PfadnavigationHomeGeschichteScapa Flow 1919„Paragraf elf. Bestätigen“ – dieser Code versenkte die ganze kaiserliche FlotteStand: 08:08 UhrLesedauer: 7 MinutenAm 21. Juni 1919 um 11.15 Uhr wurden die Flutventile und die Türen in den wasserdichten Schotten der deutschen Kriegsschiffe geöffnet – mit FolgenQuelle: picture alliance/World History Archive/-Wenige Tage nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde die kaiserliche Hochseeflotte im Hauptstützpunkt der Royal Navy interniert. Vor der endgültigen Übergabe der Schiffe im Juni 1919 gab ihr Admiral einen unerwarteten Befehl.Nicht von ungefähr ging die Revolution, die im November 1918 Wilhelm II. und sein kaiserliches Regime hinwegfegte, von seinem liebsten Spielzeug aus, der Hochseeflotte. Als deren Führung auf die aberwitzige Idee verfiel, ihre Ehre in einer selbstmörderischen Schlacht gegen die überlegene Royal Navy zu retten, meuterten am 3. November 1918 die Mannschaften. Keine Woche später war das Kaiserreich Geschichte. Dass ausgerechnet die Flotte die Initialzündung zum Umsturz gab, hatte viel mit ihrer Nutzlosigkeit zu tun. Denn ihre Schiffe waren schon technisch nicht in der Lage, den weit gefassten Blockadering zu durchbrechen, mit dem die Entente die deutschen Einfuhren verhinderte. Seit der Skagerrak-Schlacht am 31. Mai und 1. Juni 1916 rostete Wilhelms „schwimmende Wehr“ in ihren Häfen und konservierte eine Klassengesellschaft, die der Grabenkrieg längst nivelliert hatte. Während die Matrosen hungerten, genossen ihre Offiziere mehrgängige Diners, Urlaube und weitere Privilegien, die sie mit schikanösem Drill ihrer Untergebenen zu legitimieren suchten. Lesen Sie auchAber diese Zustände – wenn sie die Öffentlichkeit im Zuge von Niederlage und Revolution überhaupt zur Kenntnis genommen hatte – waren schnell vergessen, als die Waffenstillstandsbedingungen bekannt wurden, die die Sieger der deutschen Delegation am 11. November 1918 im Wald von Compiegne zur Unterschrift vorlegten. Darin hieß es in Artikel XXIII: „Die Kriegsschiffe der deutschen Hochseeflotte ... werden sofort abgerüstet und alsdann in neutralen Häfen oder in deren Ermangelung in Häfen der alliierten Mächte interniert ... Sie bleiben dort unter der Überwachung der Alliierten und der Vereinigten Staaten; es werden nur Wachkommandos an Bord belassen.“Damit waren zehn Schlachtschiffe, sechs Schlachtkreuzer, sechs Leichte Kreuzer und 50 Zerstörer der neuesten Typen gemeint. Alle übrigen Überwasserschiffe sollten in „deutschen Flottenstationen zusammengezogen und vollständig abgerüstet werden“. Im Gegensatz dazu forderte Artikel XXII, dass alle U-Boote umgehend „auszuliefern“ seien, was einiges über die unterschiedliche Bedeutung aussagt, die die Alliierten den kaiserlichen Über- und Unterwasserstreitkräften beimaßen.Zusammen mit den übrigen Bestimmungen, die die sofortige Entwaffnung der Armee, die Übergabe ihres Materials, die Räumung der besetzten Gebiete und die Besetzung des Rheinlandes vorsahen, sorgte die drakonische Liste im Deutschen Reich für einen Aufschrei, in den fast alle Parteien einfielen. Das galt insbesondere für die „Dreadnoughts“, waren es doch „Schiffe einer unbesiegten Marine, aber die Marine einer besiegten Nation“, wie es ein amerikanischer Historiker ausgedrückt hat. Sieben Monate später, am 21. Juni 