Am 10. Dezember griff Russland erstmals eine Tankstelle in der Hauptstadt Kiew an, tags darauf gingen zwei weitere Tankstellen durch Drohneneinschläge in Flammen auf, wobei zwei Menschen starben und zwölf verletzt wurden. Jagte Russland zuvor vor allem Tankstellen in Frontnähe in die Luft, geht seine Armee nun dazu über, zivile Infrastruktur im gesamten Land zu zerstören. Das offensichtliche Ziel sei es, den Ukrainern das alltägliche Leben nahezu unmöglich zu machen, sagte der ukrainische Ministerpräsident, Serhij Korezkyj, am Samstag auf der YES-Konferenz in Kiew, auf der jährlich ukrainische und internationale Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über die Zukunft des Landes beraten.„Es ist purer Terror der Russen“, sagte Korezkyj, der seit zwei Monaten Regierungschef ist, bei seinem ersten öffentlichen Auftritt vor internationalem Publikum. Denn außer Tankstellen bombardiert Russland weiterhin Kraft- und Umspannwerke, Wasserversorger sowie seit Kurzem auch Großlager für Lebensmittel sowie Einkaufszentren. Einige Logistikfirmen hätten bereits die Hälfte ihrer Lagerkapazität verloren, so Korezkyj. Manche Teilnehmer sprachen angesichts der Entwicklung von einem russischen Vernichtungskrieg gegen die ukrainische Bevölkerung. Denn auch wenn in diesen Tagen spätsommerliches Wetter in der Ukraine herrscht, ist der Winter nicht mehr weit. Und über diesen macht sich in der Ukraine kaum jemand Illusionen, im Gegenteil: Er droht härter zu werden als der vorherige, in dem Hunderttausende teils über Wochen und Monate in dunklen und kalten Wohnungen ausharren mussten.Stark sinkende SteuereinnahmenKorezkyj muss das Land nun darauf vorbereiten, und dabei könnte ihm zugutekommen, dass er aus der Wirtschaft kommt und zuvor das staatliche Gasunternehmen Naftogas auf Vordermann gebracht hatte. Der Winter sei eine Herausforderung, aber seine Regierung folge einem klaren Plan, versicherte der 48 Jahre alte Korezkyj. Dazu zähle, die Energieversorgung und Lebensmittellogistik weiter zu dezentralisieren und möglichst viel davon unter die Erde zu verlegen. Zudem spreche Kiew mit Nachbarländern, um flexiblere Grenzpassagen für dort gelagerte zivile Güter zu ermöglichen. Für die von Zerstörung betroffenen Firmen stelle die Regierung Staatshilfe sowie zinsgünstige Kredite bereit, um die Lieferketten zu erhalten.Das alles kostet Geld, wobei die russischen Angriffe doppelt ins Kontor schlagen. Allein in diesem Jahr seien die Steuereinnahmen wegen der Angriffe auf Unternehmen sowie wegen der Blockade der Getreideexporte über das Schwarze Meer bisher um umgerechnet rund 1,4 Milliarden Euro zurückgegangen, ein Viertel davon allein im August, sagte Roxolana Pidlasa, die Vorsitzende des Haushaltsausschusses des ukrainischen Parlaments. Zugleich werde es immer teurer, das Land zu verteidigen. Noch vor einem Jahr hätten die Kosten dafür bei 120 Millionen Euro je Tag gelegen, jetzt seien es bereits 165 Millionen Euro je Tag für mehr Personal, Waffen und Munition sowie moderne Ausrüstung. Die Ukraine sei gezwungen, hier immer mehr zu investieren, da Russland zugleich ein Vielfaches für seine Armee ausgebe.Mehr Militärkosten als eigene Steuereinnahmen„Der Krieg ist so teuer geworden, dass wir die Kosten allein dafür nicht mehr selbst decken können“, sagte Pidlasa. „Aber um zu überleben, sind wir gezwungen, mehr zu investieren.“ Dem Militärbudget von 37 Milliarden Euro stünden in diesem Jahr eigene Einnahmen von 34 Milliarden Euro gegenüber. Demnach brauche die Ukraine bis Jahresende zusätzlich 23 Milliarden Euro. Die USA haben ihre finanzielle Hilfe für Kiew seit 2025 komplett gestrichen. Die Europäische Union hat der Ukraine für dieses und das kommende Jahr insgesamt 90 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, doch schon heute ist klar, dass das nicht reichen wird, sollte Russland seinen Krieg fortsetzen und weiter die wirtschaftliche Basis des Landes zerstören.Die Bilanz vor dem Winter ist für die Ukraine zwiespältig: Zwar gelingt es ihr an der Front, den russischen Vormarsch erheblich zu verlangsamen und teilweise auch Gebiete zu befreien. Doch den zunehmenden russischen Luftangriffen auf das Hinterland hatte Kiew zuletzt nur noch wenig entgegenzusetzen. Es fehlt vor allem an der Flugabwehr: Die Ukraine verfügt hier kaum mehr über Munition, weil sie nach wie vor abhängig von ausländischen Lieferungen ist, vor allem von Patriot-Raketen aus den USA. Russland nutzt diese Schwäche gnadenlos aus. Auch gegen die neuerdings vermehrt von Moskau eingesetzten jetgetriebenen Drohnen, die mit 600 Kilometern je Stunde dreimal so schnell wie gewöhnliche Modelle fliegen und deshalb schwer abzuschießen sind, hat das Land noch kein probates Mittel gefunden.Selenskyj: Neue Phase des Krieges„Wir werden