PfadnavigationHomeRegionalesHamburgAutorin Tamar NoortWenn Schlaf fehlt, liegt es selten nur an uns – ein Roman zeigt, warumVon Britta SchmeisVeröffentlicht am 24.06.2025Lesedauer: 5 MinutenAutorin Tamar Noort
im Garten ihres Hauses in der Nähe von LüneburgQuelle: Bertold FabriciusErschöpft und trotzdem schlaflos, ein Phänomen, das viele betrifft. In „Der Schlaf der Anderen“ zeigt Tamar Noort, wie Schlafmangel nicht nur individuell, sondern gesellschaftlich bedingt ist – und erzählt von zwei Frauen, die sich daraus befreien wollen.Tamar Noort ist eine Frau, die Raum braucht – im Sinne von Platz. Den hat sie sich in der Nähe von Lüneburg in einem Haus mit Garten geschaffen. „Da, wo ich mehr Himmel sehe“, sagt die Autorin. Dieser Raum gebe ihr erst die Chance für Gedanken, fürs Schreiben. 2019 hatte sie mit einem Auszug aus ihrem Debüt „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ den Hamburger Literaturpreis gewonnen. Nun ist mit „Der Schlaf der Anderen“ ihr zweiter Roman erschienen. Auch darin geht es um Räume, vor allem um fehlende – zumindest auf den zweiten Blick.„Der Schlaf der Anderen“ erzählt von zwei sehr unterschiedlichen Frauen, die eines gemeinsam haben: Sie können nicht mehr schlafen. Sina nicht, weil sie als Mutter, Lehrerin, Ehefrau, Kümmerin keine Ruhe findet, sich im falschen Leben fühlt. Janis, weil sie ihren Job als Pflegerin aufgegeben hat und nun in einem Schlaflabor arbeitet. Sie beobachtet und bewacht die Menschen, wenn sie schlafen. Sie selbst sucht den Schlaf tagsüber abgedunkelt und allein in ihrer Wohnung. Im Schlaflabor begegnen sich Sina und Janis und entwickeln eine ungewöhnliche Freundschaft, die sanft beginnt, dann nach einer Grenzüberschreitung Janis‘ zu zerbrechen droht, um sich dann doch wieder behutsam zu entwickeln.Lesen Sie auch„Schlaf hat mich als Thema schon lange begleitet“, erzählt Tamar Noort, Jahrgang 1976. Ihre eigene Schlaflosigkeit hielt sie lange für ein ganz individuelles Problem. „Dann aber habe ich gemerkt, dass es ein sehr strukturelles Thema ist“, sagt sie. Wie wir mit Schlaf umgehen, habe damit zu tun, wie wir lebten, arbeiteten, welche Rollen wir ausfüllen wollen und müssen, aber und auch mit sozialen Aspekten. „Frauen sind sehr viel häufiger von Schlaflosigkeit betroffen, obwohl das Risiko objektiv geringer ist, weil sie sich in der Regel gesünder ernähren, weniger Übergewicht haben und weniger Alkohol trinken.“ Gleichzeitig würden sie seltener wegen Schlaflosigkeit behandelt, sondern eher mit einem Antidepressivum nach Hause geschickt. „Im Schlaflabor werden vor allem Männer untersucht“, sagt sie.Nach ihrem Studium der Kunst- und Medienwissenschaften sowie Anglistik jobbte Tamar Noort in einem Schlaflabor in Oldenburg. „Ich dachte, das sei ein cooler Job, weil man ja zu Beginn der Nacht die Menschen nur verkabeln muss und dann nichts mehr zu tun hat. Ich dachte, da könnte ich schön viel lesen“, erinnert sie sich. Die größte Herausforderung sei dann jedoch gewesen, überhaupt wach zu bleiben. Das Setting dieses ungewöhnlichen Ortes aber ließ sie nicht mehr los. „Das ist super schräg, weil der Schlaf an sich ja eine sehr intime Situation ist, wir uns von der Welt abkoppeln, physisch aber anwesend sind und uns dann dort komplett anderen Menschen und der Technik ausliefern“, sagt sie.Lesen Sie auchDie Figur der Janis, die im Schlaflabor arbeitet, sei daher auch als Erstes für sie da gewesen. Sie wirkt verloren, wie sie da jede Nacht einsam und irgendwie