Vierzig Prozent sehen so aus: eine lange Bundesstraße, gelbe Felder, im Hintergrund die Berge und grünen Bäume des Harzes. Einst sprach Bundeskanzler Helmut Kohl hier von „blühenden Landschaften, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt“. Am Ortseingang grüßt ein einfaches gelbes Schild: Neinstedt. Der Thaler Stadtteil im Nordharz zählt etwa 1600 Einwohner. Neinstedt hat ein Ärztehaus, eine weiterführende Schule, ein Café und mit der dort ansässigen Evangelischen Stiftung Neinstedt einen großen Arbeitgeber – und ein Wahlergebnis von 40 Prozent für die AfD.„Ich bin immer noch fassungslos“, sagt Birgit Frühauf-Schmitt über die Ergebnisse der Landtagswahl, bei der die im Bundesland vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD insgesamt rund 44 Prozent der Stimmen erhielt. Die 66 Jahre alte Rentnerin lebt seit mehr als 30 Jahren im Ort. Vor dem Ruhestand leitete sie seit 1995 die Apotheke in Neinstedt. Schon vor der Wahl habe sie versucht, viele Gespräche zu führen – teils ohne Erfolg. „Ich bin davon überzeugt, dass wir nicht mehr miteinander reden können“, sagt sie. „Wir tauschen keine Sachargumente mehr aus.“ Stattdessen würden beide Seiten schneller sauer, wenn strittige Themen angesprochen werden. Mit manchen Freunden diskutiere sie beispielsweise nicht über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. „Lass uns mal über ein Kuchenrezept reden“, sage sie dann.Eine gleichgültigere GesellschaftAm Nachmittag ist Heiko Marks zu Besuch. Der 67 Jahre alte Rentner ist Ortsbürgermeister in Neinstedt, sitzt für die Grünen im Kreistag und ist seit mehr als 30 Jahren in der Kommunalpolitik aktiv. „Das Klima wird sich massiv verschlechtern“, prognostiziert er. Er sorge sich vor Anfeindungen gegenüber Homosexuellen oder Menschen mit Behinderung. Und vor dem Abbau ihrer Rechte. Wie viele in Neinstedt hat auch Marks lange bei der Evangelischen Stiftung Neinstedt gearbeitet – in der Pflege und Betreuung und später als Projektleiter. Die Stiftung ist ein Sozialwerk, das sich um Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen kümmert, und beschäftigt mehr als 1200 Mitarbeiter. „Wir sind Neinstedt-geprägt“, sagt Marks lachend, wenn er darüber spricht, Menschen schützen zu wollen.Es geht den Leuten doch gar nicht schlecht: Birgit Frühauf-Schmitt und Heiko Marks, hier am 10. September 2026 in Neinstedt, sind vom Wahlergebnis der AfD schockiert.Franziska GilliAber die Gesellschaft sei gleichgültiger geworden, findet Frühauf-Schmitt. Marks vermisst, dass auch junge Menschen sich für das Gemeinwohl engagieren wollten. „Gleichgültigkeit ist einfach das größte Problem, das wir hier haben. Die Leute gucken weg, und wenn es aus dem Sinn ist, ist es nicht mehr nötig.“ Er selbst sitzt dabei in fast jedem Gremium, das es in der Stadt gibt, ob als Ortsbürgermeister, Stadtrat oder Kreistagsmitglied. Da sei ihm der Ruhestand sehr gelegen gekommen, sagt er und lächelt. In jedem Gremium streite und diskutiere er viel mit Mitgliedern der AfD. Er sorgt sich, dass viele Politiker sich nun weniger hart von der AfD abgrenzen werden. Er beobachte das jetzt bereits. Sein Eindruck: „Man hat sich seinem Schicksal ergeben.