Nachdem Alexander Zverev bei den US Open fünf Matches hintereinander spät am Abend gespielt hatte, auch, weil er es genau so wollte, stellte sich vor seinem Halbfinale an diesem Freitag eine drängende Frage: Würde er seinen Rhythmus auf einen neuen Zeitablauf umstellen können? Denn erstmals war in New York eine Partie mit seiner Beteiligung wesentlich früher als zuvor terminiert worden. Um 15 Uhr (Ortszeit) musste er schon auf den Hartplatz im Arthur Ashe Stadium marschieren. Dort wartete sein Gegner Karen Chatschanow, 30, aus Russland, 50. der Weltrangliste und ein sehr guter Profi zweifellos, aber doch nach schwächeren Leistungen zuletzt überraschend in die Vorschlussrunde beim letzten Grand-Slam-Turnier der Saison vorgestoßen.Tennis-Influencerin Rachel Stuhlmann:„Viele Influencer kennen die Tennis-Etikette nicht“Bei den US Open in New York gerieten Influencer schwer in die Kritik. Rachel Stuhlmann ist eine der erfolgreichsten in diesem Beruf. Ein Gespräch über Benimmregeln und warum sie für ein Handyverbot in Wimbledon wäre.Gegen die Mittagszeit konnte Entwarnung gegeben werden: Zverev hatte offenbar den Wecker pünktlich gestellt. Entspannt und ausgeschlafen betrat er den Trainingsplatz 1, im Gefolge Vater und Trainer Alexander senior, Bruder Mischa, Fitnesscoach Jez Green, Physiotherapeut Ramón Punzano, Hitting Partner Michail Ledowskich – und Aaron Keller. Letzterer ist der Sohn des deutschen Schauspielers Mark Keller und steht in New York jedes Mal auch auf dem Platz, wenn sich Zverev einspielt. Mit dem French-Open-Sieg im Juni, als Zverev erstmals einen Grand-Slam-Titel errang, ist der 29-Jährige eine für bestimmte Kreise noch begehrtere Person geworden. Im Sommer, nach dem knapp verlorenen Wimbledon-Finale, tauchte Zverev auf Ibiza hinter dem Pult von Star-DJ Rampa auf, der zum Musikkollektiv Keinemusik gehört.Wehrte sich, aber konnte seine Chancen nicht nutzen: der Russe Karen Chatschanow, 30.Sarah Stier/Getty Images via AFPDen Fokus, das steht fest, hat Zverev trotz seiner neuen Bekanntschaften kein bisschen eingebüßt, im Gegenteil. Er steht tatsächlich schon wieder in einem Endspiel bei einem der vier Grand-Slam-Turniere, die jedes Jahr ausgetragen werden. Nach Paris und London ist er auch in New York in der letzten Turnierpartie angelangt. Chatschanow hatte verbissen mitgespielt und im zweiten und dritten Satz absolut seine Chancen. Doch Zverev hielt mit einer Willensleistung dagegen und siegte 6:2, 7:6 (7), 7:6 (6). Erleichtert lachte er, als er den Matchball nach 2:57 Stunden verwandelt hatte.Auch beim kurzen Interview auf dem Platz wirkte Zverev gelöst. „Manchmal laufen die Dinge zu deinen Gunsten“, sagte er. „Ich hatte viele Schwierigkeiten bei Majors. Ich war so oft so nah dran. Und vielleicht hat Gott gesagt: Dieses Jahr wird dein Jahr. Genieße einfach die Zeit, wenn du auf dem Platz bist. Und ich genieße sie. Ich liebe es, diese großen Finals zu spielen. Ich kann es kaum erwarten, bis Sonntag ist.“Dabei war es bei Weitem nicht sein bester Auftritt in New York, zeitweise verfiel er in alte Muster. So stand er oft weit hinter der Grundlinie, spielte nur die Bälle ins Feld, ohne die Offensive zu suchen. Gab es nicht einen neuen Zverev, der in Paris und Wimbledon den Sturm und Drang entdeckte? Hier in Flushing Meadow war er nicht in Sicht. Auch Woody Harrelson und Matthew McCaunaughey aus der legendären Krimiserie True Detectives, die in der ersten Reihe hinter Zverevs Sitz saßen, dürften das neue Alter Ego Zverevs vermisst haben. Fußballlegende Ronaldo verfolgte ebenfalls