PfadnavigationHomeRegionalesHamburgVolksentscheidKlimaschutz per Kreuz – Hamburg stimmt anders als erwartetVeröffentlicht am 13.10.2025Lesedauer: 4 MinutenLandeswahlleiter Oliver Rudolf (r) und Meike Johannsen, Vorständin des Statistikamts Nord, stellten die Ergebnisse der Volksentscheide vor.Quelle: Marcus Brandt/dpaDer Zukunftsentscheid ist beschlossen. Die Abstimmung zeigt nicht nur Zustimmung zum Klimaschutzgesetz, sondern auch Unterschiede, die Hamburgs politische Karte neu zeichnen – zwischen Zentrum und Rand, zwischen Brief und Urne.Der Hamburger Zukunftsentscheid hat nicht nur ein neues Klimaschutzgesetz auf den Weg gebracht – er hat auch überraschende Erkenntnisse über das Abstimmungsverhalten der Bevölkerung geliefert. Besonders auffällig: Die Zustimmung zum Gesetzentwurf war in den Wahllokalen höher als bei den Briefwählern. Ein Befund, der viele überrascht hat.„In den Abstimmstellen haben 56,3 Prozent für den Zukunftsentscheid gestimmt“, erklärte Landeswahlleiter Oliver Rudolf bei einer Sonder-Landespressekonferenz am Montag im Hamburger Rathaus. „Das sind rund drei Prozentpunkte mehr als im Gesamtergebnis.“ Auch beim zweiten Volksentscheid, der Initiative „Hamburg testet Grundeinkommen“, lag die Zustimmung an der Urne mit 40,5 Prozent über dem Durchschnitt. Dabei war die Erwartung im Vorfeld eine andere: Viele gingen davon aus, dass gerade die Briefwähler besonders engagiert für den Klimaschutz eintreten würden. Wer sich für ein Thema begeistern kann, entscheidet früher, so die Hypothese. Lesen Sie auchBei isolierten Volksentscheiden ist die Briefwahl der Regelfall. „Ein Volksentscheid außerhalb einer Wahl ist vorrangig als Briefabstimmung ausgestaltet“, sagte Rudolf. Alle Stimmberechtigten erhalten ihre Unterlagen automatisch per Post – inklusive Stimmzettel und Abstimmungsschein. Beim Olympia-Referendum 2015 sowie bei der Abstimmung über die Schulreform führte das zu niedrigen Zahlen bei den Urnenwählern. Beim Olympiareferendum waren es 78.000, bei der Schulreform 2010 nur 65.000.Doch die Zahlen von Sonntag sprechen eine andere Sprache. Rund 111.000 Hamburger gaben ihre Stimme in einer der 185 Abstimmungsstellen ab. „Da sieht man, dass der Zulauf zu den Abstimmungsstellen diesmal sehr rigide war“, so Rudolf.Die Gründe für die stärkere Zustimmung an der Urne sind nicht abschließend geklärt. Möglich ist, dass die persönliche Stimmabgabe mit einem höheren Maß an politischem Engagement einhergeht. Wer sich die Mühe macht, eine Abstimmungsstelle aufzusuchen, könnte sich intensiver mit den Inhalten der Volksentscheide auseinandergesetzt haben. Hinzu kommt: Die öffentliche Debatte in den Wochen vor dem Entscheid war intensiv und kontrovers. Gerade der Zukunftsentscheid wurde in Medien, sozialen Netzwerken und politischen Gremien breit diskutiert. Diese Dynamik könnte dazu beigetragen haben, dass sich viele kurzfristig zur Urnenabstimmung entschlossen haben – etwa, um ein Zeichen zu setzen oder sich aktiv einzubringen.Lesen Sie auchTechnisch verlief der Abstimmungstag weitgehend reibungslos. Zwar kam es in einzelnen Abstimmungsstellen zu kleineren Problemen – etwa beim elektronischen Abstimmverzeichnis oder bei der Nachlieferung von Stimmzetteln – doch ein vorbereitetes Notfallkonzept sorgte dafür, dass die Stimmabgabe gesichert war. In einem Fall mussten fünf Personen unverrichteter Dinge wieder gehen, weil die Stimmzettel nicht rechtzeitig nachgeliefert wurden. „Das ist natürlich sehr ärgerlich“, räumte Rudolf ein. „Wir wollen, dass alle Stimmberechtigten auch abstimmen können.“Auch die Möglichkeit, in einer beliebigen Abstimmungsstelle zu wählen, wurde rege genutzt. Rund 10.000 Personen machten davon Gebrauch. „Ermöglicht wird das dadurch, dass in den Abstimmstätten ein elektronisches Abstimmverzeichnis vorlag“, erklärte Rudolf. „Das heißt, man war online verbunden und konnte prüfen, ob die Stimmberechtigung vorliegt.“Die Wahlbeteiligung insgesamt lag bei 43,7 Prozent – ein überdurchschnittlicher Wert für einen Volksentscheid außerhalb eines Wahltags. Nur das Olympia-Referendum 2015 verzeichnete mit 50,2 Prozent eine höhere Beteiligung. Die Kosten für die Abstimmung belaufen sich nach ersten Schätzungen auf rund sieben Millionen Euro. Im Einsatz waren rund 6000 ehrenamtliche Wahlhelfer. Die Auszählung verlief zügig und ohne größere Zwischenfälle. „Mit etwa 22:30 Uhr lagen die Ergebnisse vor – genau wie geplant“, sagte Rudolf. Die einfache Struktur der Stimmzettel habe dazu beigetragen, dass die Auszählung schnell und zuverlässig erfolgen konnte.Lesen Sie auchDie Abstimmungsergebnisse zeigen ein klares Muster: In den zentralen und eher urban geprägten Stadtteilen war die Zustimmung zum Zukunftsentscheid besonders hoch, während die äußeren, eher suburbanen Bereiche deutlich zurückhaltender votierten. Maike Johannsen vom Statistikamt Nord fasste es so zusammen: „Beim Zukunftsentscheid haben wir eine türkise Mitte, die mehrheitlich mit Ja gestimmt hat. In den äußeren Bereichen haben dann die Nein-Stimmen überwogen.“Die Extremwerte unterstreichen diese Spaltung. In Wilhelmsburg erreichte die Schule Fährstraße 86,6 Prozent Ja-Stimmen, das Spielhaus Katenweise in der Veddel kam auf 86,4 Prozent, und die Ganztagsgrundschule Sternschanze lag bei 85,5 Prozent. Diese Hotspots liegen allesamt in dicht besiedelten, teils sozial geprägten Quartieren mit hoher Mieterquote. Ganz anders das Bild in den wohlhabenderen Randlagen: Die Schule Neuland verzeichnete nur 28,3 Prozent Zustimmung, die Schule Lemsahl-Mellingstedt 30,4 Prozent und die Schule Strenge in Wellingsbüttel 32 Prozent. Die Vermutung aus der Pressekonferenz, dass Mieter eher zustimmen und Eigentümer eher ablehnen, findet hier zumindest eine visuelle Bestätigung – auch wenn belastbare Daten dazu fehlen.Das endgültige amtliche Ergebnis wird voraussichtlich am 4. November vom Senat festgestellt. Bis dahin bleibt Zeit für weitere Auswertungen – etwa zur Beteiligung nach Altersgruppen. Diese soll am morgigen Dienstag vorliegen.