Ob in der Leichtathletik wohl eines Tages wie selbstverständlich von einem „Ultimate Champion“ die Rede ist, wenn es darum geht, wer die beste Athletin oder der beste Athlet in einer Disziplin ist? Die US-amerikanische Sprinterin Melissa Jefferson-Wooden versichert jedenfalls, dass ein Sieg bei den Ultimate Championships für sie die gleiche Bedeutung hätte wie ein Sieg bei den Olympischen Spielen oder einer Weltmeisterschaft.„Weil dort Athleten auf dem gleichen Niveau antreten“, sagte sie. Aber solche Titel verdanken ihren Wert nicht allein der Qualität des Teilnehmerfeldes, sondern auch einer Geschichte, die über Jahre gewachsen ist – und die Ultimate Championships müssen diese Bedeutung erst noch entwickeln.Weniger Disziplinen, mehr Geld – und keine KonkurrenzWorld Athletics versucht von diesem Freitagabend (19.00 Uhr im ARD-Livestream) an in Budapest mehr als die Einführung einer neuen Meisterschaft. Der Weltverband möchte an diesem Wochenende eine Sportart mit vielen Disziplinen als modernes Medienereignis präsentieren: mit weniger Disziplinen, mehr Geld und einem Programm, in dem die einzelnen Wettbewerbe nicht miteinander konkurrieren.Die Veranstaltung gehört in diesem Jahr erstmals zum internationalen Leichtathletik-Kalender und soll künftig in geraden Jahren, in denen keine „normalen“ Weltmeisterschaften vorgesehen sind, den Saisonabschluss bilden. Es ist, wenn man so will, ein Experiment von World Athletics.„Es ist an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren und innovativ zu sein“, sagt etwa der schwedische Stabhochspringer Armand Duplantis: „Die Leute müssen zuschauen wollen.“ Wenn es der Leichtathletik gelinge, Veranstaltungen mit Athleten zu organisieren, die die Menschen sehen wollen, und ihnen die beste Plattform zu bieten, um ihre Fähigkeiten und ihre Persönlichkeit zu präsentieren, sei dies das Erfolgsrezept für die Zukunft. „Letztlich geht es auch in der Leichtathletik um Unterhaltung.“26 Einzel- und zwei Mixed-Staffel-Wettbewerbe wird es geben, jeweils 13 bei den Männern und Frauen. Im Programm fehlen die Straßenwettbewerbe, die Mehrkämpfe sowie die 3000 Meter Hindernis und 10.000 Meter. Auch Kugelstoßen und Diskuswurf wurden gestrichen. Im Dreisprung gibt es nur für die Frauen, im Hammerwurf nur für die Männer einen Wettbewerb.„Sondereinladungen“ für die Leichtathletik-StarsPro Disziplin sind jeweils nur acht bis 16 Starterinnen und Starter dabei. Anders als bei internationalen Meisterschaften ist die Anzahl der Athleten aus einem Land, die an den Einzelwettkämpfen teilnehmen dürfen, auch nicht begrenzt. Olympiasieger, Weltmeister und die Sieger der Diamond-League-Saison haben sich automatisch für die Ultimate Championships qualifiziert. Die restlichen Startplätze wurden über die Weltrangliste vergeben.Außerdem gibt es „Sondereinladungen“, die sicherstellen sollen, dass möglichst viele internationale Stars dabei sind. Die gingen an Josh Kerr (Großbritannien), Jakob Ingebrigtsen (Norwegen) und Gianmarco Tamberi (Italien).Der italienische Hochspringer Gianmarco Tamberi bekam eine „Sondereinladung“.AFPDahinter steckt ein strategisches Ziel: Mit dem neuen Format will der Weltverband den Athleten mehr Sichtbarkeit verschaffen und den Sport von seinem angestaubten Image befreien. Bei Olympischen Spielen gehört die Leichtathletik zu den beliebtesten Sportarten, aber abseits davon hat sie es schwer, ein großes Publikum zu erreichen.Das ist ein Umstand, der sich ändern lassen muss, dachte World Athletics – und konzipierte ein Format, das den Sport regelmäßig ins Bewusstsein der Menschen bringen soll. Die Hoffnung: