PfadnavigationHomeICONISTTrendsGesine Cukrowski„Die Wechseljahre sind eine superspannende Zeit, die einer zweiten Pubertät gleichkommen“Veröffentlicht am 27.08.2025Lesedauer: 9 MinutenSpielt seit mehr als 40 Jahren in Film und Fernsehen: Gesine CukrowskiQuelle: Mirjam KnickriemSie zählt zu den beliebtesten deutschen Schauspielerinnen – und ist nun auch unter die Autoren gegangen. In einem neuen Buch fordert Gesine Cukrowski mehr Rechte für Frauen in der Filmbranche. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung, ungleiche Gagen und das Tabuthema Wechseljahre.Als junges Mädchen wollte Gesine Cukrowski unbedingt Nonne werden. Ausgelöst wurde ihr Wunsch durch den TV-Vierteiler „Jesus von Nazareth“ unter Regie des Italieners Franco Zeffirelli, den sie an einem Karfreitag gesehen hatte. Sie verliebte sich unsterblich in den Jesus-Darsteller, und da sie wusste, dass nur die Ordensschwestern zumindest metaphorisch mit ihm „verheiratet“ waren, wollte sie das auch sein. Für sie, als damals Zwölfjährige, sei das nur logisch gewesen, erzählt die Berlinerin beim Gespräch in einem Terrassen-Café am Ufer der Spree. Verheiratet ist die 56-Jährige auch heute nicht. Und statt Klosterfrau wurde sie Schauspielerin. In ihrer bald 40-jährigen Karriere hat sie fast jede Rolle gespielt, zählt zu den renommiertesten Darstellerinnen ihrer Branche. Doch nicht nur vor der Kamera und auf der Theater-Bühne sorgt die wegen ihres Aussehens und ihrer Ausstrahlung oft als „deutsche Sharon Stone“ bezeichnete Cukrowski für Aufmerksamkeit. Mit der Journalistin Silke Burmester rief sie vor zwei Jahren die preisgekrönte Initiative „Let’s Change The Picture“ ins Leben, die sich für eine stärkere Sichtbarkeit für Frauen ab 47 im deutschen Film und Fernsehen einsetzt. In ihrem kürzlich erschienenen Buch „Sorry Tarzan, ich rette mich selbst! Raus aus der Klischeefalle“ (Herder Verlag) knüpft sie daran an. Schonungslos klärt sie über diskriminierende, patriarchalische Missstände in ihrer Berufswelt auf. „Es ist Zeit für eine Veränderung, die Grenzen sprengt“, sagt sie mit Entschlossenheit. WELT: Frau Cukrowski, fühlen Sie sich wohl in Ihrer neuen Rolle als Rebellin?Gesine Cukrowski: (lacht) Wie bitte? Ich habe doch fast nie schüchterne, augenklimpernde Weibchen gespielt, sondern die, die widersprachen, die eigen waren und ihr Ding machten. Was mich immer sehr gereizt hat.WELT: Worauf ich hinauswollte: In Ihrem neuen Buch prangern Sie erstmals sehr deutlich die Benachteiligung von Frauen in der Schauspielbranche an. Hatten Sie keine Bedenken, dass Sie daraufhin womöglich seltener Rollen bekommen könnten?Cukrowski: Natürlich fragte ich mich, wie ehrlich möchte ich sein, weil es immer ein Risiko ist, als zu laut, zu anstrengend, zu aufmüpfig zu gelten. Das ist ja das perfide patriarchale Muster, das uns Frauen erfolgreich klein hält. Doch durch #MeToo manifestierte sich der Mut aus der Erkenntnis: Wenn wir Frauen die Probleme in unserer patriarchal geprägten Gesellschaft nicht selbst deutlich ansprechen und uns zusammentun, wird sich nie etwas ändern. So wie es Silke Burmester vor drei Jahren in der „Zeit“ tat, als sie sinngemäß schrieb: Wenn wir nicht damit auf die Nerven gehen, dass auch die Lebensrealitäten von Frauen im Midlife-Alter in Film und Fernsehen eine Widerspieglung finden, wir nicht auf diese Sichtbarkeit drängen, tut es niemand. Seitdem ist es mir egal, was andere sagen, wenn ich über Ungerechtigkeit laut rede. Irgendwann musste es einen richtigen Knall geben. (lacht) WELT: Der worin gipfelte?Cukrowski: Dass eben Wechseljahre kein Tabuthema sein dürfen. Das ist die größte Auslassung, die stattfindet. Aus dieser Lebensphase gibt es keine visualisierten Geschichten als Abbild des wahren Alltagslebens. Dabei ist das eine superspannende Zeit, die einer zweiten Pubertät gleichkommt. Die Frauen entdecken sich noch einmal neu, worin eine unglaubliche Kraft liegt. Ich höre oft in Gesprächen mit ganz jungen Frauen, die sagen: „Ich möchte Mitte 50-jährige Frauen sehen, weil ich wissen will, was da auf mich zukommt.