Die Schweden-Wahl 2026 entwickelte sich in der Nacht von Sonntag auf Montag zum Schwedenkrimi. Noch vor ein paar Wochen war der Vorsprung des Mitte-Links-Blocks in den Umfragen so groß gewesen, dass die Wahl an diesem Sonntag schon entschieden zu sein schien, alles deutete auf ein Ende der konservativ-rechten Regierung von Ministerpräsident Ulf Kristersson hin. In der Nacht nach der Wahl dann wechselten die Kräfteverhältnisse der beiden Blöcke hin und her. Als am Montagmorgen rund 94 Prozent der Stimmen ausgezählt sind, sieht es nach einer Mehrheit von gerade mal drei Sitzen im schwedischen Reichstag für ein mögliches Mitte-Links-Bündnis aus, 176 zu 173.Aber zu Ende ist der Krimi auch nach dieser langen Nacht noch nicht. Es sei noch alles möglich, sagte Kristersson in den frühen Morgenstunden.Die Sozialdemokraten sind wie immer die Nummer einsDass die Wahl am Morgen danach noch nicht entschieden ist, das liegt am schwedischen Wahlsystem. Seit zweieinhalb Wochen können die Schweden ihre Stimme abgeben, und noch nie nutzten so viele die Gelegenheit einer vorzeitigen Wahl wie diesmal: Bis Samstag verzeichnete die Wahlbehörde 3,6 Millionen Stimmabgaben, das ist fast die Hälfte aller Wahlberechtigten. Hinzu kommen die Briefwähler aus dem Ausland, deren Stimmen erst ab Mittwoch gezählt werden, und eben jene, die am Wahltag selbst in die Wahllokale gingen. Die Wahlbeteiligung ist in Schweden zwar seit Jahren rückläufig, liegt mit stets mehr als 80 Prozent aber immer noch im weltweiten Spitzenbereich. Noch Minuten vor Schließung der Wahllokale am Sonntagabend meldeten mehrere Stationen lange Schlangen vor den Türen.Ein paar Erkenntnisse brachte diese Nacht voller Geschichten dann aber doch. Das Machtverhältnis der Parteien ist klar – und etwas anders als vor vier Jahren. Die Sozialdemokraten der früheren Ministerpräsidentin Magdalena Andersson erhielten erwartungsgemäß die meisten Stimmen, wie immer in den vergangenen rund hundert Jahren. Bisher 28 Prozent bedeuten zwar ein historisch schlechtes Ergebnis für die Sozialdemokraten und ein Rückgang von rund zwei Prozent gegenüber 2022, wäre aber immerhin etwas mehr als die Umfragen zuletzt vorhersagten. Dahinter kommen nun Kristerssons Moderate auf derzeit 19,9 Prozent, das wäre eine leichte Steigerung im Vergleich zu vor vier Jahren. Drittstärkste Kraft sind mit aktuell 17,6 Prozent die Schwedendemokraten, die schwedischen Rechtspopulisten. Die lagen vor vier Jahren noch bei mehr als 20 Prozent.Jimmie Åkesson, der Chef der Schwedendemokraten, entzog sich als einziger Parteichef in der Nacht sämtlichen Interviews, zum Leidwesen der Wahlparty-Berichterstatter der schwedischen Medien. In seiner Rede sagte Åkesson, er sei „der Überzeugung, dass wir in diesen Wahlen als Sieger hervorgegangen sind“. Richtig ist zwar, dass er und seine Partei im Wahlkampf 2026 erstmals offen wie ein möglicher Koalitionspartner behandelt wurden, zumindest von Ministerpräsident Kristersson und den konservativen Moderaten. Dennoch ist der Abwärtstrend der schwedischen Rechtspopulisten eine der größten Pointen dieser Wahl.Parteichef Jimmie Åkesson spricht bei der Wahlparty der Schwedendemokraten.JONATHAN NACKSTRAND/AFPVier Jahre lang haben die Schwedendemokraten die Politik der Regierung mit gelenkt, als Teil des sogenannten „Tidö-Bündnisses“, benannt nach dem Schloss, an dem es geschlossen wurde. Kristerssons Moderate regierten zusammen mit den Liberalen und den Christdemokraten, mit einer Art Duldung der Rechtspopulisten, also deren Unterstützung im Parlament.Das Ergebnis soll bis Ende der Woche vorliegenAls Kristersson nun kurz vor der Wahl gefragt wurde, ob die Rechtspopulisten diesmal auch Ministerämter bekommen würden, sollte es wieder zu einer Koalition unter seiner Führung kommen, sagte er: „Man verkauft keine Felle, bis der Bär erlegt ist.“ Kristersson gilt als passionierter Jäger, er soll zumindest schon Wildschweine und das ein oder andere Reh geschossen haben.Nun aber sieht es so aus, als habe der harte Anti-Zuwanderungskurs seiner Regierung und der Schwedendemokraten dazu geführt, dass er womöglich nicht mehr derjenige sein wird, der die Felle verteilt. Die Linken und die Grünen legten jeweils zu, auch die zuletzt mitregierenden Liberalen kamen wieder über die Vier-Prozent-Hürde, anders als in den Umfragen prognostiziert. Die schwedische Regierungsbildung ist, man ahnt es schon, kein einfacher Vorgang, aber es sieht so aus, als käme ein mögliches Vier-Parteien-Bündnis aus Sozialdemokraten, Grünen, Linken und der Zentrumspartei auf die erforderliche Mehrheit.Sie werde noch in der Nacht, spätestens Montagmorgen mit den Gesprächen mit den anderen Parteien beginnen, sagte Magdalena Andersson, als die ersten Hochrechnungen am späten Sonntagabend eintrafen. Es gibt noch ein paar Unstimmigkeiten innerhalb der angestrebten Koalition, insbesondere zwischen den Linken und der Zentrumspartei – sollte der hauchdünne Vorsprung Bestand haben, wäre es aber überraschend, sollte Andersson innerhalb der kommenden Wochen keine Regierung bilden können. Eine Beteiligung der Rechtspopulisten schloss Andersson übrigens stets unmissverständlich aus.Die Auszählung geht nun erst mal weiter, bis Ende der Woche soll ein offizielles Ergebnis vorliegen, womöglich früher, aber auch später sei nicht ausgeschlossen, hieß es am Montagmorgen. Am 28. September tritt der neue Reichstag erstmals zusammen, tags darauf kann erstmals ein Ministerpräsident gewählt werden. Sollte sich das derzeitige, knappe Ergebnis bis dahin bestätigt und Magdalena Andersson sich auf eine Koalition mit den drei anderen Parteien geeinigt haben, würde sie ins Amt zurückkehren, das sie 2022 verlor. Die Betonung aber liegt auf „sollte“. Schweden steht vor Wochen im Konjunktiv.