PfadnavigationHomeGeschichteSchlacht bei Trafalgar 1805„Die Engländer spüren, dass wir sie an der Gurgel haben“Veröffentlicht am 03.11.2025Lesedauer: 6 MinutenVier Stunden lang bekämpften die Schiffe der englischen und der französisch-spanischen Flotte auf engstem Raum einanderQuelle: picture alliance/TopFotoFür eine Invasion Englands zog Napoleon 1805 eine riesige Armee am Ärmelkanal zusammen. Mit einem Trick sollte die Royal Navy ausgeschaltet werden. Die aber überraschte am 21. Oktober die französisch-spanische Flotte vor Kap Trafalgar.„Ich bin entschlossen, das schwierigste, aber gleichzeitig auch am meisten Erfolg versprechende Unternehmen zu wagen, das von der Politik jemals entworfen worden ist“, erklärte Napoleon Bonaparte im Sommer 1803 einem preußischen Diplomaten. Der Erste Konsul der Französischen Republik meinte damit nichts weniger als eine Revolution, „die sich mit keiner der Revolutionen, deren Zeuge wir waren, vergleichen lässt“: die Eroberung Londons, die zur Initialzündung für eine Umwälzung der englischen Nation werden sollte.Dass Bonaparte es ernst meinte, bewies die Aufstellung der „Armée des côtes de l‘Océan“ die ab 1804 um den Hafen Boulogne-sur-Mer am Ärmelkanal zusammengezogen und für eine Landung auf der britischen Insel trainiert wurde. Allerdings zeigte sich bald, dass für dieses Unternehmen „drei Tage mit dunstigem Wetter und mit einigen günstigen Umständen“ (Napoleon) nicht ausreichen würden. Denn so überlegen sich die französische Armee bis dahin in Schlachten auf dem Kontinent gezeigt hatte, erwies sich die Royal Navy zur See. Das hatte Bonaparte selbst erfahren müssen, als seiner Ägypten-Expedition durch die Vernichtung seiner Flotte vor Abukir im August 1798 die logistische Basis entzogen worden war. Damals hieß der britische Admiral Horatio Nelson. Am 21. Oktober 1805 sollte er vor Kap Trafalgar südlich von Cádiz auch dafür sorgen, dass die Invasionsträume des inzwischen zum Kaiser der Franzosen aufgestiegenen Napoleon endgültig zerplatzten.Lesen Sie auchIn den Monaten, in denen die 170.000 Soldaten der „Armée des côtes de l’Océan“ zu einem unschlagbaren Gegner hochgerüstet worden war, hatte Napoleon immerhin gelernt, dass seine flachen Truppentransporter nur dann eine Aussicht auf Erfolg haben würden, wenn er zumindest für kurze Zeit im Besitz der Seeherrschaft im Kanal sein würde. Daher zwang er Spanien ein Bündnis auf, das ihm die große Flotte des Landes eintrug, deren Flaggschiff „Santissima Trinidad“ mit 130 Geschützen als das größte Schlachtschiff der Welt galt.Dann entwickelte der Kaiser einen komplizierten Plan, um seine Kriegsschiffe, die in den Häfen von Brest, Rochefort und Toulon lagen und dort von britischen Einheiten beobachtet oder gar blockiert wurden, herauszubringen und zusammenzuführen. Dafür erhielt Admiral Pierre de Villeneuve den Befehl, aus dem Hafen von Toulon auszubrechen und durch die Straße von Gibraltar bis zur Karibik zu segeln. Den Schiffen der Royal Navy, die ihn verfolgen würden, sollte er sich dann durch eine unerwartete Wendung um 180 Grad entziehen und zusammen mit den übrigen Geschwadern in den Kanal einfahren und die verbliebenen britischen Schiffe niederkämpfen. „Kommen Sie für 24 Stunden, und alles ist vorbei“, erklärte Napoleon seinem Admiral und frohlockte: „Die Engländer spüren, dass wir sie an der Gurgel haben.“Aber mit der Realisierung dieses anspruchsvollen Plans haperte es. Zwar gelang es Villeneuve, sich Ende März 1805 bei schlechtem Wetter aus Toulon zu schleichen und bis nach Martinique zu segeln. Aber die Royal Navy tat ihm nicht den Gefallen, ihn mit starken Kräften zu verfolgen, sondern konzentrierte sich weiterhin auf die Sicherung des Kanals. Auch erwiesen sich die Routen und Kommunikationswege als viel zu lang und störanfällig, um die dislozierten Geschwader der französisch-spanischen Flotte zu koordinieren. Lesen Sie auchEine weitere Schwachstelle war Villeneuve selbst. Die Seeschlacht von Abukir hatte er überstanden, indem er ohne einen Schuss abzugeben geflohen war. Der Napoleon-Biograf Johannes Willms hält die Berufung dieses „größten Versagers in der Geschichte der französischen Marine“ zum Oberbefehlshaber sogar für ein Indiz, dass Napoleon inzwischen Zweifel am Sinn des ganzen Unternehmens gekommen seien: Er habe in weiser Voraussicht einen potenziellen Sündenbock gesucht.Denn über dem Kaiser der Franzosen brauten sich die Wolken des sogenannten Dritten Koalitionskrieges zusammen. Der englischen Diplomatie war es im August 1805 gelungen, Russland und