“ Ein anderes gravierendes Thema ist das Verfallsdatum. Frauen haben doch kein Verfalls- oder Ablaufdatum. Lesen Sie auchWELT: Wurden Ihnen das auch schon vorgehalten?Cukrowski: Ja klar, das erste Mal bereits auf der Schauspielschule. Ich war Anfang zwanzig, als man uns Frauen deutlich sagte, ab 40 ist es mit der Schauspielerei vorbei und wir sollen uns doch möglichst breit aufstellen, um danach unseren Lebensunterhalt vielleicht als Synchronsprecherin verdienen zu können, wo man uns dann nicht mehr sieht. Zu meinem 30. Geburtstag sagte mir ein Theaterregisseur: „Mit den meisten Rollen ist es jetzt für dich vorbei. Für Julia und Ophelia bist du ja nun zu alt!“ Bei Theaterklassikern bleibt den Frauen im mittleren Alter oft nur noch Männerrollen zu spielen. Diese Ungerechtigkeiten waren wir gewohnt. Und vieles andere auch … WELT: Was noch?Cukrowski: Dass eine erfolgreiche Besetzung von Frauen in Film und Fernsehen von der sogenannten „Fuckability“ abhängig gemacht wird. Dieses Wort hört sich unanständig an, und das ist es ehrlich gesagt auch. In unserer Branche ist es aber, man kann sagen, ein Fachbegriff. Dabei geht es darum, ob Männer sich vorstellen können, mit einer zu besetzenden Frau ins Bett gehen zu wollen oder nicht – nach dem Motto: Sex sells. Mit dem Alter schwindet dieses Auswahlkriterium subjektiv und mit ihm auch die Frauenfiguren. Was uns gesellschaftlich ebenfalls keinen Gefallen tut, sind Besetzungen nach Körperformen, denen auch direkt Charaktereigenschaften zugeschrieben werden. Wer mehrgewichtig ist, gilt in der filmischen Klischeesprache auch als faul und undiszipliniert. Akademische Berufe werden deshalb meist mit Frauen Kleidergröße 34 besetzt. Absurd.WELT: Noch einmal zurück zur Altersdiskriminierung. Im deutschen Fernsehen gibt es einige namhafte Schauspielerinnen, die älter als 50 sind wie Maria Furtwängler, Katja Riemann, Simone Thomalla, Iris Berben oder Ulrike Folkerts. Widerspricht das nicht Ihrer harschen Kritik?Cukrowski: Überhaupt nicht. Je älter die Menschen werden, das betrifft nicht nur Frauen, auch Männer, je älter die Rollen sind, die besetzt werden müssen, desto bekannter müssen sie sein, in den Augen derer, die besetzen und das Geld geben. Weil sie eben nicht mehr „fuckable“ sind, müssen sie das durch ihre „Bankability“ ausgleichen. „Bankable“ ist man durch Einspielerfolge an der Kinokasse oder durch die Fernsehquote. Das heißt, je älter jemand ist, desto mehr „Bankability“ braucht er. Über 70 muss man super-super-bankable sein, sonst wird der Film gar nicht erst gedreht. Das habe ich alles schon erlebt. Und ich möchte noch etwas zu den großartigen Kolleginnen sagen, die Sie genannt haben. Lesen Sie auchWELT: Bitte. Cukrowski: Das sind diejenigen, die uns über den blinden Fleck zwischen 50 und 60 mit ihrer Präsenz erhalten geblieben sind, weil sie in durchgehenden Serien zum Beispiel Kommissarinnen spielen. Ihre Figuren werden zwar durcherzählt, aber authentische Geschichten über genau diese wichtige Lebensphase der Wechseljahre finden auch dort nicht statt. Die aber brauchen wir. Und Katja Riemann hat sich zusammen mit ihrer Tochter Paula Romy aufgrund fehlender Frauenrollen unter dem Titel selbst ein Stück geschrieben. Es heißt „Division“ und thematisiert den gesellschaftlichen Umgang mit dem Altern von Frauen. WELT: Auf den Streaming-Plattformen in Amerika kommen ältere Frauen öfter vor als hierzulande. Woran liegt das?Cukrowski: Der Frage bin ich in Hollywood nachgegangen. Produzenten, mit denen ich sprach, sagten mir, dass für sie allein die Bankability entscheidend ist, und die garantierten nur noch die älteren Stars. In den USA gibt es keine Filmförderanstalt wie bei uns. Der freie Markt regelt alles, und einen Geldgeber bekommst du eben nur, wenn eine Jodie Foster, Nicole Kidman oder Cate Blanchett mitspielen. Ein großartiges Beispiel für einen „Coming of Middle Age“-Film, von denen wir mehr bräuchten, ist die