“Dabei gehe es den Menschen im Ort nicht schlecht, betonen beide immer wieder. „Es gibt kaum jemanden, der nicht in den Urlaub fährt, aber es wird erzählt und erzählt, wie schlecht es einem geht“, sagt Frühauf-Schmitt. Wenn sie mit Nachbarn und Bekannten spricht, sei sie oftmals überrascht, wie groß deren Rentenbezüge seien. „Und die waren auch zufrieden und kommen damit gut hin.“ Von Politikern erwartet sie daher: „Den normalen Bevölkerungsschichten mal wieder nahebringen, dass es ihnen streckenweise gar nicht so schlecht geht. Das finde ich hier in Sachsen-Anhalt eklatant.“„Wer hat denn unser Land? Wir leben doch hier“Der Wahlkampf der AfD habe große Wirkung gezeigt, sagen beide. Viele Wähler ließen sich „diese Parolen aufschwatzen, ohne sie kritisch zu hinterfragen oder auch nur einmal nachzudenken“, sagt Marks. Wenn er AfD-Wahlkampfsprüche wie „Wir holen uns unser Land zurück“ lese, frage er sich: „Wer hat denn unser Land? Wir leben doch hier.“ Frühauf-Schmitt sieht hier auch Medien in der Verantwortung, AfD-Programmatik nicht lediglich zu wiederholen, sondern einzuordnen – auf allen politischen Ebenen.Denn die meisten Bürger nähmen Politik als eins wahr; Kommunal-, Landes- und Bundespolitik verschwämmen häufig. Unzufriedenheiten auf der einen Ebene zeigten sich dann auch auf anderen politischen Ebenen. „Solange wie sie die Kommunen kaputt machen, wirst du hier vor Ort immer diese schlechte Stimmung haben“, sagt Marks. „Denn irgendwer ist immer betroffen, ob es der kaputte Gehweg oder die seit zehn Jahren fehlenden Lampen sind.“ Für ihn sei deswegen klar, fehlende Finanzierung in den Kommunen sei „die Wurzel allen Übels“.Unzufrieden trotz WeltkulturerbeEinundvierzig Prozent sehen so aus: gelbes Fachwerk, weißes Fachwerk mit dunkelgrünen Fensterläden oder schlichtes in Schwarz-Weiß. Nur knapp zehn Kilometer östlich von Neinstedt liegt Quedlinburg. Die Stadt ist seit 1994 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Die vielen Kopfsteingassen in der Innenstadt sind geprägt von Cafés, Restaurants, Galerien und kleinen Läden. Am Vormittag stehen allein auf dem Marktplatz sechs Stadtführungsgruppen, überall sind Touristen zu sehen, leicht erkennbar an ihren großen Rucksäcken oder dem Handy, das an jedem zweiten Fachwerkhaus gezückt wird.Wer zwischen all den hübschen Häusern herumfragt, warum die Wähler sich dort für die AfD entschieden haben, trifft auf Verständnis. Da ist zum Beispiel Stefan Basler. Er sagt: „Die Leute sind unzufrieden.“ Für ihn sei es „irgendwie verständlich“, dass 41 Prozent in Quedlinburg die AfD gewählt haben. Denn das Leben sei zu teuer geworden, sagt der Sechsundzwanzigjährige. Besonders die hohen Spritpreise machten den Menschen im ländlichen Raum zu schaffen; öffentliche Verkehrsmittel gebe es wenige. Tatsächlich sind die Kraftstoffpreise eines der am meisten geäußerten Anliegen der Menschen in der Quedlinburger Innenstadt, unabhängig von ihrer Wahlentscheidung. Immer wieder ist zu hören, die AfD benenne die richtigen Probleme. Manche schieben hinterher, sie biete aber die falschen Lösungen.Blick über die Altstadt vom Sternkiekerturm in Richtung Rathaus und Marktkirche in QuedlinburgFranziska GilliViele erzählen stolz, dass sie die AfD gewählt haben, ihren Namen wollen sie dann aber doch nicht nennen. Eine Hoffnung äußern hingegen alle: dass sich jetzt etwas ändert. Aber was müsse sich denn ändern? „Die wirtschaftliche Lage“, sagen die einen, „Migration“ die anderen; und „die Preise“, sagen fast alle. Und in ihrem eigenen Leben? Da antworten viele mit: „Mir geht es eigentlich gut.