1919, sorgte diese Flotte für einen erstaunlichen patriotischen Triumph, indem sie sich selbst versenkte.Lesen Sie auchDie Wahl der Fachleute der Alliierten fiel vor allem auf die modernsten Großkampfschiffe, allen voran die Schlachtkreuzer, die sich in der Skagerrak-Schlacht ihren britischen Gegnern, von denen drei versenkt worden waren, überlegen gezeigt hatten. Hinzu kamen die neuesten Schlachtschiffe der Kaiser-, der König- und der Bayern-Klasse. Da der Schlachtkreuzer „Mackensen“ noch nicht fertiggestellt worden war, wurde mit der „Baden“ auch das Flaggschiff der Flotte gefordert, auf das die Royal Navy ursprünglich verzichtet hatte. Am 19. November 1918 gegen 13.30 Uhr lichteten die Schiffe die Anker und nahmen in Kiellinie Kurs in die Nordsee. Da sich der Oberbefehlshaber Reinhard Scheer der „schaurigen Aufgabe“ verweigerte, führte Konteradmiral Ludwig von Reuter als Befehlshaber der schnellen Kräfte der Hochseeflotte das Kommando. An der Spitze lief der Schlachtkreuzer „Seydlitz“ unter Kapitän Wilhelm Träger. Er hatte von allen Kommandanten das am wenigsten gespannte Verhältnis zu seiner Besatzung und sollte deshalb den übrigen Einheiten als Vorbild dienen.Weil angeblich nicht ausreichend Liegeplätze in neutralen Häfen für die Internierung zur Verfügung stehen würden, sollte die deutsche Flotte den Firth of Forth ansteuern, einen Meeresarm in Ostschottland. Von hier aus liefen den deutschen Schiffen britische Kreuzer und Schlachtschiffe entgegen, in zwei Reihen, und nahmen sie in die Mitte. Für die finale Demütigung sorgte der Befehl, Kurs auf den zentralen Stützpunkt der Royal Navy in der Bucht Scapa Flow in den Orkney-Inseln zu nehmen. David Beatty, der im Skagerrak die gebeutelten britischen Schlachtkreuzer geführt hatte und nun als Oberbefehlshaber die Grand Fleet kommandierte, befahl Reuter ultimativ, die Kriegsflagge zu streichen, und kommentierte dies gegenüber anwesenden Journalisten: „Die Deutsche Marine ist nicht nur geschlagen, sie ist auf alle Zeit entehrt, in gleicher Weise durch die Niedertracht im Kampfe wie durch ihre Feigheit am Tage der Niederlage.“Dass die Flotte nicht als Garantie für deutsches Wohlverhalten dienen sollte, sondern ihre Auslieferung von Anfang an beschlossene Sache gewesen war, machte im Mai 1919 der Friedensvertrag deutlich, der dem Deutschen Reich in Versailles aufgezwungen wurde: „Mit Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrags verliert Deutschland das Eigentum an allen deutschen Überwasserkriegsschiffen, die sich außerhalb der deutschen Häfen befinden. Deutschland verzichtet auf alle Rechte an den genannten Schiffen“, hieß es in Artikel 184. Deutschland wurde das Ultimatum gesetzt, das Vertragswerk bis zum 21. Juni 1919 zu unterzeichnen.Reuter, der mit einer Rumpfmannschaft für die Betriebsbereitschaft der deutschen Schiffe sorgte, ging davon aus, dass die Reichsregierung wegen der drückenden und demütigenden Bestimmungen die Unterzeichnung verweigern würde. Um zu verhindern, dass die Flotte bei einer Wiederaufnahme der Kampfhandlungen von den Briten eingesetzt werden könnte, bereitete er ihre Versenkung vor. Bereits im Vorfeld hatte der Admiral dafür gesorgt, dass seine 4000 Mann starke Truppe aus zuverlässigen Leuten bestand. Da sich die Deutschen an Bord selbst versorgten und auf keine Prisenkommandos