In der Ukraine melden sich kaum noch Männer freiwillig zum Dienst. An ihrer Stelle ziehen vermehrt Frauen in den Krieg. Sie bergen Verletzte, steuern unbemannte Panzer und jagen Russen mit Drohnen. Sind Frauen besser geeignet für die Front? Vier Soldatinnen erzählen.Katharina Bracher (Text), Nikoletta Stoyanova (Bilder)12.09.2026, 05.30 Uhr26 LeseminutenWhatsapp-Nachricht von Alina, Kampfname Ananda, 2. September 2026Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen erst jetzt antworte. Unser Treffen in Charkiw ist schon einige Wochen her. Zu Ihrer Frage «Sind Frauen genauso gut geeignet für die Front wie Männer?» möchte ich gerne etwas ergänzen. Ich spreche nicht für alle Frauen, es ist meine ganz persönliche Sicht:Meine Soldaten vertrauen mir ihr Leben an. Ich setze alles daran, sie zu schützen – wenn mir ein Entscheid der Leitung zu riskant ist, diskutiere ich mit meinen Vorgesetzten. Und darum glaube ich: Ja, ich bin besonders gut für die Front geeignet. Dank meinem kritischen Denken habe ich vier Jahre überlebt.Alina ist in der Armee als Drohnenpionierin bekannt. Sie kommandiert ein Dutzend Soldaten in der Ostukraine und testet neue Waffensysteme.NIkoletta StoyanovaSie haben mich gebeten, einen Arbeitstag zu schildern. Lassen Sie es mich versuchen:Im Schützengraben, der ein paar Meter im Erdreich eines Waldes liegt, erkennt man nicht, ob es draussen Nacht oder Tag ist.Der Tag beginnt mit einem Anruf des diensthabenden Funkers im Morgengrauen: Er nennt das Rufzeichen unserer Position, und ich antworte als Erste, da die anderen tief und fest schlafen, während ich selbst immer nur döse. Ein feindliches Ziel wird gemeldet, und ich gebe die genaue Zeit in Minuten an, bis wir startbereit sind.Ich wecke mein Team. Die Vögel, so nennen wir Kamikazedrohnen, haben wir am Vorabend startklar gemacht und mit Sprengstoff beladen. Die Russen tun dasselbe. Man schätzt, dass sie jeden Tag ungefähr 1000 bis 1500 Kleinstdrohnen an die Front senden. Wir versuchen, dagegenzuhalten.Unsere Aufgabe ist es, das Einsatzgebiet zu überwachen und den benachbarten Einheiten links, rechts und hinter uns Deckung zu geben.Die Morgendämmerung nennen wir die «graue Zeit». Sie ist durch intensive Aktivität geprägt: In der Rotation werden Männer ausgetauscht und der Nachschub gesichert. Das macht uns angreifbar.Es ist die Zeit, in der sie auf uns zielen. Und es ist die Zeit, in der wir sie jagen.Nach zwei bis drei Stunden tritt eine kurze Feuerpause ein. Die Jungs gehen in den Gang des Schützengrabens, rauchen, während ich den Wasserkocher befülle und einen Instant-Porridge zubereite. Ich habe vor langer Zeit aufgehört, das Essen überhaupt noch zu schmecken. Hier essen wir, um zu überleben. Nach ihrer Rauchpause lassen sich die Jungs Zeit beim Essen – sie spülen den Zigarettengeschmack mit einem Kaffee runter. Dann meckere ich sie an, dass sie endlich einmal etwas anderes als Instant-Nudeln essen sollen.Wir kümmern uns umeinander. Es gibt ungeschriebene Regeln. Wenn jemand schläft, schaltet man kein zusätzliches Licht an und macht keinen Lärm; wenn Essen vorhanden ist, wird geteilt.Es geht bei diesen alltäglichen Dingen nicht nur um Kampfbereitschaft – die Rudelmentalität hilft uns, zu überleben.Im Schützengraben ist es nie still: das Summen der Elektronik, das Knistern des Funkgeräts, die Stimmen von Kollegen. Über Funk hört man den diensthabenden Offizier, die anderen Positionen, wie die anderen Teams arbeiten und ob es sicher ist, den Unterstand zu verlassen, um eine Drohne zu starten. Im Winter brummt ausserdem eine Dieselheizung – eine revolutionäre Verbesserung gegenüber Brennholz und Ofen. Früher, als wir noch keine Infrarotausrüstung für die Nacht hatten, konnten wir etwas länger schlafen.Kürzlich fiel teure Ausrüstung zur Aufklärung aus. Bis neue geliefert wird, dauert es oft Wochen. Ich kontaktierte einen mir bekannten Oberst in Kiew, erklärte ihm die Situation, und er schickte die Ausrüstung direkt zu meinem Zug.Meine Vorgesetzten waren nicht begeistert – ich hatte den Dienstweg umgangen – aber fünf Tage später konnten wir nicht nur einfache Aufgaben, sondern auch hochkomplexe Operationen in unserem gefährlichsten Abschnitt durchführen.Der Tag ist ein Wirbelwind aus Einsätzen, der Vorbereitung unserer Vögel. Vor allem stehen wir in ständigem Kontakt mit der Aussenwelt. Sobald wir eine Aufgabe abgeschlossen haben, geben wir verschiedenen Stellen Bescheid: dem diensthabenden Operator unseres Bataillons, dem ukrainischen Nachrichtendienst und den Einheiten in unserer Nähe.Wir müssen immer hellwach bleiben – jederzeit könnte die Meldung kommen, dass unsere Stellung aufgeflogen ist und ein Angriff kommt.Kampfbereitschaft steht an erster Stelle, man erinnert sich nicht einmal, was oder wann man zuletzt gegessen hat. Manchmal mache ich ein Sandwich und drücke es dem Piloten der Drohnen in die Hand. Bevor er es mit Tee herunterspülen kann, trudelt im Arbeits-Chat schon der nächste Flugbefehl ein: Ziel gesichtet!Wir trinken kaum etwas, weil jeder Toilettengang das Risiko birgt, entdeckt und getötet zu werden. Damit wir austreten können, muss der Himmel «uns gehören», das heisst, es dürfen keine russischen Aufklärungsgeschwader über uns kreisen.Wenn ich meine Periode bekomme, wird der Toilettengang noch schwieriger. Im zivilen Leben wirken wir Soldaten ziemlich seltsam, weil wir immer sagen, wohin wir gehen, warum und wie