PfadnavigationHomeGeschichteAbschuss über Bulgarien„Kann es einen eindeutigeren Fall von Mord geben?“Von Antonia KleikampVeröffentlicht am 01.08.2025Lesedauer: 6 MinutenDie Lockheed Constellation 4X-AKC, die am 27. Juli 1955 über Südwestbulgarien abgeschossen wurdeQuelle: J M G Gradidge Collection via John Wegg / CC-BY-SA 4.0Obwohl die Lockheed Constellation der israelischen Fluggesellschaft El-Al am Morgen des 27. Juli 1955 eindeutig als zivil zu erkennen war, schossen bulgarische Jets sie ab – 58 Menschen starben. Es kam dazu wegen des Befehls eines Generals.Erst Schweigen, dann Lügen, schließlich nach acht Tagen die halbe Wahrheit: So reagierte das kommunistische Regime in Bulgarien auf einen so unnötigen wie tödlichen Fehler, der am 27. Juli 1955 insgesamt 58 Menschen das Leben kostete. Die ganze Wahrheit kam sogar erst nach dem Ende der leninistischen Diktatur in Sofia ans Licht.Der El-Al-Flug 402, eine Linienverbindung von London über Paris und Wien nach Tel Aviv, war am frühen Morgen dieses Mittwochs auf dem wichtigsten österreichischen Flughafen Schwechat um 2.53 Uhr Ortszeit gestartet, zum letzten und längsten Abschnitt des Fluges. Um 4.33 Uhr überflog die Lockheed L-149 Constellation der israelischen Luftverkehrsgesellschaft mit der Kennung 4X-AKC die jugoslawische Hauptstadt Belgrad. Hier störte schlechtes Wetter den Flug. Die viermotorige Maschine, 1945 ausgeliefert, sollte eigentlich der Luftstraße Amber 10 auf einer Reiseflughöhe von 18.000 Fuß, also etwa 5500 Metern, über Jugoslawien nach Griechenland folgen. Doch wenige Kilometer südlich Belgrads wich die an sich erfahrene Crew, der britische Kapitän Stanley Hinks und sein Erster Offizier Pini Ben-Poraer, von der Luftstraße ab. Anschließend identifizierte die Besatzung das Funkfeuer von Skopje falsch und änderte den Kurs zu früh und bereits zu weit östlich von 161 Grad Magnetkompass auf 142 Grad. So nahm das Flugzeug Kurs auf die jugoslawisch-bulgarische Grenze – und überflog sie. Das registrierte ein Beobachtungsposten des bulgarischen Militärs in der Nähe der Stadt Tran und informierte die eigene Luftverteidigung. Deren stellvertretender Oberbefehlshaber, ein General Georgiew, schickte zwei MiG-15-Jäger los, um die El-Al abzufangen. Die Jets gehörten zur Luftverteidigung von Sofia – doch der bulgarischen Hauptstadt hatte sich Flug 402 nicht einmal genähert. Was dann genau geschah, blieb unklar. Warnten die bulgarischen Piloten die El-Al-Piloten zunächst? Oder schossen sie gleich? Jedenfalls gingen Hinks und Ben-Poraer in einen steilen Sinkflug Richtung Steuerbord, also Westen, um so schnell wie möglich den bulgarischen Luftraum zu verlassen. Nur wenige Kilometer trennten die Constellation vom seinerzeit zwar ebenfalls kommunistisch regierten, aber dennoch antisowjetisch eingestellten Jugoslawien. Lesen Sie auchAls die beiden bulgarischen Jetpiloten per Funk fragten, was sie tun sollten, bekamen sie eine unmissverständliche Antwort. General Georgiew ordnete an: „Wenn das Flugzeug Befehle missachtet, unser Territorium zu verlasssen droht, und keine Zeit mehr für weitere Warnungen bleibt, dann schießen Sie es ab.“ Lesen Sie auchDie beiden MiGs griffen an. In etwa 8000 Fuß erzielten sie erste Treffer, die das Verkehrsflugzeug in Brand setzen. Auf 2000 Fuß Höhe schließlich zerbrach die Lockheed und stürzte auf den Grund. Unmittelbar vorher, gegen 5.37 Uhr, hatte die Verkehrskontrolle in Athen ein SOS von EL-Al Flug 402 aufgefangen: „Maschine steht in Flammen. Verlieren an Höhe!