PfadnavigationHomeIconMode x KunstDiese Kunst kommt ohne Logos ausVeröffentlicht am 09.12.2025Lesedauer: 5 MinutenDie britische Künstlerin Helen MartenQuelle: Miu MiuWenn Modelabels mit Künstlern kooperieren, kommt oft leicht Verdauliches heraus. Miu Miu traute sich mit der britischen Künstlerin Helen Marten an ein komplexes Projekt, das selbst für sie eine Herausforderung war.Wenn Frau Prada einlädt, kommen sie alle. Ein Abend in Paris, kurz vor Beginn der Kunstmesse Art Basel. Das Modelabel Miu Miu, das zur Prada-Gruppe gehört, hat zur Vernissage ins Palais d’Iéna eingeladen. Klaus Biesenbach ist gekommen, einst Chef des MoMa und aktuell Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, die Fotografin Brigitte Lacombe, Galeristen wie Almine Rech und Content Creator aus der Mode wie Veronika Heilbrunner. Es ist eine Mischung, die zustande kommt, wenn Luxusmarken bei Kunst- und Kulturevents mitmischen, was sie inzwischen so ziemlich bei jeder Gelegenheit tun, die sich bietet. Prada und Miu Miu können in der Hinsicht eine lange Geschichte des Engagements in der Kunst vorweisen, die gespickt ist mit Förderprogrammen, Museen wie der „Fondazione Prada“ in Mailand, und Kooperationen mit Künstlern. Die Frau, die an diesem Abend im Mittelpunkt steht, ist die Britin Helen Marten, die in London lebt und dort von der Galerie Sadie Coles vertreten wird. Für Miu Miu, das seit zwei Jahren als offizieller Partner der Art Basel Paris fungiert, sollte die 39-Jährige eine Performance entwickeln. Sie gewann den wichtigsten Kunstpreis GroßbritanniensMiuccia Prada gilt als Visionärin aber der Mode, aber sie ist auch sehr gut darin, das Potenzial von anderen kreativen Frauen zu erkennen und zu fördern. Mit der Filmreihe „Miu Miu Women´s Tales“ unterstützt sie schon seit fast 15 Jahren Regisseurinnen. Mit Helen Marten stellt sie eine der talentiertesten Künstlerinnen ihrer Generation einem größeren Publikum vor, und pusht sie dabei aus ihrer Komfortzone. Marten ist eigentlich für Skulpturen aus Alltagsgegenständen, Malereien und Texte bekannt, und wird dafür gefeiert – mit 31 Jahren gewann sie als zweitjüngste Künstlerin (der allerjüngste war Damien Hirst) den Turner-Prize, Großbritanniens wichtigsten Kunstpreis. Sie hat Ausstellungen auf der ganzen Welt bestückt, inzwischen einen Roman herausgebracht, für den Elfriede Jelinek ein Empfehlungszitat hergab, zwei weitere Bücher sind in Arbeit. An diesem Abend präsentiert Marten – zierlich, mit rosigem, jugendlichem Gesicht und Kurzhaarschnitt, gekleidet in einer weiten Jacke und Bluse, natürlich von Miu Miu – zum ersten Mal eine Performance. Sie heißt „30 Blizzards.“, und eben 30 Darsteller sind involviert. Sie bewegen sich durch eine Kulisse aus Skulpturen, Plattformen, Wänden und Gegenständen, über allem läuft ein Fließband, das graue Kisten transportiert, eigens gedrehte Videos werden auf Bildschirmen abgespielt. Lesen Sie auchDie Performer laufen herum, tanzen, interagieren miteinander, und nacheinander liest oder singt jemand einen Text vor, aus einem „Libretto“, das Marten eigens für das Projekt geschrieben hat. Es ist wie ein komplexes Theaterstück ohne zusammenhängende Handlungsstränge, in dem die Performer keine konkreten Personen darstellen, sondern Archetypen wie Mutter, Kind, Tiere, während die Texte auf bestimmte Gefühle oder Lebensphasen eingehen. Die Choreografie stammt vom Theater- und Opernregisseur Fabio Cherstich, die Klangkünstlerin Beatrice Dillon komponierte die Musik. Kleidung ohne Logos„30 Blizzards.