Science-Fiction-Komödie „Everything Everywhere All At Once“ mit Michelle Yeoh in der Hauptrolle, die dafür vor zwei Jahren den Oscar erhielt. Mit ihren 60 Jahren spielt sie nicht nur durch ihre Kung-Fu-Künste immer noch alle an die Wand, ihre Figur befreit sich kraftvoll von allen Erwartungen, die die Gesellschaft Frauen in diesem Alter zugestehen.Lesen Sie auchWELT: Welches Klischee empfinden Sie als besonders schmerzhaft?Cukrowski: Das der sogenannten Rabenmutter. Eine erfolgreiche Frau, die auch Mutter ist, wird in unseren Filmen oder Serien zu oft als eine schlechte Mutter erzählt, die ihre Kinder vernachlässigt oder kein gutes Verhältnis zu ihnen hat. Das hat einen realen Effekt auf Frauen, wenn sie entscheiden müssen, mache ich den nächsten Karriereschritt oder eben nicht. In anderen Ländern ist das längst nicht so extrem wie bei uns. Das Wort Rabenmutter gibt es überhaupt nur in der deutschen Sprache.WELT: Zudem thematisieren Sie in Ihrem Buch die Gagen, bei denen es gravierende Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.Cukrowski: Das ist ja auch unmöglich. Im Durchschnitt verdient eine Frau in der Filmbranche 35 Prozent weniger als ihr Kollege, bundesweit liegt der Gender Pay Gap bei 16 Prozent. Mit anderen Worten heißt das, die Frau ist weniger wert als der Mann. Wir sollten uns Island zum Vorbild nehmen, dort sind sie einen großen Schritt weiter als wir. Was nicht nur an dem großen Frauenruhetag liegt, den die Isländerinnen am 24. Oktober 1975 mit großer Beteiligung eingeführt haben. Island hat 2008 in den Schulen das Unterrichtsfach „Geschlechtergerechtigkeit“ eingeführt. Wenn schon den Kindern beigebracht wird, dass es keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen gibt, hat das natürlich einen großen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft. WELT: Wie war die bisherige Resonanz auf Ihr Rebellieren?Cukrowski: Durchweg positiv. Ich bin also keine Jeanne d‘Arc, die dafür ins Feuer kommt. (lacht) Mit Silke (Burmester, d. Red.) habe ich eine starke Partnerin an meiner Seite. Wir rebellieren mit ausgesprochen guter Laune und wir erfahren Unterstützung von sehr vielen Menschen. Unsere Initiative kommt zum richtigen Zeitpunkt. Seit Jahren gibt es in der Branche ganz viele, die an diesem dicken Brett bohrten – und dann irgendwann die Nase voll hatten. Wir sehen jetzt schon erste Erfolge, aber an den entscheidenden Stellen sitzt immer noch der eine oder andere Verhinderer. Genau da setzen wir weiter an.WELT: Und riskieren möglicherweise, dass Ihnen die eine oder andere Rolle verwehrt wird?Cukrowski: Zum Synchronsprechen kann ich jetzt jedenfalls nicht mehr, die Kolleginnen dort versuchen gerade, die KI zu überleben.WELT: Wovon machen Sie abhängig, ob Sie eine Rolle annehmen?Cukrowski: Ich kann mir das nicht groß aussuchen, schließlich muss ich meine Miete bezahlen. Wenn die Figur nicht vollkommen eindimensional ist, spiele ich sie auch. Und ungeachtet dessen, dass ich über Klischees schreibe und dazu Workshops gebe, nehme ich auch Rollen an, die Klischees erzählen. Dafür macht mir mein Beruf trotz allem viel zu viel Spaß. Jede von uns bohrt dann eben an den einzelnen kleinen Brettern, wie bisher auch.Zur Person:Nach dem Abitur studierte die am 23. Oktober 1968 in West-Berlin geborene und lebende Darstellerin erst Germanistik und Theaterwissenschaften, dann Religionswissenschaften und Psychologie. Nach Abschluss der Schauspielschule wurde sie populär in der Rolle als Gerichtsmedizinerin Dr. Judith Sommer an der Seite von Ulrich Mühe in der ZDF-Krimiserie „Der letzte Zeuge“. In mehr als 200 Film- und Theaterproduktionen spielte sie mit. Mit Drehbuchautor Michael Helfrich ist sie seit 25 Jahren liiert. Sie haben eine Tochter und übernahmen die Vormundschaft für die beiden Kinder von Ulrich Mühe (†2007) und Susanne Lothar (†2012). Für ihr vielfältiges soziales sowie frauen- und gleichstellungspolitisches Engagement wurde sie im März mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.