“„Hier in der Kommune bin ich eigentlich mit der Politik einverstanden“, sagt ein 74 Jahre alter ehemaliger Baumaschinenschlosser. Er spricht von einer „Frustwahl“. Gleichzeitig sei für ihn ein entscheidendes Thema bei der Wahl das Bildungssystem gewesen. Da verspricht die AfD große Veränderungen: Ein Aufweichen der Schulpflicht und die Abschaffung von Inklusion an Schulen in Sachsen-Anhalt stehen im Parteiprogramm. Und auch inhaltlich will die AfD in die Lehrpläne eingreifen. „Mehr Bismarck, weniger Hitler“, ist laut dem AfD-Abgeordneten Hans-Thomas Tillschneider das Motto.„Die Angst vor Repressionen schafft auch Solidaritäten und Stärken“Sechsundvierzig Prozent sehen so aus: Ein bisschen Leerstand, aber die Fußgängerzone ist voll, und in den Cafés sitzen überall Leute. Das ist Bernburg, eine Kreisstadt etwa 35 Kilometer nördlich von Halle. Es gibt gut 30.000 Einwohner und knapp 20 Schulen. Auf einem der Schulhöfe sitzt Fabian Stegner an einem Tisch. Er ist Lehrer an dieser Förderschule und sagt: „Die Vorstellung, die die AfD im Bildungsprogramm hat, ist dermaßen realitätsfern und gleichzeitig auch eklatant europäischen Werten widersprechend, Recht widersprechend und unserem christlichen Menschenbild widersprechend.“ Stegner ist in einem politisierten Haushalt aufgewachsen, sein Vater Ralf Stegner (SPD) ist Mitglied des Deutschen Bundestages, und auch er selbst ist Mitglied in der SPD.Das, was die AfD anstrebe, sei eine Verunsicherung der Lehrer, sagt Fabian Stegner. „Es gibt Prozesse, Meldeportale, Lehrer werden verklagt, weil das ein verkrüppeltes Verständnis von Neutralität ist, und auch ein falsches Verständnis.“ Die eine Grundlage für die Arbeit von Lehrern sei das Grundgesetz. „Dagegen kann ich nicht und will ich auch nicht opponieren. Das wird nicht passieren.“ An dem eigenen Wertekonstrukt und der Einstellung zum Kind, zur Arbeit oder zu Menschenrechten „verändert sich durch die Wahl nichts“, sagt Stegner und klopft dabei mit der Handkante auf den Tisch, als wolle er seinen Punkt untermauern.Gedanken macht er sich trotzdem. Um die Stimmung im Bundesland, um Freunde und Schüler mit Migrationshintergrund oder um Schüler, „die eine sexuelle Orientierung haben, die dem nicht entspricht, was die AfD für normal hält“. Stegner ist aber auch von einer Sache überzeugt: „Lehrerinnen und Lehrer müssen von Grund auf Optimisten sein, weil sie sonst ihren Job nicht machen könnten.“ So habe auch er Hoffnung, denn er sehe große Solidarität unter den Lehrern. „Die Angst vor Repressionen schafft auch Solidaritäten und Stärken.“Im Zentrum von Bernburg laufen an diesem Nachmittag viele über das Kopfsteinpflaster. Jugendliche, ältere Pärchen und Familien. Immer wieder sprechen Menschen im Vorbeilaufen über die Wahlergebnisse, über geschlossene Jugendklubs oder über das, was sich ändern müsse. Auch Roland Winter hofft, dass die AfD etwas verändert. Er sitzt auf einer Bank an der Fußgängerzone, sein E-Bike neben ihm abgestellt und unterhält sich mit zwei Männern.Er sei schon ein paar Tage nach der Wahl frustriert, sagt der Rentner. „Das ist doch alles wie bei der letzten Wahl.