Gärende Früchte sind für Schimpansen mehr als nur leckerQuelle: Catherine Hobaiter/University of St AndrewsWas für Menschen ein Bier, scheint für Schimpansen eine Brotfrucht zu sein. Oder anderes überreifes Obst, an dem sie sich erfreuen. Ihr Verhalten könnte für die menschliche Evolution von Bedeutung sein, Forschern sprechen von „scrumping“Bobby, Gary und Mandjambé sind sich vielleicht nicht immer ganz „grün“. Aber wie sie da zu dritt im Laub sitzen, und mal der eine, mal der andere von einer Frucht des afrikanischen Okwa- oder Brotfruchtbaums nascht, wirkt alles recht harmonisch. Das anfängliche Gerangel ums begehrte Obst scheint vergessen, die drei Männchen teilen nun ihre Freude. Diese Szene, erstmals von einer Forschergruppe per Video festgehalten, ist besonders. Nicht, weil die Schimpansen auf dem Waldboden friedlich beieinander saßen, sich beim Essen gar den Rücken kraulten. Sondern weil die wild lebenden Tiere überreife, gärende Früchte verzehrten, sich also gemeinsam dem Genuss von Alkohol hingaben. Gemeinsamer Genuss mit GeschichteZwar hatte die Brotfrucht in diesem Fall nur einen Alkoholgehalt von etwa 0,2 Volumenprozent. Für andere Früchte ermittelten die Forscher, die im Cantanhez National Park in Guinea-Bissau arbeiten, jedoch höhere Werte. Davon berichtete das internationale Team um Anne Bowland und Kimberley J. Hockings von der University of Exeter in Cornwall kürzlich im Fachjournal „Current Biology“, wo auch das Video mit Bobby, Gary und Mandjambé zu finden ist. Ihre Beobachtungen in Westafrika werfen die Frage auf, ob – und wenn ja, warum? – Schimpansen bewusst nach vergorenen Früchten, sprich Alkohol, suchen.Vom Menschen wird angenommen, dass seine Vorfahren schon vor Urzeiten Alkohol konsumierten, was soziale Bindungen begünstigte. Die Studienergebnisse aus Guinea-Bissau legen wie auch die von weiteren Gruppen aus anderen Regionen nahe, dass die nächsten noch lebenden Verwandten des Homo sapiens wohl Ähnliches im Sinn haben könnten, wenn sie solche Früchte teilen. Lesen Sie auchDie Vorliebe der Affen, sich über „alkoholisiertes“ Obst am Boden herzumachen, ist für Forscher aus Dartmouth und der University of St. Andrews in Schottland jedenfalls so bemerkenswert, dass sie dafür jetzt einen eigenen Begriff prägen: „Scrumping“ nennen sie dieses Verhalten. Lesen Sie auchDer Geschmack der Primaten für die vom Boden aufgelesenen Früchte habe in den vergangenen Jahren eine neue Bedeutung erlangt, schreiben die Forscher um Nathaniel Dominy und Catherine Hobaiter aktuell in der Fachzeitschrift „BioScience“. Und dieses Verhalten würdigen sie durch die Bezeichnung des „Scrumping“, um zugleich mehr über die evolutionsbiologischen Ursprünge dieser so menschlichen Angewohnheit beziehungsweise Schwäche herauszufinden.Stärkt soziale Bindungen„Wir wissen, dass Alkoholkonsum beim Menschen zur Ausschüttung von Dopamin und Endorphinen führt, was Glücksgefühle und Entspannung hervorruft“, erklärt etwa Anna Bowland vom Zentrum für Ökologie und Naturschutz der University of Exeter. Bekannt sei außerdem, dass das gemeinsame Trinken von Alkohol – unter anderem durch Traditionen wie ein Festmahl – dazu beiträgt, soziale Bindungen aufzubauen und zu stärken. „Da wir nun wissen, dass wilde Schimpansen ethanolhaltige Früchte essen und miteinander teilen“, erläutert Bowland, „stellt sich die Frage: Könnten sie ähnliche Vorteile daraus ziehen?