“ ist ein anspruchsvolles Projekt mit vielen unterschiedlichen Elementen und Ebenen, dessen Bezug zur Mode man nie erkennen würde, wenn man nicht wüsste, wer hier dahintersteckt. Klar, die Performer tragen Miu Miu. „Aber ich hatte darum gebeten, dass man keine Logos sieht“, sagt Helen Marten, als man sie zum Interview trifft. „Ich wollte, dass die Kleidung eine eigene universelle Sprache entwickelt.“ Martens eigene Art zu sprechen ist sehr komplex, literarisch und poetisch, sie spricht, als würde sie schreiben. Multidisziplinarität zeichnet ihre Arbeit aus: zeichnen, malen, schreiben, Gegenstände zu Skulpturen verknüpfen. „Ich fand es immer spannend, verschiedene Ideen und verschiedene Disziplinen zusammenzubringen – Film, Text, Zeichnung, Entwürfe - und diese festgefahrenen Typologien auf den Kopf zu stellen. Und wo könnte man das sonst machen, als in der Kunst? Für mich gab es einfach keine andere berufliche Option“, sagt sie. „Ich habe eine Zwillingsschwester, die im Finanzwesen arbeitet. Und auch wenn ich dieses Arbeiten nach Logik und Systemen selbst in meiner Praxis aufnehme, könnte ich doch nie in so einem starren, vorgegebenen Format arbeiten und leben.“ Ein schnell denkender WorkaholicMarten bezeichnet sich selbst als „Workaholic“. Sie hatte für den Auftrag nur wenige Monate Zeit, hat jeden Tag gearbeitet für eine Kunstform, die für sie völlig neu war. „Dieses Arbeiten mit Menschen und Emotionen, das weckt ein Feuer in dir. Es ist anstrengend aber gleichzeitig unglaublich belebend“, sagt sie. „Es ist Wahnsinn, wie schnell und dabei exakt und kompromisslos man in der Mode arbeitet. Nichts wird vernachlässigt, nichts dem Zufall überlassen.“ Für jemanden wie Marten, die genau weiß, was sie sich vorstellt und sich ebenso entschlossen ihrer Arbeit hingibt, passte das perfekt. Miuccia Prada habe das Projekt von Anfang an begleitet, sagt sie. „Sie ist so smart, eine unglaubliche Denkerin“, sagt sie. Als Miu Miu mit der Anfrage auf sie zukam, waren es verschiedene Dinge, die sie überzeugten: der Ruf der Marke natürlich, aber auch die Freiheit, die man ihr gab, die Herausforderung, mit echten Performern zu arbeiten. Und anders, als man bei Künstlern manchmal denken würde, sieht sie auch in der Mode eine intellektuelle Ebene. „Es stecken so viele Symbole, so viel Zeichensprache in unserer Kleidung. Ich finde das faszinierend und denke darüber oft nach.“ Am Ende mache Mode in zweierlei Hinsicht Freude, durch das „Zusammenspiel aus der intellektuellen Idee und der Lust an Theater und Spektakel“. Persönlich hat Marten jedoch wenig Lust an Spektakel. „Ruhm macht mir Angst“, sagt sie. Solange sie einfach ihre Kunst machen dürfe, sei sie glücklich. Sollte die Miu Miu-Kooperation dafür neue Türen öffnen, ist das aber sicherlich auch in ihrem Sinne. Es habe sie nun das Performance-Fieber gepackt, sagt sie. „Der Künstler Matthew Barney ist ein Freund von mir. Er hat mir gesagt: Wenn man das einmal gemacht hat, kann man nicht mehr aufhören.“
Mode x Kunst: Diese Kunst kommt ohne Logos aus - WELT
Wenn Modelabels mit Künstlern kooperieren, kommt oft leicht Verdauliches heraus. Miu Miu traute sich mit der britischen Künstlerin Helen Marten an ein komplexes Projekt, das selbst für sie eine Herausforderung war.