lange. Es ist reine Gewohnheit. Wenn man auf die Toilette geht, sagt man ausdrücklich, wohin man geht, damit die anderen drinnen bleiben, aber die Zeit im Auge behalten. Wenn man kurz hinaus geht, um zu pinkeln, und nicht innerhalb von drei bis fünf Minuten zurück ist, wird man gesucht.Jeden Schützengraben haben wir selbst ausgehoben – von Hand. Im Winter ist das unglaublich schwierig. Man muss sich in den gefrorenen Boden graben und dann die «Landestelle» und die eigenen Fussspuren sorgfältig verwischen.Wenn der Arbeitstag vorbei ist und es draussen völlig dunkel ist, beginnen die Vorbereitungen für den nächsten Tag. Wir sehen uns die Statistiken der vergangenen Tage an. Dann bereiten wir die Munition vor, die wir morgen voraussichtlich brauchen werden.Es ist eine gemächliche Zeit, in der Sprüche fallen und Witze gemacht werden. Wir machen uns über Misserfolge lustig und muntern uns auf. «Schon gut, nächstes Mal schaffen wir’s.» Es ist eine Art unaufdringliche Nachbesprechung, die ich schon als Juristin bei der Polizei praktizierte, lange bevor ich von diesem wichtigen Aspekt der Arbeit im Krieg erfuhr.Als Kommandantin muss ich immer konzentriert und positiv bleiben, meine Soldaten auf jede Möglichkeit vorbereiten – und dann, wenn sie nicht hinschauen, alles in meiner Macht Stehende tun, um die Operation zum Erfolg zu lenken.Wenn das Wetter nicht zum Fliegen geeignet ist, gehe ich ein Risiko ein und begebe mich in einen nahe gelegenen Unterstand.Früher waren darin Artilleristen stationiert; nach einem Mörserangriff fehlt dem Unterstand eine Wand. Es ist ein exponierter und zerstörter Platz, unbrauchbar für den Einsatz. Meistens folgt mir eine Katze hierher, die bei uns wohnt.Ich komme hierher, um mich zu entspannen, um allein zu sein, um den Jungs eine Pause von mir zu gönnen. Egal, wie sehr sie mich lieben und respektieren: Ich bin immer noch ihre Kommandantin.Liebe Grüsse aus der UkraineAnanda (Alina)—---Frauen wie Alina waren im Krieg nicht vorgesehen.Bis vor wenigen Jahren war es Frauen in der Ukraine verboten, an Kampfhandlungen der Armee teilzunehmen.2014 griffen prorussische Separatisten mit Unterstützung des Kremls den Osten der Ukraine an. Gleichzeitig bildeten sich im Westen Freischärlergruppen, die gegen die russischen Besetzer in den Krieg zogen. Unter den Freiwilligen kämpften auch Frauen, die in den regulären Streitkräften keine aktiven Kampfpositionen einnehmen durften. Und erst recht durften sie keinen eigenen Zug an der Front führen wie die 42-jährige Alina.Im Jahr 2018, als die Freischärlerverbände allmählich in die Landesverteidigung integriert wurden, hob die Regierung das Kampfverbot für Frauen auf.Alina, Kampfname Ananda, überwacht den Einsatz einer Langstreckendrohne. Die Männer zeigen ihr Gesicht nicht in der Öffentlichkeit, um sich und ihre Familien vor russischen Angriffen zu schützen. Ananda zeigt sich unmaskiert, denn auf der anderen Seite der Front kennt man sie längst.Nikoletta StoyanovaAnanda meldete sich 2022 ohne jegliche Kampferfahrung bei der Freiwilligenbrigade. Heute gehört sie zu den hochspezialisierten Kämpferinnen, die jahrelange Erfahrung mit Drohnentechnologie haben.Nikoletta StoyanovaFür die Frauen war das ein Schritt auf dem langen Weg in die Emanzipation. Jahrzehntelang kämpften Feministinnen nach dem Zerfall der Sowjetunion um die rechtliche und wirtschaftliche Gleichbehandlung.2006 wurde ein Spezialgesetz für die Gleichstellung in Kraft gesetzt. Begriffe wie «geschlechtsspezifische Diskriminierung» und «sexuelle Belästigung» waren erst ab da rechtlich gültig. 2017 benannte ein Gesetz «häusliche Gewalt» erstmals als Straftatbestand. Politische Parteien führten freiwillig Frauenquoten ein, und die Regierung ernannte eine Sonderbeauftragte für Gleichstellung.Doch der 24. Februar 2022 veränderte alles.Millionen Frauen und Kinder flüchteten bei Kriegsbeginn, die meisten Männer blieben zurück. Junge Männer im Alter von 18 Jahren und älter wurden aus den Bussen an der polnischen Grenze gepflückt – ihre Schwestern, Mütter, Tanten durften weiterfahren.Über Nacht kehrte eine alte Welt zurück, die Europa nach dem Zweiten Weltkrieg für überwunden gehalten hatte. In dieser neuen Zeit ist der Held, der für Freiheit und Vaterland sein Leben riskiert, wieder gefragt. Und es sind ganz selbstverständlich Männer, von denen man Heldentaten verlangt.Der Held ist kein Vater, der mit seiner Familie ins Ausland flüchtet, um sie zu retten. Ein ukrainischer Held bleibt und gibt sein Leben auf dem Schlachtfeld her, oder er riskiert, in einem russischen Gefangenenlager gefoltert zu werden.Und noch etwas war klar: Der Held konnte keine Frau sein. Und bestimmt keine Mutter.Doch Ananda, die damals noch Alina hiess, ist Mutter. Und für viele Ukrainerinnen ist sie auch eine Heldin. Dass sie sich freiwillig meldete, hat viel mit ihren Kindern zu tun. Oder eigentlich ausschliesslich. Denn bereits in den ersten Tagen der Invasion zeigte sich, dass Ananda die Fähigkeit besitzt, gegen ihr Schicksal und das ihrer Kinder anzukämpfen.Ananda mag Sommerkleider. Am liebsten geblümte und lange. Sie in dem Aufzug überhaupt noch anzutreffen, ist heute fast unmöglich. Denn meistens trägt sie Arbeitskleidung: einen grünen Kämpfer und schwere Stiefel – auf den Locken eine Schirmmütze mit dem ukrainischen Dreizack. Als die NZZ die Kommandantin im Juli um ein persönliches Gespräch bittet, merkt sie