Nur die Besten der Welt gegeneinander antreten zu lassen, macht den Sport auch für ein Publikum interessant, das sich bislang nicht regelmäßig für Leichtathletik interessiert.So viel Geld gibt es sonst nicht in der LeichtathletikZehn Millionen US-Dollar (rund 8,6 Millionen Euro) beträgt das Preisgeld bei der ersten Ausgabe. Alle Teilnehmer bekommen etwas – auch jene, die nicht auf dem Podium landen. Für den Sieger der Einzelwettbewerbe gibt es 150.000 US-Dollar (etwa 129.000 Euro), für Platz zwei 75.000 US-Dollar (etwa 64.500 Euro) und für Platz drei 40.000 US-Dollar (etwa 34.400 Euro) – so viel Geld wie sonst nirgends in der Leichtathletik.Zum Vergleich: Das Preisgeld für die gesamte Diamond-League-Saison, die aus 15 weltweit verteilten Stationen besteht, beträgt 9,24 Millionen US-Dollar (etwa 7,9 Millionen Euro). Die Sieger beim Finale in Brüssel erhielten 30.000 US-Dollar (etwa 25.800 Euro).In Budapest hat vieles von dem, was die Leichtathletik für manche Zuschauer langweilig macht, keinen Platz. Dafür sollen die, um die es geht, noch stärker im Mittelpunkt stehen. „Bei den Ultimate Championships werden wir den Fokus auf einzelne Athleten legen und sie in Szene setzen“, hatte World-Athletics-Präsident Sebastian Coe vor der Europameisterschaft im August im F.A.Z.-Interview gesagt. „Jede Disziplin wird eigenständig präsentiert, ohne mit anderen Wettkämpfen zur gleichen Zeit zu konkurrieren.“Im Gegensatz zu den traditionellen Leichtathletik-Weltmeisterschaften, die über neun Tage stattfinden, wurden die Ultimate Championships gestrafft, um Spannung zu erzeugen und das Publikum durchgehend ins Wettkampfgeschehen einzubinden. Die Teilnehmerfelder sind kleiner, und das gesamte Programm ist auf drei Abendveranstaltungen verdichtet. In jeweils drei Stunden sollen nur Entscheidungen fallen. Anders als bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften gibt es keine Vorläufe und auch keine Qualifikation.Beim Werfen und Springen gilt das 8-8-6-4-FormatAuf den kürzeren Laufstrecken (100, 200, 400 und 800 Meter sowie Hürden) gibt es zwei Halbfinals à acht Athleten, von denen sich die vier Bestplatzierten für das Finale qualifizieren. In allen anderen Disziplinen geht es sofort um den Titel des „Ultimate Champions“.Bei den Wurf- und Sprungdisziplinen gibt es zudem ein neues 8-8-6-4-Format. Alle acht Athleten haben zwei Versuche. Die sechs Bestplatzierten verbleiben im Wettbewerb, und in der letzten Runde erhalten nur die vier führenden Athleten noch einen Versuch. Im Hoch- und Stabhochsprung sind Gleichstände um den ersten Platz ausgeschlossen.Die Wettbewerbe finden im National Athletics Centre in Budapest statt.EPA„Indem wir uns auf Innovationen einlassen und uns von traditionellen Modellen lösen, wollen wir ein breiteres Publikum erreichen und den gesamten Sport aufwerten“, sagt Coe. Vor allem Zuschauer, die traditionell nicht mit der Leichtathletik verbunden sind, sollen durch das neue Format angelockt werden. „Wir machen aber kein Geheimnis daraus, dass wir dieses Format auch geschaffen haben, um den Sport noch interessanter für das Fernsehen zu machen.