Horst Heldt lernt gerade eine Menge dazu, und das hat er dem 1. FC Union Berlin und seinem Trainer Mauro Lustrinelli zu gleichen Maßen zu verdanken. Und wenn die Bundesliga-Saison so weitergeht, wie sie angefangen hat, so wird sich Heldt, 56, bald um das CELI bemühen können, das Zeugnis der Kenntnis der italienischen Sprache, ein Sprachdiplom für Nichtitaliener. Lustrinelli, 50, ist Italo-Schweizer. Doch wenn er flucht, dann in der Sprache Dantes.„Ich lerne gerade ganz viele italienische Ausdrücke in der Trainerkabine“, erzählte Heldt dieser Tage, und meinte, dass ihm „Schimpfwörter“ nähergebracht werden, die er, andererseits, schon mal gehört zu haben meint: Vaffanculo, merda, che palle, solche Dinge, die wohl auch Giovanni Trapattoni im Mund führte, als er Heldts Trainer in Stuttgart war, lange her. Die Annahme, dass Unions Sportgeschäftsführer Heldt am Wochenende ein paar neue Injurien dazugelernt hat – es gibt ganze Nachschlagwerke, unter anderem das Dizionario degli insulti von Giovanni D’Alessandro mit rund tausend Einträgen –, liegt nahe. Denn Union verlor am Freitagabend gegen den starken Aufsteiger FC Schalke 04 mit 1:3, und weist nun nach drei Saisonspielen satte zehn Gegentore auf. Porca miseria.Bundesliga:Schalke 04 gewinnt bei Union BerlinDer 3:1-Auswärtserfolg in Berlin ist der erste Bundesligasieg der Gelsenkirchner seit 2023.Gemessen an den Erwartungen, die an eine Mannschaft gerichtet werden dürfen, die sich in der Bundesliga etabliert hat und nun in ihre achte Erstligasaison geht, ist das eine dürftige Ausbeute. Entsprechend düster klingt die Musik, die zurzeit die Seelen der Unioner füllt. Andererseits: Die Verantwortlichen Unions betonen weiterhin, dass der Verein genügsam ist. 40 Punkte sollen’s am Ende sein. Und ist nicht weiterhin im Bereich des Möglichen, den Klassenerhalt zu erreichen? Esatto.Lustrinelli, ehedem ein Stürmer, der es bis in die Schweizer Nationalelf schaffte, kam mit großer, selbst erarbeiteter, Fachkunde bezeugender Empfehlung nach Berlin. Er hatte den FC Thun in der vergangenen Saison als Aufsteiger zur ersten Schweizer Meisterschaft der Vereinsgeschichte geführt.„Wir können nicht jedes Spiel drei Dinger kassieren“, klagt Linksverteidiger Tom RotheAuf dem Papier schien alles zu passen: Seit den Tagen von Aufstiegstrainer Urs Fischer (heute Mainz 05) hat der helvetische Singsang in Köpenicker Ohren einen guten Klang; die Rezeptur Lustrinellis wirkte wie gemalt für die Alte Försterei. „Hohes Pressing, schnelle Umschaltmomente, Vertikalität, Emotionen. Ich will, dass alle, die hierherkommen, Spaß haben und nicht einschlafen. Ballbesitz? Interessiert mich wenig. Warum sollte ich mit 20 Ballkontakten zum Tor kommen, wenn drei reichen?“, hatte Lustrinelli der Gazzetta dello Sport gesagt, als er sich mit Thun auf dem Wellenkamm des Erfolges befand. Am Freitag führte Schalke das genauso vor und siegte durch Tore von Robin Gosens (25. Minute), Adil Aouchiche (46.) sowie Maximilian Wöber (90.