PfadnavigationHomePanoramaSeilbahn-Unglück in PortugalDrei Tage ohne Wartungsvertrag – am Ende sterben 16 MenschenVon Pamela SpitzVeröffentlicht am 04.09.2025Lesedauer: 3 MinutenEs ist eine Geschichte über Bürokratie, die tötet. Als am Mittwochabend das Seil der Lissabonner Standseilbahn „Elevador da Glória“ riss, starben 16 Menschen. Fünf Passagiere wurden schwer verletzt. Der Wartungsvertrag war drei Tage zuvor abgelaufen.Bei einem Unfall der Lissabonner Standseilbahn „Elevador da Glória“ sterben 16 Menschen. Journalisten decken auf: Der Wartungsvertrag war drei Tage zuvor ausgelaufen. Der Fall zeigt, wie gefährlich Bürokratie werden kann.Es ist eine Geschichte über Bürokratie, die tötet. Als am Mittwochabend das Seil der Lissabonner Standseilbahn „Elevador da Glória“ riss, starben 16 Menschen. Fünf Passagiere wurden schwer verletzt. Der Wartungsvertrag war drei Tage zuvor abgelaufen. Nicht durch Korruption oder Bestechung, sondern durch das, was Verwaltungsexperten „systemisches Versagen“ nennen. Portugals Verkehrsbetrieb Carris ließ eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Lissabons ohne Wartungsschutz fahren, weil die Ausschreibung zu teuer wurde.Die Faktenlage ist eindeutig: Am 31. August 2025 endete der Vertrag mit MAIN Maintenance Engineering. Am 3. September riss das Seil. Dazwischen lagen 72 Stunden ungeklärter Verantwortung.Lesen Sie auchDie Investigativjournalisten von „Página Um“ und „Público“ haben die entscheidenden Fakten recherchiert, die offizielle Untersuchungen möglicherweise übersehen hätten. Sie zeigten: Manchmal tötet nicht das, was passiert, sondern das, was nicht passiert.Gewerkschafter warnten – vergeblichMAIN ist kein Industriegigant, sondern eine kleine Ingenieurfirma aus Monte da Caparica, 20 Kilometer südlich von Lissabon. Inhaber Gustavo Soares verdiente mit dem Carris-Vertrag knapp eine Million Euro über drei Jahre – bei Weitem sein größtes Geschäft. Das zweitgrößte: 115.000 Euro.Diese Marktkonzentration hätte ein Warnsignal sein müssen. Seit 2011 dominierte MAIN die Wartung aller Lissabonner Aufzüge und Standseilbahnen. Konkurrenz gab es kaum, bei der letzten Ausschreibung 2022 bewarben sich nur vier Unternehmen.Die Gewerkschafter protestierten bereits seit Jahren. Manuel Leal, Vorsitzender der Carris-Arbeitervertretung, sprach von „bewusster Zerstörung“ interner Wartungskapazitäten. Die Outsourcing-Strategie habe die Sicherheit gefährdet; die Qualität der Arbeit sei „mangelhaft“ gewesen.Lesen Sie auchIm April 2025 schrieb Carris neu aus: 1,9 Millionen Euro für drei Jahre Wartung. Alle Bieter lagen über dem Budget. Statt zu verhandeln oder die Konditionen anzupassen, stornierten die Verantwortlichen am 14. August den gesamten Vorgang.Diese Entscheidung kostete offenbar 16 Menschen das Leben.Ein System, das Kosten über Menschenleben stellt Pedro Bogas, seit 2022 Carris-Chef und ehemaliger Mitarbeiter des Verkehrsstaatssekretärs, verteidigte sich später: Alle Protokolle seien „gewissenhaft“ befolgt worden. „Die monatlichen und wöchentlichen Wartungsprogramme sowie die tägliche Kontrolle werden sorgfältig durchgeführt“, teilte der Betreiber mit.Dabei war der „Elevador da Glória“ schon 2018 entgleist – ebenfalls wegen Wartungsfehlern. Damals gab es keine Verletzten, Carris verschwieg den Vorfall. Die Arbeiter klagten über Probleme bei der Seilspannung, die das Bremssystem beeinträchtigten. Nichts geschah.Portugal verfügt über genau einen Ermittler für Bahnunfälle – für das ganze Land. Die Personalnot bei der Aufsichtsbehörde GPIAAF macht wirksame Kontrolle unmöglich – was am 3. September tödliche Realität wurde.Lesen Sie auchDie Tragödie von Lissabon zeigt die Perversion öffentlicher Beschaffung in ihrer reinsten Form: Ein System, das Kosten über Menschenleben stellt und Verantwortung so weit aufteilt, bis sie verschwindet.Gustavo Soares' kleine Firma aus der Provinz kassierte jahrelang die Wartungsverträge einer Millionenstadt, während die Seilbahnen offenbar verrotteten. Die Beamten verwalteten sich zu Tode, statt zu handeln. Die Arbeiter warnten vergeblich.16 Menschen bezahlten für dieses institutionelle Versagen mit dem Leben. MAIN existiert weiter. Bogas ist noch im Amt. Die portugiesische Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Die Regierung ordnete Staatstrauer an und stoppte alle Standseilbahnen.