“Eine der Herausforderungen bestehe darin, wie sich die Saison verlängern und mehr aus ihr herausholen lasse. „Wenn wir ehrlich sind: Für die meisten Menschen geht die Saison von Mai bis September. Natürlich gibt es auch den Cross- und den Straßenlauf sowie Hallenwettkämpfe, aber wir müssen akzeptieren, dass wir in Wirklichkeit eine Sportart sind, die in den Sommermonaten stattfindet“, sagt Coe.Die einzige deutsche Olympiasiegerin fehltMit den Ultimate Championships werde die Leichtathletik jedes Jahr eine große Meisterschaft ausrichten und damit zum ersten Mal sicherstellen, dass sie auch in Nicht-WM-Jahren einen „Moment mit maximaler Zuschauerreichweite“ bieten könne. Das Format stößt unter den Athleten aber auch auf Kritik. Wenn nur noch die besten Athleten dabei sind, werden manche Nationen kaum eine Rolle mehr spielen.Auch die deutsche Mannschaft, die bei der WM im vergangenen Jahr immerhin 80 Athleten umfasste, wird überschaubar bleiben. Olympiasiegerinnen hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) genau eine: Kugelstoßerin Yemisi Mabry – und ihre Disziplin wird in Budapest nicht dabei sein. Stattdessen ist der DLV mit Emil Agyekum und Owe Fischer-Breiholz (400 Meter Hürden), Robert Farken (1500 Meter), Merlin Hummel (Hammerwurf) und Julian Weber (Speerwurf) vertreten.Die deutsche Olympiasieger Yemisi Mabry fehlt – weil Kugelstoßen nicht dabei ist.dpaMit dem hohen Preisgeld, das es bei den Ultimate Championships zu gewinnen gibt, möchte der Weltverband dafür sorgen, dass die Athleten für ihre Leistungen besser vergütet werden.„Finanzielle Sicherheit gibt ihnen die Gewissheit, dass sie weiter trainieren und ihren Sport ausüben können, und auch die Möglichkeit, sich nach dem Ende ihrer Karriere in Ruhe Gedanken über den nächsten Schritt zu machen“, sagt Coe, dessen Verband Olympiasiegern in Paris ein eigenes Preisgeld von 50.000 US-Dollar (etwa 43.000 Euro) gezahlt hat und in Los Angeles auch Silber- und Bronzemedaillen belohnen wird.Athleten einiger Disziplinen werden ausgeschlossenIndem mehrere Disziplinen ausgeschlossen werden, haben Athleten wie Faith Cherotich, Soufiane El Bakkali, Chase Jackson, Valarie Sion, Mykolas Alekna und Andy Díaz Hernández aber gar nicht erst die Chance, das angebotene Preisgeld zu gewinnen.Insbesondere Athleten in den Sprung- und Wurfdisziplinen haben oft Schwierigkeiten, Sponsorenverträge zu bekommen. Sie würden wohl besonders von der finanziellen Unterstützung und der öffentlichen Aufmerksamkeit profitieren, die die Ultimate Championships bieten wollen.Es sei nie das Ziel von World Athletics gewesen, eine neue Veranstaltung zu organisieren, die einfach nur eine WM kopiert, betont Coe. Man hoffe, in Budapest Erkenntnisse zu gewinnen, die sich auf eine WM übertragen lassen: vielleicht das schnellere Tempo des Programms oder ein etwas kürzerer, kompakterer Zeitplan.„Es wäre unmöglich, alle Disziplinen unterzubringen. Das heißt aber nicht, dass die von uns ausgewählten Disziplinen genau dieselben sein werden, die wir 2028 und 2030 im Programm haben. Wir wollten die Dinge anders angehen, und nicht alles wird auf Anhieb funktionieren“, sagt Coe.Sebastian Coe: „Das ist der Beginn einer Reise“Die Disziplinen seien nicht willkürlich ausgewählt worden. Im Gegenteil: Seit mehreren Jahren stehe der Weltverband mit seinen Fans im Austausch, um herauszufinden, welche Disziplinen sie mehr oder weniger interessieren. „Das bedeutet nicht, dass wir Disziplinen streichen werden, aber es zeigt uns, wo wir Ressourcen einsetzen müssen, um sie attraktiver zu gestalten, und wo wir intensiver an Innovationen arbeiten müssen.“All diese Arbeit werde dabei helfen, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, was die Fans wollen, betont Coe: „Und die Ultimate Championships sind nur der Beginn dieser Reise.“
Ultimate Championships der Leichtathletik in Budapest: Was will World Athletics?
Der Leichtathletik-Weltverband startet in Budapest einen neuen Wettbewerb. Das Format ist innovativ, das Preisgeld immens. Doch es gibt schon Kritik. Die einzige deutsche Olympiasiegerin wird fehlen.










