PfadnavigationHomeGeschichteErste Parteigründung nach Hitler„Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben“Veröffentlicht am 13.06.2025Lesedauer: 6 MinutenWalter Ulbricht im Mai 1945, wahrscheinlich aufgenommen in Bruchmühle bei BerlinQuelle: picture alliance/SZ PhotoFalsches Spiel in Berlin: Um den aus Moskau nach Deutschland zurückgekehrten Exilkommunisten einen Startvorteil zu verschaffen, bricht die sowjetische Besatzungsmacht am 10. Juni 1945 die alliierten Absprachen. Stalins deutscher Statthalter Walter Ulbricht wird aktiv.Überrumpelt und ausgespielt fühlen sich Mitte Juni 1945 britische und US-Militärverwaltungsoffiziere in Deutschland. Der Grund ist ein Überraschungscoup ihres (Noch-)Verbündeten Sowjetunion, der die Westalliierten unter erheblichen Druck setzt: die Zulassung von Parteien im besetzten Deutschland in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ).Gerade erst am 5. Juni haben die vier Oberbefehlshaber der Anti-Hitler-Koalition in der „Berliner Deklaration“ offiziell die Regierungsgewalt in Deutschland übernommen: „Die Alliierten Vertreter (...) werden Proklamationen, Befehle, Verordnungen und Anweisungen ergehen lassen, um solche zusätzlichen Forderungen festzulegen und die übrigen Bestimmungen dieser Erklärung auszuführen. Alle deutschen Behörden und das deutsche Volk haben den Forderungen der Alliierten Vertreter bedingungslos nachzukommen.“Lesen Sie auchDeshalb lösen die westlichen Alliierten Anfang Juni 1945 die in vielen Städten spontan entstandenen „Antifa-“ oder „Arbeitsausschüsse“ auf – Deutschen ist bis auf Weiteres jede politische Betätigung untersagt. In Stuttgart zum Beispiel haben sich bereits Mitte Mai Hitler-Gegner vor allem aus der im Dritten Reich unterdrückten Arbeiterbewegung in „Kampfkomitees“ zusammengeschlossen, um kommunale Interessen gegenüber der Militärregierung zu vertreten. Genau das, was die inklusive Frankreich vier Siegermächte gar nicht wollen. Diese alliierte Absprache unterläuft jedoch der Befehl Nummer zwei der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) vom 10. Juni 1945. Danach sei „die Bildung und Tätigkeit aller antifaschistischen Parteien zu erlauben, die sich die endgültige Ausrottung der Überreste des Faschismus und die Festigung der Grundlage der Demokratie und der bürgerlichen Freiheiten in Deutschland und die Entwicklung der Initiative und Selbstbetätigung der breiten Massen der Bevölkerung in dieser Richtung zum Ziel setzen“.Lesen Sie auchMit der für seine Verbündeten komplett überraschenden Zulassung folgt Marschall Georgi Schukow Anweisungen aus dem Kreml. Stalins Ziel ist, durch die schnelle Bildung von Parteien den Kommunisten einen Vorteil zu verschaffen. Tatsächlich liegt die KPD vorn – sie geht schon am 11. Juni 1945 an die Öffentlichkeit. Ein abgekartetes Spiel, um die verunsicherte Bevölkerung im absehbaren Ringen um Deutschlands Zukunft auf die Seite der Kommunisten zu ziehen.Lesen Sie auchEntsprechend moderat formuliert ist das erste Dokument der KPD: „Wir sind der Auffassung, dass der Weg, Deutschland das Sowjetsystem aufzuzwingen, falsch wäre“, heißt es in dem Aufruf, der zunächst als Flugblatt erscheint und schon zwei Tage später in der ersten Ausgabe der „Deutschen Volkszeitung“, dem neuen Parteiblatt der wiedergegründeten KPD. Ebenso überraschend geht es weiter: „Wir sind vielmehr der Auffassung, dass die entscheidenden Interessen des deutschen Volkes in der gegenwärtigen Lage für Deutschland einen anderen Weg vorschreiben, und zwar den Weg eines antifaschistischen, demokratischen Regimes, einer parlamentarisch-demokratischen Republik mit allen Rechten und Freiheiten für das Volk.