PfadnavigationHomeGeschichteSkagerrak-Schlacht„Der Nimbus der englischen Weltherrschaft herabgerissen“Stand: 07:14 UhrLesedauer: 7 MinutenDer britische Schlachtkreuzer HMS „Queen Mary“ explodierte im Einleitungsgefecht der Skagerrak-SchlachtQuelle: picture alliance/akg-imagesUm einige englische Schiffe in eine Falle zu locken, unternahm die deutsche Hochseeflotte im Mai 1916 einen Vorstoß in den Skagerrak. Aber die Royal Navy durchschaute das Spiel. Es folgte eine der größten Seeschlachten der Geschichte.Das Spiel um die Weltmacht hatte sich das Deutsche Reich eine Menge kosten lassen. Rund 3,5 Milliarden Goldmark – das entsprach ungefähr dem Staatsetat für das Jahr 1914 – waren seit 1898 in die „schwimmende Wehr“ geflossen, mit der Kaiser Wilhelm II. Deutschland endlich den „Platz an der Sonne“ erstreiten wollte, der ihm seiner Ansicht nach gebührte. Der Monarch und weite Teile der Öffentlichkeit konnten dabei auf die populären Thesen des amerikanischen Marine-Schriftstellers Alfred Thayer Mahan verweisen, nach denen Weltmacht ohne Seemacht nicht zu haben sei. Das aber verlangte eine große Schlachtflotte. Damit war die marine Rüstungskonkurrenz mit der führenden Seemacht Großbritannien eröffnet.Der Erste Weltkrieg zeigte schnell, dass die 3,5 Milliarden Goldmark eine schlechte Investition gewesen waren. Denn zum einen hatte der Flottenwettlauf dazu beigetragen, das deutsch-englische Verhältnis so weit zu erodieren, dass Großbritannien – trotz aller Konkurrenz in Kolonialfragen – die Entente mit Frankreich und Russland einging. Zum anderen zeigte sich schnell, dass der kaiserlichen Hochseeflotte eine völlig verfehlte strategische Prämisse zugrunde gelegt worden war. Denn die Royal Navy verweigerte schlicht das entscheidende Kräftemessen in einer großen Seeschlacht, sondern errichtete eine Fernblockade, die die Mittelmächte von vielen kriegswichtigen Gütern abschnitt. Lesen Sie auchHinzu kam, dass Großbritannien im Rüstungswettlauf nicht nur leicht mithalten konnte, sondern mit der „Dreadnought“ 1906 einen neuen Typ von Großkampfschiffen einführte, der allen Vorgängern überlegen war. Einschließlich der Schiffe, die noch im Krieg fertiggestellt wurden, verfügte die Royal Navy über 40 dieser „Einheitskaliber-Schiffe“, die Hochseeflotte dagegen nur über 28. Diese aber hatten gar nicht die Reichweite, um jenseits von Nord- und Ostsee operieren zu können. Nach dem Untergang des deutschen Ostasiengeschwaders bei den Falkland-Inseln im Dezember 1914 war an einen globalen Kreuzerkrieg, wie ihn Großbritannien führen konnte, aber nicht mehr zu denken.Während die Materialschlachten an Land zunehmend die deutschen Ressourcen erodierten, sah sich die mit großem materiellem und emotionalem Aufwand gebaute Flotte in ihren Häfen eingeschlossen. Vereinzelte Vorstöße mit dem Ziel, englische Einheiten in einen Hinterhalt zu locken, scheiterten vor Helgoland und auf der Doggerbank. Denn die Briten waren gut informiert, hatten ihnen doch die Russen ein erbeutetes deutsches Codebuch überlassen. Damit war die Funkaufklärung in „Room 40“ in der Lage, wesentliche Teile des deutschen Marinefunkverkehrs mit geringer Verzögerung zu entschlüsseln. Als daher der neue Oberbefehlshaber Vizeadmiral Reinhard Scheer am Morgen des 31. Mai 1916 mit dem Gros der Hochseeflotte von Wilhelmshaven auslief, waren