PfadnavigationHomeGeschichteFort William Henry 1757Sie schlugen ihnen „die Beyle in die Köpf und skalpierten sie lebendig“Veröffentlicht am 10.08.2025Lesedauer: 5 MinutenMit Waffengewalt sollen die Franzosen versucht haben, das Gemetzel ihrer indianischen Verbündeten zu beendenQuelle: picture alliance/Heritage-Images/The Print Collector/Heritage ImagesZu den bekanntesten Episoden des Siebenjährigen Krieges in Amerika zählt der Kampf um Fort William Henry im August 1757. Als die geschlagenen Engländer abzogen, wurden sie von den indianischen Verbündeten der Franzosen brutal attackiert.Dass der Siebenjährige Krieg (1756–1763) durchaus den Charakter eines Weltkrieges hatte, zeigt der Kampf um Fort William Henry. Zwar war der britische Stützpunkt kaum größer als ein Außenlager in Europa. Und auch die Zahl der Kombattanten – gut 10.000 – ließ kaum einen Vergleich mit den großen Schlachten zwischen Rhein und Oder zu. Aber Fort William Henry lag im Westen von New York, einer der 13 englischen Kolonien in Nordamerika. Und seine Belagerung im August 1757 wurde zu einem Medienereignis, das nicht nur die Zeitgenossen erschütterte, sondern das bis heute in Romanen und Spielfilmen nachwirkt. Der Konflikt, in dem Preußen gegen Österreich, Frankreich, Russland, Schweden und das Heilige Römische Reich um seine Existenz kämpfte, hatte auch eine globale Dimension: die Konkurrenz zwischen England und Frankreich auf den Weltmeeren und in den Kolonien. Nicht umsonst waren die ersten Schüsse des French and Indian War, wie der Siebenjährige Krieg in Nordamerika genannt wird, 1755 im Ohiotal gefallen, als Franzosen eine britische Kolonne aufrieben. Linientruppen, Milizen, Händler und Siedler kämpften um Einfluss und Territorien und wurden dabei von indigenen Nationen unterstützt. Lesen Sie auchWährend die Franzosen um die Großen Seen und am Mississippi vor allem auf Handelskontakte aus waren, zogen die britischen Besitzungen zahlreiche Siedler an, deren Landhunger den Widerstand der indianischen Völker provozierte. Daher sahen die meisten von ihnen die Franzosen als natürliche Verbündete an. Als der französische Oberkommandierende Louis-Joseph de Montcalm im Sommer 1757 zum Vormarsch nach Fort William Henry am Lake George aufbrach, folgten ihm rund 2000 Krieger aus mehr als 30 Nationen. Die Aussicht auf Beute lockte sogar einige Iowa aus dem mittleren Westen. Am 3. August erreichten sie ihr Ziel.Das Kommando über 2500 britische Soldaten und Milizen hatte Oberstleutnant George Monro. Obwohl er die Übermacht des Gegners erkannte, wies er die Aufforderung zur Kapitulation zunächst zurück. Doch nachdem in den folgenden Tagen die meisten seiner Geschütze ausgefallen waren, im Fort die Pocken grassierten und auch die Aussicht auf Entsatz schwand, blieb ihm nichts anderes übrig, als um Verhandlungen zu bitten. Montcalm gewährte großzügige Bedingungen, wie sie ein Jahr zuvor bereits die Garnison von Menorca erhalten hatte. Gegen die Zusicherung, ein Jahr und sechs Wochen neutral zu bleiben, durften die Briten ihre Waffen und Ausrüstung behalten. Am 9. August begann der Abzug nach Fort Edward am Hudson River.Kaum hatte die Kolonne die Befestigungswerke verlassen, wurde sie von Indianern attackiert. Zunächst entriss man den Soldaten die Tornister, den Offizieren Degen und Uhren, schließlich Gewehre und alle Ausrüstungsgegenstände, schreibt der Historiker Marian Füssel in seiner „Weltgeschichte des Siebenjährigen Krieges“ (C. H. Beck, 2024). Lesen Sie auchUnd er zitiert aus dem Bericht des hessischen Söldners George Schneider, der in Fort Edward stationiert war: Sie schlugen ihnen „die Beyle in die Köpf und scabten (skalpierten; d. Red.) sie vor Augen lebendig und würden sie sie alle, welches waren 11.000 getödtet haben, wann sie sich nicht auff das Lauffen begeben hätten. Mit dieser Graußamkeit haben bey 400 Seelen leiden müßen, ohne welche, von den Indianer als Gefangene sindt weggeführet worden.