“In Wirklichkeit wollen die nach Berlin zurückgekehrten Exilkommunisten von Anfang an sämtliche entscheidenden Positionen für sich beanspruchen und sie „niemals wieder aus der Hand geben“. Das notiert Wilhelm Pieck, vor 1933 Mitglied der Parteiführung und nun in Moskau Galionsfigur der Exilkommunisten. Deren eigentlicher Kopf ist Walter Ulbricht, ein williger Vollstrecker Stalins. Er prägt intern die berühmt-berüchtigte Formel: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Mit einer Handvoll Vertrauter ist er im Schlepptau der Roten Armee am 30. April 1945 aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommen, um hier die Machtübernahme der Exilkommunisten vorzubereiten. Doch unter seinen Leuten ist mit Wolfgang Leonhard, dem Jüngsten, auch jemand, der noch selbstständig denkt; bis Anfang 1949 werden seine Zweifel so sehr wachsen, dass er sich über Jugoslawien nach Westdeutschland absetzt und fortan Ulbricht und Konsorten schonungslos kritisieren wird.Doch soweit ist es im Juni 1945 noch nicht: Einstweilen funktioniert der Komintern-Schüler Leonhard wie erwartet. So unterstützt er die Gruppe Ulbricht nach Kräften, in den im Sommer und Herbst 1945 entstehenden ersten deutschen Gremien auf kommunaler Ebene immer zwei Positionen für Kommunisten zu sichern: das für Personalpolitik zuständige Ressort und die Leitung der neu gegründeten Polizei. In der SBZ gelingt ihnen das mit Unterstützung der Militärverwaltung fast überall; in den westlichen Zonen durchschauen die zuständigen Besatzungsoffiziere das Spiel und berufen andere Personen.Die gibt es – auch wenn die von der brutalen Verfolgung durch das NS-Regime erlösten Sozialdemokraten vom SMAD-Befehl so überrascht sind, dass sie erst vier Tage später auf die Gründung der KPD reagieren. Zwar hat schon im April der ehemalige Reichstagsabgeordnete und KZ-Überlebende Kurt Schumacher in Hannover insgeheim mit dem Aufbau neuer Parteistrukturen begonnen, doch an die Öffentlichkeit geht ein Berliner „Zentralausschuss“ der SPD erst am 15. Juni. Otto Grotewohl, ebenfalls bis 1933 Reichstagsabgeordneter, ruft an diesem Tag zur „Einheit der Arbeiterklasse“ auf und verkündete, dass man mit der KPD einen gemeinsamen Ausschuss bilden werde. Das sieht Kurt Schumacher freilich ganz anders. Er hält am strikten Antikommunismus der SPD der Weimarer Republik fest.In den politischen Konzepten aber unterscheiden sich die beiden konkurrierenden SPD-Kerne in Berlin und Hannover wenig: Beide buchstabierten ihren Parteinamen neben der eigentlichen Bedeutung als „Sozialismus, Planwirtschaft, Demokratie“, und beide plädierten für eine Vergesellschaftung der Großindustrie und der Banken. Zumindest öffentlich formulieren sie also weit radikalere Ziele als die KPD.Im Gegensatz zu den Arbeiterparteien leidet das politisch interessierte Bürgertum unter der Hypothek, 1933 größtenteils nicht gegen Hitler gestanden zu haben. Die bürgerlich-liberalen Parteien haben sogar am 23. März 1933 dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt. Trotzdem gibt es natürlich weiter ein christlich-konservatives Spektrum, das im Sommer 1945 eine politische Heimat sucht. Klar ist, dass die neue Partei möglichst überkonfessionell sein sollte – ausschließlich katholische oder protestantische Gruppierungen wie bis 1933 Zentrum und DNVP soll es nicht wieder geben. An verschiedenen Orten in Deutschland kommen in diesen Wochen Vertreter des Bürgertums zusammen, um über die künftige Struktur des christlich-konservativen Flügels der Gesellschaft zu beraten. Im noch vollständig sowjetisch besetzten Berlin entsteht eine erste Ortsgruppe der CDU. Am 26. Juni veröffentlichen die Initiatoren um den ehemaligen Zentrums-Parlamentarier Andreas Hermes einen Sammlungsaufruf. Zuvor bereits haben christliche Demokraten in Köln ihre Leitsätze publiziert. Auch sie verlangen, die „Vorherrschaft des Großkapitals, der privaten Monopole und Konzerne“ zu brechen; zugleich heißt es: „Das Recht auf Eigentum wird gewährleistet.“ Wie beides zusammen gehen soll, bleibt offen. Die politischen Umstände des Juni 1945 haben zu der paradoxen Situation geführt, dass ausgerechnet das Programm der wiedergegründeten KPD am wenigsten revolutionär anmutet. Doch schnell zeigt sich: Um offizielle Programmatik geht es nicht, sie ist reine Augenwischerei – die politische Praxis ist entscheidend.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.
Walter Ulbricht: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben“ - WELT
Falsches Spiel in Berlin: Um den aus Moskau nach Deutschland zurückgekehrten Exilkommunisten einen Startvorteil zu verschaffen, bricht die sowjetische Besatzungsmacht am 10. Juni 1945 die alliierten Absprachen. Stalins deutscher Statthalter Walter Ulbricht wird aktiv.