+13).Lustrinelli wurde nicht geholt, um mit Union im Stile Thuns den Meistertitel zu holen, sondern um die Spielidee zu reformieren. Man hielt den eigenen Spielansatz, der grundlegend auf dem zermürbenden Kampf um Abpraller und Standards beruhte, für totgeritten; eine neue Idee zu implementieren ist a priori günstiger, als eine ganze Belegschaft auszutauschen. Idealerweise geht derlei auch schnell vonstatten, es ist aber mit Risiken behaftet und verlangt insbesondere den Anhängern des Patienten Geduld ab. „Wir operieren am offenen Herzen“, sagt Heldt. Ein Chirurg benötige Beharrlichkeit, Konstanz, Mut, Resilienz, lautete das Echo Lustrinellis: „Einen Prozess kannst du nicht mit einem Zauberstab herbeiführen.“ Man müsse arbeiten. „Tag für Tag, Step by Step“, sagt Lustrinelli.Schalkes Maximilian Wöber (links) feiert seinen Treffer tief in der Nachspielzeit gegen Union Berlin.Stuart Franklin/Getty ImagesMit Ausnahme der Partie in Leverkusen, wo Union mit 0:4 verlor – war der Fußball des Italo-Schweizers eigentlich nur zu sehen, wenn es zu spät war. Wenn Union, genauer, schon hinten lag. Im Pokal war das beim Zweitligisten Braunschweig der Fall, in der Liga gegen Eintracht Frankfurt (aus einem 1:3 wurde ein 3:3) und am Freitag auch gegen die zielstrebigen, konzentrierten und kompakten Schalker, die in dieser Verfassung nichts mit dem Abstieg zu tun haben dürften. Union drängte und erzielte durch Tim Skarke in der Nachspielzeit (90.+6) das zwischenzeitliche 1:2. Dann führte aber das 1:3 den Unionern wieder vor Augen, wie verwundbar die Abwehr ist. Lustrinelli will – wie vor ihm schon Steffen Baumgart – bevorzugt mit einer Vierer-Abwehrkette spielen lassen, das verlangt physische und mentale Agilität ab, Experimentierfreude, Mut. „Wir verlieren gerade ein Stück weit unsere Stärke“, sagt Veteran Khedira. Und auch der junge Linksverteidiger Tom Rothe wirkte verzagt: „Wir können nicht jedes Spiel drei Dinger kassieren, weil: Jedes Spiel vier Tore zu machen, ist schwer.“Im Fall von Union wäre es gewissermaßen doppelt gravierend. In Ermangelung kreativer Mittelfeldspieler tut sich Union seit Jahren schwer, Chancen zu erschaffen; in Ermangelung von Geld kommt auch kein Stürmer, der das Tor verlässlich trifft. Und wenn mal einer Ansätze zeigt, die von einer solchen Entwicklung träumen lassen, ist er wieder weg. In diesem Sommer etwa ging Ilyas Ansah, 21, zum Premier-League-Aufsteiger Hull City.Die Umstände des Abschieds waren aus Union-Sicht unglücklich. Es entstand kein Wettbieten, weil nur Hull sich für Ansah interessierte, sodass der Preis jenseits der 20-Millionen-Euro-Marke blieb; der Wechsel wurde erst bei Schließung des Transferfensters vollzogen, sodass die Möglichkeiten, nachzurüsten, begrenzt waren. Die Stürmer, die schon in der vergangenen Saison auf der Payroll standen – Andrej Ilic, eine Art Wandspieler, und sogar der Sprinter Oliver Burke –, werden verletzt vermisst. Der ausgeliehene Ivorer Emmanuel Latte Lath traf immerhin gegen Frankfurt. Nach einer Ecke, also nach alter Machart, oder, wie es in Italien heißen würde, all’antica.Schalkes Trainer Miron Muslic sprach den Unionern Mut zu. Das Neue werde schon greifen, es brauche nur alles ein bisschen Zeit, Lustrinelli sei ein fantastischer Coach. „Ich mache mir gar keine Sorgen, dass du das alles hinbekommst“, sagte er.Muslic, 43, hat derlei öfter über Kollegen gesagt. Aber er wirkte so, als meinte er es aufrichtig und ernst.
Bundesliga: Union Berlin verliert auch gegen Schalke
Auf dem Papier schien alles zu passen zwischen Union Berlin und Mauro Lustrinelli. Doch noch fremdelt das Team mit den Ideen des neuen Trainers.






