkehr der Sehnsucht – das Phänomen „Yearning Man“Von Sarah BachmannVeröffentlicht am 25.02.2026Lesedauer: 5 MinutenIn der Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“ (2005): Keira Knightley und Matthew MacfadyenQuelle: picture alliance/United Archives/60061/KPAOb im Kino, in Romanen oder auf TikTok: Der „Yearning Man“ feiert sein Comeback – und mit ihm die Sehnsucht. Zögernde Blicke, leise Gesten, große Gefühle: Warum berührt dieser Typus gerade jetzt wieder so sehr?Intensive Blicke, zurückhaltende Berührungen, tiefe Verbindungen: Romantische Stoffe erleben derzeit neue Aufmerksamkeit. Bestsellerlisten, Streaming-Erfolge und Social Media deuten auf ein wachsendes Interesse hin. Und mit ihnen: der sehnsüchtige Mann. Ob Mr. Darcy im Morgentau, Heathcliff im Sturm oder Conrad Fisher am Strand von Cousins Beach – Männer, die begehren, feiern ihr Comeback.Der sogenannte „Yearning Man“, auf Deutsch: der sehnsüchtige Mann, taucht in den vergangenen Monaten auffallend häufig in internationalen Serien- und Filmproduktionen auf – und sorgt vor allem bei einem jungen weiblichen Publikum für große Resonanz. Was diese Figuren verbindet? Emotional zurückhaltende männliche Charaktere, die nicht durch große Gesten beeindrucken, sondern durch innere Spannung. Sie sagen wenig, fühlen viel, merken sich selbst beiläufige Details – etwa das Lieblingsgericht aus dem letzten Italienurlaub – und zeigen ihre Zuneigung leise. Sie hören zu, weil es sie wirklich interessiert. Im Idealfall sind „Yearner“ nicht nur sehnsüchtig, sondern auch bereit, ihre eigene Verletzlichkeit zu zeigen.Lesen Sie auchDer Inbegriff dieses neuen, alten Männertyps ist Conrad Fisher aus der Coming-of-Age-Serie „The Summer I Turned Pretty“ (seit 2022). Kaum eine Figur hat den Begriff des „Yearning Man“ in seiner zeitgenössischen Ausprägung so geprägt wie er. Der Hauptcharakter kämpft mit sich selbst, zieht sich zurück, leidet im Stillen. Für seine Jugendliebe reist er bis nach Paris, um ihr seine Gefühle zu gestehen – Gefühle, die über Jahre gewachsen sind.Nach dem Serienfinale (Ende 2025) kursieren auf TikTok millionenfach geklickte Zusammenschnitte seiner sehnsüchtigsten Momente. Unter Hashtags wie #yearning, #longing oder #heyearns entstehen Edits aus zögernden Gesten und melancholischer Musik. Sehnsucht wird zur gerne geklickten Ästhetik.Während im vergangenen Herbst in sozialen Netzwerken die Frage kursierte, ob es inzwischen „peinlich“ sei, einen festen Freund zu haben – angestoßen durch einen Artikel der US-„Vogue“, der das öffentliche Zeigen des Partners als potenziell „uncool“ bezeichnete –, deutet sich nun eine Gegenbewegung an. Google-Trends-Daten zeigen, dass die Suchanfragen nach „Romance“ weltweit ein Fünfjahreshoch erreicht haben. In der Mode dominieren wieder Symbole der Liebe: leuchtendes Rot, Herzmotive, verspielte Details.Auch im Film und in der Literatur erlebt das Romance-Genre eine neue Selbstverständlichkeit. Was lange als seichte Unterhaltung für ein älteres Publikum belächelt wurde, ist längst fester Bestandteil der Popkultur. Besonders sichtbar wird das im Boom der sogenannten „Romantasy“, einer Mischung aus Fantasy und Romance, befeuert durch „BookTok“. Spätestens seit Rebecca Yarros’ Bestseller „Fourth Wing“ (2023) hat das einstige Nischengenre den Mainstream erreicht und die Sehnsucht endgültig rehabilitiert. Weltweit wurden mehr als drei Millionen Exemplare verkauft. Im Zentrum steht meist die konfliktreiche Anziehung zwischen zwei Figuren – und nicht selten ein