PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftOktoberfestWas macht die Polizei, wenn es auf der Wiesn wieder mal zu wild wird?Von Max WochingerVeröffentlicht am 06.10.2025Lesedauer: 7 MinutenStimmung bombig: Gäste im Hofbräuzelt auf der Theresienwiese.Quelle: Felix Hörhager/picture alliance/dpaBei der größten Party der Welt kann die ausgelassene Stimmung schnell in Gewalt umschlagen, immer wieder kommt es auch zu sexuellen Übergriffen. Wie bereitet sich die Münchner Polizei auf das Oktoberfest vor – und was unternimmt sie, um für die Sicherheit der Gäste zu sorgen?Bänke und Biertische beben, zehntausend Menschen tanzen und singen. Die Hausband heizt mit Schlagern zum Mitgröhlen ein. Ein junger Besucher in Lederhosen stellt sich auf einen Tisch und leert seine Maß Bier in einem Zug. Hunderte Menschen um ihn herum feuern ihn ekstatisch an, während die Security herbeieilt, um ihn vom Tisch zu ziehen. Willkommen auf der Wiesn in München, dem größten Volksfest der Welt.An diesem Wochenende beginnt die 190. Ausgabe des Oktoberfests, es werden wieder sechs bis sieben Millionen Gäste erwartet, die meisten aus München und der Region. Sie können es kaum erwarten, auf die Münchner Theresienwiese zu pilgern. Doch auch im Ausland ist die Wiesn beliebt: Vor allem aus den USA, Italien und England reisen die Besucher an, um insgesamt 16 Tage lang Achterbahn zu fahren, bayerische Schmankerl zu genießen – und sich dem kollektiven Ausnahmezustand hinzugeben. Vergangenes Jahr flossen sieben Millionen Liter Bier, 2023 waren es sogar 7,4 Millionen. Die ausgelassene Stimmung und der exzessive Alkoholkonsum können schnell in Gewalt umschlagen: Schlägereien, Diebstähle und sexuelle Übergriffe stehen während der Wiesn auf der Tagesordnung. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es bei keinem öffentlichen Event – schon gar nicht bei einer Massenveranstaltung wie dem Oktoberfest. Und doch möchte die Münchner Polizei alles daransetzen, das Risiko für die Gäste zu minimieren.Lesen Sie auchWie schon in den Vorjahren geht das Polizeipräsidium von einer „hohen abstrakten“ Gefährdungslage für das Oktoberfest aus – eine Veranstaltung von dieser Bedeutung und Bekanntheit ist immer ein potenzielles Ziel für Angreifer. Bislang gibt es jedoch keine konkreten Hinweise auf Anschlagspläne. Als allgemeine Sicherheitsvorkehrung gibt es Kontrollen an den Eingängen zum Festgelände. Rucksäcke und große Taschen dürfen nicht mitgenommen werden. Auch Metalldetektoren sollen wieder zum Einsatz kommen. „Das Mitführen von Messern jeder Art ist dort untersagt“, sagte Münchens Polizeivizepräsident Christian Huber am Mittwoch. Bereits seit einigen Jahren gilt auf dem Festgelände ein Messerverbot, nun wurde die Verbotszone auch auf das Umfeld rund um die Theresienwiese ausgeweitet. Die Polizei kontrolliert stichprobenartig und bringt Verstöße zur Anzeige. Bei Zuwiderhandlung droht ein Bußgeld.Um den Luftraum über der Wiesn zu schützen, wird ein Flugbeschränkungsgebiet eingerichtet: Dieses gilt in einem Radius von fünfeinhalb Kilometern und in einer Höhe von zehn Kilometern. Überwacht wird das Gebiet von der bayerischen Hubschrauberstaffel. Das Flugverbot gilt auch für Drohnen: 2024 wurden 16 Drohnenpiloten angezeigt, weil sie sich nicht daran gehalten haben.Insgesamt 600 Polizistinnen und Polizisten sind während der Wiesn im Einsatz – ihre