Als Land der Extreme waren die USA lange für zwei gegenläufige Ernährungstrends bekannt: gigantische Portionen Speck und Eier schon zum Frühstück, dazu ein halber Liter sahnegetränkter Kaffee von Starbucks. In der Pause Milchshake und ein zuckersüßer Donut. Oder zwei. Abends im Restaurant XXL-Burger und Jumbo-Cocktails. Und in Abgrenzung dazu, längst nicht mehr nur in den Bioläden Kaliforniens: Whole-Grain-Granola mit Chiasamen, Avocado auf Sauerteigbrot zu Matcha-Hafer-Latte. Doch neben dem Eimer Pommes für die einen und den Superfoods für die anderen kommt nun in einigen New Yorker Restaurants eine weitere Ernährungsvariante auf die Speisekarten: die Mini-Portion.Das „Teeny-Tiny-Weeny“-Meal der Restaurantkette Clinton Hall etwa sieht aus wie ein Spielzeug-Menü für Kinder – und auch der Preis ist für New Yorker Verhältnisse echt niedlich: acht Dollar. Dass die „bite-sized“ Burger und Pommes aber nicht für Kleine gedacht sind, zeigt die Getränkebegleitung: Mini-Bier, Mini-Martini oder Mini-Wein. Wer soll das also bestellen? Erwachsene, die Gewicht verlieren wollen – mit der Abnehmspritze.Ernährung:„Einmal in der Woche einen Gugelhupf“Franz Kafka war seiner Zeit voraus: Denis Scheck hat jetzt ein Kochbuch herausgebracht, das zeigt, wie der Dichter Vegetarier wurde. Ein Gespräch über Magenprobleme und Selbstoptimierung – mit Rezepten für Rehleber und Blutwurst.Denn die nehmen immer mehr Menschen, besonders in den USA, laut einer Studie dort schon jeder Zehnte. Weitere 30 bis 35 Prozent gaben an, Interesse an dem Medikament zu haben. Da die Spritze das Empfinden von Hunger und Sättigung reguliert, essen Nutzer schlicht weniger. Gut für Gefäße und Gelenke, schlecht für Gastronomen.Wie oft hat man im Restaurant schon die halbe Portion zurückgehen lassen, weil es einfach zu viel war?Wie die New York Times berichtet, reagieren immer mehr Restaurants auf diese Entwicklung. Nutzer der Präparate gehen laut einer Studie von Bloomberg seltener essen, und wenn, dann wollen sie keine volle Portion bezahlen, von der sie nur ein paar Happen essen. Clinton Hall in New York bewirbt sein Mini-Menü deshalb ganz offensiv für diese Zielgruppe: „Get a shot of fun ... No prescription needed“. Ein bisschen Spaß also, ganz ohne ärztliches Rezept.Besonders in den USA, dem Land der Supersize-Portionen, ist diese Entwicklung eine echte Kehrtwende. Man kann darauf unterschiedlich reagieren. Geht jetzt nicht mehr nur unser Körperbild, sondern auch unsere Essenskultur kaputt, wenn so viele Menschen mit einem Medikament weiter abnehmen? Wenn gute Küche nichts Sinnliches mehr ist, sondern nur noch pflichtbewusste Nahrungsaufnahme, weil man gar keinen Appetit mehr verspürt?Übergewicht:Wie die Abnehmspritze die Arbeitswelt verändertMedikamente wie Wegovy, Mounjaro und Ozempic könnten vielen Übergewichtigen helfen. Für die Wirtschaft könnte das bedeuten: weniger Krankheitstage, produktivere Mitarbeiter. Oder ist das zu schön, um wahr zu sein?Oder tun die Mini-Menüs der Gesellschaft sogar etwas Gutes, weil XXL-Burger schon immer zu Verschwendung geführt haben? Und so mehr Menschen darüber nachdenken, wie viel Hunger sie wirklich haben? Schließlich gehen oft genug Reste in die Küche zurück – und dann in die Tonne. Möglicherweise bestellen bald nicht nur Ozempic-Nutzer die kleinen Portionen. Lieber ein Snack statt über den Hunger hinaus essen, nur weil der Teller noch nicht leer ist.Auch in Europa lassen sich immer mehr Menschen Abnehmspritzen verschreiben oder besorgen sie sich auf dem Schwarzmarkt. Und mit der üblichen Portion Schnitzel mit Pommes oder Käsespätzle im Wirtshaus kämpft auch so mancher schon heute – ohne künstlich gehemmten Appetit. Ozempic-Menüs seien aber in der hiesigen Gastronomie noch kein Thema, antwortet der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband auf eine Anfrage der SZ. Und wird es vielleicht auch nicht. Im Land des Rentnertellers und des „Können Sie mir den Rest einpacken?“ geht der Trend schon seit einigen Jahren hin zu kleineren Portionen.
Wie die Abnehmspritze Ozempic die Esskultur verändert: Schrumpfkur auf dem Teller
Abnehmspritzen zügeln den Appetit. In den USA reagieren Restaurants nun mit Mini-Portionen. Eine Kehrtwende für die amerikanische Esskultur.







