Mehr Geld, mehr Ausländer und kürzere Kampfeinsätze: Eine Reform des Wehrdienstes soll die Personalprobleme der ukrainischen Armee behebenIm Krieg gegen Russland ist die Ukraine auf einen konstanten Nachschub an Soldaten angewiesen. Die Rekrutierung erfolgt zunehmend unter Zwang. Nun soll der Militärdienst attraktiver werden.16.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenUkrainische Soldaten sollen mehr Sold erhalten und nach einem Kampfeinsatz ein Anrecht auf einen mehrmonatigen Fronturlaub haben. Bild aus der Provinz Donezk.Wolfgang Schwan / Anadolu / GettyDie Ukraine macht keine Angaben zu ihren Opferzahlen. Wie viele Soldaten an der Front gefallen sind oder so schwer verletzt wurden, dass sie nicht mehr kämpfen können, ist nicht öffentlich bekannt. Dass die Verluste vielleicht nicht so riesig wie auf russischer Seite, aber dennoch sehr gross sind, ist jedoch unbestritten. Die gewaltigen Soldatenfriedhöfe am Rande jeder Stadt sprechen eine deutliche Sprache. Auch die Ukraine braucht im Abnützungskampf deshalb einen konstanten Nachschub an neuen Soldaten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Umstrittene ZwangsrekrutierungGleichzeitig ist die Rekrutierung für den Kriegsdienst eines der kontroversesten gesellschaftlichen Themen überhaupt. Anders als Russland, das fast nur Vertragssoldaten an die Front schickt, kann es sich die viel kleinere Ukraine nicht leisten, auf die Mobilisierung ihrer wehrdienstfähigen Bevölkerung zu verzichten. Grundsätzlich kann jeder Mann zwischen 23 und 60 Jahren eingezogen werden und darf deshalb das Land nur mit einer Ausnahmebewilligung verlassen. Bis vergangenen Sommer lag die Altersgrenze sogar bei 18 Jahren.Doch längst nicht jeder Ukrainer will kämpfen, zumindest nicht unter den vorherrschenden Bedingungen. Zehntausende von jungen Männern setzen sich jedes Jahr vor dem 23. Geburtstag ins Ausland ab oder fliehen danach mit der Hilfe von Schleppern über die grüne Grenze. Andere tauchen im Land unter.Weil es immer schwieriger wird, genügend neue Soldaten zu finden, gehen die Rekrutierungsbehörden wiederum recht rabiat vor. Handgreiflichkeiten sind keine Seltenheit, wenn sich Männer bei einer Kontrolle dem Zugriff durch Rekrutierungsteams entziehen wollen. Entsprechende Aufnahmen kursieren in grosser Zahl in den sozialen Netzwerken.Attraktiverer KriegsdienstAls Verteidigungsminister Michailo Fedorow zum Jahresbeginn seinen neuen Posten antrat, bezeichnete er die Reform des Rekrutierungssystems als persönliche Priorität. Nun liegen erste konkrete Massnahmen auf dem Tisch. Präsident Wolodimir Selenski präsentierte vergangene Woche ein Reformpaket, das vom Verteidigungsministerium ausgearbeitet worden war. Fedorow spricht von der «grössten Umgestaltung des Wehrdienstes in der ukrainischen Geschichte».Die Reformen zielen vor allem auf die Attraktivität des Kriegsdienstes ab. Der Grundsold wird von 20 000 auf 30 000 Hrywna erhöht, etwa 530 Franken. Das entspricht ungefähr einem Durchschnittseinkommen in der Ukraine. Hinzu kommen teilweise erhebliche Zuschläge, abgestuft nach der Gefährlichkeit der Einsätze.Ein Infanterist an der Frontlinie kann, je nach Erfahrung, neu bis zu 460 000 Hrywna erhalten, 8200 Franken. Der Durchschnitt soll bei 5300 Franken liegen. Dies seien die weltweit höchsten Gehälter in der Infanterie, schreibt Fedorow auf Telegram. Denn der Dienst in der Infanterie sei der schwierigste und riskanteste Job der Welt.Infanteristen halten die Stellungen in der sogenannten Todeszone. Damit ist der mehrere Dutzend Kilometer breite Streifen entlang der Front gemeint, in dem konstant feindliche Drohnen am Himmel schwirren. Weil jeder Schritt aus