“Bowland und Kollegen hatten in ihrem westafrikanischen Forschungsgebiet bewegungsaktivierte Kameras montiert, die zehn verschiedene Gelegenheiten dokumentierten, bei denen Schimpansen gärende oder vergorene Früchte miteinander teilten. Wie sich Alkohol auf den Stoffwechsel von Schimpansen auswirkt, ist zwar nicht bekannt. Jüngste Entdeckungen einer entscheidenden Anpassung auf molekularer Ebene, deuten jedoch darauf hin, dass die Primaten solche alkoholhaltigen Früchte gut vertragen. Der Verzehr könnte somit einen recht alten Ursprung haben. Denn der für den Abbau von Ethanol zuständige Stoffwechselweg muss schon bei gemeinsamen Vorfahren der afrikanischen Menschenaffen – von Gorillas, Schimpansen, Bonobos, Homo sapiens – entsprechend verändert gewesen sein. Das dafür zuständige Enzym, die Alkohol-Dehydrogenase, ist an entscheidender Stelle verändert. Und diese Primatenarten werden tatsächlich oft beim „Scrumping“ beobachtet, beziehungsweise Menschen beim Alkoholkonsum, während Orang-Utans in Asien nur sporadisch vergorene Früchte verzehren.Lesen Sie auch„Schimpansen teilen ihre Nahrung nicht ständig miteinander, daher könnte dieses Verhalten in Bezug auf vergorene Früchte wichtig sein“, erklärt die Zoologin und Evolutionspsychologin Kimberley Hockings von der University of Exeter. „Wir müssen mehr darüber herausfinden, ob sie bewusst nach ethanolhaltigen Früchten suchen und wie sie diese verstoffwechseln, aber dieses Verhalten könnte die frühen Evolutionsstadien des ‚Schlemmens‘ sein.“ Wenn dem so sei, deute dies darauf hin, „dass die menschliche Tradition des Festmahls ihren Ursprung tief in unserer Evolutionsgeschichte haben könnte“.Vom Fallobst zum FestmahlWenn Wissenschaftler aber besser verstehen möchten, ob jene Gene, die es uns ermöglichen, ein Essen mit Freunden bei einem kühlen Bier oder einer Flasche Wein zu genießen, ihren Ursprung darin haben, dass Affen reife, gärende Früchte verzehren, dann braucht deren Gewohnheit einen besonderen Namen. Davon sind Nathaniel Dominy, Catherine Hobaiter und ihre Kollegen überzeugt, die deshalb jetzt die Bezeichnung „Scruming“ vorschlagen. Ein Wort, das beschreiben soll, wenn Affen ihr Obst nicht frisch vom Baum pflückten, sondern bereits zu Boden gefallene Früchte verzehren.Man könnte sonst die Bedeutung dieses Verhaltens – insbesondere für die menschliche Evolution – nicht vollständig verstehen, da „wir uns nie die Mühe gemacht haben, Früchte in Bäumen von Früchten auf dem Boden zu unterscheiden“, argumentiert Dominy, Professor für Anthropologie in Dartmouth und Erstautor der aktuellen Studie. Lesen Sie auchEs sei auch nicht so, dass Primatologen noch nie „Scrumping“ beobachtet hätten – sie beobachten das ziemlich regelmäßig. Dem Verzehr von reifem Fallobst habe man bisher jedoch keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, so verschleierte das Fehlen eines Wortes dafür die Bedeutung. Dominy weiter: „Wir hoffen, eine wichtige Lücke im wissenschaftlichen Diskurs zu schließen.“Scrumping, so die Forscher, beschreibt das Sammeln – oder manchmal eben auch Stehlen – von heruntergefallenen Äpfeln und anderen Früchten. Das Wort sei die englische Ableitung vom altdeutschen „schrimpen“, was verschrumpelt oder geschrumpft bedeute, im Mittelalter wurden damit überreife oder vergorene Früchte bezeichnet. Im heutigen England ist „scrumpy“ ein trüber Apfelwein, Cider, mit einem Alkoholgehalt zwischen sechs und neun Volumenprozent. So berauschend war das überreife Obst zwar nicht, an dem sich die im Cantanhez National Park beobachteten Schimpansen labten. Der höchste Messwert entsprach einem Alkoholgehalt von 0,61 Volumenprozent – in einer Brotfrucht, mit der sich die beiden Weibchen