PfadnavigationHomeGeschichteV-Waffen des Dritten ReichesWie der deutsche Sturzkampfbomber zur „Wunderwaffe“ wurdeVeröffentlicht am 27.04.2026Lesedauer: 6 MinutenObwohl langsam und anfällig, wurde die Junkers Ju 87 von der NS-Propaganda gerühmtQuelle: picture alliance/arkiviUm der zunehmenden materiellen Überlegenheit der Alliierten im Zweiten Weltkrieg etwas entgegenzusetzen, setzte das NS-Regime auf „V-Waffen“. Die „Wunder“, die sie auf dem Schlachtfeld bewirken sollten, dienten jedoch gänzlich anderen Zielen.Wenige Tage, nachdem sich der Ring der sowjetischen Truppen um die deutsche 6. Armee in Stalingrad geschlossen hatte, erschien am 25. November 1942 in zahlreichen Zeitungen im Deutschen Reich eine erstaunliche Meldung. Darin wurde die Einführung eines neuen Maschinengewehrs erwähnt, das 3000 Schuss pro Minute abfeuern könne und damit den Eingekesselten überlegene Feuerkraft verschaffen würde. Von Rotarmisten würde es daher wegen seines charakteristischen Geräuschs als „elektrisches“ MG bezeichnet. Die Nachricht, die offenbar der Beruhigung der Heimatfront dienen sollte, empörte jedoch NS-Propagandaminister Joseph Goebbels: „Moskau dementiert das Vorhandensein“, notierte er in seinem Tagebuch: „Die Veröffentlichung dieser Waffen (neben dem MG 42 war auch von einem Flammenwerfer-Panzer die Rede gewesen) ist ohne mein Wissen geschehen, gerade in einem Augenblick, der psychologisch außerordentlich ungünstig war. Auch sind die Unterlagen für diese Waffen nicht so beschaffen, dass man sich absolut darauf festlegen kann. Ich ordne eine Untersuchung an, wie diese Veröffentlichung zustande gekommen ist.“Im Gegensatz zu seinen Mitarbeitern, die die Meldung lanciert hatten, hatte Goebbels nämlich ein Verständnis für die Crux falscher Propaganda-Meldungen: Sie müssen auf einem wahren Kern aufbauen, um nicht als Märchen erkannt zu werden. Werden sie als solche enttarnt, schlägt ihre Wirkung leicht ins Gegenteil um. Der Absender verliert an Glaubwürdigkeit, und das hochgejubelte Objekt den Nimbus, der ihm eigentlich verpasst werden sollte. Dass „Wunderwaffen“ heikle Kriegsinstrumente sind, zeigt derzeit der Konflikt in der Ukraine. Da werden ukrainische Vampir-Drohnen oder russische Oreschnik-Raketen mit diesem Etikett versehen, ohne dass sich jedoch die damit errungenen Erfolge verifizieren lassen. Die ambivalenten Effekte dieser Instrumente stellt die Sonderausstellung „Wunderwaffen. Propaganda und Kriegstechnik im Nationalsozialismus“ vor, die bis zum 9. März 2027 im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden zu sehen ist. Präsentiert wird eine Fülle von Beispielen, die – wie der Panzer „Maus“, das Schlachtschiff „Bismarck“, die Raketen V-1 und V-2 bis hin zur legendenumwobenen „Reichsflugscheibe“ – im Dritten Reich einem „massiven und komplexen Manipulationsprozess der öffentlichen Wahrnehmung“ dienten, dessen Nachwirkung noch heute in Online-Foren, Bausätzen, Filmen und Bahnhofsbuchhandlungen greifbar ist. Zum Einstieg erklären einige Großexponate, warum das NS-Regime so versessen auf „Wunderwaffen“ war. Das Sturmgeschütz III und das Jagdflugzeug Me Bf 109 waren die meistgebauten schweren Waffen von Heer und Luftwaffe. Aber ihre Zahlen und Leistungsfähigkeit konnten mit zunehmender Kriegsdauer nicht einmal annähernd mit den Produktionsleistungen der alliierten Kriegsindustrien mithalten. So wurden von den verschiedenen Versionen des Sturmgeschützes bis Kriegsende rund 10.000 Exemplare produziert. Allein der sowjetische Panzer T-34, von dem ein Modell vor dem Museum zu sehen ist, brachte es dagegen während des Krieges auf 56.000 Exemplare. Lesen Sie auchUm ihre quantitative Unterlegenheit zu verschleiern, setzte die NS-Propaganda daher früh auf Wunderdinge in der Qualität. Der Sturzkampfbomber Ju 87 wurde zum Symbol des „Blitzkriegs“ verklärt. Damit wurde eine Überlegenheit vorgegaukelt, die es nicht gab. Bereits in der Luftschlacht um England zeigte sich nämlich, dass die langsame „Stuka“ gegen massive Jäger-Angriffe keine Chance hatte; ab 1943 wurden die Geschwader sogar aufgelöst. Dass die „Stuka“ dennoch nicht aus dem Repertoire der Propaganda verschwand, erklärt sich mit einer veränderten Zielrichtung. An die Stelle schneller Siege trat die heldenhafte Opferbereitschaft.Lesen Sie auchAuch die Strategie des „Blitzkriegs“ war eine Erfindung vom Schreibtisch. Damit wurde der schnelle Sieg über Frankreich 