Die Künstlerin Alicja Kwade und die Modedesignerin Anna-Christin Haas von Galvan kooperieren für ein Projekt, das Kunst, Schmuck und Mode transzendieren will. Mithilfe von 200 Glasaugen und giftigen Beeren.Zwischen Rom, Notting Hill und der Interviewerin in einem Industriegebiet vor Frankfurt entsteht an diesem Vormittag im Dezember eine besondere Art von Gespräch, bei dem Mode und Kunst sich plötzlich nicht mehr in Zuständigkeiten aufteilen lassen.Am Bildschirm: Alicja Kwade, deutsch-polnische Künstlerin, die eben noch durch Rom spaziert ist, wo sie derzeit ein Jahr mit ihrer Familie lebt. Außerdem Anna-Christin Haas, die Frau, die das Modelabel Galvan aus Düsseldorf erst in die Welt und dann nach London geführt hat, wo heute ihr Unternehmenssitz ist.Dazwischen flackert der Alltag: Kinder, leerer Akkustand, schlechte Verbindung – und doch legt sich über alles der feine, ernste Ton zweier Frauen, die genau wissen, was sie tun. Haas erzählt davon unaufgeregt, wie jemand, der gelernt hat, dass Glamour sich im Zweifel im Verborgenen materialisiert.Lesen Sie auch„Ich habe zehn Jahre in Düsseldorf unser Kreativteam und Atelier aufgebaut, angefangen im Souterrain“, sagt sie, die Galvan 2014 gemeinsam mit drei Partnerin nen gründete. Eine internationale Truppe, Ateliers in London, New York und eben einem Düsseldorfer Souterrain. Meetings am Computer, lange bevor Zoom-Calls zur Norm wurden.Wer bedient sich an ihrer Kunst?Galvan begann als Eveningwear-Label: zeitgenössische Abendgarderobe mit klarer Linie, perfekter Konstruktion, High-End-Materialien. Formalwear – aber bewusst zu einem Preis, der nicht nur in Saint-Tropez funktioniert. Heute sitzt das Team wieder dort, wo die Geschichte einmal anfing: in Notting Hill. Ein Loftstudio mit neuem Store und einem gewachsenen Kundinnenstamm.Dass ausgerechnet Alicja Kwade in dieses Bild tritt, wirkt im Rückblick fast zwingend – in dem Moment selbst ist es eher eine Szene: „Ich stand auf einer Party mit 10.000 Leuten“, erzählt sie. Sie spricht in einem rasanten Tempo. Eine Freundin, die Kunstberaterin Anna Deilmann, hält ihr ein Handy hin: Dort zu sehen ist eine Kollektion, inspiriert von ihren Werken.Zuerst ist da Abwehr – wer bedient sich an ihrer Kunst, ihren Ideen, ohne zu fragen? Später in derselben Nacht geht sie noch einmal zurück, fragt nach Namen, nach Hintergründen – und stößt auf eine Marke, die längst in ihrem eigenen Leben verankert ist. „Mir fiel ein, dass ich mir vor vielen Jahren meinen ersten Anzug von Galvan gekauft habe. Einen dunkelblauen, den ich seither bei allen Eröffnungen getragen habe, weil er so unprätentiös elegant, sehr schlicht war.“In diesem Satz steckt viel von dem, was die beiden verbindet: Kwade, eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Künstlerinnen, die sich selbst als „totalen Messi“ beschreibt und deren Werk sich doch nach klaren Formen, strengen Linien sehnt. Haas, die seit Jahren an dieser besonderen Galvan-Silhouette arbeitet – skulptural, feminin, aber nie laut. Und die seit der Ausstellung „Kausalkonsequenz“ 2021 von Kwades Werk in der Langen Foundation Neuss gewissermaßen Fangirl war.Als die beiden begannen, miteinander zu sprechen – die Kunstberaterin stellte sich als gemeinsame Bekannte heraus – geht es nicht um Logos, nicht um eine „Collab“, um Social Media zu füttern, sondern um eine Frage, die im Raum steht: Wie schafft man etwas, das weder Kunstdruck auf Stoff noch reiner Marketingscoop ist? „Mich hatte das bislang überhaupt nicht interessiert“, sagt Kwade, „ich hatte Anfragen, aber ich würde keinen Sinn darin sehen, irgendeinen Schal zu bedrucken.