Es war kein Auftritt, es war ein Ereignis: Jedes Mal, wenn Helen Mirren in der Titelrolle von Racines „Phèdre“ die Bühne des Londoner National Theatre betrat, veränderte sich die Atmosphäre im Auditorium. Nicht etwa, weil sie geschrien oder gewimmert hätte, wie es diese vor Ausbrüchen überbordende Figur nachgerade fordert. Sondern weil Mirren ihre Phädra mit der gestischen Reduktion der virtuosen Bühnendarstellerin als Spielball ihres Verlangens nach dem Stiefsohn Hippolyt zeigte, als Frau, die fast all ihre Kraft im Kampf mit den eigenen Impulsen aufgebraucht hatte. Nach einem zerquälten Liebesgeständnis sank sie vor Hippolyt auf die Knie, ergriff sein Schwert und führte seine Spitze an ihr Dekolleté – ein Augenblick unterspielter erotischer Selbstentblößung, wie man ihn auf der Bühne nicht oft erlebt.