gleich an: «Es kann sein, dass ich kurzfristig absagen muss, weil ich an der Stellung festsitze.»Genau das passiert. Ananda sagt zwar nicht ab, aber einige Wochen zuvor entdecken die russischen Angreifer die Stellung, in der sie im Einsatz war. «Wir mussten trotz Bedrohung bleiben, weil das der Moment ist, auf den der Feind wartet, um auf fliehende Soldaten zu schiessen», erzählt sie beim Treffen in einem Café in der Frontstadt Charkiw.Im Februar 2022 lebte sie mit ihrer Familie in einem Dorf ausserhalb von Charkiw im Osten der Ukraine. Nach Jahren als Juristin bei der Polizei arbeitete Alina wieder in der Stadt, in der sie aufgewachsen war. Sie unterstützte ihre Eltern in deren Betrieb.Am zweiten Tag der Grossinvasion war sie immer noch in Charkiw. Von Nachbarn hörte sie, dass die Russen ihren Wohnort einige Kilometer ausserhalb Charkiws beschossen haben. Ihr 13-jähriger Sohn war dort bei Verwandten untergebracht, als sie bei der Arbeit war. Während andere vor dem Krieg in den Westen flohen, kannte Alina nur eine Fluchtrichtung: nach vorne.So kam es, dass Alina mitten am Tag aufbrach, während über ihrem Kopf die Granaten flogen. Zu Fuss durchquerte sie den Fluss vor Charkiw – die Brücke war mit Dynamit gesprengt worden, um den Vorstoss der Russen zu verlangsamen. Um möglichst harmlos zu wirken, trug Alina eines ihrer langen Sommerkleider. Das Wasser war eiskalt und reichte ihr teilweise bis zum Bauchnabel. Auf der anderen Flussseite stand eine alte Bäuerin und beäugte sie skeptisch. «Was machst du hier?», fragte sie. «Ich hole meinen Jungen ab», antwortete Alina. Die beiden Fremden umarmten sich.Als sie die Verwüstung im Dorf entdeckte, die Berichte von ihren Nachbarn hörte und die Toten auf den Strassen liegen sah, stand für sie fest: Sie würde sich freiwillig melden, um die russische Invasion zu stoppen. «Das ist das Zuhause meiner Kinder. Ich will, dass sie in Freiheit aufwachsen können. Und nicht unter Besetzung eines autoritären Regimes.»Alina fand ihren Sohn bei den Verwandten. Die Nachbarn halfen dabei, ein ausrangiertes Auto wieder funktionstüchtig zu machen. Dann lud sie so viele Dorfbewohner in das Auto, wie sie konnte und fuhr mit ihnen und ihrem Sohn Richtung Westen. «Das war meine erste Mission», erzählt sie.Am Tag darauf stellte sie sich in Charkiw vor das Büro der Territorialverteidigung in die Schlange mit anderen Freiwilligen.Zu Beginn der Invasion waren Schlangen vor den Rekrutierungsbüros noch ein gewohnter Anblick.Während sich fast fünf Millionen Menschen in Bewegung setzten, um vor dem Krieg ins Ausland zu fliehen, meldeten sich 2022 Hunderttausende zum Einsatz. Der Ansturm war zeitweise so gross, dass die Anwerber der Armee Freiwillige zurückweisen mussten – oft mangels Ausbildung oder körperlicher Eignung. Damals waren es überwiegend Männer, die sich freiwillig zur Waffe meldeten. Das hat sich geändert.Der Anteil der Männer, die zwangsweise mobilisiert wurden, ist stark gestiegen. Bilder von Tumulten gegen die Festnahme von Kriegsdienstverweigerern sorgen für Aufregung in der Öffentlichkeit: Zu gross scheint vielen der Widerspruch zwischen dem Ziel, für die Freiheit der Ukraine zu kämpfen, und dem Zwang für Männer, an der Front im Krieg zu sterben.Das ukrainische Verteidigungsministerium publiziert keine Statistik über die Streitkräfte. Inoffizielle Quellen gehen von etwa 800 000 aktiven Soldaten aus – etwas mehr als 10 Prozent davon sind Frauen. Weil der Anteil der freiwilligen Männer stark schrumpfte, hat die Regierung 2024 Förderprogramme mit grosszügigen Geldleistungen geschaffen, um mehr Männer für den Kriegsdienst zu gewinnen. Doch der Anteil der männlichen Freiwilligen bleibt tief. Die Zahl der Deserteure steigt.An die Stelle der Männer treten heute vermehrt Frauen. Darauf deutet eine Umfrage der NZZ bei Rekrutierungszentren in vier Regionen der Ukraine hin. Und seit Kriegsbeginn haben sich ihre Rollen stark verändert. «Früher meldeten sie sich vor allem für die Sanität oder für die Verwaltung», erklärt ein Anwerber. Heute seien sie vermehrt an der Front anzutreffen: Sie jagen Russen mit Drohnen, evakuieren Verletzte aus der Todeszone und lenken Fahrzeuge in riskanten Versorgungsfahrten.Anastasia, Kampfname Haika. Ein Dorf im Donbass, Juli 2026Für Haika ist Krieg auch Sport. Natürlich sagt sie das nicht als Erstes, wenn man sie nach ihrer Arbeit fragt. Lieber spricht sie gleich davon, warum Frauen genauso gut, wenn nicht sogar besser geeignet seien, an der Front eine Einheit zu leiten. «Die brauchen uns hier», sagt sie. Statt dass sie erklärt, warum das so ist, nimmt sie uns in den Keller mit. Dort hängen zwei Dutzend Bildschirme an der Wand, drei Männer sitzen davor, zurückgelehnt in ihre Stühle. Alle tragen zivil. Sie schnellen nicht auf, als Haika eintritt, mustern bloss die Besucher und wenden sich dann wieder den Bildschirmen zu.Gerade ist nicht viel los in ihrem Frontabschnitt. Draussen schwitzen die Kollegen unter der Hochsommersonne und halten ihre Drohnen einsatzbereit.Wenn Haika in diesen heissen Sommertagen im Keller an ihrem Kommandopult sitzt, die Füsse in Kampfstiefeln, ihre Pistole am Oberschenkel im Halfter, möchte sie manchmal am liebsten schreien, um den Krieg zu beschleunigen. Den Russen den einen, alles entscheidenden Schlag zu versetzen. Sie endlich dahin zurückzuschicken, wo sie hergekommen sind. «Sie sollen nie wieder in der Lage sein, ein Land