Endlich Herbst. Man merkt es an der Zahl der Leichen, um die es im neuen „Tatort“ um die einsame LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) geht. Aber auch an Bildelementen wie Apfel und Hase und Regen. Eine Seniorin liegt auf dem Asphalt. Sie schlug sich den Kopf auf, und weil die Dorfpolizisten anderweitig beschäftigt sind, muss Lindholm die Leiche anschauen: „Hier ist Dein Chef, ich hoffe, ich störe.“ Wer kennt es nicht?Der Vertretungseinsatz führt die Kommissarin in ein Heim für Demenzpatienten. Dort erregt sich niemand über den Pleonasmus des Türschilds („Wohnresidenz“), und auch die Trauer über die tote Bewohnerin hält sich in Grenzen. Anna Mazur (Marina Galic), die bemüht freundliche Leiterin mit rollendem R, und der Schönling Pierre Springer (Constantin von Jascheroff), schmierglatter Vorstand des Trägers, erscheinen Lindholm nicht weiter verdächtig.Aber sie weiß ja auch nicht, was hier vor sich geht. Siebenundachtzigjährige in Krimis fallen selten einfach mal um. Lindholm nimmt gelangweilt die Eckdaten auf, fährt heim und ruft im Auto noch rasch ihre Mutter an. Der Gedanke, dass auch Annemarie (Kathrin Ackermann) bald dement sein könnte, beschäftigt die Kommissarin nach der Begegnung mit den Heimbewohnern stärker als die Tote auf dem nassen Asphalt.Schwacher „Tatort“, seufzt man und stößt sich an den gestelzten Dialogen im Heim und den vielen Nahaufnahmen von Lindholms Gesicht. Das ändert sich mit dem Auftritt eines Mannes, der bei der bürokratischen Abwicklung des Todesfalls stört und sich als LKA-Kollege aus der Abteilung „Cold Cases“ vorstellt. Ein seltsam verzweifelter Kauz. Matthias Vogel, schon in dieser Szene niederschmetternd gut verkörpert von Andreas Lust, wiederholt andauernd die Floskel „Ich sag, wie es ist“. Als ob die Schallplatte springt.Sitzt ein Serientäter im Demenzheim?So ist es, sagt Vogel: Es gebe eine Verbindung zwischen dem Tod im Heim und einem Täter, der in den späten Achtzigerjahren an verschiedenen Orten zu morden begann. Seine Opfer, körperlich wehrlos, schmückte er mit einem gelben Klecks. Und nun habe er offensichtlich wieder getötet: Ein Mitbewohner der dementen Toten vom Heim, der ebenfalls demente Musikpädagoge Gustav König (Thomas Thieme), habe sich durch einen Rückfall in alte Verhaltensmuster, ausgelöst vom Unterbewusstsein, entlarvt.Schlagartig schießt Spannung in den von Alexander Adolph geschriebenen „Tatort: König in Gelb“. Er hat nicht ganz so viel Drive wie die Doppelfolge zur Mocro-Mafia, die Adolph im Winter für den Bundespolizisten-„Tatort“ mit Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) zu Papier gebracht hat; da wirkt Hans Steinbichler in der Regie.Auch „König in Gelb“, eingerichtet vom Autor, mausert sich aber zu einem erinnerungswürdigen „Tatort“. Matthias Vogel, der Cold-Case-Experte, ist nämlich selbst an Demenz erkrankt. Okay, die Idee ist gerade en vogue. Wir begegneten ihr etwa 2025 im Fernsehfilm „Tödlicher Schatten“ mit Walter Sittler, er wird bald auch zur neuen Serie von Julia Koschitz gehören („Das Vergessen“), wer es amerikanischer mag, kennt den Clou aus der Serie „Die letzten Tage des Ptolemy Grey“ mit Samuel Jackson, und es gibt natürlich auch die Variante Täter mit Demenz (etwa in „Memory of a Killer“).„König in Gelb“ erzählt also von einem, der seine letzten klaren Gedanken zur Lösung eines Mordfalls aufzubringen versucht – und trotzdem hat Matthias Vogel auch unheimliche, ja unwägbare Züge. Als sich Lindholm zum ersten Mal in Vogels Wohnung begibt, die zugerümpelte Höhle eines Mannes, der sein Leben nicht mehr im Griff hat, kriecht ihr die Angst den Nacken hinauf. Es ist die Angst, eines Tages selber so enden zu müssen wie er. Aber auch die Angst, hier dem eigentlichen Mörder ausgeliefert zu sein.Vogel lebt ständig in Angst. Die Katastrophe, die Demenz bedeutet, für die Erkrankten ebenso wie ihr Umfeld, kommt an seinem Beispiel deutlich zur Geltung. Die Szenen im Demenzdorf fragen hingegen eher nach dem angemessenen Umgang mit der steigenden Zahl von Demenzkranken. Das wird teuer, lässt sich erahnen. Es wird so teuer, dass das Erbe einer reichen Seniorin, die im Regen vor dem Gartentor stürzt, nicht ausreichen könnte.Die Wahrscheinlichkeit, sich den Frühstücksraum mit einem Serienkiller teilen zu müssen, dürfte in echten Heimen etwas geringer sein als in diesem berührenden, komplett von Andreas Lust als verlorenem Vogel getragenen Fall mit Gruselfinale. Es ist der erste „Tatort“ in der Geschichte der Reihe, den registrierte Nutzer der ARD-Mediathek bereits freitags einschalten können. Wenn sie das wollen. Es verliert sich ja eine tragende Stütze der Wochenstruktur, und das lineare Programm der ARD könnte auch schneller als erwartet dem Einsturz geweiht oder doch Gegenstand einer Reformdiskussion wie beim Deutschlandfunk sein.Der Tatort: König in Gelb läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten und ist abrufbar in der ARD-Mediathek.