“ Zugleich wurden die zurückgelassenen Kranken im Fort getötet. Moderne Historiker geben die Zahl der gefallenen Soldaten und Zivilisten mit 185, die der Entführten mit 300 bis 500 an. Lesen Sie auchDie Suche nach den Ursachen führt zu Montcalm. Der hatte den Fehler begangen, seine indigenen Verbündeten nicht in die Verhandlungen einzubeziehen. „Für die Krieger, die während der Belagerung ihr Leben riskiert hatten, blieben weder Beute noch gefangene“, schreibt Füssel. Daher nahmen sie sich, „was nach indianischen Gewohnheiten als rechtmäßig erachtet wurde“. Es habe kaum in seiner Macht gestanden, „die Grausamkeiten eines indianischen Mobs von so vielen verschiedenen Nationen zu verhindern“, entschuldigte sich der französische General, der nur mit großer Mühe und Einsatz von Waffengewalt die Disziplin einigermaßen wiederherstellen konnte. Schließlich musste er nach den militärischen Umgangsformen der Zeit sicherstellen, dass die Kapitulationsbedingungen eingehalten wurden, um künftige Verhandlungen nicht zu belasten. In diesem Sinn gelang es, etwa 200 Gefangene zurückzugewinnen.Seine indigenen Verbündeten fühlten sich getäuscht und verließen das französische Heer, wobei sie allerdings eine entsetzliche Beute mitnahmen. Denn Decken und Kleidung aus den englischen Lazaretten waren mit den Pocken verseucht. Das interessierte die „zivilisierte“ Öffentlichkeit allerdings weniger. Wie auch die drastisch übertriebenen Zahlenangaben George Schneiders zeigen, wurden die Vorgänge um Fort William Henry zu einem monströsen Massaker aufgebauscht, das einmal mehr den Charakter der indianischen „Bluthunde“ offenbaren würde. Noch im selben Jahr erschien in deutscher Sprache ein Bericht, in dem von „blutdürstigen Unmenschen“ die Rede ist, die über wehrlose Engländer hergefallen seien: „Allen Weibspersonen wurde die Gurgel abgeschnitten, der Leib aufgerissen, und das Eingeweide ins Antlitz geworfen. Kinder wurden bei den Füßen genommen, und so lange an Bäume oder Felsenstücke geschleudert, bis das Gehirn durch den zertrümmerten Schädel drang. Kurz, es war ein Mordfest.“ Das machte Montcalms Unternehmen „zu einem wahren Pyrrhussieg“, urteilt Füssel. Nicht nur hatte er seine indianischen Kämpfer verloren. Sondern es bescherte der französischen Kriegführung auch einen „massiven medialen Imageschaden“, der sich bis in die Weltliteratur festgesetzt hat. In seinem Roman „Der letzte Mohikaner“ (1826) hat der amerikanische Schriftsteller James Fenimore Cooper den Kampf um Fort William Henry zu einem Bestseller ausgestaltet, der zur Grundlage zahlreicher cineastischer Bearbeitungen wurde und das Bild der amerikanischen Ureinwohner über Generationen hinweg prägte. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.
Fort William Henry 1757: Sie schlugen ihnen „die Beyle in die Köpf und skalpierten sie lebendig“ - WELT
Zu den bekanntesten Episoden des Siebenjährigen Krieges in Amerika zählt der Kampf um Fort William Henry im August 1757. Als die geschlagenen Engländer abzogen, wurden sie von den indianischen Verbündeten der Franzosen brutal attackiert.








