PfadnavigationHomeICONISTModeArtikeltyp:MeinungKultureller WertStrenesse kommt zurück. Das deutsche Problem bleibtVeröffentlicht am 18.08.2025Lesedauer: 5 MinutenErkennbar mit altem Willen zur FormQuelle: STRENESSEStrenesse wagt den Neuanfang. In den 90ern stand das Label für den Optimismus einer deutschen Mode, die kurz international mithalten konnte. Jetzt will es mit ehrgeiziger Ästhetik an alte Erfolge anschließen – in einem Land, das Mode bis heute nicht als kulturellen Wert begreift.Kaum zu glauben, aber in der deutschen Mode gab es einmal eine Phase, in der berechtigterweise Optimismus herrschte. In den Neunzigern standen Namen wie Hugo Boss, Jil Sander oder Escada für eine Branche, die plötzlich international mitreden konnte. Auch Strenesse gehörte dazu. Strenesse war nie so sexy wie Jil Sander, eher die Lufthansa-Business-Class unter den Luxuslabels. Eine Mischung aus Geschäftssinn und Alltagsdrama: Schwarz-weiße Kampagnenbilder von Ellen von Unwerth zeigten Nadja Auermann mit weißem skulptural drapiertem Handtuchturban und edlem schwarzem Kaschmir im Wohnzimmer. Leicht lasziv den Bleistift in die Haarwellen gedreht und telefonierend auf dem Büroschreibtisch posierend. Im Aufbruch Berlin den Handschuh zum Sakko ein Taxi rufend. In ihren besten Zeiten hatte deutsche Mode eine klare Handschrift, internationale Aufmerksamkeit, eine ehrgeizige Ästhetik und die Souveränität, in Mailand zu zeigen. Der Abstieg begann, als in den fetten Jahren der Bundesrepublik Ambition plötzlich als verwerflich galt. Nun, im September dieses Jahres soll Strenesse in die Läden zurückkehren. Nach fünf Jahren Pause und einem Jahrzehnt in der Bedeutungslosigkeit. Erkennbar mit altem Willen zur Form.Von der Mantelmanufaktur zu Jogi Löws HemdenDie Geschichte der Marke reicht zurück bis ins Jahr 1949, als ein kleiner Nachkriegsbetrieb in Nördlingen aus alten Militärdecken Mäntel nähte. Mit dem Eintritt von Gerd Strehle Anfang der 1970er und der jungen Linie „Strenesse“ - ein Wortspiel aus „Strehle“ und dem französischen „jeunesse“ - begann der Aufstieg. 1973 kam Gabriele Hecke dazu, eine Designerin mit klarem Stilwillen, ungewöhnlich maskulin für die damalige Zeit. Lange bevor „Unisex“ als Schlagwort kursierte, schneiderte sie eine nüchterne Eleganz, die gegen die deutsche Behäbigkeit stand. Gabriele Hecke heiratete Gerd Strehle, und gemeinsam etablierten sie Strenesse als eines der wenigen deutschen Häuser mit internationalem Renommee. Mailand-Schauen, die Zweitlinie „Strenesse Blue“, Accessoire-Kollektionen, 2001 ein Flagship-Store in München. Die Marke bekam eine persönliche Signatur („Strenesse – Gabriele Strehle“) und damit ein Gesicht.Doch auch Mode braucht Kapital. Die Expansion ins Ausland, Shows in New York und neue Produktsparten kollidierten mit der Wirtschaftsflaute nach „9/11“. Ohne finanzielle Rücklagen, wie Luxuskonzerne sie selbstverständlich mitbrachten, wurde aus Vision schnell Defizit. Und das sah man der Kleidung dann auch schnell an. Mehrere Lizenzvergaben brachten schnelles Geld, verwässerten die Marke aber auch. Jogi Löws superenge Hemden sorgten in der Sommermärchenzeit zwar für Begeisterung, aber eher bei einer anderen Kundschaft. Strenesse sollte nie der Schritt in die internationale Konzernwelt gelangen, die Jil Sander oder später auch Boss rettete. 2012 verabschiedete sich Gabriele Strehle vom Unternehmen. Der Sohn des Gründerpaars übernahm. 