zu überfallen», sagt Haika.Anna, Kampfname Haika, im Kommandoraum, versteckt in einem Bauernhaus. Beim Besuch der NZZ ist sie seit mehreren Monaten im Einsatz, ohne ihre Kinder besucht zu haben.Nikoletta StoyanovaHaika in ihrem Zimmer über dem Kommandoraum. Hier trainiert sie täglich, um fit zu bleiben. Sie würde lieber in der Infanterie arbeiten, sagt sie. Dort wäre sie nie zur Kommandantin befördert worden.Nikoletta StoyanovaSie war früher Sport-Coach, sie mochte lange, harte Trainingseinheiten: funktionelles Krafttraining im Freien, Ausdauer im Intervall. Lieber ist sie draussen, im Freien, Ausrüstung schleppen, Gräben schaufeln – mit Kamikazedrohnen Russen jagen. Sie sagt: «Die Infanterie ist eigentlich mehr mein Ding.»Haika ist 39 Jahre alt. Sie hat blaue Augen, weissblonde Haare und ein paar Tätowierungen. Ihr robustes Auftreten und der Humor vermitteln Sicherheit. Jetzt zeichnet sie auf einem Stück Papier die Stellungen der Russen im Umland auf. Das soll die Gäste beruhigen, macht aber vor allem deutlich, wie wenig sie trotz zig Überwachungsdrohnen mit Sicherheit weiss, wo die russische Infiltration gerade passiert.Derweil schellt das Diensthandy unaufhörlich. Der Klingelton ist die dröhnende Titelmusik von «Star Wars». Haika behauptet, das sei gar nicht einmal so weit hergeholt: «Ich bin Kommandantin auf einem Todesstern.»Nicht, dass sie schon immer im Sinn gehabt hätte, Russen zu töten: Haika ist selber Russin. Sie wurde in St. Petersburg geboren. Erst als Jugendliche zog sie mit ihren Eltern nach Mariupol in die Ukraine.Dass sie als gebürtige Russin gegen Russland kämpft, ist nur einer der Widersprüche, mit denen Haika lebt. Oder eher: leben will. In ihrem Freundeskreis hätte niemand gross nachgefragt, wäre sie am ersten Tag der russischen Invasion mit ihren Töchtern ins Ausland geflüchtet.Mit ihrer Einheit überwacht Haika heute ein Stück der Front von einem verlassenen Dorf im Donbass aus. Ein Dutzend Monitoren zeigt sechs Kilometer der Frontlinie. Haika und ihr Team blicken auf verwischtes Grün, wo sich die russischen Stellungen verbergen.Haika soll verhindern, dass die Russen hier auch nur einen Kilometer gewinnen. Vom Keller eines baufälligen Bauernhauses kommuniziert sie mit ihren Soldaten in den Gefechtsständen. Also dort, wo man jederzeit entdeckt werden kann von den russischen Truppen. Haika besucht sie fast jede Woche. Manchmal werden sie eingekreist vom Feind, dann müssen sie mehrere Tage ausharren in ihren Gräben, die Gesichter aufgeschwemmt vom Bewegungsmangel und der Dehydrierung.Haika lebt diese Entbehrungen mit. Ihre zwei Töchter im Backfischalter hat sie seit mehreren Monaten nicht gesehen. Sie hat kaum Freizeit, leidet unter Schlafmangel, und der Tod lauert überall. Wöchentlich werden ukrainische Stellungen von Russen entdeckt und bombardiert oder mit Drohnen angegriffen.Warum tut sie sich das an?«Weil die mich hier brauchen», wiederholt Haika. Für sie, als gebürtige Russin, gehe es hier um ein wichtiges Prinzip. Ihre Muttersprache gehöre genauso zur ukrainischen Kultur wie demokratische Prinzipien. «Das lasse ich mir nicht nehmen», sagt sie. Und deshalb spricht sie fast nur Russisch – auch wenn das in der Ukraine inzwischen längst verpönt ist. Sie will für die Freiheit ihres Landes kämpfen, denn es geht hier um nichts Geringeres als ihre Identität. Verliert die Ukraine den Krieg gegen die Russen, dann verliert Haika ihre Identität als russischsprachige Bürgerin der Ukraine.Dass immer mehr Frauen an der Front dienten, habe mit der Veränderung der Kriegsführung zu tun. Heute sei man dem Feind nicht mehr so nahe. «Man ballert nicht mehr so oft mit Artillerie aus Unterständen», sagt Haika. Das habe die Einsicht unter Kommandanten gefördert, dass sie auch Frauen einstellen könnten.Sie würde eigentlich viel lieber in der Infanterie dienen – dort hat sie vor zwei Jahren angefangen. Doch dann merkte sie, dass sie mehr wollte: Sie wollte führen. «Aber als Frau machst du keine Karriere in der Infanterie», sagt Haika. Zu gross seien die Vorurteile gegenüber Frauen. «Die meisten Vorgesetzten denken, wir seien zu schwach für den Schützengraben», sagt Haika. Also meldete sie sich zum Einsatz mit unbemannten Systemen: Transporte, Aufklärung, Abwehr der Feinde – das übernehmen heute auf russischer und ukrainischer Seite häufig Drohnen aus der Luft und auf dem Boden. Drohnen kämpfen gegen Drohnen.Anna, Kampfname Jess. Juli 2026, in der Nähe von CharkiwDrohnen fliegen nicht nur. Manchmal bewegen sie sich auf grobschlächtigen Rädern oder Raupen durch die Steppe. Es sind schwerfällige Riesen, sie sehen ungeschickt aus, wie sie langsam daher holpern – aber sie sind zäh, weil sie aus Metall und Hartplastik statt aus Blut und Muskeln bestehen. Die unbemannten Bodenfahrzeuge (UGV) werden zahlreicher. Der frühere ukrainische Armeechef sagte, sie seien die Zukunft des Kriegs. UGV bringen Wasser, Munition, Medikamente zu den Stellungen, ohne dass ein Mensch unnötig dafür sein Leben riskieren muss.Aber es ist trotzdem ein Mensch, der am Steuer sitzt – oder besser gesagt: am Joystick. Denn UGV werden aus mehreren Kilometern Distanz von Piloten bedient.So ein Pilot ist Anna, Kampfname Jess. Sie kann UGV nicht nur lenken, sie kann sie reparieren und ihre Steuerung programmieren. Jess ist 22 Jahre alt. Vor fast genau zwei Jahren hat sie sich freiwillig für die Armee gemeldet.Jess ist die jüngste im