schon bald eine Lösung gegen diese Art von Drohnen haben“, versicherte der Vizechef des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR, Wadim Skibizkyj. Das größte Problem blieben nach wie vor ballistische Raketen, die bisher nur mit dem amerikanischen Patriotsystem sicher unschädlich gemacht werden könnten. Doch schnelle Abhilfe ist hier nicht zu erwarten, zumal Russland inzwischen monatlich dreistellige Stückzahlen ballistischer Raketen herstelle. Die Ukraine versucht dem mit eigenen Mitteln zu begegnen. Skibizkyj zählt dazu die Zerstörung russischer Produktionsstätten und Abschusseinrichtungen mit Long-Distance-Drohnen. In den vergangenen Monaten hat die Ukraine damit zudem bis zu 2500 Kilometer im russischen Hinterland liegende militärische Einrichtungen sowie Öl- und Gasinfrastruktur getroffen.Mit Russlands zunehmenden Angriffen auf zivile Infrastruktur sei der Krieg in einer neuen Phase, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der aus Kanada in den wegen ständiger Luftalarme tief unter der Erde liegenden Kiewer Konferenzsaal zugeschaltet war. „Russland führt nun auch für alle offen sichtbar Krieg gegen die ukrainische Zivilisation.“ Selenskyj dankte vor allem Europa für die Unterstützung und plädierte abermals für massive Sanktionen gegen Russland. „Worauf warten wir?“ Die russische Blockade der Getreidelieferungen über das Schwarze Meer etwa sei nicht nur ein ukrainisches Problem, sondern habe Konsequenzen für die gesamte Welt in Form steigender Lebensmittelpreise und Hunger. Und das nur, weil eine Person (gemeint ist Russlands Machthaber Wladimir Putin) nicht willens sei, einzulenken.Kushner erntet Buhrufe und GelächterGefragt, ob er den Plan einer NATO-Mitgliedschaft aufgebe, antwortete Selenskyj, dass eine solche nicht nur eine Sicherheitsgarantie für sein Land, sondern auch für Europa und sogar für Russland wäre. „Es gibt derzeit keine stärkere Armee in Europa als unsere“, sagte Selenskyj. 145 Brigaden umfassen die ukrainischen Streitkräfte. Zum Vergleich: Polen hat 14, Deutschland acht Brigaden. Die ukrainische Armee sei gezwungenermaßen kampferprobt und auf dem neuesten technologischen Stand, sagte Selenskyj. Mit einer solchen Armee verbündet zu sein, sei in Europas Interesse, während eine in das Verteidigungsbündnis NATO eingebundene Ukraine auch eine Sicherheitsgarantie für Russland sein könne.Eine Antwort auf die entscheidende Frage, ob und wann dieser Krieg ein Ende hat, blieb zwangsläufig auch Jared Kushner schuldig. Der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump war erst zwei Wochen zuvor mit dem US-Sondergesandten Steve Witkoff in Moskau und Kiew. „Es war eine sehr erfolgreiche Reise“, sagte Kushner, der aus New York zugeschaltet war. Doch ein Ergebnis blieb der Öffentlichkeit bisher wohl auch deshalb verborgen, weil es keines gibt. Man habe ausgelotet, welche Spielräume es auf beiden Seiten gebe, sagte Kushner auf Nachfrage. Hauptkonfliktpunkt blieben jedoch territoriale Fragen sowie Sicherheitsgarantien. Übersetzt heißt das, dass Russland kompromisslos auf seinen Forderungen besteht.„Ich hoffe, dass wir in einigen Wochen nächste Schritte verkünden können“, sagte Kushner. Als er dann jedoch sowohl Selenskyj als auch Putin als „sehr engagiert“ auf der Suche nach Frieden bezeichnete, erntete er Buhs und Gelächter aus dem Saal. Der Satz verdeutlichte die Verkennung der Wirklichkeit, aber auch die Vermittlerrolle, in der sich die USA unter Trump in diesem Konflikt sehen. Für die Ukrainer, die tagtäglich auf Putins Geheiß mit Bomben, Drohnen und Raketen überzogen werden, musste das wie Hohn klingen. Zumal Putin während der Visite von Kushner und Witkoff bei Selenskyj die Angriffe für drei Tage ausgesetzt hatte – allerdings nur für Kiew, während er den Rest des Landes weiterhin bombardieren ließ.Street-Art des britischen Künstlers Banksy im Kiewer Vorort Borodjanka.APSo steht die Ukraine vor dem fünften Kriegswinter, den sie, daran lassen viele Ukrainer trotz massiver Erschöpfung kaum Zweifel, auch durchstehen werden. Dafür steht ein Graffiti, das der britische Street-Art-Künstler Banksy in dem 2022 von Russland besetzten und dann von der Ukraine wieder befreiten Kiewer Vorort Borodjanka an der Ruine eines zerbombten Hauses hinterlassen hat. Es zeigt einen kleinen Jungen, der im Judo beherzt einen erwachsenen Mann auf die Matte wirft. Eine Fotografie davon hängt wandfüllend auf der Bühne des Konferenzsaals. Und es ist für jeden leicht zu erkennen, wer in diesem Bild Russland und wer die Ukraine ist.
Selenskyj über Russlands Angriffe: "Krieg gegen die ukrainische Zivilisation"
Russland zerstört systematisch die Lebensgrundlagen der Ukraine. Das Land steht vor einem weiteren harten Winter – und gibt dennoch die Hoffnung nicht auf.








