Der erste „Tatort“ nach der ewigen Sommerpause wird länger in Erinnerung bleiben, obwohl er thematisch das Vergessen umkreist. Denn der Episodenheld von der „König in Gelb“ ist der vom Dienst beurlaubte Ermittler Matthias Vogel, am Beginn einer Demenzerkrankung stehend: Oft blickt er noch durch, manchmal fehlen ihm schon Worte. Dann betrachtet er einen Globus im Regal und bittet darum, dessen Beleuchtung anzuschalten: „Die Drehkugel – kann man die anmachen?“Dieser Mann, herausragend gespielt vom Österreicher Andreas Lust, will dabei helfen, einen Cold Case zu klären, die Morde eines Serientäters. Alle Konzentration, die er noch aufbringen kann, widmet er diesem allerletzten Fall, und versorgt Hauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) mit Informationen und Vermutungen. Unablässig tickt also ein Countdown runter, ohne dass Ziffern am Bildschirmrand blinken. Es reicht, wenn Vogel sagt: „Weil mir jeden Tag aus dem Gedächtnis was rausgelöscht wird, ist keine Zeit mehr.“Regalmeter von Akten sind bei Ermittler Vogel die Relikte seiner strukturierten WeltDer Fall: In einem Demenzdorf, in dem Erkrankte betreut werden, kommt eine Patientin ums Leben. Vogel glaubt, dass der Bewohner Gustav König (Thomas Thieme in einer fast wortlosen Rolle) mit diesem Verbrechen seine mutmaßliche Mordserie vollendet hat. Lindholm, anfangs skeptisch, fühlt sich immer tiefer in die Weltsicht ihres Kollegen Vogel ein, der mal aufbrausend ist, mal zugänglich. Mal fokussiert, mal gehetzt. Mal kollegial, mal angsteinflößend. Notizzettel hängen überall in seiner Wohnung. Regalmeter von Aktenordnern, wie letzte Relikte seiner strukturierten Welt. „Ich hab’ da Klarheit, steht alles in den Akten“, sagt Vogel. Seine signature phrase: „Ich sag’s, wie’s ist.“ Aber wie ist es denn?Der große Erzähler Alexander Adolph, Autor und Regisseur auch solcher „Tatort“-Highlights wie „Der tiefe Schlaf“, hat keinen Themenfilm aus dem Stoff gemacht, sondern eine Geschichte, in der auch die spröde Ermittlerin Lindholm zu neuem Leben findet: selbstironisch darf sie sein, lakonisch, witzig. Weil neben der Serientäterjagd auch noch Finanzmauscheleien im Demenzdorf verhandelt werden, entsteht zwar eine gewisse Tendenz zur Überladung, und F. R. Davids Evergreen „Words don’t come easy to me“ wirkt als musikalische Pointe etwas platt. Aber das sind nur Abzüge in der B-Note für eine Story, die ihr Thema mit Würde und ohne Voyeurismus behandelt und berührend ist, nie rührselig. Als Vogel einmal bei Lindholm im Gästezimmer liegt und den Globus anschaut, schaltet sie die Beleuchtung ein. Wie ein Nachtlicht im Kinderzimmer, gegen die Angst vor der Dunkelheit. Und Matthias Vogel sagt: „Weißt du was? Wenn ich groß bin, werde ich Polizist.“Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.
Hannover-„Tatort“ über Demenz: Jeden Tag wird etwas rausgelöscht
„König in Gelb“ mit Maria Furtwängler als Lindholm erzählt von einem dementen Ermittler: berührend, herausragend gespielt.