die Partie.Zwei Schauspieler-Legenden bei Zverevs Match: Matthew McConaughey (rechts) und Woody Harrelson.Eduardo Munoz/ReutersLetztlich konnte es Zverev egal sein, dass er diesmal keinen Schönheitspreis gewann. Und auch, dass die Eintrittskarten für seine Partie fast schon verramscht wurden auf dem Zweitmarkt. Er wollte nur eines erreichen: das Finale. Und das glückte ihn an einem Tag, der für die USA eine besonders traumatische Relevanz hatte. Es war Nine-Eleven, der 11. September. Vor exakt 25 Jahren war Amerikas Seele durch Terroranschläge erschüttert worden. Vor Beginn des Halbfinals wurde eine besondere Zeremonie abgehalten.Zverev bestreitet am Sonntag (14 Uhr/21 Uhr MEZ) sein sechstes Grand-Slam-Finale. Damit hat er die Gelegenheit, seine größte Wunde, die er 2020 erlitten hatte, zu heilen; damals fehlten ihm im Endspiel von New York gegen den Österreicher Dominic Thiem nur zwei Punkte zu seinem ersten Grand-Slam-Titel. Diese Niederlage hängt ihm bis heute nach, sagte er kürzlich. 2024 verlor er in Paris den finalen Akt gegen Carlos Alcaraz, 2025 in Melbourne gegen den Italiener Jannik Sinner. In dieser Saison ist Zverev zweifellos der überragende Profi. Nach den Finals in Paris und Wimbledon erreichte er sein drittes Grand-Slam-Endspiel hintereinander. Er ist der siebte Spieler, dem dies seit 2000 gelang.Bemerkenswert ist, wie der Weg von Zverev bislang aussah: Wie 2020 in New York und wie in Paris musste er diesmal wieder keinen einzigen Top-20-Spieler besiegen. Seine Gegner in den USA waren der Italiener Lorenzo Sonego (89. der Weltrangliste), Quentin Halys (52.), Alejandro Tabilo (28.), Luciano Darderi (22.), Botic van de Zandschulp (70.) und Chatschanow. In den sozialen Medien wurde Zverev nachgesagt, er würde den möglichen Grand-Slam-Titel geschenkt bekommen, eine wohl etwas verzerrte Sicht. Erstens kann Zverev nichts für seine Auslosungen und muss die Kontrahenten nehmen, wie sie kommen. Zweitens, das ist allein sein Verdienst, ist kein Spieler derart konstant und verlässlich wie er in diesem Jahr. Seine Konkurrenten, die regelmäßig, straucheln, hätten ja die Freiheit, es ihm gleichzutun.Zverev dagegen nutzt seine Chancen, er packt einfach entschlossen zu. In Paris hat er dem Druck als Favorit in der Endphase des Turniers getrotzt. In New York zeigte er wieder, dass er mit der Situation als Mann an der Spitze umgehen kann. Auch wenn Carlos Alcaraz, 23, der siebenmalige Grand-Slam-Sieger aus Spanien, nach vier Monaten Verletzungspause zurückgekehrt war: Zverev war die Messlatte. Erstmals war er in seiner Karriere bei einem Grand-Slam-Turnier an Nummer eins gesetzt. Dieses Privileg genossen aus deutscher Sicht nur Gottfried von Cramm (Paris 1935) sowie Boris Becker (Wimbledon 1987 und US Open 1991).In jedem Fall wird es einen Premierensieger bei den US Open geben. Das zweite Halbfinale bestritten am Abend noch der an Nummer acht gesetzte Ben Shelton, der Alcaraz bezwang, und der an Nummer elf gesetzte Frances Tiafoe. Zverev verfügt gegen beide Amerikaner über eine positive Bilanz. Tiafoe besiegte er in zehn Duellen neun Mal, Shelton verlor sogar alle fünf bisherigen Aufeinandertreffen mit Zverev. „Es wird unglaublich besonders werden. Vor allem weil Frances und Ben die Publikumslieblinge hier in New York sind, jeder liebt sie“, sagte Zverev noch beim Platz-Interview. „Hoffentlich kann ich dafür sorgen, dass ihr Traum nicht wahr wird.“ Letzter deutscher männlicher Sieger in New York war Boris Becker 1989. Michael Stich verlor 1994 im Endspiel gegen den Amerikaner Andre Agassi.