die sechs schnellen Schlachtkreuzer der Briten unter David Beatty bereits auf See. Ihnen folgte der Oberbefehlshaber der Grand Fleet John Jellicoe mit den Schlachtschiff-Geschwadern. Scheers Plan war denkbar einfach. Mit seinen fünf Schlachtkreuzern sollte Konteradmiral Franz Hipper nach Norden dampfen und Teile der feindlichen Flotte in ein Gefecht verwickeln. Mit 16 Schlachtschiffen, fünf Kleinen Kreuzern und 32 Torpedobooten wollte Scheer dann aufschließen und die Falle zuschnappen lassen. Dass die Briten ihm mit ihrer gesamten Flotte entgegentreten würden, ahnte er nicht.Lesen Sie auchUm 15.29 Uhr sichteten die Schlachtkreuzer im Skagerrak an der Spitze der Jütland-Halbinsel einander. Auf 13.000 Meter hinweg eröffneten die Geschütze das Feuer. Die Sicht durch Dunst und Pulverdampf zusätzlich eingeschränkt, nur mit frühen Funkgeräten ausgestattet, die regelmäßig ausfielen, waren sich Admiräle und Kapitäne nur höchst rudimentär über die Lage im Klaren. Während Jellicoes Schlachtschiffe noch zurücklagen, schlug eine deutsche Salve auf der „Indefatigable“ ein. „Dann läuft eine Feuerschlange längs der Bordwand. Kurz darauf steigen zwei Feuerarme steil aus dem Schiffskörper ... Da erkennt man, wie dieser gepanzerte Körper stückweise auseinandergerissen wird ... Die Geschütze, die noch geladen sind, überschlagen sich in der Luft“, berichtete ein Augenzeuge. Nur zwei der 1019 Mann Besatzung überlebten die Explosion. Wenig später traf es die „Queen Mary“, später die „Invincible“. „Da scheint heute irgendwas mit unseren verdammten Schiffen nicht zu stimmen“, kommentierte ein konsternierter Admiral Beatty die Katastrophen. Er verkannte einmal mehr die verfehlte Konstruktion des von den Engländern entwickelten Typs von Schlachtkreuzern. Denn ihre Schnelligkeit von 28 Knoten (gegenüber 22 Knoten der mit denselben Kalibern ausgestatteten Schlachtschiffen) war mit einer deutlichen Reduktion der Deckpanzerung erkauft worden. Kurz vor 18 Uhr erreichte das Gros der Grand Fleet das Schlachtfeld. Obwohl Jellicoe bekannte, keine Ahnung davon zu haben, „wer dort schießt, und worauf man schießt“, befahl er seinen 24 Schlachtschiffen (die von acht Panzerkreuzern, zehn Leichten Kreuzern und 51 Zerstörern begleitet wurden), eine Kiellinie zu bilden, um das Artilleriefeuer der Flotte zu ordnen und zu bündeln.Scheer, der ebenfalls nur eine sehr begrenzte Vorstellung von Position und Stärke des Gegners hatte, tat Jellicoe den größten Gefallen, den ein Admiral sich denken konnte. Er dampfte mit seinen Schiffen im 90-Grad-Winkel auf die britische Linie zu. Dieses „Crossing the T“ galt als ideale Position für die Flotte, die den Querstrich des T bildete. Denn damit konnten alle Schiffe der Linie ihre Kanonen auf den Feind abfeuern, während dieser nur mit denjenigen im Vorschiff agieren konnte.Scheer erkannte seinen Fehler und befahl umgehend die „Gefechtskehrtwende“, das heißt die Wendung aller Einheiten um 180 Grad bei voller Geschwindigkeit und anschließender Bildung einer neuen Gefechtslinie. Bis heute ist unklar, was den Admiral eine halbe Stunde später erneut eine Kehrtwende befehlen ließ. Aber die Überlegenheit der Briten war zu groß. Um die drohende Niederlage zu vermeiden, schickte Scheer kurzzeitig seine Torpedoboote nach vorn und zog sich mit dem Rest der Flotte zurück.Dass Jellicoe