PfadnavigationHomeRegionalesHamburgBrigitte Huber„Ständig stieß ich auf die Frage, was nun kommt“Von Britta SchmeisVeröffentlicht am 18.10.2025Lesedauer: 7 MinutenBrigitte Huber, Ex-Chefredakteurin der Zeitschrift „Brigitte“, vor dem ehemaligen Gruner + Jahr Gebäude in HamburgQuelle: Bertold FabriciusAls sie 60 Jahre alt wurde, konnte die frühere Chefredakteurin Brigitte Huber ihr Alter plötzlich nicht mehr „wegatmen“ – und hat darüber ein offenes und unterhaltsames Buch geschrieben. Im Gespräch erklärt sie, was sie antreibt und was sie Jüngeren rät.Brigitte Huber ist eine typische „Um zu“-Frau. Sport etwa treibt sie, um fit zu bleiben und sich zu entspannen, technischen Herausforderungen in Sachen Multimedia stellt sie sich, um geistig flexibel zu bleiben und den Anschluss nicht zu verpassen. Das alles verfolgt sie, so macht es den Eindruck, mit einer pragmatischen Zielstrebigkeit. Die hat sie auch an die Spitze von Deutschlands bekanntester Frauenzeitschrift, der „Brigitte“, gebracht. Mehr als 20 Jahre prägte sie das Magazin, viele davon als Chefredakteurin, bis sich in ihrem Verlag Gruner + Jahr einiges änderte und sie mit 59 beschloss, dass Zeit für Neues ist. Das fiel also ziemlich genau mit ihrem 60. Geburtstag zusammen, den sie zu ihrer eigenen Überraschung – anders als frühere runde Geburtstage – gar nicht so leicht „wegatmete“. Und sie stellte fest: Sie ist nicht allein damit. Also beschloss sie, mit ihrer Freundin und Kollegin Anne-Bärbel Köhle ein Buch zu schreiben. „Endlich Ich! Wie wir mit 60 anfangen, unser bestes Leben zu leben“, heißt es und ist jetzt erschienen.Lesen Sie auch„Ständig stieß ich auf die Frage, was denn nun kommt, ob ich noch als Journalistin weiterarbeiten will, was ich überhaupt nun mit meinem Leben anfange, wo ich stehe“, erzählt Huber an einem sonnigen Herbsttag in einem Café unweit ihrer einstigen Wirkungsstätte am Baumwall. So recht war ihr das auch gar nicht klar. „Wir haben ja keine Generation, die wir zum Vorbild nehmen können, weil wir fit wie nie zuvor sind, was unsere Lebenserwartung enorm erhöht“, sagt sie weiter. Das stürzte sie nicht etwa in die Verzweiflung, sondern spornte sie an. Hinzu komme ihr ureigener Antrieb und die journalistische Neugier, nachzufragen, zu recherchieren – und dann eben ein Buch daraus zu machen.Und schon hatte sie eine neue Aufgabe. Denn natürlich war es eine Umstellung, plötzlich den gewohnten Alltag nicht mehr zu haben. „Das Hamsterrad des Vertrauens hat mir am Anfang sehr gefehlt“, sagt Huber, die ihren oberbairischen Zungenschlag bis heute beibehalten hat. Auch sich nicht mehr im Team austauschen zu können, habe sie vermisst, ja, sie sogar teilweise ratlos gemacht. Erstaunlich gut habe sie weggesteckt, plötzlich nicht mehr überall gefragt und eingeladen zu sein. „Der Job hatte ja auch seine Schattenseiten“, sagt die inzwischen 61-Jährige. Eine frühe Schwangerschaft und elterliche WeitsichtAus jeder Situation das Beste herauszuholen, hat sie früh gelernt – als sehr junge Mutter, alleinerziehend, mit einem Vollzeitjob. „Als ich da abends nicht mehr ins Kino gehen konnte, habe ich versucht, mir zu sagen, dass die Zeit auch wieder kommen wird und jetzt eben eine andere Zeit ist“, sagt sie. Solche und ähnliche Situationen beschreibt sie auch in dem Buch, zitiert Expertenmeinungen, Studien und gibt Tipps.Huber wächst in einer Kleinstadt in Oberbayern auf, ihr Vater ist Schreiner, ihre Mutter arbeitet im Familienbetrieb wie selbstverständlich mit. Auch das wird sie prägen. Mit 19 Jahren wird Huber schwanger. „Das war natürlich nicht das, was man eine geplante Schwangerschaft nennt“, sagt sie. Doch ihre Eltern stellen sich zu 100 Prozent hinter sie – unter zwei Bedingungen: Sie studiert trotzdem und heiratet nicht sofort. Lesen Sie auchUnd tatsächlich, drei Monate nach der Geburt ihres Sohnes beginnt sie ein Germanistik-Studium in München, dienstags fährt sie hin, donnerstags kommt sie zurück, in der Zwischenzeit bleibt ihr Kind bei den Großeltern. „Ohne meine Eltern und ihre Weitsicht hätte ich meinen Weg nicht gehen können“, sagt Huber. Sie sind es auch, die ihr und ihrer Schwester das Gefühl geben, alles schaffen zu können, sich gleichberechtigt zu fühlen. Erst als sie nach dem abgebrochenen Studium und der Ausbildung an der Journalistenschule in München ihren ersten Job als Redakteurin antritt, stellt sie fest, dass dem nicht so ist. „Damals habe ich erst gemerkt, wie männlich geprägt die Gesellschaft ist – und vor allem der Journalismus“, erinnert sie sich. Das spornt sie an, sie will mutig sein.1998 etwa, ihr zweiter Sohn ist da gerade mal ein Jahr alt, bekommt Huber das Angebot, für ein paar Wochen bei der „Freundin“ eine Vertretung als Textchefin zu machen. Wenig später wird sie gefragt, ob sie nicht stellvertretende Chefredakteurin werden will. Ihr damaliger Mann, der Journalist Peter Lewandowski, rät ihr dazu. Es ist ein riesiger Karriereschritt. Lesen Sie auch„Das Entscheidende war, dass ich damals als Textchefin-Vertretung ins kalte Wasser gesprungen bin, und dazu ermutige ich auch immer die jungen Leute und vor allem die jungen Frauen“, sagt sie. Auch das ein Gedanke, den sie in „Endlich Ich!