Chip und Até vergnügten. Auch das ist nicht viel, aber da die Ernährung von Schimpansen zu 60 bis 85 Prozent aus Früchten besteht, könnten sich die geringen Alkoholmengen zu einer ordentlichen Dosis summieren. Lesen Sie auchBei einem Konsum von gut zehn Pfund Obst täglich dürften die Affen eine nicht unerhebliche Menge Alkohol zu sich nehmen, mutmaßt der Evolutionsbiologe Dominy. Diese deute darauf hin, dass eine „chronische geringe Ethanolexposition“ ein wichtiger Bestandteil des Lebens von Schimpansen – und eine wichtige Triebkraft der menschlichen Evolution sein könnte. Die Verhaltensforscher gehen allerdings davon aus, dass diese Primaten wahrscheinlich nicht „betrunken“ werden, weil dies ihre Überlebenschancen nicht verbessern würde.Eine Vergleichsanalyse von Dominy und Kollegen ergab nun, dass afrikanische Affen regelmäßig „scrumpen“, Orang-Utans jedoch nicht. Und diese Beobachtung passt zum Ergebnis einer Genanalyse aus dem Jahr 2015, der zufolge das primäre Enzym für den Ethanolstoffwechsel bei Orang-Utans und anderen nicht-menschlichen Primaten relativ ineffizient ist. Im Gegensatz zu afrikanischen Menschenaffen, die dadurch vermutlich in der Lage sind, die reifen, fermentierten Früchte, die sie auf dem Boden finden, sicher zu fressen. Treiber der neolithischen RevolutionDiese Anpassung könnte die Primaten davon befreit haben, mit Affen um unreife Früchte in Bäumen zu konkurrieren. Außerdem bleibt ihnen das Risiko ersparen, auf Bäume zu klettern und möglicherweise herunterzufallen, was laut einer Studie von Dominy und Kollegen aus dem Jahr 2023 so gefährlich ist, dass es offenbar die menschliche Physiologie beeinflusst hat. „Das Scrumping durch den letzten gemeinsamen Vorfahren von Gorillas, Schimpansen und Menschen vor etwa zehn Millionen Jahren könnte erklären, warum Menschen so erstaunlich gut darin sind, Alkohol zu verdauen“, sagt Dominy. „Wir haben uns, lange bevor wir herausfanden, wie man Alkohol herstellt, dazu entwickelt, Alkohol zu verstoffwechseln, und dessen Herstellung war einer der wichtigsten Treiber der neolithischen Revolution, die uns von Jägern und Sammlern zu Bauern machte und die Welt veränderte.“Der Mensch habe möglicherweise auch soziale Aspekte beibehalten, die Affen beim Scrumping zum Ausdruck bringen, sagt Catherine Hobaiter, Professorin für Psychologie und Neurowissenschaften in St. Andrews und Co-Autorin der aktuellen Studie.„Eine fundamentale Eigenschaft unserer Beziehung zu Alkohol ist unsere Neigung, gemeinsam zu trinken, sei es ein Bier mit Freunden oder anlässlich eines großen Festmahls“, so Hobaiter. Der nächste Schritt bestehe nun darin, zu untersuchen, ob das gemeinsame Essen vergorener Früchte auch die sozialen Beziehungen anderer Affen beeinflusst.Der Begriff „scrumping“ werde sich durchsetzen, wenn andere Wissenschaftler dessen Wert erkennen, davon ist der Evolutionsbiologe Nathaniel Dominy überzeugt. Er verweist auf andere geprägte Begriffe um neue Konzepte zu beschreiben, wie etwa „Symbiose“ im Jahr 1877 und das heute geläufige Wort „Meme“, das 1976 von Richard Dawkins eingeführt wurde. „Wenn der Begriff nützlich ist, wird er sich durchsetzen“, sagt Dominy. Für ihn ist das „natürliche Selektion in Aktion“.
Alkohol: Vom Fallobst zum Festmahl – Die Liebe von Mensch und Affe zum Rausch - WELT
Was für Menschen ein Bier, scheint für Schimpansen eine Brotfrucht zu sein. Oder anderes überreifes Obst, an dem sie sich erfreuen. Ihr Verhalten könnte für die menschliche Evolution von Bedeutung sein, Forschern sprechen von „scrumping“