2020 gab Strenesse auf. Seit 2023 ist die Brand House Productions GmbH in München Mehrheitseigentümer.In Deutschland ist Mode nichts wertAnfang des Jahrtausends stand Deutschland am Scheitelpunkt eines modischen Selbstbewusstseins. Der sachliche, cleane Stil hätte zu einer eigenen Stimme werden können. Stattdessen verlor sich das Profil im Globalstil und im demonstrativen Anti-Look. Der „deutsche Stil“, einst beschworen, ist keiner mehr. Binnen eines Vierteljahrhunderts hat sich die wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Modebranche nahezu halbiert: von 2,5 auf 1,1 Prozent. Deutschland hat eine seiner Stärken verspielt. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt, wie stark deutsche Mode heute marginalisiert ist: im Zweifel stehen familiengeführte Modeunternehmen ohne Kapitalpolster da, ohne Rückhalt und ohne kulturelles Selbstverständnis. In Frankreich gilt Mode als Kulturgut. In Mailand ist sie ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Was dort auf einem historischen Fundament ruht und Teil der nationalen Identität ist, fehlt hier völlig. Deshalb konnte sich in Deutschland nie die Stabilität entwickeln, die Modehäuser in Krisenzeiten schützt. Kurz: In Deutschland ist Mode nichts wert. Die tiefer liegenden Ursachen reichen noch weiter zurück. In den 1920er-Jahren war Berlin eine Modemetropole, geprägt von jüdischen Unternehmern wie Hermann Gerson, den Familien Tietz und Jandorf oder Häusern wie Levy & Glass und S. Adam. Mit ihrer Vertreibung und Ermordung brach die Tradition einer deutschen Modekultur unwiederbringlich ab. Nazis zerstörten nicht nur die deutsche Basis, sondern ruinierten auch in Frankreich den Ruf deutscher Mode. Mit ihrem Mangel an Schönheitssinn und mit einer Brutalität, die selbst die Couture beschädigte. Von da an galt alles Deutsche als hässlich. Mit einer kurzen Unterbrechung von zwei Jahrzehnten, in denen die Mode hierzulande wieder an Auftrieb gewann, eroberte in den Zehnerjahren ein Zeitgeist die Mode, der jede Oberfläche verdächtig fand und der mit aktivistischer Ästhetik den Alltag mutwillig verunstaltete. Aktuell gleicht die Berliner Modeszene einem antriebslosen Gruselkabinett von Fashionaktivisten. Ein von Linken kultivierter Dupe-China-Look, bestehend aus Temu und albernen Mikrotrends. Und Marken wie Lala Berlin mit seinen antisemitischen Palästinensertüchern oder GmbH mit modischem Furor gegen Israel machen deutlich, wie präsent das Hässliche in Teilen wieder ist.Lesen Sie auchDie Geschichte der deutschen Mode ist auch eine Geschichte über Deutschland. Schönheit bleibt hierzulande verdächtig. Man muss immer noch lernen, mit ihr umzugehen. Das Strenesse-Comeback ist ein vorsichtiger Versuch, Schönheit zurückzugewinnen. Sie zeigt sich in preußischer Präzision, wie sie Karl Lagerfeld einst in Paris salonfähig machte, gepaart mit puristischem Hamburger Realismus, entworfen von einem Designteam, das zum Teil noch aus Gabriele Strehles Zeiten stammt: Bundfaltenhosen, dunkelblaue Doppelreiher, dazu bürgerliche Eleganz in Etuikleidern, derbe Stiefel. Genauso wie in der sachte angedeuteten Neuausrichtung von Jil Sander, das zuletzt italienischer als deutsch aussah. Die neue Kampagne startet symbolisch an den Landungsbrücken, als wollte man von dort aus wieder in die Welt aufbrechen. Doch die eigentliche Bewegung liegt woanders: Statt Neues zu kaufen, erlebt der Secondhandmarkt einen Boom und wird zur Zukunftsbranche. Die schönsten Entwürfe kommen auf ganz anderem Weg zurück.
Strenesse kommt zurück: Das deutsche Problem bleibt - WELT
Strenesse wagt den Neuanfang. In den 90ern stand das Label für den Optimismus einer deutschen Mode, die kurz international mithalten konnte. Jetzt will es mit ehrgeiziger Ästhetik an alte Erfolge anschließen – in einem Land, das Mode bis heute nicht als kulturellen Wert begreift.






