Im Fussball treten Sportchefs zurück: Es geht um Belastung, Geld, Transfers, Agenten, Erreichbarkeit und AbgrenzungSportliche Leiter wachsen in einen Beruf hinein, der komplex und anforderungsreich ist. Die Burnout-Gefahr ist grösser geworden – auch weil die Klubs das Spieler-Trading intensivieren.12.09.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDie Ausbildung zum Sportchef steckt hierzulande noch in den Kinderschuhen, aber immerhin: Wie viele Sportchefs und Familienväter schnell ausbrennen, bleibt nicht verborgen.Peter Klaunzer / KeystoneAuf dem Spielplatz sagt ein Bub zu seinem Freund: «Kommt ihr mal mit der Familie zu uns für ein Abendessen?» Die Antwort: «Ja, gerne, ich komme mit meiner Schwester und meiner Mutter.» Die Nachfrage: «Hast du keinen Papa?» Die Antwort: «Doch, aber der ist immer am Telefon und hat keine Zeit.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Papa ist Steve von Bergen. Er war Sportchef der Young Boys. Als ihm die Konversation der Buben mitgeteilt wurde, fragte er sich: «Kann’s das sein? Jetzt, da die Kinder sechs- und zwölfjährig sind?» 2025 verliess Steve von Bergen YB, nach dreizehn Jahren als Spieler, Trainer und Sportchef. Seine letzte YB-Saison war nicht gut. Trainerwechsel, Diskussionen, Kritik intern und extern, darüber sinnieren, warum es zwischen einem neuen Trainer und einem Team nicht harmoniert, Debatten über fehlende Leader in der Kabine, fast nicht mehr schlafen können. «Das frass mich fast auf, weil mir der Verein so am Herzen liegt», sagt von Bergen heute.So reden Sportchefs von Schweizer Fussball- und Eishockeyklubs. Sie sind während des Abendessens geistig abwesend und hören von Töchtern die Frage: «Wo bist du?» Sie wickeln ihr Kind, legen das Mobiltelefon daneben auf den Tisch und kommunizieren per Lautsprecher mit einem Spieleragenten. Sie nehmen sich am Abend anderthalb Stunden Zeit für die Kinder, essen, reden mit ihnen über den Tag und bringen sie ins Bett. Das Telefon ist im Flugmodus. Danach sind zwanzig Anrufe und Kurznachrichten in der Warteschlaufe.Steve von Bergen erwähnt einen Tick, den er nach seiner YB-Zeit fast nicht ablegen konnte. Mit dem Finger das Telefon antippen, scrollen, immer wieder. Wie automatisiert.Hatte so manche schlaflose Nacht: der frühere YB-Sportchef Steve von Bergen (rechts), hier im Januar 2023 im Gespräch mit dem Innenverteidiger Cédric Zesiger.Anthony Anex / KeystoneAls Scout hat der frühere Sportchef mehr LebensqualitätAndrew Ebbett, zwischen 2021 und 2024 Sportchef im SC Bern, sagt: «Es ist vorgekommen, dass mich Agenten am Sonntag um halb neun angerufen haben, weil ihr Klient am Vorabend zu wenig Boxplay gespielt hat.» Man müsse den Anruf fast entgegennehmen, denn man wisse nie, was dahinterstecke. Der 43-jährige Ebbett ist mittlerweile Scout in der Organisation der Anaheim Ducks – und erfreut sich mehr Lebensqualität.So reden auch andere Sportchefs. Daniel Stucki, bis 2026 im FC Basel, berichtet von familiären Neujahrstagen in London. Es ging um einen Königstransfer. Er war pro Tag fünf bis sechs Stunden in Gesprächen, weil es kompliziert wurde. Hier willst du den Transfer, dort wartet die Familie. Ein Kind fragt den ständig telefonierenden Vater: «Was ist los?» Stucki