1940 erklärt, obwohl er von der deutschen Führung gar nicht erwartet worden war. Erst im Nachhinein wurde daraus eine planvolle Kriegsführung, die Heer und Heimat Mut für kommende Feldzüge machen sollte. Die damit geschürte Begeisterung konnte allerdings auch in tiefe Enttäuschung umschlagen, wie es der Untergang des Schlachtschiffs „Bismarck“ im Mai 1941 bewies. Möglicherweise war es im Frühjahr 1941 das stärkste und schnellste Großkampfschiff der Welt. Aber ein von einem Doppeldecker-Bomber abgeworfener Torpedo reichte aus, um das Schiff manövrierunfähig zu machen, den Rest besorgte ein Rudel schwächerer britischer Schiffe. Die nationalsozialistische Volksgemeinschaft musste also mit dem Phänomen fertigwerden, dass eine Wunderwaffe durchaus verwundbar war, zumal wenn der Gegner über den Vorteil der zahlenmäßigen Überlegenheit verfügte.Lesen Sie auchDas galt auch für die berühmte Wunderwaffe, mit der Hitler nach der Katastrophe von Stalingrad die Wende herbeizuführen versprach und für die er selbst einen markigen Namen fand: den Panzerkampfwagen VI „Tiger“. Das Modell aus dem 3-D-Drucker, das in der Ausstellung zu sehen ist, vermittelt eine Vorstellung von diesem Giganten, dessen 8,8-Zentimeter-Kanone an Reichweite und Durchschlagskraft alle alliierten Panzer übertraf. Aber bereits Anfang 1943 fiel eines dieser technisch keineswegs ausgereiften Fahrzeuge den Amerikanern in Nordafrika in die Hände. Weil der „Tiger“ damit seine geheimnisvolle Aura verlor, steuerte die NS-Propaganda schnell um. Nun wurde er als König des Schlachtfeldes gefeiert, was vor allem die Angehörigen in der Heimat beruhigen sollte. Ihren Männern und Kindern, so die Botschaft, standen nun Waffen zur Verfügung, mit denen sie sich der Übermacht an allen Fronten erwehren konnten. In der Realität war der „Tiger“ jedoch langsam und technisch nicht ausgereift, verlangte eine aufwendige Logistik und entsprach als offensiver „Durchbruchspanzer“ nicht den taktischen Erfordernissen der Rückzugskämpfe.Lesen Sie auchUm sich nicht allzu weit von der Wahrheit zu entfernen, ging die NS-Propaganda dazu über, nicht mehr von „Wunder-“, sondern von „Vergeltungswaffen“ zu sprechen. Damit wurde signalisiert, dass der alliierten Übermacht etwas Gleichwertiges entgegengeworfen werde. Die bekanntesten V-Waffen wurden der Marschflugkörper Fieseler Fi 103 (V-1) und die ballistische Rakete Aggregat 4 (V-2). Obwohl deutsche Spezialisten damit Neuland betraten und mit dem Raketen-Team um Wernher von Braun Grundlagen für die bemannte Raumfahrt entwickelten, waren damit allenfalls Nadelstiche möglich. Diese sorgten vor Ort zwar für Leid und Entsetzen, den Vergleich mit der alliierten Bomberoffensive jedoch hielten sie nicht einmal ansatzweise aus. Vermutlich forderte die Produktion der V-Waffen in den unterirdischen Stollen des KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen mehr Menschenleben unter den eingesetzten KZ-Häftlingen als ihre Einschläge in englischen Städten.Je näher die alliierten Truppen den Reichsgrenzen kamen, desto aberwitziger wurden die Ideen, ihren Vormarsch mit neuen Waffen stoppen zu können. Dieser ressourcenverschlingende Selbstbetrug brachte bizarre Prototypen wie den 188 Tonnen schweren Panzerkampfwagen VIII „Maus“ hervor, der 13 km/h im Gelände erreichte und dabei Trassen und Brücken ruinierte. Der senkrecht startende Jäger Ba 349 „Natter“ mit Raketenantrieb hätte wohl Schallgeschwindigkeit erreicht, doch der einzige bemannte Probeflug endete für den Piloten tödlich. Auch die „Kleinstkampfmittel“ der Kriegsmarine wie Mini-U-Boote und Einmanntorpedos erwiesen sich für ihre ungeübten Besatzungen als Himmelfahrtskommandos. Der Amerikabomber „Silbervogel“ blieb ebenso eine Illusion wie die „Reichsflugscheibe“. Diese fliegende Untertasse sorgte dafür umso wirkungsvoller für die anhaltende Faszination der „Wunderwaffen“. In dem Film „Iron Sky“ (2012) von Timo Vuorensola errichten Nazis damit auf dem Mond eine Raumstation, von der aus sie ihre Weltherrschaftspläne in die Tat umzusetzen suchen. Als Horror-Requisiten für die dunkle Seite der Macht geistern Hitlers „Wunderwaffen“ weiterhin durch die Popkultur. „Wunderwaffen. Propaganda und Kriegstechnik im Nationalsozialismus“, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden, bis 9. März 2027Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörten die Weltkriege zu seinem Arbeitsgebiet.