abgeschottet ihre Zeit in dem Schlaflabor verbringt, um dann in ihre leere Wohnung zu gehen. Ihren festen Bezugsraum hat sie verloren, als sie ihren Job im Krankenhaus aufgegeben hat, das Schlaflabor ist zu ihrem Zufluchtsort geworden, wo sie auf Pause in ihrem ansonsten ereignislosen Leben drücken kann. Der Gegenentwurf ist Sina in ihrem gutbürgerlichen, vollgestopften Leben, in das sie irgendwie reingerutscht ist, die dem Takt der Welt folgt, anstatt ihrem eigenen Rhythmus. Ihre Ambitionen als Künstlerin hat sie begraben und ist stattdessen Kunstlehrerin geworden. Wechselnde Perspektiven Geschickt wechselt Tamar Noort immer wieder die Erzählperspektive, je nachdem welche ihrer Figuren gerade schläft oder dem Schlaf nahe ist. So kommt sie den Figuren ganz nah. Und so wie die Erzählperspektive immer wieder wechselt, ändern sich auch die Sympathien für diese beiden Frauen, ebenso wie ihr Auftreten. Mal ist es Janis, die als „stolze Einsiedlerin“ alles im Griff zu haben scheint, mal ist es Sina, die die Geschichte vorantreibt, die Freundschaft zu Janis lenkt – oder auch vermeidet.Tamar Noort wurde in Göttingen geboren, bevor ihre Eltern mit ihr noch als Säugling in die Niederlande zogen. „Als ich dann mit neun in der Nähe von Hannover in die Schule kam, konnte ich kaum ein Wort Deutsch“, erinnert sie sich. Ihr Vater ist Niederländer, ihre Mutter Deutsche, aber zu Hause wurde Niederländisch gesprochen. Sie sei damals neben einem jugoslawischen Mädchen, das schon gut Deutsch sprach, das einzige ausländische Kind gewesen und mit großem Wohlwollen aufgenommen worden. „Alle und gerade die Lehrerinnen und Lehrer waren sehr engagiert, mich zu integrieren und mir Deutsch beizubringen. Das hat dann auch ganz schnell geklappt“, sagt sie.Lesen Sie auchNach ihrem Studium arbeitete sie nicht nur im Schlaflabor, sondern schloss auch eine Masterclass Non-Fiction an der Internationalen Filmschule Köln an. Sie drehte und dreht Wissenschaftsdokumentationen für das ZDF, Arte und 3sat. „Auch beim Filmemachen arbeite ich intensiv mit Sprache. Ich sehe meine Arbeit als Filmemacherin und Schriftstellerin in einer Reihe“, sagt sie. Es habe dann nur eine Weile gedauert, bis sie den Mut gefasst habe, tatsächlich einen Roman zu schreiben. Mit der Veröffentlichung ihres zweiten Buches will sie definitiv nicht mehr damit aufhören, Schriftstellerin zu sein.Ihr prämiertes Debüt-Werk handelte von einer Pastorin, die plötzlich sämtliche Gebete vergisst und sich daraufhin auf den Weg zum Ort ihrer Kindheit begibt und damit auf eine Reise in die Vergangenheit. Auch mit diesem Thema kannte sich Tamar Noort schon vor der Recherche zu dem Roman aus. Ihr Vater ist Theologie-Professor, ihre Schwester Theologin, ihr eigener Name ist ein hebräischer, der auch in der Bibel auftaucht. Doch in ihrem Debüt geht es nicht nur um eine Frau, die plötzlich an „Gottdemenz“ leidet, sondern um eine, die sich von Erwartungen löst und herausfinden will, welches Leben sie tatsächlich leben will.Auch Janis und Sina sind an einem Punkt, an dem es für sie nicht weitergeht, sie sich aus teils selbst auferlegten Rollen lösen wollen. Und so ist „Der Schlaf der Anderen“ auch ein sehr feministisches Buch, die Männer kommen ziemlich schlecht weg. Das aber nicht etwa, weil Tamar Noort die Männer verteufelt. „Es geht um Frauen, die in Strukturen festhängen, die von Männern befeuert oder zumindest aufrechterhalten werden.“ Diesen Frauen verschafft Tamar Noort einen Raum.Britta Schmeis






