PfadnavigationHomeGeschichteVorläufer vom Iron DomeDiese Flugabwehrrakete hielt Albert Speer für die wahre „Wunderwaffe“Von Johann AlthausVeröffentlicht am 11.08.2025Lesedauer: 5 MinutenEine „Wasserfall“ auf einem Transportwagen (undatierte Aufnahme)Quelle: Roger Viollet via Getty ImagesDie „Wasserfall“ hätte laut Hitlers Rüstungsminister den Luftkrieg zugunsten des Dritten Reiches drehen können – falls Hitler auf die „Vergeltungswaffe“ V-2 verzichtet hätte. Was stimmt an dieser Behauptung? Immerhin ist Speer als notorisch unzuverlässig bekannt.Die Effektivität war dramatisch schlecht. Je nach Kaliber, Bauart und Zielerfassung waren 3000 bis 16.000 Schuss aus einem schweren Flakgeschütz nötig, um 1943/44 einen einzigen feindlichen Bomber vom Himmel über Deutschland zu holen. Bei Granatgewichten von 14,7 Kilo Kilogramm der veralteten 8,8-cm-Flak 36 bis 26 Kilo der leistungsstärksten 12,8-cm-Flak 40 bedeutete das einen Munitionsverbrauch von 78 bis sogar 235 Tonnen pro zerstörter gegnerischer Maschine. Zwölf Prozent der gesamten Munitionsproduktion im Dritten Reich ging an die Flak – doppelt so viel wie für die Feldartillerie des Heeres. Allein das Aluminium, das für Flakgranaten verbraucht wurde, hätte für den Bau von 40.000 einsitzigen Jagdmaschinen gereicht. „Der Aufwand bei der Flak stand in keinem vernünftigen Verhältnis zum Ergebnis“, schreibt der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller in seinem Standardwerk „Der Bombenkrieg“. Und fügt hinzu: „Die Entwicklung von Flakraketen als kostengünstige Alternative kam bis Kriegsende nicht zum Abschluss.“Tatsächlich aber gab es eine Rakete, die 1944/45 erprobt wurde; mindestens 40 Teststarts sind dokumentiert. Die C2/E2 „Wasserfall“ wäre vielleicht wirklich jene „Wunderwaffe“ gewesen, die Hitler stets erträumt und die sein Propagandachef Joseph Goebbels vielfach versprochen hatte. Dieser Ansicht war jedenfalls Albert Speer: „Wir hätten unsere Anstrengungen besser auf die Fertigung einer Boden-Luft-Abwehrrakete konzentriert“, schrieb er Ende der 1960er-Jahre in seinen allerdings notorisch unzuverlässigen „Erinnerungen“. Was stimmt daran und was nicht?Die Rakete sei bereits 1942 unter dem Decknamen „Wasserfall“ so weit entwickelt worden, dass eine baldige Serienfertigung möglich gewesen wäre, behauptete Speer. Wenn, ja „wenn wir die Fähigkeiten aller Techniker und Wissenschaftler der Peenemünder Raketenentwicklung unter Wernher von Braun von da an voll auf sie eingesetzt hätten“.Das knapp neun Meter lange, 3,5 Tonnen schwere Geschoss war demzufolge imstande, rund dreihundert Kilogramm Sprengstoff gezielt bis in maximal 15.000 Meter Höhe an gegnerische Bomberflotten heranzubringen. Sie sei „unabhängig von Tag oder Nacht, von Wolken, Frost und Nebel“ gewesen. Hätte die deutsche Rüstungsindustrie, so deren Chef rückblickend, die für den Bau von 900 „Vergeltungswaffen“ V-2 aufgewendeten Ressourcen in die „Wasserfall“ gesteckt, wäre es möglich gewesen, monatlich einige Tausend dieser vergleichsweise kleinen Raketen herzustellen. „Ich bin noch heute der Ansicht, dass die Rakete im Verein mit den Strahljägern ab Frühjahr 1944 die Luftoffensive der westlichen Alliierten gegen unsere Industrie hätte zusammenbrechen lassen.