Das lombardische Brescia ist für alles Mögliche berühmt – die herrliche Piazza della Loggia zum Beispiel, oder die Beretta-Fabrik, in der James Bonds Lieblingspistole gefertigt wird. Seit einiger Zeit ist Brescia zudem ein italienisches Zentrum für Street-Art. Der Graffiti-Künstler Peeta hat hier im Auftrag der Stadt die Fassade des örtlichen U-Bahn-Betriebshofs verschönert. Und im September findet bereits zum vierten Mal das „Street View“-Festival statt, bei dem 100 Street-Artists aus aller Welt eingeladen sind, sich auf zwei 170 Meter lange, sechs Meter hohe Mauern in der Via Caduti künstlerisch zu entfalten.

All diese Maluntergründe liegen außerhalb der Innenstadt, sind eher industriell geprägt und profitieren ästhetisch von den Projekten. Brescias Zentrum mit seinem historisch gewachsenen Architekturmix hingegen verträgt sich nicht gut mit Graffiti. Allerdings sind gerade hier die Wände vieler alter Häuser mit künstlerisch wenig wertvollen Spray-Tags verunstaltet.

Doch neuerdings taucht aus dem Dunkel der Nacht ein Held im Kapuzenpulli auf und befreit die Stadt von ungewollten Kritzeleien: „Ghost Pitùr“ („Maler“ im lokalen Dialekt) nennt sich der anonyme Anstreicher, der nachts auf eigene Faust die verschandelten Außenwände Brescias neu streicht. Ein TikTok-Clip, in dem „Ghost Pitùr“ eine frisch gestrichene Wand (nicht aber sein Gesicht) zeigt, ist viral gegangen, hat mehr als vier Millionen Aufrufe erzielt und breiten Beifall in den sozialen Medien ausgelöst. Stets hinterlässt er die Nachricht: „Dies ist ein Akt urbaner Liebe“. Der Banksy unter den Renovierern, könnte man sagen.