Team. An manchen Frontabschnitten kennt sie jedes Schlagloch – aber nur aus der Kameraperspektive.Nikoletta StoyanovaHeute ist es wieder richtig laut in der Werkstatt, wo Jess arbeitet. Ihre Kollegen hantieren mit Metallbohrern am Unterbau eines unbemannten Minipanzers. Jess arbeitet trotzdem ohne Gehörschutz. Sie hält eine winzige grüne Platine in der einen und den Lötkolben in der anderen Hand. Angesichts der schroffen Umgebung sind Jess’ Hotpants und das bauchfreie Oberteil eine auffällige Kleiderwahl. «Wir tragen zivil, um keine Aufmerksamkeit zu erregen», erklärt der Presseoffizier, der neben ihr steht. Die Werkstatt befindet sich an einem geheimen Ort. Wenn die Fahrzeuge aus der Werkstatt gebracht werden, sind sie abgedeckt, alle Soldaten tragen Privatkleidung. Russische Aufklärungsdrohnen oder Spione sollen nicht erkennen, dass hier die ukrainische Armee untergebracht ist.«Diese Platinen sind die Gehirne der Drohnen», erklärt Jess. Sie nimmt präzise Einstellungen an den Plättchen vor, die fast die gesamte Peripherie der Drohne steuern. Jess hat sich selbst beigebracht, wie man Komponenten über Schnittstellen mit den Reglern verbindet. Sie weiss, wie man Funkempfänger, analoge Kameras und GPS-Systeme korrekt montiert. «Ich bin eine Bastlerin», sagt sie. Ihr Kampfname stammt aus einem Online-Game, das sie vor dem Krieg gern spielte. Jess ist eine Spielfigur, die sich dank handwerklichem Geschick aus scheinbar aussichtslosen Situationen befreit.An dem Tag, als die Russen das Kinderkrankenhaus Ochmatdit in Kiew bombardierten, traf sie ihre Entscheidung. «Ich hielt meine Untätigkeit nicht länger aus», sagt Jess. Sie meldete sich bei Chartia, einer reinen Freiwilligenbrigade. Dass sie sich dazu ermutigt fühlte, hat auch mit der Tatsache zu tun, dass Frauen in der Armee im Zeitalter der unbemannten Systeme viel mehr Rollen zur Auswahl stehen als früher.Jess hätte nie gedacht, einmal an der Front zu kämpfen.Zu Beginn war sie ausschliesslich Drohnenpilotin, vor allem für den Bodentransport. Unterdessen holen die unbemannten Fahrzeuge routinemässig Verletzte von der Front. Auch Jess hat Erfahrung damit. «Meistens evakuieren wir nachts», sagt sie.Jess ist so müde, dass schlafen nicht mehr hilft. Die Arbeitseinsätze sind intensiv und dauern oft bis zum Morgengrauen. Stunden später steht sie wieder in der Werkstatt. Die meisten Wochenenden arbeitet sie durch, nur ganz selten kann sie ihre Familie in der Westukraine besuchen. Jess sagt, sie habe in zwei Jahren so viel erlebt wie andere in Jahrzehnten nicht. Sie ist ein anderer Mensch geworden. Älter als 22 Jahre. Allerdings sieht sie für sich keine Zukunft mehr in der Armee. Jess plant das Leben nach ihrem Ausstieg. Die Fähigkeiten, die sie sich hier angeeignet hat, qualifizieren sie für gute Jobs im zivilen Leben. Doch bei der Armee kann man nicht einfach so kündigen. «Mein Vertrag endet mit der Demobilisierung», sagt Jess. Mit anderen Worten: Frei ist sie erst nach Kriegsende. Aus der Freiwilligen ist eine Gefangene geworden.Jess an ihrem Arbeitsplatz in der Werkstatt, wo unbemannte Panzer repariert werden. Hier verbindet sie über ihren Laptop die Software mit den Komponenten im Fahrzeug, die sie zuvor ausgetauscht hat.Nikoletta StoyanovaMit dieser Fernsteuerung pilotiert Jess unbemannte Fahrzeuge. Unter anderem birgt sie damit verwundete Soldaten von der Front. Es ist ihr persönliches Gerät, das sie selbst mit Stickern verziert hat.Nikoletta StoyanovaEinen Ausweg hat sie vielleicht noch. Morgen hat Jess einen Termin im örtlichen Spital. Sie hofft, dass sie einen Arzt findet, der ihr einen Krankheitsschein ausstellen kann. Dann wäre Jess mit 22 Jahren endlich wieder frei, zu überlegen, was sie will vom Leben, wenn nicht Krieg ist.Mascha und Nika. Charkiw, Juli 2026Für immer mehr junge Menschen wird Kriegsführung zur ersten und manchmal sogar einzigen Ausbildung. Dieses Prinzip ist heute Staatsräson. Der sogenannte Vertrag 18–24 der ukrainischen Regierung richtet sich an 18- bis 24-Jährige. Seit zwei Jahren sieht er grosszügige finanzielle Entschädigungen für junge Freiwillige vor.Maria, genannt Mascha, war noch ein Kind, als 2014 russische Truppen den Donbass besetzten. Ihre Familie stammt aus einer Gegend im Südosten der Ukraine, die heute zu den umkämpften Gebieten gehört. Ihr Vater und ihre zwei Brüder sind Soldaten, Maschas Mutter meldete sich schon 2014 freiwillig als Sanitäterin. Als zehn Jahre später die russische Grossinvasion begann, war Mascha 18 Jahre alt und studierte im Ausland.Während Hunderttausende Frauen in Maschas Alter die Ukraine verliessen, brach sie ihr Studium ab und kehrte zurück an den Ort ihrer Kindheit, einen Vorort der Stadt Mikolajiw im Süden der Ukraine.Heute dient Mascha als Sanitäterin in der Armee. In Charkiw ist es bereits später Abend, als sie zum Interview erscheint. Sie kam direkt von der Arbeit an der Front und wollte zuerst nach Hause, um zu duschen und sich umzuziehen. Danach holte Kommandant Andri sie zu Hause ab und fuhr sie zum Treffpunkt in einer Hotellobby. Maschas 26-jährige Mitbewohnerin Nika, eine Drohnenpilotin, schliesst sich spontan an.Eigentlich könnten die beiden nach vierzehn Tagen ununterbrochenem Kriegseinsatz endlich einmal früh schlafen gehen oder bei einem Bier über etwas anderes reden als über Verteidigungslinien und taktische Manöver.Doch unter der Woche läuft in der Frontstadt Charkiw nicht