“Stattdessen entscheiden sie sich für ein Motiv, das alles andere als gefällig ist: Atropa belladonna, die Tollkirsche. Kwade arbeitet seit Jahren mit ihr, in Kooperation mit einem Botanischen Garten, der ihr Früchte liefert, die sie galvanisieren lässt. „Das ist eine der bekanntesten Heil- und Giftpflanzen in Europa, man kann sie gar nicht kaufen, weil sie tödlich giftig sein können“, sagt sie.Giftbeeren als AusgangspunktDie metallisch erstarrten Beeren werden zum Ausgangspunkt: Ein Ring, der sich eng an das Naturobjekt lehnt; eine Kette, die an die Waldbeerenketten der Kindheit erinnert, nur dass hier die Unschuld von einer anderen Schärfe überblendet ist. „Der Ring spielt mit dieser Scham“, sagt Kwade, „er erinnert an einen Giftring, wie man ihn benutzt hat, um zu politisieren oder Widersacher loszuwerden“, und zugleich an jene Seherinnen, wissende Frauen, die man in der Geschichte so lange wie möglich unsichtbar machen wollte.Für Haas ist in dieser Ironie die Modebranche selbst gespiegelt. „Das hat auch viel mit der Modeindustrie zu tun – dem Körper Toxisches zuzuführen, um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Das hat sich seit dem Mittelalter und der Renaissance nicht verändert.“ Ein Thema, das sie und Kwade nicht nur formal, sondern inhaltlich amüsiert hat.Die Galvanisation, die schon im Markennamen steckt, wird zur Brücke: Metall, das Pflanzen konserviert; Mäntel, deren Innenseiten mit 24-karätigen Goldpigmenten als Blattschichten veredelt werden; eine Kollektion, die das Versprechen von Veredelung ernst nimmt – bis hin zu jener Anekdote, in der im Atelier „einen Monat lang nicht geatmet“ wird, während ein goldener Mantel aus der Kollaboration unter der Nähmaschine liegt.Am radikalsten wirkt jene Entscheidung, die in einem anderen Haus vermutlich an einem Moodboard gescheitert wäre: die Glasaugen, die als Verzierelement auf dem „Delirium Coat“ zu sehen sind. Statt stilisierte Motive zu verwenden, besteht Kwade auf realen Prothesen.Glasauge und KompromisslosigkeitEine Kölner Manufaktur fertigt 200 Augen, in Originalgröße, mit einer Iris, deren Weitung emotionale Zustände abbildet – bis maximal erweitert, wie nach einem Tropfen Atropa-belladonna-Tinktur. „Es musste ein richtiges Glasauge sein“, sagt Haas, „das ist die Kompromisslosigkeit von Alicja, nur echte, reine Materialien zu verwenden.“Interessant ist, wie unterschiedlich die beiden über das Ergebnis sprechen – und wie sehr sie sich doch treffen. „Ich verstehe diese Verbindung nicht als Kunstwerk auf einem Kleid“, sagt Kwade, „es ist ein drittes Wesen, weder mein Kunstwerk noch Annas Mode.“ Mode ist für sie „Public Art“, Oberfläche, ja, aber eine, die Zeiten markiert und von Zugehörigkeiten erzählt.Ihre Kunst hingegen folgt einem anderen Rhythmus: Projekte, die bis zu acht Jahre dauern können. Die Mode dagegen diktiert Deadlines, „Termine, die mir noch gar nicht bekannt waren“, und doch findet Kwade darin etwas, das sie „euphorisierend“ nennt: dieses schnelle Denken, Umsetzen, Korrigieren, das Menschen mitzieht und Ergebnisse erzwingt.Haas erlebt die Zusammenarbeit als seltenen Moment der Verschiebung. „Mit Alicja habe ich angefangen, anders zu entwickeln, zu denken und anders zu arbeiten“, sagt sie, und fügt hinzu, dass es „unter anderem meine fünf inspirierendsten Design-Workshops in 22 Jahren“ waren.Die Kollektion selbst – Nightshade-Silhouetten, Ringe, Ketten, Mäntel, Augen – öffnet Galvan: für Menschen aus der Kunstwelt, die über Kwade kommen. Die Schmuckstücke aus 18-karätigem Gold, bespoke, made to order, gefertigt von einer jungen, talentierten Goldschmiedin in Pforzheim, mit Wartezeiten von zwei bis drei Monaten. Luxus im ursprünglichen Sinn: Zeit, Sorgfalt, Unverfügbarkeit.Lesen Sie auchVielleicht ist jedoch der eigentliche Luxus dieser Geschichte dies: Dass eine berühmte Künstlerin und ein angesagtes Label sich nicht damit begnügen, einander als Marke und Name zu benutzen, sondern eine gemeinsame Sprache von Weiblichkeit zu entwickeln – streng, ironisch, kompromisslos – und darin eine Tollkirsche zum kleinsten, aber wohl gefährlichsten Schmuckstück der Saison machen.