männlicher, überdurchschnittlich attraktiver Protagonist, der nach außen kühl wirkt, im Inneren jedoch von Gefühlen zerrissen ist.Lesen Sie auchWer glaubt, der Idealtyp des Yearning Man sei eine Erfindung der Gegenwart, irrt. Lange bevor TikTok verlangsamte Blicke romantisierte, stand Mr. Darcy mit wehendem Mantel im Morgengrauen. Der Protagonist aus der Verfilmung von Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ (2005) verkörperte bereits das Ideal des stillen Begehrens: das Flexen der Hand nach einer flüchtigen Berührung, verstohlene Blicke, sichtbare Nervosität. Anfangs unfähig, seine Zuneigung offen auszusprechen, verschlossen und unnahbar, wurde Darcy zum viel zitierten Sinnbild des Yearnings. Der Film spielte weltweit rund 120 Millionen US-Dollar ein und erhielt vier Oscar-Nominierungen – ein Hinweis darauf, dass Darcys Figur weit über das Nischengenre hinauswirkte.Doch warum verschiebt sich das Ideal gerade jetzt wieder in Richtung des sehnsüchtigen Mannes? In Zeiten von Online-Dating und digitaler Dauerverfügbarkeit wirkt der Gegenentwurf besonders reizvoll. Zu oft dominierte in den vergangenen Jahren demonstrative Unverbindlichkeit. Gefühle wurden heruntergespielt, Ernsthaftigkeit vertagt.Lesen Sie auchVerletzlichkeit zu zeigen, gilt in der Männerwelt noch immer nicht selten als Verweichlichung, als Mangel an Maskulinität. Statt ernsthaften Interesses berichten viele Frauen, in der frühen Kennenlernphase vor allem mit Unverbindlichkeit und geringem Interesse an festen Bindungen konfrontiert zu sein – es könnte schließlich jederzeit jemand „Besseres“ kommen.Tatsächlich zeigen aktuelle Daten einer landesweit repräsentativen US-Befragung unter 22- bis 35-Jährigen: Drei Viertel der Frauen und fast zwei Drittel der Männer hatten im vergangenen Jahr keine oder nur wenige Verabredungen. Nur rund die Hälfte gab an, derzeit überhaupt eine Beziehung beginnen zu wollen. Gleichzeitig macht dieselbe Studie deutlich, dass das Interesse an ernsthaften Partnerschaften keineswegs verschwunden ist. Rund 83 Prozent der Frauen und 74 Prozent der Männer bevorzugen eine Datingkultur, die auf feste Beziehungen ausgerichtet ist. Ein Befund, der auf eine veränderte Dynamik hindeutet: weniger Begegnungen – bei gleichzeitig großem Wunsch nach emotionaler Tiefe.Dass Sehnsucht kein automatischer Garant für emotionale Reife ist, zeigt ein Blick in die Literatur. In der Kategorie der Yearner wird häufig Emily Brontës Heathcliff aus „Wuthering Heights“ genannt, aktuell verkörpert von Jacob Elordi – und mit einer Aufmerksamkeit bedacht, die sich die im 19. Jahrhundert verstorbene Autorin wohl kaum hätte vorstellen können.Heathcliffs anfängliche Sehnsucht kippt im Verlauf der Geschichte in toxische Obsession, mündet in Rachsucht und Selbstzerstörung. Tatsächlich taugt er nur bedingt als Prototyp. Der Yearner steht nicht per se für den Antihelden, sondern für einen Typus, der Gefühle zulässt, sie artikuliert und an ihnen wächst. Voraussetzung für gelungenes Yearning ist daher immer auch die Fähigkeit, gesunde Grenzen zu wahren.Sehnsucht allein genügt nicht für eine stabile Beziehung. Entscheidend sind die kleinen Gesten, der Extragedanke, das ehrliche Interesse – auch dann, wenn es unbequem wird. Ob es sich dabei um ein neues weibliches Begehren handelt oder eher um eine ästhetische Projektion, bleibt offen. Vielleicht sagt der Trend um den Yearning Man weniger über Männer aus als über eine Generation, die Gefühle nicht länger wie austauschbare Matches wegwischen möchte.