der Deckung Todesgefahr birgt und Rotationen nur noch unter grösstem Risiko möglich sind, harren die Infanteristen mitunter monatelang an ihren Stellungen aus.Um die heimische Bevölkerung zu schonen, sollen mehr ausländische Söldner für diese Positionen gewonnen werden. Mittelfristig strebt die Armeeführung einen Anteil von 30 bis 50 Prozent an. Die Reform erweitert die Möglichkeiten zur Anwerbung ausländischer Kämpfer. Anders als zu Kriegsbeginn sollen diese keine eigenständigen Einheiten bilden, sondern in die Armee integriert werden. Die sogenannte Fremdenlegion wurde bereits vor einigen Monaten aufgelöst.Unbürokratischer Wechsel zwischen EinheitenNeben finanziellen Anreizen schafft die Reform auch Klarheit über die Länge von Kampfeinsätzen. Wer einmal mobilisiert wurde, bleibt in der Ukraine bis zum Kriegsende in der Armee. Die Erschöpfung in manchen Einheiten ist entsprechend gross.Zwar werden die Soldaten auch künftig nicht endgültig aus dem Kriegsdienst entlassen. Einsätze sollen neu aber nur für eine festgelegte Dauer laufen. Danach steht eine garantierte Ruhezeit von mindestens sechs Monaten an. In der Infanterie sind die Einsätze auf 14 Monate beschränkt. Bei weniger gefährlichen Verwendungen, etwa als Drohnenpiloten, liegt die Dauer bei 24 Monaten.Ausserdem werden Wechsel zwischen unterschiedlichen Militäreinheiten vereinfacht. Innerhalb eines Korps können Soldaten einen Wechsel künftig über eine Smartphone-App beantragen. Einheiten und Kommandanten, die ihre Soldaten schlecht behandeln oder unverhältnismässigen Risiken aussetzen, dürften künftig noch mehr Abgänge zu verzeichnen haben. In der ukrainischen Armee herrscht unter den einzelnen Brigaden ein durchaus gewollter Wettbewerb um Ressourcen und Personal.Bürokratieabbau mittels digitaler Verfahren ist ein Steckenpferd von Verteidigungsminister Michailo Fedorow. Auf seinem früheren Posten als Chef des Digitalisierungsministeriums hatte er eine App eingeführt, über die unterschiedlichste Behördengänge abgewickelt werden können.Reform des Rekrutierungsprozesses steht noch ausDie Wehrdienstreform greift wichtige Kritikpunkte auf. Die endlosen Kampfeinsätze und das zum Teil noch immer sowjetisch geprägte Hierarchieverständnis in einzelnen Einheiten werden oft als Gründe genannt, warum junge Männer sich dem Wehrdienst entziehen oder fahnenflüchtig werden.Obwohl einige Ökonomen Zweifel an der Finanzierbarkeit der hohen Soldzahlungen geäussert haben, ist eine angemessene Vergütung während des Kriegsdienstes wichtig. Kämpfende Soldaten und ihre Familien sollten finanziell zumindest nicht schlechter gestellt sein als die arbeitende Bevölkerung.Dass die Ukraine dank einem attraktiveren Kriegsdienst auf jegliches Zwangsmittel verzichten kann, ist dennoch illusorisch. Schliesslich geht es für jeden Einzelnen immer auch um Leben und Tod. Ein fairer und transparenter Rekrutierungsprozess ist für die gesellschaftliche Akzeptanz deshalb zentral.Denn auch in der Ukraine werden bis anhin die Bewohner der grossen wirtschaftlichen Zentren gegenüber der Landbevölkerung geschont. Dass Geld und Beziehungen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dem Kriegsdienst zu entgehen, ist ohnehin ein offenes Geheimnis.Diesen Missständen soll sich laut Fedorow die zweite Phase der Reform widmen. Das wird die wahre Bewährungsprobe für den neuen Verteidigungsminister.Passend zum Artikel
Personalprobleme in ukrainischer Armee: Kriegsdienst soll attraktiver werden
Im Krieg gegen Russland ist die Ukraine auf einen konstanten Nachschub an Soldaten angewiesen. Die Rekrutierung erfolgt zunehmend unter Zwang. Nun soll der Militärdienst attraktiver werden.














