Kiew ist so schutzlos gegen Moskaus Luftangriffe wie seit Jahren nicht – und seine Bewohner sind einsamer gewordenNach einer kurzen Waffenruhe setzt Russland seine Attacken gegen die Ukraine unerbittlich fort. Der Alltag in der Hauptstadt schwankt zwischen Alarmstimmung und Stillstand.09.09.2026, 16.00 Uhr4 LeseminutenRusslands Angriff auf ein Lagerhaus in Kiew hinterlässt eine Ruinenlandschaft und zwei Tote.Als der Nachtzug in den Bahnhof einfährt, überzieht dunkler Rauch die Skyline von Kiew. Russland hat die Ukraine gerade mit rund 200 Raketen und Drohnen angegriffen. Fünf Menschen werden in der Hauptstadt getötet, drei Dutzend werden verletzt. Damit endet eine kurze Feuerpause mit einem Knall. Russland und die Ukraine hatten eingewilligt, die Hauptstädte vorübergehend zu verschonen. So konnten Trumps Unterhändler Jared Kushner und Steve Witkoff ungestört nach Moskau und Kiew reisen. Kurz nach ihrer Abreise aus der Region nimmt Russland am Dienstagmorgen die Angriffe wieder auf. Sie dauern am Mittwoch an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für die Passagiere am Bahnhof beginnt der Tag mit Verspätungen und Umwegen. Weil die Hauptstadt seit Ende August praktisch unter Dauerbeschuss steht und Russlands Drohnen Züge jagen, wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Der Bahnhof bleibt während des Luftalarms geschlossen, der Ausgang führt durch einen unterirdischen Tunnel. Im Schutzraum trinken einige Frauen Tee, auf dem Vorplatz schauen die Leute angestrengt in ihre Handys: Weil die Luftverteidigung die Ortungsdienste stört, um die Drohnen in die Irre zu führen, funktionieren digitale Taxidienste wie Uber nicht richtig. Fahrer und Passagiere müssen telefonieren, um sich zu finden.Russlands Rachefeldzug gegen LagerhäuserViel schlimmer sind die Folgen des Angriffs ausserhalb der Innenstadt. Im Quartier Solomjanka haben drei Iskander-Raketen ein grosses Lagerhaus getroffen. Die Explosion hat zwei Menschen getötet, ein riesiges Loch ins Gebäude gerissen und Dutzende von Autos zerstört. Ein Lieferwagen im Hof wurde von herausgeschleuderten Mauerteilen förmlich zermalmt. Die Feuerwehr löscht noch Stunden nach der Attacke die Brandherde in der rauchenden Hausruine. Auch in einem Baum mottet ein Feuer. Seine Blätter bedecken das Trottoir – manche grün, die meisten zu Asche verbrannt.Die russischen Iskander-Raketen haben in Kiew einen ganzen Strassenzug rund um ein Lagerhaus verwüstet.Die Leute aus der Nachbarschaft unterhalten sich leise, machen Fotos. Viele von ihnen hatten Räume im Gebäude: Es gehört der Firma Western Bid, die für Privatkunden und Kleinhändler Lagerplätze bereitstellt und Waren versendet. Im zweiten Stock hatte Dmitro Schewtschenko seine Waren. «Wir handelten mit Koffern und Gebrauchsgütern. Nichts Militärisches», sagt der 29-Jährige. 3000 Warenposten waren eingelagert. Er vertrieb sie über das Internet. Nun ist alles verbrannt. Übrig bleibt nur ein altmodischer, mit Blumen bemalter Kochtopf, den die Druckwelle auf die Strasse geworfen hat.Warum Russland das Lagerhaus angegriffen hat, weiss Schewtschenko nicht. Vielleicht sei das die Rache dafür, dass die Ukraine Logistikzentren der russischen Firma Wildberries angegriffen habe. Jedenfalls greift Moskau gezielt Einrichtungen an, die Produkte des täglichen Bedarfs herstellen: vor einer Woche ein Abfüllwerk von Coca-Cola, am Dienstag eine Mühle. So sollen die Ukrainer zermürbt werden.Schewtschenko steht vor dem Nichts. «Ich hatte bis heute ein Geschäft und eine Karriere», sagt er. «Nun fühle ich eine grosse Leere.» Den Schaden mag Schewtschenko noch