spricht von einem «Spannungsumfeld» und sagt, dass er beim dreitägigen London-Besuch mit der Familie «geistig nicht anwesend» gewesen sei. Immerhin glückte der Transfer des ausländischen Spielers.Die Schilderungen aus der Szene ähneln sich. Ein Kernpunkt ist die ständige Erreichbarkeit. Der ZSC-Sportchef Sven Leuenberger kümmert sich in jeden Ferien am Morgen um E-Mails und sonstige «Eishockey-Dinge». Man könne sich ein paar Freitage gänzlich herausnehmen, sagt er, «aber dann hast du diesen Job nicht lange». Seine Frau pflege zu sagen, dass sie sozial ab September bis zum Ende der Eishockeysaison nicht existierten – «wahrscheinlich hat sie damit recht». Zu hören ist, dass von Sportchefs in Transferzeiten oft «24/7» verlangt wird. 24 Stunden im Tag und 7 Tage die Woche erreichbar. Da liegt die Krankheit nahe.Im Vergleich zum Eishockey ist der Fussball zur Ganzjahressportart geworden. Spielertransfers und Trainerzäsuren kennen beide, aber im Fussball haben die Personalbewegungen merklich zugenommen. Die Klubs spezialisieren sich aufs «Traden», wollen nicht nur Transfers tätigen und Erfolg, sondern auch Geld verdienen. Es wird von Sitzungen berichtet, in denen es nur darum gehe, «Geld zu machen, einfach nur das». Zuerst das Wirtschaftliche, erst dann das Sportliche.Der FC Thun erdauert die Sogwirkung des MeistertitelsDominik Albrecht arbeitete lange für den FC Thun. Vor ein paar Wochen trat er als Sportchef zurück. Er sagt, er sei «fast rund um die Uhr erreichbar» gewesen. Im Zuge des meisterlichen Thuner Erfolgs nahm die Unruhe im Personal zu, weil viele weiterziehen wollten. Also musste Ersatz her. Nach dem ertrotzten Abgang eines Leistungsträgers schien dessen Nachfolger fast gefunden, ehe doch noch alles bachab ging.Wie sich Steve von Bergen im klubeigenen Kanal nach vielen YB-Jahren verabschiedet hat.Unzählige Telefonate mit mehreren Personen rund um den Spieler. Zusätzliche Berater schalten sich ein, man hat mit zwei Sportchefs von einem anderen Klub zu tun. Dazu kommt ein impulsiver Präsident. Man findet sich mit dem Spieler in der Lohnfrage, nicht aber mit dem Klub bei der Transfersumme. Wechselnde Meinungen. Der eine schiebt’s auf den anderen ab. Und wenn’s ganz bunt wird, wechselt der Spieler plötzlich den Berater. Oft wird bei Transfers Verwirrung gestiftet, weil ein interessierter (Phantasie?-)Klub dazu benutzt werden kann, den Marktwert eines Sportlers künstlich zu erhöhen. Das abzuklären, erfordert: Telefonate.Die Sportchefs beziffern den zumutbaren Transferteil mit 60 bis 70 Prozent. Das heisst, dass ungefähr ein Drittel zu viel Energie raubt. Man spricht von «Auswüchsen» und von «Manipulationen». Da erkundigt sich der sportliche Leiter bei einem Spieler, was er zu tun gedenke. Bleiben? Oder ins Ausland? Die Antwort ist klar. Doch am nächsten Morgen ist plötzlich alles anders. Mögliche (Agenten-)Gespräche, Verunsicherung, Meinungsänderung über Nacht.Transfers werden befeuert, weil der Spieler weiterkommen will. Zudem erhalten die Agenturen vor allem Provisionen, wenn gewechselt wird. Und: Auch die Geldgeber der Klubs wollen (Transfer-)Geld sehen. Der Sportchef steht mittendrin.Was ist, wenn der Spieler sofort weg will?Der Sportchef muss Unruhe vom