PfadnavigationHomeGeschichteInternationale KonflikteDie zwitterhafte Bedeutung von „hybrider Krieg“Veröffentlicht am 02.10.2025Lesedauer: 6 MinutenDie erste Zeitenwende des 21. Jahrhunderts: Der islamistische Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001Quelle: picture-alliance/dpa/epa afp Seth McallisterLängst ist konventionelle militärische Gewalt nicht mehr die einzige Methode, die offenen Gesellschaften des Westen anzugreifen. Als Begriff eingebürgert hat sich dafür eine erklärungsbedürftige Wortkombination.Computerviren legen Stromnetze lahm; Drohnen unbekannter Herkunft stören den zivilen Flugverkehr und zwingen Airports zum Schließen; das GPS-Navigationssystem wird professionell gestört: Ganz offensichtlich haben sich die Methoden verändert, mit denen formal unbekannte Gegner die freien Gesellschaften des Westens attackieren. Für diese neue Form von niederschwelligen Angriffen im Frieden hat sich ein Begriff etabliert, den inzwischen fast jeder kennt: „hybrider Krieg“. Aber was genau ist das eigentlich, woher stammt der Begriff, wer hat ihn wofür geprägt und was bedeutet er heute?Eine allgemein anerkannte Definition für „Krieg“ gibt es im Völkerrecht nicht. Der preußische Denker Carl von Clausewitz hatte in seinem 1832 posthum erschienenen Hauptwerk „Vom Kriege“ bewusst weit formuliert: „Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“ Neuere Erklärungen verstehen unter „Krieg“ in der Regel einen mit militärischen Mitteln geführten Konflikt zwischen Staaten oder – im Falle eines Bürgerkriegs – zwischen organisierten großen Gruppen innerhalb eines Staates.Lesen Sie auchAuf noch vielfältigere Art unklar ist das Adjektiv „hybrid“. Es leitet sich vom altgriechischen Substantiv „Hybris“ ab, was meist als „Hochmut“ übersetzt wird. Grundsätzlich, darauf deuten die Belege beispielsweise im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache hin, steht „hybrid“ für ein breites Feld von „zwitterhaft“, „mehrgestaltig“ oder „aus verschiedenen Teilen bestehend“: Hybridantriebe sind technisch unterschiedliche Motoren im selben Fahrzeug, Hybridsoftware läuft auf verschiedenen Betriebssystemen, und die Hybridbespannung eines Tennisschlägers verwendet für die Quersaiten anderes Material als für die Längssaiten.Diese wenigen Beispiele zeigen: eine eindeutige, „richtige“ Definition des „hybriden Krieges“ gibt die Etymologie der beiden Bestandteile nicht her. Ähnlich sieht es allerdings auch mit der Geschichte des Begriffs selbst aus. Zwar hatte sich seit dem Aufkommen des modernen Terrorismus um 1970 gezeigt, dass es auch andere Formen gewaltsamer Konflikte als Krieg zwischen Staaten und Bürgerkrieg gibt. Doch noch begegnete die Kombination „hybrider Krieg“ nicht. Offenbar als erster Wissenschaftler verwendete die Zusammensetzung 1995 der US-Historiker Thomas Mockaitis in seinem Buch „British counterinsurgency in the post-imperial era“ für die Kämpfe in Indonesien nach 1945: „Der Konflikt war ein hybrider Krieg, der konventionelle Kämpfe geringer Intensität mit Aufständen verband“, schrieb er – doch besondere Bedeutung hatte diese Prägung in seinem Buch nicht. In den folgenden Jahren gab es verschiedene andere Verwendungen der Kombination; ein auch nur ansatzweise übereinstimmendes Verständnis ergab sich nicht.Lesen Sie auchZwei Wochen nach den islamistischen Anschlägen auf New York und Washington D.C. am 11. September 2001 nahm der Politikwissenschaftler Wilfried von Bredow in einem Essay über „Die Zukunft des Krieges“ die Begriffsbildung auf: „Der Krieg der Zukunft wird ein Hybrid-Krieg sein, in dem fast alle traditionellen Waffen und Kampfformen mit allermodernster Technologie kombiniert werden können.“ Staaten würden zu Angriffszielen nicht-staatlicher Kriegsakteure, die ihrerseits Mittel der Staatsmacht für ihre Zwecke instrumentalisierten. Die staatliche Souveränität und die Schutzfunktion von Grenzen verlören so an Bedeutung. „Krieg war niemals ein rein zwischenstaatliches Phänomen“, schloss der Marburger Professor: „In Zukunft wird er es noch weniger sein.