gar nicht abschätzen. Eine Versicherung gegen Kriegsschäden gibt es nicht in der Ukraine, und auf den Staat mag er nicht hoffen. Zwar bestehe grundsätzlich die Möglichkeit, Schadenersatz zu beantragen. Doch der Händler hat wenig Lust auf ausufernde Bürokratie. Am Schluss erhalte er doch nur einen winzigen Teil zurück, «Tropfen im Meer» nennt er es.Der Kleinhändler Dmitro Schewtschenko hat bei dem Angriff auf das Lagerhaus seine gesamte Ware verloren.Die Ukraine improvisiertKann man sich an ein Leben unter ständigen Angriffen gewöhnen? «Nein», sagt Schewtschenko. «Aber ich lebe damit.» Dann geht er weiter, in den Hinterhof, wo Männer Spanplatten zuschneiden, um sie in geborstene Fenster einzusetzen. Nach jeder Attacke erledigen Polizei und Feuerwehr routiniert ihre Arbeit, kommen die Freiwilligen, um zu helfen, hundert Mal, tausend Mal. Aber es ist ermüdend, nach viereinhalb Jahren.Die Anspannung ist spürbar, selbst an einem sonnigen Tag, dessen spätsommerliche Wärme zum Flanieren einlädt. Die verschärften Sicherheitsvorkehrungen sind mehr spür- als sichtbar. Der Truppentransporter, der die Strasse zur kürzlich bombardierten Geheimdienstzentrale absperrt, bleibt im Stadtbild die absolute Ausnahme. Auch die Polizei ist kaum präsent.Die neuen Regeln während der Angriffe machen das Leben aber zum ständigen Hin und Her zwischen Alarmstimmung und Stillstand. Auch am Dienstag: Luftalarm von 3 Uhr 30 bis 6 Uhr 40 – dann Entwarnung und Normalität. Bedrohung aus der Luft von 11 Uhr bis um 13 Uhr 50 – kurze Pause. Am Nachmittag noch einmal Luftalarm, sechs Stunden lang. Um 21 Uhr 57 schrillen die Sirenen erneut. Weil die Metro geschlossen bleibt und Busse umgeleitet werden, warten Kiewer und Kiewerinnen stundenlang an den Haltestellen.Das edle Kaufhaus Globus am Kiewer Unabhängigkeitsplatz bleibt über Tage geschlossen.Grosse Geschäfte wie das mondäne Einkaufszentrum Globus am Unabhängigkeitsplatz oder McDonald’s sind ebenfalls praktisch durchgehend geschlossen. Die Angestellten sitzen auf der Strasse oder in der Unterführung, einige haben Campingstühle mitgebracht. Sie leben mit den Angriffen, können aber nicht arbeiten. Sie vertiefen sich in ihre Handys, die meisten sitzen alleine. Kiew wirkt einsamer als früher. Immerhin kleinere Cafés bleiben offen, gehen das Risiko ein. Die Regeln sind flexibel. Der ukrainische Staat reagiert, und er improvisiert.Neue Abfangraketen für KiewDazu gehört, dass am Donnerstag ein neues Alarmsystem eingeführt wird. Wenn die Russen «nur» mit Drohnen angreifen, gilt Stufe Gelb. Dann fährt etwa die Metro auf gewissen Strecken weiter. Alarmstufe Rot ist nur für Angriffe mit grossen Drohnenschwärmen, Raketen und Marschflugkörpern vorgesehen. Bis Mittwoch ist die Zahl der Toten innert 24 Stunden auf zwölf gestiegen.Neue Regeln ändern jedoch nichts daran, dass Kiew schutzlos ist gegen die modernsten Raketen in Russlands Arsenal. Das amerikanische Patriot-System, das diese abschiessen könnte, erhält kaum Munitionsnachschub. Die endlosen Angriffswellen setzen Selenski unter Druck, Handlungsfähigkeit zu beweisen – und mit ihm auch seine europäischen Verbündeten. Am Dienstag hat die ukrainische Regierung neue Verträge zum Kauf von 1000 Patriot-Abfangraketen angekündigt. Deutschland will zusätzliche Munition aus eigenen Beständen liefern. Unklar bleiben die Zahl der Raketen und die Fristen bis zur Lieferung. Mit rascher Linderung können die Kiewer nicht rechnen.Nach dem russischen Raketen- und Drohnenangriff zieht eine Rauchschwade über die Kiewer Skyline.Passend zum Artikel
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