PfadnavigationHomeGeschichte3. September 1975Selbstmord über dem Atlantik? Der rätselhafte Tod an Bord von Aeroflot-Flug SU 312Von Johann AlthausVeröffentlicht am 03.09.2025Lesedauer: 5 MinutenAeroflot-Flug SU 312 am 3. September 1975 auf dem Flughafen von London-Heathrow - die sowjetischen Diplomaten fuhren MercedesQuelle: PA Archive/PA/picture allianceMit einer Leiche an Bord landete eine sowjetische Düsenmaschine am 3. September 1975 auf dem Londoner Flughafen Heathrow. Hier begann ein stundenlanges Tauziehen zwischen Ermittlern und Diplomaten.Die Nachricht war zumindest ungewöhnlich: Gegen 8.35 Uhr britischer Zeit am 3. September 1975 meldete sich Aeroflot-Flug SU 312 von New York nach Moskau beim Tower des Flughafens London-Heathrow und teilte mit, es habe an Bord einen „Zwischenfall“ (im Original: „incident“) gegeben. Man benötige bei der bevorstehenden, planmäßigen Zwischenlandung zum Auftanken eine Ambulanz. Seltsam daran: Bei medizinischen Notfällen an Bord von Verkehrsflugzeugen werden routinemäßig wenigstens einige Informationen weitergegeben, was anliegt – schon allein damit sich die Sanitäter oder bei einem größeren Flughafen wie Heathrow die Ärzte der Airportklinik vorbereiten können. Doch bei Flug SU 312 folgte der Bitte um einen Krankenwagen exakt: nichts. Daher erwartete die Maschine an der Parkposition außer der Ambulanz auch einige Mitglieder der Flughafenpolizei.Noch seltsamer: Als die Iljuschin Il-62 um 9.20 Uhr Ortszeit gelandet war, tauchte eine Abordnung der sowjetischen Botschaft in London auf. Der Krankenwagen werde nicht mehr benötigt, teilten die Diplomaten lapidar mit. Bei dem „Zwischenfall“ in der Luft sei ein sowjetischer Staatsbürger durch einen oder mehrere Schüsse getötet worden. Man werde den Toten im Flugzeug mit nach Moskau nehmen. Ein Sarg für den Transport sei bereits bestellt. Zwischen den Vertretern der Sowjetbotschaft, Kriminalpolizisten von Scotland Yard und einem hinzugekommenen Angehörigen der Osteuropaabteilung des Foreign Office begann nun ein Tauziehen, wer für die Untersuchung des Zwischenfalls zuständig sei. Die sowjetische Besatzung sprach von einem „Unfall“ und verweigerte jede weitere Auskunft.Da die britischen Ermittler die Maschine nur kurz betreten, nicht aber die Situation gründlich untersuchen durften, wurden die 102 Passagiere zur Befragung in eine Lounge gebracht, während die Leiche im Flugzeug blieb, das Polizisten umstellten. Ein Verband am Kopf des Toten deutete darauf hin, dass die Besatzung dem Toten Erste Hilfe zu leisten versucht hatte.Lesen Sie auchDoch die sowjetischen Passagiere (die Mehrzahl der 102 Personen) beantworteten die Fragen der britischen Polizisten nicht. So musste Scotland Yard versuchen, durch die Vernehmung der amerikanischen Fluggäste, vorwiegend Touristen auf dem Weg nach Moskau, den Hergang zu rekonstruieren.Edna Moreas, eine 23-jährige Sekretärin, die aus dem Urlaub in New York nach London zurückkehrte, sagte: „Gegen 8.30 Uhr heute Morgen schwankte das Flugzeug plötzlich und wurde dann viel schneller. Ich sah eine Stewardess mit einer Sauerstoffmaske in die Erste Klasse laufen. Dann sagte man uns, jemand habe Selbstmord begangen.“ Der Mediziner Philip Polakoff von der Stanford University in Kalifornien befand sich auf einer Studienreise in die Sowjetunion an Bord von Flug SU 312, zusammen mit etwa zehn anderen Amerikanern, die im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz tätig waren. Er habe nur die Stewardess mit dem Atemgerät in der Hand gesehen, zitierten ihn verschiedene englischsprachige Zeitungen am 4. September 1975. Angesichts dessen habe er angenommen, dass es einen medizinischen Notfall gegeben habe; jedoch habe es keine Durchsage gegeben, mit der nach einem Arzt an Bord gefragt worden wäre.