“, meldete wahrscheinlich der Funker der Crew verzweifelt.Soldaten der griechischen Grenztruppen beobachteten, wie das Flugzeug auf bulgarischem Gebiet aufschlug. In den ersten Berichten aus Athen hieß es, die Constellation sei von bulgarischer Flak abgeschossen worden; der Zeuge gab aber später an, er könne sich auch geirrt haben. Lesen Sie auchErstmals am Abend des 27. Juli, also einen halben Tag nach der Katastrophe, hatte Radio Sofia ein bevorstehendes „wichtiges Kommuniqué“ angekündigt – das dann aber ausblieb, obwohl Israel, Griechenland und weitere Staaten dringend an die bulgarische Regierung appelliert hatten, das Schicksal des vermissten Fluges 402 aufzuklären. Weitere zwanzig Stunden herrschte Schweigen über das Schicksal der 58 Menschen an Bord: 51 Passagiere (darunter drei Kinder) und sieben Besatzungsmitglieder. Erst am Morgen des 28. Juli teilte das bulgarische Außenministerium der US-Nachrichtenagentur AP mit: „Alle Insassen sind tot. Wir kennen die Absturzursache nicht.“ Eine klare Lüge. Die nächste folgte wenig später: Die bulgarische Flugzeugabwehr sei „nicht in der Lage“ gewesen, das unbekannte Flugzeug zu identifizieren; deshalb sei nach einigen Warnungen das Feuer eröffnet worden. „Die Folge war, dass die Maschine nördlich der Stadt Petritsch abstürzte. Alle Passagiere und die Besatzung sind dabei umgekommen.“ In Wirklichkeit schoss aber nicht die bulgarische Flak, sondern es waren zwei Jäger aufgestiegen. Um 5.37 Uhr Wiener Zeit, also 7.37 Uhr Moskauer Zeit, die damals auch in Bulgarien galt, war die Sonne über Petritsch bereits seit 81 Minuten aufgegangen. In 8000 Fuß Höhe war es auf jeden Fall hell; die Piloten konnten erkennen, dass es sich um ein Verkehrsflugzeug handelte, das Israels Flugzeug-Kennzeichen, einen weißen sechszackigen Stern in einem blauen Kreis, neben den vorderen Türen trug. Lesen Sie auchDie „New York Times“ kommentierte den Abschuss empört: „Ein friedliches Verkehrsflugzeug begeht einen Navigationsfehler und kommt von seiner vorgeschriebenen Route ab, sodass es einige wenige Kilometer über die Grenze eines anderen Landes fliegt. Das Flugzeug ist deutlich gekennzeichnet, und griechische Soldaten erkennen es in der Luft. Für die bulgarische Luftabwehr laufen die Tatbestände jedoch auf den Zwang hinaus, das Flugzeug abzuschießen, als ob es ein bewaffneter Militärbomber sei. Kann es einen eindeutigeren Fall von Mord geben?“Nicht verweigern konnte das Regime des Stalinisten Todor Schiwkow eine Untersuchung der Trümmer durch westliche und israelische Experten am Aufschlagort. Die Sachverständigen stellten zahlreiche Einschläge von Kugeln aus Maschinenwaffen im Flugzeugrumpf fest – die „nur aus einem Jagdflugzeug abgeschossen“ worden sein konnten. Das Trefferbild nach einem Abschuss durch Flakgranaten, die durch Metallsplitter wirken, sah anders aus. Augenzeugen des Angriffs durften die Israelis aber nicht befragen.Erst am 3. August, also sieben Tage nach dem Angriff, gab die Regierung in Sofia den Abschuss durch eigene MiGs zu und versprach die „harte Bestrafung der Schuldigen und volle Entschädigung für die 58 Opfer“. Im Kommuniqué hieß es weiter, die Jäger hätten das Verkehrsflugzeug durch Signale zur Landung aufgefordert, aber keine Antwort erhalten. „Als sie sahen, dass die Maschine über die Grenze zu fliehen versuchte, eröffneten sie das Feuer.“ Ob das wirklich stimmte, konnte weder bewiesen noch widerlegt werden.Statt einer angemessenen Entschädigung (Israel und andere Staaten verlangen für die 58 Opfer und das zerstörte Flugzeug zusammen 6,8 Millionen Dollar) gab es einen langen Rechtsstreit. Schließlich zahlte Bulgarien 1964 gerade einmal umgerechnet 5000 Dollar für jeden Toten, von denen 15 Israelis waren, zwölf Amerikaner, fünf Bürger der Sowjetunion sowie neben einigen weiteren auch drei Westdeutsche.Mehr als vier Jahrzehnte nach dem Abschuss wurden die eindeutigen Befehle des Generals Georgiew an seine Piloten bekannt: Der Offizier wusste genau, dass er einen unnötigen Mordbefehl erteilte. Doch da lebte von den Verantwortlichen schon niemand mehr. Und noch später, erst 2003, entstand am Ort des Aufschlages ein Denkmal für die 58 Toten.
Abschuss über Bulgarien: „Kann es einen eindeutigeren Fall von Mord geben?“ - WELT
Obwohl die Lockheed Constellation der israelischen Fluggesellschaft El-Al am Morgen des 27. Juli 1955 eindeutig als zivil zu erkennen war, schossen bulgarische Jets sie ab – 58 Menschen starben. Es kam dazu wegen des Befehls eines Generals.