“ Die Brandmauer zur AfD müsse endlich abgeschafft werden, und alle Parteien sollten mit der AfD reden, findet Winter. Nur dann könne sich etwas verändern. Was müsste sich denn in Bernburg ändern? Er denkt länger nach und sagt dann: „Das mit den Ausländern.“ Der Ausländeranteil in Bernburg liegt letzten Erhebungen zufolge bei unter zehn Prozent. Ihm persönlich gehe es gut, sagt Winter.„Du bist ja nicht mitgemeint“Zweiunddreißig Prozent sehen so aus: Breite Straßen, die wichtigste heißt auch gleich so, drum herum viele Baustellen. In der Landeshauptstadt Magdeburg leben mehr Migranten als anderswo in Sachsen-Anhalt, gut 15 Prozent. Nahezu jeder Laden am zentralen Hasselbachplatz wird von Migranten betrieben. Von „den Ausländern“ sprechen in Magdeburg auch viele.Der Rassismus, der mit größeren Wahlerfolgen der AfD immer normaler geworden ist, macht Sidak Singh Angst. „Ich fürchte, dass es in der Öffentlichkeit noch mehr normalisiert wird, Ausländer zu beleidigen.“ Der 24 Jahre alte Student ist in Indien aufgewachsen und lebt seit sechs Jahren in Magdeburg. Er und einige seiner Freunde sind angewiesen auf Aufenthaltsgenehmigungen, die meist jährlich verlängert werden. Die Frage, ob diese unter einer AfD-Regierung vielleicht nicht mehr ausgestellt werden könnten, beunruhigt ihn. „Ich weiß nicht, ob einige meiner Freunde im nächsten Semester noch da sitzen werden“, sagt Singh. „Oder ob ich noch da bin.“ Doch er sagt auch: „Mein Mut ist größer als meine Angst.“ Er möchte sich nicht einschüchtern lassen.Täglich habe er mit Menschen zu tun, die ihm erzählen, dass sie die AfD wählen – ob Kollegen oder Leute auf der Straße. Sie sprechen von Abschieben und Remigration, einem Kampfbegriff der Neuen Rechten, den die AfD in ihrem Wahlkampf häufig wiederholte. Sehr oft höre Singh dann: „Du bist ja nicht mitgemeint.“ Dabei hat er einen klaren Wunsch: „Ich möchte nicht als Fachkraft akzeptiert und angesehen werden, ich möchte auch als Mensch angesehen werden.“Anderen geht es in Magdeburg ähnlich. Ein Kioskbesitzer mit Migrationshintergrund berichtet, Kunden erzählten ihm häufig, dass sie die AfD wählten, und dann sagten: „Euch meinen wir nicht, ihr seid ja integriert.“ Beide sind sich sicher, die AfD macht diese Unterscheidung nicht. „Für die gilt: Ausländer ist Ausländer“, sagt der Kioskbesitzer.Viele seiner Freunde würden deshalb den Gedanken äußern, das Bundesland zu verlassen. Und auch Singh sagt, er hätte darüber nachgedacht, doch er wolle nicht aus Sachsen-Anhalt weg: „Ich bin aus Mumbai hierhergekommen, um eine gute Zukunft zu haben. Wie oft soll ich denn noch weiter fliehen?“ Außerdem habe er in Magdeburg neben furchtbaren Begegnungen auch „die weltoffensten Menschen“ getroffen. „Menschen, die hier geboren sind und für meine Rechte einstehen. Die machen mir Hoffnung.“
Nach Wahl Sachsen-Anhalt 2026: Viele haben Hoffnung, viele haben Angst
Nicht nur AfD-Wähler finden, die Partei habe die echten Probleme erkannt. Andere haben Angst und fragen sich, wie sie mit ihren Mitbürgern überhaupt noch reden können. Eine Reise durch Sachsen-Anhalt nach der Wahl.