Zahl ist im Vergleich zu den Vorjahren gleich geblieben. Unterstützt werden sie von 1400 Sicherheitskräften und 200 Mitarbeitern der Stadtverwaltung. Hinzu kommen Beamte und Fahnder aus anderen Bundesländern und dem Ausland. Besonders die bewährte Zusammenarbeit mit den italienischen Kollegen lobt die Polizei in München, schließlich können die Carabinieri ihre vielen Landsleute auf der Wiesn in ihrer Muttersprache im Zaum halten.Lesen Sie auch„Elementarer Baustein“ des Sicherheitskonzepts ist auch die Videoüberwachung. „54 Kameras werden im Einsatz sein“, sagt Polizeivizepräsident Huber. „Zudem sind uniformierte Polizeikräfte mit der Bodycam auf dem Festgelände unterwegs.“ Im Vorjahr konnten durch Videoüberwachung viele Streitereien und Straftaten frühzeitig erkannt und durch zügig entsandte Polizeikräfte unterbunden werden, heißt es in einem Erfahrungsbericht der Behörden. Was aus der Bilanz auch hervorgeht: Das Oktoberfest ist sicherer geworden. „Die Anzahl der Straftaten und Ordnungswidrigkeiten ist mit 757 Delikten im Vergleich zu 2023 um circa 24 Prozent gesunken“, heißt es darin. 2023 waren es rund 1000 Delikte. „Durch das Zusammenwirken aller Sicherheitskräfte und diverser technischer Maßnahmen wie Videoüberwachung oder Metallscanner wird das Fest immer sicherer“, teilt die Stadtverwaltung mit.Doch die Polizei meldet nach wie vor viele Diebstähle und Schlägereien: Im vergangenen Jahr verzeichneten die Beamten 158 Diebstähle. Die Zahl der Körperverletzungen ist mit 234 angezeigten Fällen ebenfalls hoch. In 31 Auseinandersetzungen wurde sogar mit einem Maßkrug zugeschlagen.Ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr zeigt, wie schnell die bierselige Stimmung eskalieren kann: An einem Freitagabend wird in einem Festzelt ausgelassen gefeiert. Es ist eng, es wird getanzt und gerempelt. Dabei fallen ein 45-jähriger Niederländer und ein 33-jähriger Schweizer von der Bank. Der 45-Jährige nimmt einen Maßkrug und schlägt mehrmals auf den Kopf des Schweizers ein. Ordner werden auf die Situation aufmerksam und halten den Niederländer zurück. Er wird von der Polizei festgenommen und wegen gefährlicher Körperverletzung angezeigt. Das Opfer muss am Kopf behandelt werden, kommt aber ohne schwerere Verletzungen davon. Schlimmer ging ein Streit im Jahr 2018 aus: Ein Wiesnbesucher starb an einer Hirnblutung, nachdem ein 42-jähriger Gerüstbauer ihn heftig niedergeschlagen hatte. Die beiden Deutschen waren im Außenbereich eines Festzelts aneinandergeraten. Meist sind bei solchen Streitigkeiten Unmengen an Alkohol im Spiel.Ein weiteres Problem sind Sexualdelikte: 2024 wurden 58 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt, in den meisten Fällen handelte es sich um sexuelle Belästigungen, vereinzelt um das heimliche Fotografieren unter den Rock von Frauen, sogenanntes Upskirting. In einem Fall hatte ein Mann an einem Fahrgeschäft einer Frau unter den Rock gegriffen und gegen ihren Willen „sexuelle Handlungen vorgenommen“, wie es im Polizeibericht heißt.Wer seine Hände nicht bei sich behalten könne und Wiesnbesucherinnen verbal oder tätlich belästige, werde „konsequent angezeigt und strafrechtlich verfolgt“, verdeutlichte Polizeivize Huber am Mittwoch. Um nicht Opfer einer Belästigung oder gar einer Vergewaltigung zu werden, rät die Polizei dazu, sich schnell aus Situationen zu entfernen, in denen man