viel. Und der Besuch einer Bar wäre ohnehin witzlos, weil während der Dienstzeit striktes Alkoholverbot gilt. Man könnte ja Wasser trinken, schlägt Andri vor. Die zwei kichern. Der Kommandant wirkt eher wie ein Kumpel als ein militärischer Vorgesetzter.Mascha überraschte es, dass der Krieg ihre Persönlichkeit so stark verändert hat. «Ich fühle mich komplett anders», sagt sie. Erst jetzt, mit 22 Jahren, habe sie begriffen, wie wertvoll und wunderschön das Leben sei.Sie habe Kameraden sterben sehen. Als Sanitäterin habe sie versucht, ihnen zu helfen, einige seien verblutet. Andere hätten auch dank ihrer Erstversorgung gerettet werden können. Mascha überlegt einen Moment und sagt dann: «Wenn man jung ist, glaubt man, unsterblich zu sein.» Ihre Erzählung gerät ins Stocken.Wie erklärt man mit Worten, wie das Leben sich anfühlt, wenn der Tod einem ständig im Nacken sitzt? Wie macht man die Intensität der Gefühle verständlich, die man an der Front verspürt?Sie schaut hilfesuchend zu Nika, die ihr mit verschränkten Armen gegenübersitzt. Die beiden Frauen stehen sich nahe, das merkt man. Die Freundin nimmt den Faden auf und beginnt von ihrer Arbeit zu erzählen.Nika nennt ihre Drohnen Einwegflugzeuge. Keines kehrt je zu ihr zurück, und jedes richtet Zerstörung an. Bis vor wenigen Monaten steuerte Nika Aufklärungsdrohnen vom Typ Leleka (ukrainisch für Storch). Dann begann sie, sich stärker für Kamikazedrohnen zu interessieren. «Ich wollte das Ergebnis meiner Arbeit sehen», sagt sie. Was meint sie mit Ergebnis? Nika lächelt. «So viele tote Russen wie möglich.»Obwohl sie keinen direkten Kontakt mit dem Feind hat, arbeitet sie unter ständiger Lebensgefahr. Operateure ukrainischer Drohnen aufzuspüren, ist eines der Hauptziele der russischen Aufklärung an der Front. Damit russische Sturmtruppen überhaupt vorrücken können, müssen Soldatinnen wie Nika getötet oder zumindest kampfunfähig gemacht werden.Nika spielt die Gefahr herunter. «Infanteristen sind höheren Gefahren ausgesetzt», sagt sie. Ja, früher habe sie «viel Adrenalin gespürt», wenn eine feindliche Drohne über ihrem Kopf kreiste. «Heute denke ich: Soll sie fliegen, wohin sie will», für den Notfall übt sie regelmässig im Schiessstand, auf fliegende Objekte zu zielen.Ihr Kommandant unterbricht sie. «Vor etwa einer Woche wurde Nikas Stellung angegriffen», sagt Andri. Sie habe sich zusammen mit ihrem Trupp zurückziehen können – unter ständigem Beschuss durch die Russen.Nika faltet ihre manikürten Hände über dem Knie und schweigt. Ihre Kameraden haben überlebt, Nika hat überlebt. Ein Pfeifen in den Ohren, eine Gehirnerschütterung: Teil ihres Jobs.«Ich bin jedenfalls froh, dass Nika ihre neue Aufgabe gefunden hat», fährt Andri fort. «Sie ist besser darin als die meisten in meiner Einheit.» Er macht eine kurze Pause, überlegt. Dann sagt er: «Es ist mir peinlich für die Mehrheit der Männer, die sich nicht freiwillig melden.» Als Kommandant ziehe er inzwischen Frauen jederzeit Männern vor, die unter Zwang rekrutiert worden seien. Warum? «Dazu muss ich etwas ausholen», sagt er.In den ersten zwei Jahren seien Freiwillige direkt zur Infanterie gekommen. Sie hätten gelernt, selbst unter direktem Beschuss die Nerven nicht zu verlieren, auszuharren. Und dann dem Feind geradewegs entgegenzustürmen. Unter Todesangst. Diese Männer hätten die Toten gesehen: Kinder, Frauen, Alte – sie hätten ihre niedergemetzelten Kameraden eingesammelt.Die Männer heute dagegen: «Das sind bloss noch Kätzchen – Mamas Blümchen», sagt Andri. Jetzt nicken die beiden Frauen neben ihm. «Hingegen habe ich ausschliesslich solche Frauen in der Armee gesehen, die mit Disziplin und eisernem Willen arbeiteten», erklärt Andri. Es ist eine Art Selbstselektion. Keine Frau meldet sich freiwillig, ohne sich selbst zuvor zu prüfen: Kann ich das? «Frauen, die sich freiwillig für die Armee melden, bringen eine mentale Stärke mit, die viele Männer nicht haben», so behauptet Andri. Der Kommandant schaut auf die Uhr, sein Rundumschlag gegen die Männer scheint ihm selbst nicht recht geheuer. Und überhaupt: Es ist schon nach Mitternacht. Draussen gilt eigentlich Ausgangssperre. Die Gruppe bricht auf.Andris Zug besteht nicht nur aus Frauen. Die Mehrheit sind Männer. Wenn die Leute in seinem Team eine Gemeinsamkeit haben, dann vor allem die: Sie sind sehr jung. Das Durchschnittsalter beträgt 25 Jahre. Viele haben sich im Alter von 18 Jahren freiwillig gemeldet.Nika dagegen entschied sich erst spät für die Armee. Warum? Bis vor zwei Jahren arbeitete die 26-Jährige als Praktikantin und hatte Aussicht auf einen gut bezahlten Bürojob. Dass sie diesen aufgab, sei aus Liebe zu ihrem Land geschehen, wie sie sagt.Aber das ist vielleicht nur ein Teil der Wahrheit.Der sogenannte Vertrag 18–24 der ukrainischen Regierung richtet sich an 18- bis 24-Jährige. Auch deshalb melden sich seit 2024, als das Programm eingeführt wurde, vermehrt junge Frauen freiwillig. In Werbefilmen des Verteidigungsministeriums werden junge Frauen in Kampfrollen gezeigt – vorwiegend mit VR-Brille auf dem Gesicht, wie sie Drohnen steuern. Sie sehen cool und stark aus.Eine Anwerberin aus Sumi sagt, dass das Programm in ihrer Region momentan mehr Frauen interessiere. Sie sieht dafür mehrere Gründe. «Auf Social Media sind Ukrainerinnen im Kampfeinsatz zu bekannten Influencern geworden», sagt sie. Fraueneinheiten wie die Hexen von Butscha, ein Freiwilligenbataillon, das