Österreich für ein Bündnis zu gewinnen, dem Schweden und Neapel beitraten. Zwar konnte Napoleon Bayern, Württemberg und Baden auf seine Seite ziehen. Aber die zahlenmäßige Überlegenheit der Gegner blieb erdrückend, zumal Preußen Anstalten machte, seine Neutralität aufzugeben und sich den Koalitionären anzuschließen. Obwohl Villeneuve noch nicht eingetroffen war, erteilte Napoleon Ende August der „Armée des côtes de l‘Océan“ den Befehl, die Transporter zu besteigen – und widerrief ihn kurz darauf. Stattdessen wurde die Truppe in „la Grande Armée“ umbenannt und umgehend in Gewaltmärschen nach Süddeutschland in Marsch gesetzt, wo sie zum Entsetzen der Koalition bereits nach 20 Tagen auftauchte. Als Sündenbock für das gescheiterte England-Unternehmen wurde Villeneuve präsentiert, der den Kanal von der Royal Navy blockiert vorgefunden und sich daraufhin nach Cádiz zurückgezogen hatte. „Villeneuve ist ein Elender ... ohne eigene Einfälle, ohne Mut, ohne höheres Interesse opfert er alles, nur um seine Haut zu retten“, wetterte der Kaiser.Um sich zu rehabilitieren, machte sich Villeneuve am 21. Oktober auf, dem neuen Befehl Napoleons Folge zu leisten und Kurs auf das Mittelmeer zu nehmen. Aber er kam nur 20 Kilometer weit. Vor Kap Trafalgar hatte Horatio Nelson mit 27 Linienschiffen und vier Fregatten Position bezogen. Mit mehr als 40 Schiffen waren Franzosen und Spanier zwar deutlich überlegen. Aber die Briten waren besser ausgebildet – sie manövrierten sicherer und brauchten nur vier statt sechs oder sieben Minuten, um ihre Kanonen nachzuladen – und verfügten mit Karronaden über wirkungsvolle Waffen im Nahkampf. Dabei handelt es sich um Geschütze mit kurzem Lauf und großem Kaliber, die mit zahlreichen Geschossen gleichzeitig geladen waren.Während Villeneuve bei schwachem Wind auf die traditionelle Formation in Kiellinie setzte, teilte Nelson seine Flotte in zwei Geschwader auf, die im 90-Grad-Winkel auf die feindliche Linde stoßen und diese durchtrennen sollten. Dieser „Nelson Touch“ würde den Briten an diesen Treffpunkten die Überlegenheit sichern. Denn sie konnten mit ihren Geschützen nach beiden Seiten feuern. Kurz nach 12 Uhr gab Nelson den berühmt gewordenen Befehl: „England erwartet, dass jeder Mann seine Pflicht tut.“ Nelson führte zwölf, sein Stellvertreter Cuthbert Collingwood 14 Linienschiffe gegen die nach Norden fahrenden Gegner. Das Manöver gelang. Nelsons Flaggschiff HMS „Victory“ stieß hinter der „Bucentaure“ von Villeneuve durch dessen Linie und schoss diese zu einem Wrack. Wegen des schwachen Windes ließ sich die französisch-spanische Vorhut nur mit Mühe wenden, sodass sie kaum noch in die Schlacht eingreifen konnte. Diese entspann sich zu einem Getümmel auf engstem Raum. Ertrinkende, Leichen und Wrackteile schwammen auf dem Meer. Nelson wurde von einem Scharfschützen getroffen. Er lebte gerade noch lange genug, um kurz nach 16 Uhr die Meldung von seinem Sieg in Empfang zu nehmen. Sein Leichnam wurde in einem Fass Alkohol nach England gebracht, wo ihm ein Staatsbegräbnis zuteilwurde.Villeneuve dagegen wurde gefangen genommen (nach seiner Freilassung beging er 1806 Selbstmord). 18 Schiffe seiner Flotte waren entweder den Briten in die Hände gefallen oder wie die „Achille“ in die Luft geflogen. Den Rest besorgte ein aufkommender Sturm, der mehrere Tage lang wütete. Weitere französische und spanische Schiffe gingen mitsamt ihren Besatzungen unter. Insgesamt verloren die Verbündeten 6500 Tote und Verwundete sowie 20.000 Gefangene, die Briten zählten 449 Tote und 1204 Verwundete.Der Sieg von Trafalgar sicherte Großbritannien für mehr als ein Jahrhundert die Herrschaft über die Weltmeere. Doch auch für Napoleon machte sich der Verzicht auf die Invasionspläne bezahlt. Seine Armee, sorgfältig trainiert, ausgerüstet und modern gegliedert in sieben Korps mit eigener Kavallerie, Artillerie, Pionieren und Versorgern, zeigte sich allen Gegnern überlegen. Am 2. Dezember 1805, am ersten Jahrestag von Napoleons Kaiserkrönung, errang die „Grande Armée“ bei Austerlitz in Mähren ihren berühmtesten Sieg über Russen und Österreicher.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Französische Revolution zu seinem Arbeitsgebiet.
Schlacht bei Trafalgar 1805: „Die Engländer spüren, dass wir sie an der Gurgel haben“ - WELT
Für eine Invasion Englands zog Napoleon 1805 eine riesige Armee am Ärmelkanal zusammen. Mit einem Trick sollte die Royal Navy ausgeschaltet werden. Die aber überraschte am 21. Oktober die französisch-spanische Flotte vor Kap Trafalgar.