“ vertieft: wie Jung und Alt miteinander arbeiten und leben und vor allem profitieren können. „Es ist doch erstaunlich, dass keine Generation so kumpelhaft und auf Augenhöhe mit ihren Kindern ist wie wir, dieses in der Berufswelt aber noch nicht so funktioniert“, sagt sie.Bei der „Brigitte“ wird Brigitte Huber zu einer starken Stimme der weiblichen Selbstermächtigung, „Empowerment“ heißt das inzwischen. Da geht es nicht um Selbstverwirklichung als Selbstzweck, sondern um Unabhängigkeit und Selbstständigkeit von Frauen. Ihre Mutter etwa sei früh Witwe geworden, erst danach, mit 50, begann sie ihren ersten sozialversicherungspflichtigen Job. Wie deren Rente ausfällt, lässt sich da leicht erahnen.Geh nie zu deinem Fürsten, wenn du nicht gerufen wirstBrigitte Huber ist eine Frau, die anderen Mut machen will, auch mit ihrem Buch, in dem sie viel von sich preisgibt. In dem Kapitel über die Vor- und Nachteile der Silver Ager – also der Ü-50-Menschen –, in der Arbeitswelt, erzählt sie von einer Begebenheit, als sie mit Anfang 30 einen Rat von ihrer Chefin, um die 50 Jahre alt, suchte. Unaufgefordert steckte sie nach mehrmaligem Klopfen den Kopf durch die Tür. Die Chefin reagierte prompt: „Merk dir eins, Brigitte: Geh nie zu deinem Fürsten, wenn du nicht gerufen wirst.“ Ein Satz, der sie nachhaltig prägte. Denn so wollte sie keine Teams führen. Und doch kann sie die Reaktion ihrer damaligen Chefin nachvollziehen, weil Hierarchien eben damals vor allem über das Alter definiert worden sind.Die Generationen sollen mehr voneinander lernenHeute fühlen sich die Boomer jedoch oft auf dem Abstellgleis. Auch dem widmen Huber und Köhle ein Kapitel, weil sie glauben, dass es darum gehen muss, voneinander zu lernen, nicht nur seine berufliche Erfahrung, sondern auch seine Gelassenheit einzubringen. Huber sieht da auch die Unternehmen in der Pflicht. Ein Blick in die Statistiken, wie sie ihn in „Endlich Ich!“ vornimmt, zeigt allerdings die ernüchternde Wirklichkeit, wenn es um die Weiterbildung der Ü-50-Jährigen geht. Lesen Sie auchEntscheidend aber für sie ist, dass man möglichst gemeinsam für eine Sache brennt. „Wenn ein altersgemischtes Team ein Projekt erfolgreich abschließt, geht die 65-jährige Bildredakteurin danach vielleicht noch mit der 25-jährigen Social-Media-Redakteurin etwas trinken, sie tauschen sich aus, lernen voneinander“, beschreibt Huber den erstrebenswerten Idealfall.Als so etwas wie der Leitspruch des unterhaltsamen wie aufschlussreichen Ratgebers und Erfahrungsberichtes, in dem es auch um Ernährung, Schlaf, Abschiede und eine ehrliche Bestandsaufnahme geht, steht das erste Kapitel. Es handelt von den „ersten Malen“. Premieren, so das Fazit von Huber und Köhle, sind wichtig, um auch im fortgeschritteneren Alter wach zu bleiben, das Leben weiterhin so aufregend zu gestalten wie möglich. „Wenn wir nichts Neues erleben, wirkt Silvester oft so, als sei das Jahr einfach weggerauscht. Man weiß gar nicht, was passiert ist. Deshalb ist es wichtig in diesem Lebensabschnitt neue persönliche Premieren zu erleben“, sagt sie. Für entscheidend hält sie, sich selbst richtig zu „verorten“ und ist überzeugt, dass Ü-60 das ideale Alter ist, um solche Premieren zu erleben. „Das muss ja nicht die Besteigung des Kilimandscharo sein“, schränkt sie ein. Lesen Sie auchHuber hat übrigens begonnen, Spanisch zu lernen mit einer App, nur ein paar Minuten am Tag. Und sie hat ihre Einheiten beim BodyPump, also beim Langhanteltraining, verdoppelt – obwohl sie es „langweilig und anstrengend“ findet. „Aber nun mache ich es einfach aus purer Vernunft. Ich habe mich reingefunden und freue mich daran, dass ich mich oder viel mehr meine Muskeln weiterentwickeln kann.“Eine „Um zu“-Frau eben. Ein Podcast ist auch in der Entstehung, zusammen mit ihrem jüngeren Kollegen Stephan Seiler. Es geht natürlich ums Älterwerden. Die täglichen Herausforderungen also bleiben – nur das Tempo ist anders.Britta Schmeis