“Lesen Sie auchDiese Einsicht setzte sich langsam auch in der westlichen Öffentlichkeit durch. Als geeignete Bezeichnung für die neue Art von Konflikt bot sich die verwirrend vielfältig definierte Kombination „hybrider Krieg“ an. Denn etwas Zwitterhaftes war den Auseinandersetzungen eigen: Terrorgruppen wie al-Qaida oder der „Islamische Staat“ waren eben nicht-staatlich, gleichwohl übernational und kombinierten auf irritierende Art modernes Handeln (etwa in ihrer „Öffentlichkeitsarbeit“) mit archaischer Gewalt.Ende 2005 veröffentlichten James N. Mattis, aktiver General des US Marine Corps, und Frank G. Hoffman, Reserveoffizier des Marine Corps und langjähriger Mitarbeiter in verschiedenen Stäben des US-Militärs, eine Analyse des amerikanischen Einsatzes gegen irreguläre Kräfte in Afghanistan und dem Irak: „Künftige Konflikte werden nicht die Art klarer Unterscheidungen von Freund und Feind aufweisen, von denen das Pentagon ausgeht.“ Sie erwarteten, dass zukünftige Gegner eine Kombination verschiedener Techniken und Taktiken auswählen. „Wir stehen vor einer Kombination neuartiger Ansätze, einer Verschmelzung verschiedener Arten, Krieg zu führen, und verschiedener Mittel.“ Mattis und Hoffman fuhren fort: „Diese beispiellose Synthese nennen wir hybride Kriegsführung.“ Eine klare Definition jedoch lieferten die beiden nicht.Zwei Jahre später veröffentlichte Hoffman in seinem Aufsatz „Conflict in the 21st century. The rise of hybrid wars“ eine genauere Beschreibung: „Hybride Kriege umfassen eine Reihe verschiedener Kriegsführungsmethoden, darunter konventionelle militärische Methoden, irreguläre Taktiken und Formationen, terroristische Anschläge, einschließlich wahlloser Gewalt und Nötigung sowie kriminelle Unruhen.“ Diese Begriffsbestimmung setzte sich durch und prägte für ein knappes Jahrzehnt die Diskussionen in Sicherheitskreisen der westlichen Welt. Jedoch zeigte sich bald, dass Hoffmans Verständnis nicht ausreichte. Denn zu den von ihm beschriebenen neuen Konflikten zwischen (meist westlichen, demokratischen) Staaten und verschiedensten Angreifer traten neue Akteure: Autoritäre und diktatorische Regimes, deren Geheimdienste mit Machtmitteln und Ressourcen eines Staates andere Staaten und speziell „weiche Ziele“ ihrer offenen Gesellschaften attackierten.So gibt es zahlreiche Indizien, jedoch keinen letztlich überzeugenden Beweis, dass die stalinistische Familiendynastie in Nordkorea hervorragend gefälschte Banknoten und industriell hergestellte Drogen exportiert. Das Ziel: die eigenen Kassen zu füllen und westliche Gesellschaften zu destabilisieren. Lesen Sie auchRussland setzt spätestens seit 2006, vielleicht schon früher geheimdienstliche Methoden ein, um im Ausland Macht auszuüben – so wurde der Überläufer und ehemalige KGB-Offizier Alexander Litwinenko in London mit hoch radioaktivem Polonium vergiftet. Zuerst hatte Machthaber Wladimir Putin solche Methoden nur im Inland nutzen lassen, um Widersacher auszuschalten, doch nun gab es solche Übergriffe russischer Geheimdienste auch im Ausland.Besonders berüchtigt sind die Hacker aus St. Petersburg. Als die Regierung von Estland 2007 ein sowjetisches Kriegerdenkmal aus dem Zentrum der Hauptstadt Tallin auf einen Soldatenfriedhof versetzen ließ, griffen Computerverbrecher die Webseiten der estnischen Regierung, von Medien und Banken an – der Schaden war gewaltig: bis zu 3,6 Prozent des estnischen Bruttosozialprodukts eines Jahres. Hinter der Sabotage wurde der russische Geheimdienst FSB vermutet; ein Funktionär einer Putin-treuen Jugendorganisation bekannte sich öffentlich schuldig.Der Erfolg dieser Strategie dürfte Putins Erwartungen bestätigt haben, über ein geeignetes Mittel für seinen Kampf gegen den Westen zu verfügen. Jedenfalls wurden die hybriden Angriffe seither stetig ausgeweitet. Die Ukraine war wohl schon in den 2000er-Jahren das Ziel solcher Angriffe; seit 2014 hat sich der Begriff hybrider Krieg für die Aggressionen Moskaus gegen den Nachbarstaat eingebürgert. Am 24. Februar 2022 weitete der Kreml diesen zuletzt kaum noch verdeckten Kampf zur offenen Invasion aus.Parallel damit haben die hybriden Angriffe auf westliche Länder, die der Ukraine in ihrem Überlebenskampf beistehen, massiv zugenommen. Die jüngste, aber sicher nicht letzte Eskalation sind die Drohnen, die im September 2025 in polnischen und dänischen Luftraum eingedrungen sind, und die GPS-Störungen in der OstseeSven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen auch der Terrorismus in Deutschland, und zwar gleichermaßen von rechtsextremen wie linksextremen Tätern.
Internationale Konflikte: Die zwitterhafte Bedeutung von „hybrider Krieg“ - WELT
Längst ist konventionelle militärische Gewalt nicht mehr die einzige Methode, die offenen Gesellschaften des Westen anzugreifen. Als Begriff eingebürgert hat sich dafür eine erklärungsbedürftige Wortkombination.








