Sieben Gegentore in den beiden ersten Bundesligaspielen der neuen Saison: Es lässt sich nicht leugnen: Die Frankfurter Eintracht hat ein massives Abwehrproblem. „Das geht gar nicht“, sagte Trainer Adi Hütter vor dem Nachbarschaftsduell auswärts mit dem FSV Mainz 05 an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) und kündigt Abhilfe an.Nach einem Systemwechsel von der Vierer- auf die Dreierkette befragt, reagierte der 56 Jahre alte Österreicher allerdings zurückhaltend. Er sei zwar der Meinung, seine Mannschaft müsse flexibel sein und verschiedene Formationen beherrschen, aber er habe in der Vorbereitung ein 4-2-2-2 entwickelt, das seiner Meinung nach am besten zum Kader passe.Angesichts der erzielten Resultate könnten Nörgler behaupten: „Träumen Sie weiter, Herr Hütter!“ Aber ein genauerer Blick auf die Spielverläufe, die in ein 3:3 gegen Union Berlin und in das 1:4 gegen den FC Augsburg mündeten, macht Hütters Zögern nachvollziehbar. In beiden Auseinandersetzungen funktionierte seine Trainertaktik eine Halbzeit ausgesprochen gut. Weder Union noch Augsburg gelang es in den ersten 45 Minuten, die Frankfurter Verteidigung auch nur einmal auszuspielen.Auf Souveränität folgt ein absoluter KontrollverlustWas dann aber in der zweiten Halbzeit folgte, war ein absoluter Kontrollverlust, nachdem das erste Gegentor gefallen war. Man könnte formulieren: Die Eintracht hat kein Gegentor-Problem, sondern ein Nach-Gegentor-Problem. „Wir können uns einfach nicht so sehr aus der Bahn werfen lassen“, fordert auch Hütter.Was spielt sich da immer wieder in den Köpfen der Eintracht-Spieler ab? Das Phänomen ist ja kein neues. Schon in der vergangenen Saison fiel die Mannschaft in einigen Spielen auseinander, sogar in Begegnungen, die sie anfangs dominierte und doch noch den Sieg über die Zeit rettete wie beim 6:4 gegen Borussia Mönchengladbach und beim 4:3 über den 1. FC Köln. Meist fanden die Spiele jedoch kein Happy End. Am schlimmsten war es im vergangenen sieglosen Januar, als in sieben Partien sechsmal drei Gegentore hingenommen werden mussten und einmal zwei.Haben die Eintracht-Profis mentale Defizite? Der Frankfurter Sportpsychologe Gregor Nimz sagt dazu in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Ein Leistungsabfall nach einem Gegentor kann natürlich verschiedene taktische, technische oder physische Ursachen haben. Deshalb wäre ich vorsichtig, von einem rein mentalen Problem zu sprechen. Interessant wird es aus sportpsychologischer Sicht aber dann, wenn sich ein wiederkehrendes Muster entwickelt.“So wie jede Person ein Gedächtnis habe, entwickele auch eine Mannschaft eine Art Mannschaftsgedächtnis. „Wenn sich beispielsweise die Erfahrung festsetzt: ‚Wenn wir ein Gegentor bekommen, verlieren wir anschließend die Kontrolle‘, dann kann aus einer vergangenen Erfahrung eine zukünftige Erwartung werden. Denn die Mannschaft spielt dann nicht mehr nur gegen den aktuellen Gegner, sondern gewissermaßen auch gegen ihre eigene Erwartung.“Eine Mannschaft spiele nach einem Rückschlag aber nicht deshalb schwächer, weil sie psychisch schwach wäre, sondern weil sie zunächst einmal ihren taktischen und fußballerischen Handlungsauftrag nicht mehr so konsequent erfülle, schlechter miteinander kommuniziere oder versuche, individuelle Fehler besonders zu vermeiden. Daraus könnten wiederum psychologische Reaktionen entstehen – etwa Unsicherheit oder sinkendes Vertrauen.