mit Drohnen arbeitet, würden von vielen jungen Frauen verehrt. Doch hinzu komme, dass in einer Region, die schon vor dem Krieg als strukturschwach gegolten habe, die Aussichten auf wirtschaftliches Fortkommen immer mehr schwänden. «Wer nicht für Studium oder Arbeit aus seiner Region wegziehen will oder kann, für den kommt die Armee schnell in Betracht», sagt die Anwerberin.Hauptanreiz des Programms für junge Freiwillige ist eine Sonderprämie von umgerechnet 24 000 Euro – sie wird in drei Tranchen ausbezahlt, die eine Ausbildung und mindestens ein Jahr Kriegseinsatz voraussetzen. Hinzu kommt ein Grundlohn von einigen 100 Euro plus Zulage. Als Frontsoldatin, die in grösstmöglicher Nähe zum Feind arbeitet, lässt sich damit monatlich bis zu 6000 Franken verdienen. Das ist das Zehnfache vom Durchschnittslohn in der ukrainischen Zivilwirtschaft.Wer einige Jahre an der Front überlebt, kann sich so ein Polster für einen Immobilienkauf im einigermassen sicheren Westen zusammensparen. Je nach Position in der Hierarchie reicht es sogar für ein Ferienhaus in den Bergen von Transkarpatien.Freiwillige dürfen wählen, in welcher Einheit sie dienen wollen. Dagegen riskieren unter Zwang Eingezogene, gleich nach der Ausbildung in Sturmeinsätze an die Front geschickt zu werden.Ein weiterer Anreiz: Freiwillige geniessen mehr Bewegungsfreiheit. Nach einem oder zwei Jahren Dienst dürfen Unterzeichner des Vertrags 18–24 ins Ausland reisen. Wer nach Ablauf des Vertrags austreten will, darf das ungehindert tun und ist danach ein Jahr von der Wehrpflicht befreit.Anna, Kampfname Force. Donbass, Juli 2026All das gilt nicht für Anna. Sie ist nicht Teil dieses Programms, obwohl sie erst 24 Jahre alt ist.Die Frage nach Freiwilligkeit erübrigt sich bei ihr ohnehin. Nicht sie zog in den Krieg, der Krieg zog zu ihr.Anna, Rufname Force, dient als Junior-Feldwebel. Sie ist ausgebildete Sanitäterin und Drohnenpilotin. Offiziell wurde sie nie befördert.Nikoletta StoyanovaForce war zwölf Jahre alt, als 2014 der Donezker Flughafen von prorussischen Separatisten eingenommen wurde. Force’ Vater sah die Niederlage der Ukrainer kommen und zog mit seiner Tochter nach Awdijiwka. Dort verbrachte sie ihre Jugend. Der Krieg war jetzt nur eine Autostunde entfernt. Ihre Geburtsstadt Donezk war inzwischen von den Russen besetzt worden.2024 ordnete Kiew auch den Rückzug aus Awdijiwka an. Force verlor ihre Heimat zum zweiten Mal. Aber inzwischen konnte sie Auto fahren und kannte die Gegend. Sie wusste, was zu tun war. Um russische Gefechtsstellungen und die gesprengte Brücke zu umgehen, fuhr sie auf Umwegen aus der Stadt. Im Auto hatte sie Nachbarn und Freunde, die sie in Sicherheit bringen wollte.Kaum im sicheren Westen angekommen, drehte sie um. «Ich wollte so viele Leute wie möglich retten», erzählt sie. Sie kehrte immer wieder nach Awdijiwka zurück und fuhr mit Vollgas durch den russischen Beschuss. «Irgendwann gab es nur noch Tote zu evakuieren», erzählt sie. Da sie inzwischen zahlreiche Kontakte bei den ukrainischen Streitkräften hatte, fragte sie nach, ob sie sie irgendwie gebrauchen könnten.Es war weniger eine bewusste Wahl, sondern eher eine Entscheidung gegen eine Flucht in die sichere, aber ungewisse Zukunft. Was würde aus ihr im Westen werden? Welche beruflichen Aussichten hatte sie dort? Hier, im Donbass, wusste sie, dass ihre Fähigkeiten gebraucht wurden. Sie musste die Zukunft nicht planen, das Leben ging einfach weiter. Trotz der Ungewissheit, die der Krieg mit sich bringt.Im Alter von 24 Jahren und nach nur zwei Jahren im Dienst blickt Force auf eine beeindruckende Laufbahn in der Armee zurück. Sie ist die einzige Kampfsanitäterin ihres Zugs, und seit ein paar Monaten übernimmt sie Aufgaben eines Hauptfeldwebels. Ihr unterstehen 35 Soldaten, die in der Aufklärung mit Drohnen arbeiten – als ihre Vorgesetzte ist sie die einzige Frau.Doch offiziell befördert wurde sie nie.Auch auf die Frage nach dem Grund dafür schweigt Force. Neben ihr steht ein Presseoffizier und hört mit. Erst später, per Whatsapp, beantwortet sie die Frage: «Es ist leider eine bittere Wahrheit, dass Männer es im Militär leichter haben, befördert zu werden.» Sie gälten selbst dann noch als kompetenter, wenn sie keine Kampferfahrung hätten. Mache ein unerfahrener Mann einen Fehler, heisse es: «Wie dumm von diesem Mann.» Passiere dasselbe einer Frau, sage man: «Wie dumm von diesen Frauen.»Force würde sich nicht als Feministin bezeichnen. «Ich glaube, dass wir Frauen gut daran tun, uns nicht zu überschätzen», sagt sie. Die körperliche Unterlegenheit bleibe bestehen. Klar bewundere sie Leistungen von reinen Frauenkorps wie die der Hexen von Butscha. Aber die körperliche Unterlegenheit von Frauen könne im Krieg zu Problemen führen, sagt Force. «Wir werden immer auf Männer angewiesen sein.»Force und ihre Aufklärungsdrohne beim Fototermin. Sie ist russischsprachig in Donezk aufgewachsen. Seit dem Überfall der Russen auf die Ukraine benutzt sie ihre Muttersprache nicht mehr.Nikoletta StoyanovaIm Alter von 22 Jahren half sie mit, ihren Wohnort Awdijiwka zu evakuieren, indem sie Bewohner unter Beschuss aus der Stadt fuhr. Heute steuert sie Drohnen zur Aufklärung in der Todeszone.Nikoletta StoyanovaFrauen haben im Durchschnitt deutlich weniger Muskelkraft und Ausdauer als Männer. Doch wie sehr fällt dieser Nachteil noch ins Gewicht, jetzt, da der Krieg immer mehr aus