sich unwohl fühlt. Zudem bietet ein Safe Space auf dem Festgelände konkrete Hilfe für Frauen. Anfangs war die Beratungsstelle in einem kleinen Wohnwagen untergebracht, mittlerweile hat der Schutzraum einen festen Standort: Er befindet sich neben der Wiesnwache der Polizei und der Erste-Hilfe-Station in einem Gebäudekomplex, direkt hinter einem der großen Festzelte. Die Mitarbeiterinnen helfen Betroffenen in Notlagen und begleiten sie zum nächsten Bahnhof oder zum Taxistand.Die Aktion „Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen“ gibt es schon seit mehr als 20 Jahren. Die Sozialpädagogin Kristina Gottlöber vom Münchner Frauenschutzverein IMMA ist fast von Anfang an dabei. „Die Mädchen und jungen Frauen, die während des Oktoberfests zu uns kommen, sind deutlich mehr geworden“, sagt die Münchnerin. Dies sei jedoch nicht unbedingt auf eine Zunahme von Straftaten zurückzuführen, sondern auch auf den höheren Bekanntheitsgrad des Safe Spaces. Eine Gefahr für junge Frauen sind sogenannte K.-o.-Tropfen: Substanzen, die unbemerkt in Getränke oder Speisen gemischt werden und zu Bewusstseinsstörungen und Gedächtnislücken führen können – was die Täter schamlos ausnutzen. Im vergangenen Jahr verzeichneten die Frauenschutzorganisationen zwölf Verdachtsfälle. Den Betroffenen wurde plötzlich schwindelig, zudem machten einige einen verwirrten Eindruck, so die Frauenschützer. Im Vergleich zum Jahr davor hatte sich die Zahl der Verdachtsfälle fast verdoppelt, 2023 gab es sieben Fälle. Lesen Sie auch„Auch Vergewaltigungen sind leider Teil der Realität auf dem Oktoberfest“, sagt Gottlöber. Sie schätzt die Dunkelziffer als sehr hoch ein. „Das sehen wir in unseren Beratungen ganz deutlich: Die Betroffenen quält oft ein langer innerer Konflikt. Soll ich mir nach einem Übergriff Hilfe holen?“ Oft werde sich dagegen entschieden, sexuelle Übergriffe würden dann nicht angezeigt, sagt die Frauenschützerin. „Zudem werden uns die Übergriffe auf dem Heimweg von der Wiesn nicht gemeldet.“Bei Großveranstaltungen wie dem Oktoberfest könne es immer zu gefährlichen Situationen kommen, fügt Gottlöber hinzu, das sei auf Musikfestivals auch nicht anders. „Die Wiesn ist kein total unsicherer Ort. Die Polizei bietet einen riesigen Sicherheitsapparat, der in den letzten Jahren immer weiter optimiert wurde.“ Dennoch sei das Oktoberfest für viele Frauen zur No-go-Area geworden: „Viele sagen, dass sie sich dort nicht sicher fühlen und deshalb nicht mehr auf die Wiesn gehen.“ Immer mehr Frauen würden mittlerweile Radlerhosen unter ihrem Dirndl tragen, um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen. „Aber ich bin als Frau nicht dafür verantwortlich, nicht begrapscht zu werden“, mahnt Gottlöber. „Der Schutz des eigenen Körpers sollte nicht nur Mädchen und Frauen ans Bein gebunden werden, auch die Gesellschaft ist in der Verantwortung“, sagt sie. Polizeivizepräsident Christian Huber appelliert ebenfalls an die Besucher: „Wir sind auf Ihre Zivilcourage angewiesen.“
Oktoberfest: Was macht die Polizei, wenn es auf der Wiesn wieder mal zu wild wird? - WELT
Bei der größten Party der Welt kann die ausgelassene Stimmung schnell in Gewalt umschlagen, immer wieder kommt es auch zu sexuellen Übergriffen. Wie bereitet sich die Münchner Polizei auf das Oktoberfest vor – und was unternimmt sie, um für die Sicherheit der Gäste zu sorgen?











