PfadnavigationHomeICONISTTrendsNeue Ästhetik auf InstagramWo früher Perfektion glänzte, gilt heute das Ungeschönte als StilmittelVeröffentlicht am 20.08.2025Lesedauer: 3 MinutenVermehrt zeigen Nutzer wieder spontane Alltagsmomente auf Instagram – ungeschönt und persönlichQuelle: Getty Images/Jena ArdellWeg mit dem Filter, her mit der Achtlosigkeit: Auf Instagram setzt sich eine neue, raue Ästhetik durch – als Gegenbewegung zum lang gepflegten Hochglanz. Statt Performance rückt wieder Nähe in den Fokus. Kehrt die Plattform damit zurück zu ihren Wurzeln?Der Anfang war ganz zart. Als Instagram 2010 auf den Markt kam, entstand auf einmal eine Verliebtheit in die Idee, zu Freunden, die man ja nicht immer sehen oder sprechen kann, über Fotos Intimität herzustellen. Ein Selfie, ein Schnappschuss vom Garten: spontan nach dem Feierabend ins Internet geladen. Vorher, um diese Behaglichkeit noch weiter zu bestärken, musste das Foto natürlich noch durch den Sepia-Filter. Ein ganz weicher Filter, mit seinem gelb-bräunlichen Ton wie ein sanftes Rauschen, nahm die letzten Härten des Lebens.Dann aber, als Instagram im Mainstream ankam und später auch zur Business-Plattform wurde, war es mit der Behaglichkeit vorbei. Fortan herrschte ein eiskalter Snobismus, der gnadenlos all jene aussortierte, die mit wohligen Filtern und unpassenden Hashtags herumhantierten. Ab Mitte der 2010er-Jahre übernahmen Marketingagenturen und Influencer das Ruder. Mit ihnen etablierte sich ein Stil, der zunehmend auf Hochglanz, Markeninszenierung und Selbstoptimierung setzte – und in seiner visuellen Glätte mitunter eher an LinkedIn erinnerte als an eine App, die ursprünglich zur Vernetzung von Freunden gedacht war.Lesen Sie auchJedes Reel, jedes Foto war auf einmal professionell aufpoliert. Es sah aus wie in einem schweineteuren Café in Berlin-Mitte: viele glänzende Oberflächen, sodass man geblendet war vom Erfolgsimage – das doch niemals banale Blumenfotos aus dem eigenen Garten zugelassen hätte. Einen Menschen hinter der Fassade bekam man nicht mehr zu fassen.Doch nun wird der Hochglanz wieder bewusst verschmutzt. Instagram und seine Nutzer scheinen nach und nach zu den Ursprüngen zurückzukehren. Auf der Plattform lässt sich wieder mehr „OG“-Ästhetik beobachten (OG – ursprünglich „Original Gangster“ – ist ein Begriff aus der Hip-Hop-Kultur, der heute im digitalen Raum für alles steht, was als „echt“, „klassisch“ oder „ursprünglich“ gilt), die dem Charme der Instagram-Anfänge mehr Platz einräumt. Zu beobachten etwa bei: Addison Rae, weltbekannte Influencerin und Musikerin, die im Juli verschwommene Blumenfotos ohne jede Dramaturgie postete. Tatsächlich spiegelt sich dieser Trend auch in der breiteren Plattformentwicklung: „Casual Posting“, „Photo Dumps“ und die sogenannte „Low-Effort-Aesthetic“ gelten inzwischen als neue Norm. Selbst Instagram-Chef Adam Mosseri betont, man wolle den Fokus wieder stärker auf Freunde und private Verbindungen legen.Auch Justin Bieber teilte unbearbeitete Videos von sich auf einem Schwimmring in einem Tümpel. Ihm waren die Videos sogar so egal, dass er sie mehrere Tage hintereinander postete – in nur gering abweichenden Ausschnitten. Dann noch Selfies im unrasierten Zustand, schlechte Bildausschnitte von seinen lilafarbenen Schuhen. Alles egal, einfach raus damit! Wozu noch den eigenen Feed kuratieren? Der Algorithmus belohnt mittlerweile auch wieder Alltägliches. Instagram scheint den Weg zurück zum Freundesnetzwerk zu suchen.Lesen Sie auchDie Achtlosigkeit als Pose hat Konjunktur – und bettet sich ein in einen Sommer, der auf allen Seiten eine große Lustlosigkeit bereithält, sich irgendwie in gekünstelte Performanz zu verirren. Die große Popkultur-Erzählung, der man sich hätte anschließen können, ist ausgeblieben. Abgesehen von KI-generierten Kaninchen auf Trampolinen und einem kurzzeitigen Coldplay-Gate fehlten die großen Erzählungen – alles verlief im Kleinen.Junge Menschen wenden sich wieder kleinen Alltagsmomenten zu, die Spontaneität und echte Begegnung versprechen – wie verschiedene Studien belegen: ein Bierchen in der Kneipe mit Freunden hier, Brettspiele da. Vielleicht eine stille Rebellion gegen die Monokultur der vergangenen Jahre, die immer nur einen bestimmten Trend vorgegeben hat, dem alle blind hinterherliefen.Das Thema wurde auch im WELT-Podcast „hyped“ besprochen.
Instagram: Weg vom Hochglanz, „Low-Effort-Aesthetic“ ist jetzt im Trend – und echt - WELT
Weg mit dem Filter, her mit der Achtlosigkeit: Auf Instagram setzt sich eine neue, raue Ästhetik durch – als Gegenbewegung zum lang gepflegten Hochglanz. Statt Performance rückt wieder Nähe in den Fokus. Kehrt die Plattform damit zurück zu ihren Wurzeln?