Team fernhalten. Das wird fast unmöglich, wenn wie in Thun fast alle das Weite suchen. Neid kommt auf, wenn der Mitspieler gehen darf. Atmosphärische Störungen in der Kabine folgen, wenn Spieler plötzlich nur noch den Sprung ins Ausland im Kopf haben. Ein Spieler sagt dem Sportchef: «Ich will weg, sofort.» Die Antwort: «Du hast einen Vertrag und gehst jetzt nicht weg.» Das birgt Konfliktstoff.Vor Jahren wollte ein junges YB-Talent unbedingt in die Bundesliga. Er beklagte sich im Team, weil YB nicht sofort Hand bot. Ein Routinier massregelte ihn: «Jetzt willst du weg? Zu dem Chaosklub? Im Streit mit YB? Geht’s noch? Seit zwei Wochen machst du uns alle verrückt.»Konsternation geht um, wenn der Berater eines Spielers noch am Abend des Ausscheidens aus der Champions-League-Qualifikation Kontakt aufnimmt und um die Freigabe seines Klienten bittet. Ego-Nummern. Oder wie’s jemand ausdrückt: «Viele Ich-AGs.» Dominik Albrecht hat in Thun den Misserfolg (Abstieg 2020) und den Erfolg erlebt. Punkto Intensität und Gesprächsbedarf macht er keinen Unterschied aus. 2020 seien «existenzielle Themen» aufgekommen, «viele Spieler wollten weg». Fast wie 2026.Was Andrew Ebbett am frühen Sonntag erlebt hat, ist gang und gäbe. Nicht nur Berater, auch Familienmitglieder beklagen sich bei Sportchefs teilweise während der Spiele, weshalb ihr Sohn nicht eingesetzt werde. Was zur Frage des Aufgabenbereichs führt. Die Schweizer Klubs halten sich auf der sportlichen Führungsebene schlank, weil der Kostendruck gross ist. Basel und YB können sich mehr leisten als Thun. Teilen sich in Basel neu Valentin Stocker und Andreas Herrmann die Sportchefarbeit, hat diese zuvor Daniel Stucki allein verrichtet. Zwei kosten mehr als einer.Wenn sich der Sportchef ums Bier kümmertAber es ist auch immer eine Frage der Abgrenzung. Der Sportchef kümmert sich um das Team und die Transfers. Aber weil er so nahe am Geschehen ist und viel weiss, was das Team betrifft, steht er auch hin, wenn’s einen Kabinenbrand gegeben hat. Oder für Behördenkontakte während Corona. Wenn Thun Meisterfeierlichkeiten plante, war Albrecht auch in Entscheidungen involviert, ob beispielsweise Alkohol und Zigarren zum Auswärtsspiel mitgenommen werden. «Vielleicht stand ich mir auch selbst im Weg, ich bin sehr akribisch», sagt Albrecht. «Ich hatte sicherlich Mühe mit der Abgrenzung», sagt Stucki rückblickend.Das extremste Beispiel in der Eishockey-Schweiz war wahrscheinlich Paolo Duca in Ambri, der sich als Sportchef nicht nur für die erste Mannschaft verantwortlich gefühlt hat, sondern tendenziell auch noch dafür, wenn die Bratwurst zu kalt war. Duca, heute CEO in Zug, ist als Ex-Spieler mit Ambri seit Jahrzehnten verbunden. Er sagt heute: «Wahrscheinlich war es auch für den Klub nicht gesund.»Ist als Ex-Spieler mit Ambri seit Jahrzehnten verbunden: der heutige EVZ-CEO Paolo Duca.Boris Bürgisser / CH MediaDa stellt sich die Frage, inwiefern man sich schützen kann, die Telefonflut oder selbst die Bratwurst vor Augen. Viele Sportchefs kommen als frühere Spieler in ein vertrautes Betätigungsfeld, Learning by Doing, Beziehungen nutzen und aufbauen. Albrecht sagt, er sei über die Jahre «hineingewachsen», auch in die «Verhandlungsthemen». Von Bergen