„Das ist ein bisschen vergleichbar mit einem Piloten“Gerade für einen Abwehrspieler sei es zudem enorm wichtig, dass auch die Mitspieler ihre Aufgaben erfüllen und ihn absichern. „Es geht also nicht nur um das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, sondern um das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des gesamten Systems.“ Hütter bestätigte indirekt die Aussage des Sportpsychologen, als er am Donnerstag analysierte: „Gegen Augsburg hat jeder für sich versucht, dagegenzuhalten, aber wir haben nicht mehr als Mannschaft gewirkt.“Der Lösungsansatz könne, so Nimz, im Training durchaus erarbeitet werden. „Das ist ein bisschen vergleichbar mit einem Piloten, der für Notfallsituationen bestimmte Abläufe trainiert. Wenn es tatsächlich zu einer kritischen Situation kommt, muss er nicht erst überlegen, was grundsätzlich zu tun wäre.“Wie könnte so ein Notfallplan aussehen? Darauf kann ein Sportpsychologe nur allgemein antworten, Mirko Slomka ist in der Lage, mit seiner langjährigen Erfahrung als Bundesligatrainer von Hannover 96, Schalke 04 und dem Hamburger SV ganz konkret zu werden. Er habe für seine Mannschaften nach einem Gegentor die Drei-Minuten-Regel ausgegeben. „In diesem Zeitraum soll auf dem Spielfeld rein gar nichts passieren.“Die Handlungsanweisung an die Spieler lautet: Nur einfache Bälle in den Fuß spielen, kein unnötig hohes Pressen, nur über die vorher definierte schwächere Seite des Gegners spielen, miteinander reden, das Spiel lahmlegen, in dem Einwürfe provoziert werden, Fouls begangen und gezogen werden. Slomka nennt das den kollektiven Reset-Knopf im Game Management.„Bei der Eintracht geschieht das Gegenteil, sie hält das Spiel offen. Dabei muss man nicht direkt nach einem Gegentor ein Tor schießen, sondern vor allem den zweiten Gegentreffer vermeiden, weil die Emotionen in diesem Moment gegen dich sind.“ Die fußballerische Qualität der Eintracht sei so hoch, dass sie nicht in Hektik verfallen müsse. „Sie muss nur die Stabilität in einem besonderen Zustand (nach einem Gegentor) erhalten und keine schlechten Entscheidungen treffen, die zum nächsten Gegentor führen. Bei Topmannschaften ändert ein Gegentor nur den Spielstand, aber nicht das Verhalten der Spieler.“Slomka ist optimistisch für die Eintracht, ihr Problem schnell in den Griff zu bekommen, das auch dadurch aufgetreten sei, dass die Mannschaft eine extrem junge ist. „Junge Spieler reagieren einfach in der Regel heftiger, weil sie noch nicht so häufig schwierige Situationen überstanden haben.“ Trainer Hütter werde mit seiner Erfahrung die richtigen Maßnahmen treffen und im Training gegen die Defizite anarbeiten: Definieren, was Geschehen soll, Handlungsaufträge in Regeln verpacken, den Führungsspielern operative Aufgaben übergeben.Hütter äußerte sich am Donnerstag auf einem Medientermin in diese Richtung, ohne konkret zu werden: „Vielleicht werden wir unsere Rituale ändern müssen.“ Der Österreicher wirkte keineswegs ratlos oder tief beunruhigt, als er auf den Allgemeinzustand seiner Mannschaft und speziell deren Abwehrschwäche angesprochen wurde. „Wenn wir in Mainz so spielen, wie in der ersten Halbzeit gegen Union und Augsburg, dann werden wir etwas mitnehmen.“
Eintracht Frankfurt unter Druck vor Rhein-Main-Derby bei FSV Mainz 05
Die Eintracht lässt sich nach Gegentoren viel zu leicht aus der Bahn werfen. Der Frankfurter Sportpsychologe Gregor Nimz und der Trainer Mirko Slomka wissen, was jetzt zu tun ist.










