PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1952Als Stalin den Westen „irre machen“ wollteVeröffentlicht am 20.04.2026Lesedauer: 5 MinutenHelden-Plakat von Josef Stalin, gemalt 1951Quelle: picture-alliance/akg-imagesEs handelte sich klar erkennbar um ein Störmanöver: Am 10. März 1952 machte Moskau den drei Westmächten ein Angebot für die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Immerhin fehlte der polemische Unterton. Insofern hatte das Angebot tatsächlich eine neue Qualität, das der stellvertretende sowjetische Außenminister Andrei Gromyko am 10. März 1952 den Botschaftern der drei westlichen Siegermächte in Moskau übergab. Die sonst üblichen Verbalattacken hatten sich die Autoren der Note diesmal gespart. Bei dem Papier handelte sich um eine Einladung: Die drei westlichen Adressaten sollten mit der UdSSR konferieren, um die weiterhin offenen Fragen Deutschland als Ganzes betreffend zu regeln, vorrangig die Frage eines Friedensvertrags.Auch sonst stand durchaus Bemerkenswertes in der auf Englisch 1182 Wörter langen Note: Deutschland sollte in den Grenzen, die auf der Potsdamer Konferenz 1945 festgelegt worden waren, wiedervereinigt werden. Höchstens zwölf Monate nach dem Vertragsschluss mit Deutschland müssten alle Besatzungstruppen abgezogen sein. Im wiedererstandenen Gesamtdeutschland würden Versammlungs-, Presse- und Vereinigungsfreiheit gelten; freie Wahlen allerdings wurden nicht erwähnt. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sollte enden.Dann folgte der wichtigste Punkt: Deutschland dürfte keinerlei Koalitionen oder Militärbündnisse eingehen, die sich gegen irgendeinen Staat richteten, der mit seinen Streitkräften am Kriege gegen Deutschland teilgenommen hatte. Das bedeutete: Das vereinigte Land in der Mitte Europas sollte künftig neutral sein. Im Gegenzug sei gestattet, nationale, zur Verteidigung notwendige Streitkräfte aufzustellen sowie die dazu nötigen Waffen zu produzieren.Gerade angesichts dieses Zugeständnisses allerdings bekam die Einleitung der Note eine unfreiwillige Komik: „Die Notwendigkeit eines beschleunigten Friedensvertrages mit Deutschland ergibt sich aus der Tatsache, dass die Gefahr einer Wiederbelebung des deutschen Militarismus, der bereits zweimal Weltkriege ausgelöst hat, nicht gebannt ist.“ Und um das zu erreichen, sollten einem neutralen Gesamtdeutschland eigene Streitkräfte und eine eigene Rüstungsindustrie zugestanden werden?Die Diplomaten in Washington, London und Paris ließen sich keine Sekunde lang täuschen: Bei diesem Angebot handelte es sich um einen versuchten Betrug; das sah jeder, der schon einmal mit den Sowjets verhandelt hatte. Dafür sprach schon der Zeitpunkt, zu dem Gromyko aktiv geworden war: Anfang März 1952 liefen in Paris intensive Diskussionen über die Gründung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), in deren Rahmen westdeutsche Truppen aufgestellt werden sollten – das war angesichts der Verwüstungen im Ersten und der Besetzung im Zweiten Weltkrieg gerade in Frankreich hochgradig umstritten. Einen besseren Zeitpunkt konnte man sich für ein (vermeintliches) Angebot, faktisch: ein Störmanöver, gar nicht aussuchen. Außerdem war es nicht das erste scheinbare Angebot aus dem Osten, die deutsche Teilung zu überwinden. Der Stalin-hörige DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl hatte in verschiedenen Varianten Ähnliches wiederholt vorgeschlagen. Am 30. November 1950 etwa einen „Gesamtdeutschen Konstituierenden Rat“, paritätisch bestehend aus Vertretern Ost- und Westdeutschlands – doch die Bundesrepublik hatte zu dieser Zeit, einschließlich West-Berlins, etwa 49,85 