war Führungsspieler, danach im YB-Nachwuchs Trainer, ehe ihn der YB-Sportdirektor Christoph Spycher zwecks Entlastung ins Sportchefbüro an seine Seite holte. Auch Stucki war Spieler, studierte, hat aber als früherer Polizist einen anderen Rucksack. Er arbeitete im Basler Nachwuchs und stieg zum Sportchef auf.Der St. Galler Sportchef Roger Stilz erlangte das Trainerdiplom. Er arbeitete als Assistenztrainer, im deutschen Amateurfussball und jahrelang für die Akademie des 1. FC St. Pauli. Er sagt über seinen Werdegang: «Nicht zu schnell vorwärtsgehen, nicht zu hoch und nicht zu weit. Man sollte sich im Amateurfussball Zeit nehmen vor dem Übertritt in das anspruchsvolle und komplexe Berufsfeld des Sportchefs im Profifussball. Den Umgang mit Menschen oder das Gefühl, ob ein Telefonat oder eine E-Mail besser ist, kann ich mir früh aneignen.»Arbeitete jahrelang in der Akademie des 1. FC St. Pauli: der St. Galler Sportchef Roger Stilz.Gian Ehrenzeller / KeystoneStocker will den Fehler von Streller nicht wiederholenIm FC Sion ist Barthélemy Constantin in den Job hineingerutscht, geschützt von seinem Vater. In Basel fragen sie sich heute noch, wie schlau es war, Marco Streller 2017 so schnell zum Sportchef zu ernennen. Eine überdurchschnittliche Fussballkarriere muss nichts bedeuten. Valentin Stocker geht die Aufgabe sachter an, was aber in der letzten Saison zu monatelangen Absenzen geführt hat. Er will den Fehler seines Mentors Streller nicht wiederholen. Der FC Zürich heuert Spieleragenten (Milos Malenovic, Dino Lamberti) an, auch YB (Mathieu Béda) tut das.Ist im FC Sion in den Job hineingerutscht, geschützt von seinem Vater: der Sportchef Barthélemy Constantin.Cyril Zingaro / KeystoneIn Thun folgt der 33-jährige Simone Rapp als «Kaderplaner» auf Albrecht, der im Klub später eine übergeordnete Position einnehmen soll. Rapp tut das unmittelbar nach dem Rücktritt als Fussballer. Er macht mehr auf Streller, weniger auf Stocker und Stilz.Ein Schweizer Sportchef sagt, dass der Fussball generell von Leuten mit wenig Erfahrung geführt sei. Das kann die Arbeit erschweren. Ein Eishockey-Sportchef erzählt eine befremdende Geschichte: Sie hätten eine schlechte Saison gespielt, im Verwaltungsrat habe es Druck gegeben, den Trainer zu wechseln. Plötzlich habe es geheissen: «Jetzt musst du an die Bande, es ist schliesslich dein Kader, du bist für diese Situation verantwortlich.» Man müsse die Leute konstant abholen, um solche Situationen zu verhindern, das koste viel Energie.Die Swiss Football League weiss um das «Vakuum» und die «Leerstelle» in der Ausbildung der Sportchefs. Seit kurzem bietet die Liga alle zwei Jahre eine praxisnahe Ausbildung an. Kostenpunkt gegen 15 000 Franken. Inhalte: Kurse zu Themen wie Führung, Strategie, Recht, Umgang mit Daten und Beratern.Ein Kurs ist bereits durch, besucht wurde er vom früheren Fussballer Ciriaco Sforza und von Noé Gerber, dem Scout des FC Thun, dem Sohn des Thun-Präsidenten Andres Gerber. Die Ausbildung steckt in den Kinderschuhen. Aber immerhin ist der Wille da. Denn nicht verborgen bleibt, wie viele Sportchefs und Familienväter wie schnell ausbrennen – in der Telefon- und sonstigen Aufgabenflut.Mitarbeit: Nicola BergerPassend zum Artikel