der Distanz und immer weniger im Nahkampf geführt wird?Beim Besuch einer Einheit für unbemannte Systeme in der Region Donezk sprach die NZZ mit mehreren Soldaten, die an der Front mit schweren Drohnen des Typs Vampyre arbeiten. Die sogenannten Bomber dienen dem Transport, aber auch dem Abwurf von Sprengladungen. Keiner der befragten Männer befürwortet die Aufnahme von weiblichen Kollegen im Team. Ihr Kommandant erklärt: «Meine Männer machen sich folgende Überlegung: Ich bin 85 Kilogramm schwer. Kann mich eine Frau im Notfall aus der Gefahrenzone schleppen?» Und damit hätten seine Männer recht. «Es fehlt ihnen an Muskelkraft für unsere Tätigkeit», sagt er. Darum stelle er aus Überzeugung keine Frauen in seiner Einheit ein.Zwei Autostunden weiter östlich freut sich jemand, dieses Argument zu hören. Die russischstämmige Kommandantin Haika weiss als erfahrene Infanteristin und Kommandantin eines gemischten Teams viel über die körperliche Fitness von Frontsoldaten. Ihre Augen blitzen streitlustig, als sie die NZZ mit der Aussage des Kommandanten konfrontiert.«Was ist eigentlich mit schwachen Männern?», sagt Haika. Wenn sie diese Frage stelle, scheine das immer alle zu überraschen. Aber die gebe es unter Männern eben auch: Die schmächtigen, untergewichtigen Männer oder die zarten Seelen, die in Notsituationen in die Panikstarre verfielen.Mit Haika arbeiten mehrheitlich Männer, sie fahren alle regelmässig mit ihr an die Kontaktlinie. Keiner, sagt Haika, stelle ihre körperliche Leistungsfähigkeit infrage, denn sie habe sie mehrfach bewiesen. Über neun Kilometer habe sie bei einem Einsatz einen jungen Soldaten geschleppt, dem ein Bein fehlte. Sie seien eine kleine Gruppe gewesen, die zu Fuss durch die Todeszone habe gehen müssen. Sie hätten sich abgewechselt beim Transport des Verletzten. «Ich habe den Kameraden genauso lange getragen wie alle anderen.»Die Ukraine hatte die Dienstpflicht für Frauen, wie sie etwa in Israel praktiziert wird, nie ernsthaft erwogen. Doch im August kamen an dieser Gewissheit Zweifel auf, als Gerüchte die Runde machten, dass die Regierung wegen des Mangels an freiwilligen männlichen Soldaten genau das plane.Es waren mehrere Aussagen von Persönlichkeiten aus Militär und Politik, die aufhorchen liessen. Unter ihnen der ehemalige Oberbefehlshaber der Armee, Waleri Saluschni, der in einem Interview sagte: «Wenn es notwendig werden sollte, Frauen einzuberufen, um Europa vor einem Krieg zu bewahren, werden wir das unzweifelhaft tun.» Der frühere Verteidigungsminister Olexi Resnikow, stellte, statt die Gerüchte zu entkräften, in einem Radiointerview fest, dass mit einer Dienstpflicht für Frauen der «Rekrutierungspool sofort verdoppelt» werden könne. Und schliesslich war es Keith Kellogg, amerikanischer Sondergesandter für die Ukraine, der sagte: «Glaube ich, dass Frauen mobilisiert werden sollten? Ja, denn sie kämpfen nicht schlechter als Männer.» Daraufhin sah sich das ukrainische Parlament genötigt, eine gemeinsame Stellungnahme zu verfassen, dass eine Dienstpflicht weder «diskutiert, geplant noch durchgeführt» werde.Ananda ist nach über vier Kriegsjahren nicht nur müde, sie leidet gesundheitlich stark. Trotzdem denkt sie nicht ans Aufhören. «Ich muss meine Erfahrung an Junge weitergeben, damit sie im Krieg überleben.»Nikoletta StoyanovaHaika will auf keinen Fall, dass Frauen verpflichtet würden, in die Armee einzutreten. Sie ist aber überzeugt, dass Frauen besser darin sind, Krieg zu führen. «Die brauchen uns», wiederholt Haika. «Sie brauchen unsere Unbestechlichkeit und unseren Leistungswillen.»Haika bewohnt ein winziges Zimmer über dem Kommandoraum. Der Raum fühlt sich unerwartet gemütlich an. Ein schmales Bettsofa steht unter dem Fenster, durch das man auf einen wilden Garten mit Apfelbäumen blickt. Die Laken auf dem Bett sind ordentlich glattgezogen. Gleich daneben steht ein Pult mit zwei Bildschirmen, auf denen 24 Stunden am Tag Google Meet für Besprechungen mit ihren Vorgesetzten aufgeschaltet ist. Alte Bastelarbeiten ihrer Kinder liegen auf dem Schreibtisch.Haika legt Wert auf Ordnung und Sauberkeit. Auf einer Couch neben der Tür sind Spitzendecken und Zierkissen drapiert. Daran lehnt ihr Sturmgewehr. Gegenüber hängen zwei weitere Bildschirme, die einen Frontabschnitt zeigen. Sie laufen Tag und Nacht. Die Bilder von der Front sind das Letzte, was Haika sieht, wenn sie lange nach Mitternacht endlich die Augen schliesst.«Kennen Sie das dümmste aller Vorurteile gegen Frauen in der Armee?», fragt Haika und gibt die Antwort gleich selbst. «Sie kommen ins Militär, um einen Mann zu finden.» Sie sei zwar nicht deswegen eingerückt, aber verliebt habe sie sich trotzdem. «Unsterblich», sagt sie. Und das bedeutet in ihrem Fall wirklich etwas, denn ihr Freund ist vor zwei Jahren gefallen. «Die Asche meines Geliebten steht bei mir zu Hause in einer Büchse auf dem Küchentresen», sagt sie. Er habe sich gewünscht, dass er an seinem Geburtsort begraben werde: auf der Krim, die von den Russen besetzt ist. Ob das je möglich sein wird, daran zweifelt Haika.Passend zum Artikel
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In der Ukraine melden sich kaum noch Männer freiwillig zum Dienst. An ihrer Stelle ziehen vermehrt Frauen in den Krieg. Sie bergen Verletzte, steuern unbemannte Panzer und jagen Russen mit Drohnen. Sind Frauen besser geeignet für die Front? Vier Soldatinnen erzählen.