“Lesen Sie auchIn sieben Monaten von September 1944 bis März 1945 wurden tatsächlich etwa 6000 V-2 hergestellt – von der ein knappes Drittel so schweren „Wasserfall“ hätten es also leicht 18.000 Stück sein können. Insofern lag Speer also durchaus richtig.Aber hatte die „Wasserfall“ wahrlich die technischen Qualitäten, die der gelernte Architekt Albert Speer, dessen technisches Verständnis eher begrenzt war, ihr zuschrieb? Zweifel sind angebracht. Gesteuert wurde die Rakete von einem Schützen in einer Art Liegestuhl. Bei Tageslicht zielte er auf Sicht, unterstützt durch verschiedene Optiken. Je nach Uhrzeit musste er seine Position verändern, da ein Einsatz gegen die Sonne unmöglich war. Das Steuersystem selbst war bewährt, es handelte sich um das FuG 203, das auch bei der antriebslosen Lenkbombe Fritz X und dem Marschflugkörper Henschel Hs-293 zum Einsatz kam. Erreichte die „Wasserfall“ den anvisierten Bomberpulk, musste die Sprengladung manuell ausgelöst werden – einen praktikablen Annäherungszünder gab es bei der Luftwaffe noch nicht. Deutlich komplizierter war ein Einsatz bei Nacht. Hier musste auf ein elektronisches Verfahren zurückgegriffen werden. Ein Radargerät verfolgte die einfliegenden Feindmaschinen und strahlte sie an. In „Wasserfall“-Exemplaren für den Nachteinsatz war ein einfacher Sender-Empfänger eingebaut, der ein sicher veränderndes Signal abstrahlte je nachdem, wie genau sich die Rakete auf dem Radarstrahl bewegte; die notwendige Technik war bereits vor Kriegsbeginn für das Bomber-Leitsystem X-Verfahren entwickelt worden. Die Zündung sollte ebenfalls von Hand ausgelöst werden, sobald die Flughöhe der Rakete etwa jener der Bomber entsprach.Der Sprengkopf sollte tags wie nachts eine Splitterwolke und Detonationswelle erzeugen, die idealerweise gleich mehrere gegnerische Maschinen zerstören sollte. Unter der Voraussetzung, dass mindestens jeder zweite Schuss zu wenigstens einem Abschuss führte, wäre die Effektivität der deutschen Flugabwehr deutlich verbessert worden.Der Militärhistoriker Horst Boog rechnete nach und kam zum Ergebnis, dass die Flakrakete für einen Abschuss 4,2 Tonnen an Sprengstoff und Treibladung benötigt hätte, die schwere Flak hingegen je nach Kaliber mindestens 18 bis 22,5 Tonnen. „Flakraketen hätten somit auch die Engpasssituation auf dem Salpetersäuregebiet bei größerer Effektivität mildern helfen können“, urteilte Boog, wandte aber selbst ein, dass die Entwicklung eben 1944 noch nicht annähernd abgeschlossen war.Festzuhalten bleibt, dass Albert Speer den Stand der „Wasserfall“ deutlich zu positiv schilderte. Bis zum 17. Februar 1945 erfolgten Teststarts, doch auch nur in die Nähe eines Kampfeinsatzes kam die Rakete nie. Potenzial jedoch, und damit lag Hitlers Rüstungsminister durchaus richtig, hätte die C2/E2 durchaus gehabt: In den USA wurde daraus nach 1945 die Boden-Luft-Rakete Hermes A1 entwickelt, deren Technik schließlich in die erste tatsächlich einsatzbereite Boden-Luft-Rakete Nike ab 1953 einging. In der Sowjetunion wurde aus der deutschen Waffe über mehrere Zwischenstufen die SA-1 entwickelt, die 1955 in Dienst gestellt wurde. So gesehen, ist die „Wasserfall“ der Stammvater der heute führenden Boden-Luft-Abwehrsysteme Patriot und Iron Dome.
Vorläufer der Patriot: Diese Flakrakete hielt Albert Speer für die wahre „Wunderwaffe“ - WELT
Die „Wasserfall“ hätte laut Hitlers Rüstungsminister den Luftkrieg zugunsten des Dritten Reiches drehen können – falls Hitler auf die „Vergeltungswaffe“ V-2 verzichtet hätte. Was stimmt an dieser Behauptung? Immerhin ist Speer als notorisch unzuverlässig bekannt.