Rücksicht nehmen mussten, gingen die Vorbereitungen unbemerkt über die Bühne. Als Reuter aber die Hälfte der Mannschaften an Land schaffen ließ, schöpfte der Kommandeur des Wachgeschwaders Sydney Fremantle Verdacht und plante die handstreichartige Besetzung der deutschen Schiffe. Als aber das Ultimatum für die Vertragsunterzeichnung noch einmal bis zum 23. Juni verlängert wurde, unterblieb die Aktion. Stattdessen liefen große Teile der britischen Flotte am 21. Juni zu einer Übung aus.Reuter erkannte seine Chance und funkte am 21. Juni 1919 gegen 11.15 Uhr den verabredeten Code an die 74 Schiffe: „Paragraf elf. Bestätigen“. Umgehend wurden die Flutventile und die Türen in den wasserdichten Schotten geöffnet, anschließend wurden die Ventile unbrauchbar gemacht und die Tore zwischen den Schotts verkeilt. Dann stiegen die Besatzungen in die Rettungsboote. Britische Geschütze eröffneten daraufhin das Feuer, dem einige Matrosen zum Opfer fielen.Fremantle erfuhr gegen zwölf Uhr von der Selbstversenkung. Als er gegen 14.30 Uhr Scapa Flow erreichte, konnten nur noch ein deutsches Linienschiff, drei Leichte Kreuzer und einige Zerstörer gesichert werden. 64 Einheiten, insgesamt 400.000 Tonnen Stahl, wurden zerstört. Reuter und seine Besatzungen gingen in englische Kriegsgefangenschaft, aus der sie erst 1920 zurückkehrten. Etwa die Hälfte der Schiffe konnte gehoben werden, sie wurden ausgeschlachtet oder für Zielübungen genutzt. Für die kaiserlichen U-Boote, die gesondert übergeben worden waren, meldeten sich zahlreiche Interessenten – ihre großen Typen dienten Frankreich, Japan und den USA als Vorbilder für spätere Konstruktionen.Während die Selbstversenkung in Deutschland eine Welle der Begeisterung auslöste, reagierte man in England und Frankreich mit Wut und Empörung. Das Deutsche Reich musste fünf verbliebene Leichte Kreuzer sowie 300.000 Tonnen Schwimmdocks und 42.000 Tonnen Schwimmkräne, Bagger und Schlepper ausliefern, „praktisch alles, was in seinen verwaisten Häfen noch vorhanden war“, urteilt der amerikanische Historiker J. R. Fredland. Lesen Sie auchAls wenige Tage später, am 28. Juni 1919, die deutsche Delegation im Spiegelsaal des Schlosses Versailles den Friedensvertrag unterschrieb, urteilte der demokratische Publizist Theodor Wolff, der zu den Mitbegründern der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gehörte: „Die Entente hat uns leider auch nicht die leuchtenden, edlen, strahlenreinen Vorbilder gezeigt. Das deutsche Volk, das auf dem Wege zum Lernen war, ist mitten aus der Lektion gerissen worden, als es bei den Gerechten drüben die gleiche Ungerechtigkeit, bei den Menschheitsaposteln auch nur Machtgier, Brutalität und Rohheit, bei den Wahrheitsspredigern phrasendunstige Verlogenheit gesehen hat ... Sie sind nicht die Adler der Weltgeschichte, sondern nur eine Schar von niederen Raubvögeln.“Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte der Erste Weltkrieg zu seinem Arbeitsgebiet.
Scapa Flow 1919: „Paragraf elf. Bestätigen“ – dieser Code versenkte die ganze kaiserliche Flotte - WELT
Wenige Tage nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde die kaiserliche Hochseeflotte im Hauptstützpunkt der Royal Navy interniert. Vor der endgültigen Übergabe der Schiffe im Juni 1919 gab ihr Admiral einen unerwarteten Befehl.














