Der Andrang erinnert an den ersten Wiesntag kurz vor der Eröffnung. Vor dem Eingang steht am Morgen gegen 10 Uhr eine etwa 150 Meter lange Schlange. Die Menschen wollen aber keine Bierzelte und Fahrgeschäfte sehen. Es ist eine Baustelle, die an diesem Samstag Besucher in Scharen anlockt, genauer gesagt: An der Richelstraße, westlich der Donnersbergerbrücke, befindet sich ein Teilabschnitt eines der größten Bauprojekte, die München je gesehen hat. Hier wartet die Tunnelbohrmaschine namens Donna Maria auf ihren Einsatz. Sie soll den ersten Tunnel für die zweite S-Bahn-Stammstrecke bohren.Die Deutsche Bahn (DB) hat an diesem Samstag und Sonntag zum „Tag der offenen Baustelle“ geladen. Vergangenes Jahr konnten sich die Münchnerinnen und Münchner bereits die Baustellen am Marienhof und am Hauptbahnhof ansehen, wo die beiden Tiefbahnhöfe im Zentrum entstehen. Insgesamt kamen damals 6600 Besucher, diesmal dürften es mehr werden. Schon etwa eine Stunde nach Öffnung der Baustelle haben die Mitarbeiter am Eingang mehr als 2000 Besucher gezählt.Der Name Donna Maria ist das Ergebnis eines Namenswettbewerbs der DB. Er soll für die Bohrstrecke der Maschine von der Donnersbergerbrücke zum Marienhof stehen. Dieses Wochenende ist die letzte Gelegenheit, die Maschine aus der Nähe zu sehen. Und das nutzen sowohl viele Senioren aus als auch Familien mit Kindern und junge Paare. Nina und Christoph Anger etwa sind mit ihrem zweijährigen Sohn Frieder und ihrem Spezl Hannes Herrmann gekommen. Das einhellige Urteil der Runde: „Beeindruckend.“ Dass das eine Bohrmaschine sei, erkenne man nicht sofort, meint Nina Anger.Beeindruckt von den Dimensionen der Maschine: Christoph und Nina Anger mit Sohn Frieder und Freund Hannes Herrmann (rechts).Foto: Robert HaasTatsächlich sind viele Besucher überrascht, was sich so alles in der Donna Maria befindet. 178 Meter ist die Maschine lang und 700 Tonnen schwer. Der Bohrkopf hat einen Durchmesser von fünf Metern. Dahinter ist allerlei Technik verbaut, von Luftdruckschleusen für die Mitarbeiter bis hin zur integrierten Materialzufuhr und Vorrichtungen für den Abtransport des Aushubs. Die Donna Maria ist trotz ihrer Dimensionen noch vergleichsweise klein. Sie ist für den Rettungsstollen vorgesehen, der später zwischen den beiden Hauptröhren für die S-Bahnen verläuft. Die Bohrköpfe der Maschinen für die beiden Verkehrsstollen werden einen Durchmesser von achteinhalb Metern haben.Die Donna Maria hat die Firma Herrenknecht in Baden-Württemberg eigens für den Münchner Untergrund entwickelt, der aus verschiedenen Schichten besteht. Unter einer Schicht aus Kies und Schotter liegt eine Schicht aus Lehm und Sand. Um zu verhindern, dass der Boden die Maschine verklebt, wird er mit einer Lösung verflüssigt und abgepumpt, danach wird der Aushub von der Flüssigkeit getrennt und zu Deponien gebracht. Damit die Röhre während des Vortriebs sofort wasserfest abgedichtet wird, presst der hintere Teil der Maschine tonnenschwere Betonbauteile an die Wand, sogenannte Tübbinge.„Heftig, was das für ein Aufwand ist“, sagt zum Beispiel Markus Miesbach. Baustellen waren eigentlich nicht so seine Sache, bis seine Freundin Miriam Auer sein Interesse wecken konnte. Miriam ist angehende Bauingenieurin und arbeitet derzeit als Werkstudentin bei einer Tunnelbaufirma, wenn auch nicht an der zweiten Stammstrecke. Aber sie kennt sich aus, wie sie erzählt. Was sie nicht wusste: Dass es für die gesamte Stammstrecke mit all ihren Teilabschnitten insgesamt sechs Tunnelbohrmaschinen brauchen wird. Ob sie glaubt, dass die zweite Stammstrecke tatsächlich in neun Jahren, wie es die DB voraussagt, fertig wird? „Das ist zu schaffen“, meint Miriam. Markus sagt: „Gut zu sehen, dass es jetzt losgeht mit dem Bohren.“Selfie mit Bohrer: Markus Miesbach und Miriam Auer.Foto: Robert HaasEgal, ob Laien oder Profis: An den Ständen, die die DB aufgebaut hat, stehen sie geduldig an. An einigen Pavillons verteilen Mitarbeiter Broschüren und erklären geduldig, was genau hier eigentlich passiert. An einem Stand werden Käppis verteilt, was an dem sonnigen Vormittag gut ankommt. Wie auf der Wiesn sitzen Besucher auf Bierbänken und essen Bratwurstsemmeln oder Empanadas vom Foodtruck, während im Hintergrund die S-Bahnen auf der alten Stammstrecke vorbeirollen. Auch eine Hüpfburg fehlt nicht.Gleich am Eingang steht DB-Mitarbeiter Sebastian Seemann und zeigt den Neugierigen anhand einer 3-D-Simulation auf einem Flachbildschirm, wie die zweite Stammstrecke einst verlaufen wird, wo die Bahnhöfe gebaut und wie sie mal aussehen werden. Seemann ist „BIM-Manager“, eine Art digitaler Bauleiter mit vielerlei Aufgaben, BIM steht für Building Information Modeling. An diesem Tag der offenen Baustelle freut sich Seemann, dass so viele Menschen da sind, die sich vorab offensichtlich gut informiert haben. „Es ist beeindruckend, was die Leute alles wissen.“Am 17. September wird die Donna Maria bei einer „Tunnelandrehfeier“ angeworfen, dann fräst sie sich mit einem durchschnittlichen Tempo von acht Metern pro Tag in Richtung Zentrum. Für die drei Kilometer Strecke wird sie etwas mehr als ein Jahr brauchen.