dem angeschlagenen Gegner nicht nachsetzte – eine Reihe von deutschen Großkampfschiffen hatte schwere Treffer einstecken müssen, einige waren kampfunfähig geworden – , sorgt noch heute für heftige Debatten an englischen Stammtischen. Der Admiral verwies auf die Gefahr durch deutsche Minenfelder und Unterseeboote. Das Wichtigste aber war ihm: Er hatte die Deutschen zum Rückzug gezwungen.Damit war die Schlacht aber noch nicht zu Ende. Die verschiedenen Kurswechsel beider Flotten hatten dafür gesorgt, dass beide nach Süden liefen, die Hochseeflotte westlich von der Grand Fleet. „Wir hatten wirklich keine Ahnung, wo der Feind stand, und nur eine sehr vage Vorstellung von der Position unserer eigenen Schiffe“, gab ein britischer Kapitän später zu Protokoll.Das war ein Glück für die Deutschen, denn die Gefahr drohte, dass sie auf ihrem Weg nach Wilhelmshaven auf die Grand Fleet stoßen würden. Schließlich war es reiner Zufall, dass sich die beiden Flotten nicht an der Spitze des „V“ trafen, das ihre Kurse bildeten, sondern die englischen Schiffe diesen Schnittpunkt einige Minuten vor den Deutschen passierten. Beide Flotten erreichten sicher ihre Heimathäfen.Was die Zahlen anging, klang alles nach einem deutschen Sieg: drei Schlachtkreuzer, drei ältere Panzerkreuzer und acht Zerstörer der Grand Fleet mit insgesamt 115.025 Bruttoregistertonnen waren versenkt und 6094 Mann getötet worden. Demgegenüber standen ein älteres Schlachtschiff, vier Kleine Kreuzer und fünf Torpedoboote mit 61.180 BRT und 2551 Tote auf der deutschen Verlustliste. „Der erste gewaltige Hammerschlag ist getan, der Nimbus der englischen Weltherrschaft herabgerissen, die Tradition von Trafalgar in Fetzen gerissen“, jubelte Wilhelm II.Lesen Sie auchAllerdings mussten er und seine Admiräle bald erkennen, dass sich am marinen Kräfteverhältnis zwischen Großbritannien und Deutschland nichts geändert hatte. Noch immer blockierte die Royal Navy die deutschen Häfen. Die nationale Begeisterung im Reich wich bald der Ernüchterung. So sah es auch Scheer, der dem Kaiser meldete, dass „selbst der glücklichste Ausgang einer Hochseeschlacht England in diesem Krieg nicht zum Frieden zwingen“ könne. Stattdessen empfahl er den U-Boot-Krieg ohne „irgendeine abgeschwächte Form“.Dieser uneingeschränkte U-Boot-Krieg, der am 1. Februar 1917 eröffnet wurde, sollte zum Kriegseintritt der USA führen, deren Ressourcen den Krieg im Westen schließlich entschieden. Als die deutsche Admiralität, die Niederlage zu Lande vor Augen, die Ehre der Flotte in einem Himmelfahrtskommando retten wollte, meuterten die Matrosen. Die Novemberrevolution von 1918 nahm ihren Lauf. Ausgerechnet von seinem Lieblingsspielzeug, der Schlachtflotte, ging der Aufstand aus, der Wilhelm II. seinen Thron kostete.Vor allem aber markierte das Ergebnis der größten Schlacht, die jemals zwischen mit Artillerie ausgestatteten Großkampfschiffen ausgetragen wurde, das Ende dieser schwimmenden Festungen. Sie waren „ein wahnsinniger Anachronismus“, urteilte der Zeitzeuge Otto Klemperer. Auch wenn bis in den Zweiten Weltkrieg hinein immer größere, teurere und besser armierte Schlachtschiffe auf Kiel gelegt wurden, sollten sie sich dem Flugzeug gegenüber als chancenlos erweisen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte der Erste Weltkrieg zu seinem Arbeitsgebiet.