„Die Russen waren ganz ruhig“, berichtete die New Yorkerin Ruth Callender. Die „meisten Probleme“ habe die britische Polizei verursacht: „Sie waren etwas steif in ihrer Herangehensweise.“ Die Besatzung lehnte es ab zu sagen, wer geschossen hatte und wer der Tote war – sogar, ob es sich um einen Aeroflot-Angestellten handelte oder um einen Passagier.Dennoch sickerte durch, dass der 37-jährige Valentin R. gestorben war. Es handelte sich um einen Navigator der Aeroflot, der aber offenbar zum Zeitpunkt seines Todes nicht im Dienst war. Jedoch dürfte er gewusst haben, wo an Bord sowjetischer Verkehrsmaschinen Waffen versteckt waren, um der Besatzung im Falle einer Flugzeugentführung ein Einschreiten zu ermöglichen. Angestellte des Flughafens Heathrow bestätigten, es sei bekannt, dass in allen Flugzeugen der Aeroflot mindestens eine Schusswaffe verwahrt werde. Dass R. selbst eine Waffe in New York an Bord gebracht haben könnte, sei unwahrscheinlich, erfuhren US-Nachrichtenagenturen auf dem John-F.-Kennedy-Airport. Schon seit Ende der 1960er-Jahre war allgemein üblich, dass die Cockpit-Crew einer entführten Maschine ein spezielles Signal absetzt, um die Luftraumüberwachung zu informieren. In diesem Fall war jedoch kein solches Signal aufgefangen worden. Gegen 16 Uhr verließen vier Passagiere mit britischen Pässen, die auf Aeroflot nach London gebucht waren, die Lounge. Die übrigen 98 Gäste und die verbliebene Besatzung konnten an Bord der Iljuschin zurückkehren, die Flughafen-Arbeiter inzwischen aufgetankt hatten; die Leiche von Valentin R. war in den Sarg gepackt und im Frachtraum des vierstrahligen Jets verstaut worden. Bald nach 17 Uhr durfte Aeroflot SU 312 die Reise nach Moskau fortsetzen, mit achtstündiger Verspätung. Auf dem Zielflughafen hatten die sowjetischen Behörden schlechtes Wetter als Grund der Verspätung angegeben.Das britische Außenministerium habe die Polizei gedrängt, den Weiterflug der Iljuschin von London aus nicht länger zu verzögern, da es eine Beeinträchtigung der britisch-sowjetischen Beziehungen befürchtete. Die Polizei habe herausfinden wollen, ob sich der „incident“ innerhalb des britischen Luftraumes ereignet habe. Sie habe schließlich die sowjetische Erklärung akzeptiert, dass sich R. erschossen habe, als die Maschine noch über dem Atlantik und damit erheblich außerhalb des Luftraumes Großbritanniens befunden habe.Scotland Yard gab eine Erklärung heraus, derzufolge es sich bei dem Toten um ein Mitglied der Besatzung gehandelt habe und die Polizei nach Ermittlungen „zu dem Schluss gekommen ist, dass es keine Hinweise auf eine Straftat gibt“. Aus Geheimdienstkreisen verlautete dagegen, dass ein sowjetischer Agent den Mann erschossen habe. Um jedoch „diplomatische Verwicklungen“ zu vermeiden, habe man sich auf einen „Selbstmord geeinigt“.Auf Anfrage von WELT erinnert sich Philip Polakoff ein halbes Jahrhundert später: „Es gab tatsächlich einen bedeutenden Zwischenfall im Flugzeug, als wir uns London näherten. In Heathrow angekommen, wurden wir stundenlang festgehalten, bevor das Flugzeug und seine Passagiere freigegeben wurden, um die Reise nach Moskau fortzusetzen. Es gab keine weiteren Vorkommnisse im Zusammenhang mit diesem Vorfall.“Haben Sie suizidale Gedanken, oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.
3. September 1975: Selbstmord über dem Atlantik? Der rätselhafte Tod an Bord von Aeroflot-Flug SU 312 - WELT
Mit einer Leiche an Bord landete eine sowjetische Düsenmaschine am 3. September 1975 auf dem Londoner Flughafen Heathrow. Hier begann ein stundenlanges Tauziehen zwischen Ermittlern und Diplomaten.