Millionen Einwohner, die DDR mit Ost-Berlin 18,39 Millionen. Angemessen wäre also allein eine Besetzung im Verhältnis 73 zu 27 Prozent gewesen. Als Bundeskanzler Konrad Adenauer allgemeine, freie, geheime und gleiche Wahlen in ganz Deutschland zur Bedingung eines „Konstituierenden Rates“ machte, antwortete die SED-Diktatur mit einem propagandistischen Trommelfeuer gegen die Bundesregierung. Der westdeutsche Regierungschef wurde als „Handlanger des Monopolkapitals und der amerikanischen Aggressoren“ geschmäht. Lesen Sie auchDoch als ob das nie passiert wäre, unternahm Grotewohl am 15. September 1951 einen neuen Anlauf. Diesmal rief er selbst zu gesamtdeutschen Wahlen auf. Als Konrad Adenauer in seiner Antwort die Kontrolle der Abstimmungen durch die Vereinten Nationen verlangte, ignorierte der SED-Politiker das. Der trotzdem gebildeten UN-Kommission zur Vorbereitung einer solchen Abstimmung verweigerte die DDR im Januar 1952 die Einreise.Stattdessen bot Grotewohl am 15. Februar 1952 nun den Westmächten an, gemeinsam einen Friedensvertrag für ganz Deutschland zu erarbeiten. Doch die USA, Großbritannien und Frankreich machten sofort klar, dass sie nicht mit der DDR zu verhandeln gedachten. Vier Wochen später folgte der Vorschlag aus Moskau.„Die Sowjetunion will Deutschland isolieren“, titelte WELT daraufhin am 12. März 1952 über den bald als „Stalin-Note“ allgemein bekannten Vorschlag. „In ihrer taktischen Funktion ist sie nur eine der Phasen in den Bemühungen Moskaus, die Eingliederung der Bundesrepublik in die Verteidigungsgemeinschaft des Westens zu verhindern oder zumindest zu verzögern“, hieß es im Leitartikel: „Nein, wir werden uns auch durch diese neue Note des Kreml nicht irremachen lassen.“Lesen Sie auchSchon zwei Tage später bestätigte ausgerechnet Otto Grotewohl, dass Gromykos Note das Papier nicht wert war, auf das man sie geschrieben hatte. Denn der DDR-Ministerpräsident gab am 14. März zu, wie er das Angebot verstanden wissen wollte. Selbstverständlich sollten bei den Wahlen Organisationen ausgeschlossen bleiben, die „der Erhaltung des Friedens feindlich gesinnt“ seien – so aber nannte die SED-Propaganda die westdeutschen Parteien schon routinemäßig. Zudem sah er den „Weg des Friedens und des demokratischen Aufbaus“ in einem Drittel Deutschlands bereits erfüllt – in der DDR.Den letzten Beweis, dass die Stalin-Noten (es folgten noch einige weitere im Frühjahr 1952) niemals ernst gemeint waren, lieferten übrigens vier Jahrzehnte später bekannt gewordene private Aufzeichnungen des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck von Ende März und Anfang April 1952. Beim Moskau-Besuch der SED-Führung, darunter zwei Gesprächen mit Stalin persönlich, ging es gar nicht um die Vorschläge aus Moskau. Sondern im Gegenteil um die Stärkung der SED-Herrschaft in der sowjetischen Besatzungszone. „Volksarmee schaffen – ohne Geschrei“ notierte Pieck sowie, dass die „pazifistische Periode“ vorbei sei. Die dem Westen angebotenen Wahlen betrachtete der DDR-Präsident als „Massenkampf zum Sturz der Adenauer-Regierung“. Es gab also im Frühjahr 1952 bei der SED-Führung und bei Josef Stalin keine Spur von Einigungsbereitschaft und ebenso wenig irgendeine Erwartung, dass die Note vom 10. März ernst genommen werden könnte. Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, der Kalte Krieg, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.
1952: Als Stalin den Westen „irre machen“ wollte - WELT
Es handelte sich klar erkennbar um ein Störmanöver: Am 10. März 1952 machte Moskau den drei Westmächten ein Angebot für die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.






