Mecklenburg-Vorpommern ist strukturschwach. Normalerweise preisen Mitglieder der Landesregierung deswegen stolz jede Bäckerei-Erweiterung. Manuela Schwesig aber erwähnt an diesem Tag den großen Triumph nur beiläufig. Am Morgen habe sie in Schwerin die geplante Investition für ein Rechenzentrum vorgestellt, sagt Schwesig am Nachmittag bei einer Wahlkampfveranstaltung in Mirow, weit draußen in der mecklenburgischen Provinz.Als wäre es nichts Besonderes, dass eine Firma 5,6 Milliarden Euro in ihrem Land investiert und mindestens 120 Arbeitsplätze schafft. Und als wäre das kein Riesenerfolg für die Ministerpräsidentin und ihre Regierung. Ein Zufall dürfte es kaum gewesen sein, dass die Schwarz-Gruppe zusammen mit Mitgliedern der Landesregierung wenige Wochen vor der Landtagswahl die Milliardeninvestition bekannt machte. Schwesig, die in ihrer Partei ehrfurchtsvoll als „politisches Tier“ bezeichnet wird, überlässt wenig dem Zufall.
Einen Tag nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD fast 44 Prozent holte, stellte sie in Schwerin ihre Wahlplakate für den Schlussspurt im Wahlkampf vor. Darauf riesig sie selbst, mit ernstem Blick. Dazu der Spruch: „Die Frau gegen Blau“. Als könne nur noch Schwesig die AfD aufhalten. Wer die AfD verhindern wolle, müsse SPD wählen, sagt sie dazu. „Wir wollen nicht, dass die blaue Flut auch Mecklenburg-Vorpommern erreicht.“Mittlerweile steht die SPD in Mecklenburg-Vorpommern bei 33 ProzentDer Plan scheint aufzugehen. Seit Monaten steigen die Werte der SPD in den Umfragen. Mittlerweile steht die Partei bei 33 Prozent. Noch vor einem Jahr hatte sie nur bei 19 Prozent gelegen. Schon jetzt ist das für Schwesig ein Triumph. Denn im Bund steht die SPD bei nur rund zwölf Prozent. Und die AfD liegt im Nordosten mit 38 Prozent zwar noch etwas vor der SPD, hatte sich zwischenzeitlich in Umfragen aber auch nach unten bewegt. Von einer absoluten Mehrheit dürfte sie auch am Wahlabend in zwei Wochen meilenweit entfernt sein. Was also macht Schwesig anders?Ministerpräsidentin Schwesig bei einem Dialogforum in MirowdpaSie ist nah dran an den Menschen, das ist bei ihren Wahlkampfauftritten zu sehen. Meist spricht sie selbst ein wenig. Dann stellen ihr die Leute Fragen, Schwesig antwortet. Danach geht sie noch herum, führt Einzelgespräche mit jenen, die irgendein Anliegen haben. Von Problemen bei der Gesundheitsversorgung über die Auswirkung sozialer Netzwerke bis hin zur Rente.In Mecklenburg-Vorpommern haben viele kein oder nur ein geringes Vermögen, das Land ist mit rund 40.000 Euro Schlusslicht beim Durchschnittsgehalt. Auch die Renten sind karg, 1300 Euro betragen sie durchschnittlich, und Betriebsrenten haben nur wenige. In der DDR war es nicht möglich, ein Vermögen aufzubauen, und große Unternehmen gibt es nicht viele. Entsprechend dominant sind angesichts der Preissteigerungen die Themen Wirtschaft und Soziales im Wahlkampf.Die Themen bestimmten auch Schwesigs Wahlkampfauftritte. Sie verweist dabei stets darauf, dass ihr Bundesland zuletzt ein höheres Wachstum aufwies als die Bundesrepublik insgesamt, dank Tourismus, Schiffsbau und Gesundheitsindustrie. „Niemand muss mehr abwandern“, sagt sie gerne mit Verweis auf die vielen offenen Stellen. Um dann den Bogen zu schlagen zu den Preissteigerungen, die das Anwachsen der Löhne aufgefressen hätten, und dazu, dass sie sich für Familien einsetze, etwa, indem die Kitas weiter gebührenfrei bleiben sollten.Ihr Kernthema ist die Rente. Schwesig will die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren erhalten und stellt sich damit gegen die Vorschläge der Rentenkommission, gegen die Bundesregierung – und gegen ihre eigene Parteiführung. Manchmal klingt sie dabei wie eine Oppositionspolitikerin, als würde ihre Partei nicht die Arbeits- und Sozialministerin im Bund stellen. Leistung müsse sich lohnen, sagt Schwesig. Wer gearbeitet habe, müsse mehr haben als solche, die nicht gearbeitet haben. Altersarmut sei ein großes Thema in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch im ganzen Osten. Schließlich hätten viele in der DDR-Zeit „kleine Löhne“ gehabt.Die Durchschnittsrente im Nordosten beträgt 1300 EuroAn der Stelle verweist Schwesig gerne auf ihren Vater, einen Schlosser. Der habe zu DDR-Zeiten nur einen „kleinen Lohn“ gehabt. Nach der Wende arbeitete er dann auf dem Bau – wieder für wenig Geld. Und „kleine Löhne“ ergäben eben nur wenig Rente. Sie lehne es ab, wenn jene, die mit 16 Jahren anfingen zu arbeiten, bis 67 arbeiten müssten, ruft Schwesig dann. Ihr Vater hätte das körperlich gar nicht geschafft.Sie bekomme wegen ihrer Position viele Zuschriften, sagt Schwesig, auch aus westdeutschen Bundesländern. Anfangs war sie mit der Position recht isoliert in der eigenen Partei. Nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt aber hat sich das geändert. Nun fordern andere führende Politiker von SPD und auch CDU, das Reformpaket noch mal aufzuschnüren. Schwesig könnte sich durchgesetzt haben. Das hilft ihr beim Kampf gegen die AfD.Ministerpräsidentin Schwesig im Gespräch mit Bürgern in MirowdpaIn Mecklenburg-Vorpommern funktioniert die AfD ähnlich wie in Sachsen-Anhalt. Ganz vorne steht der Typ Schwiegersohn, der lächelnd jeden Extremismusvorwurf zur Seite wischt. Dahinter in der Partei finden sich aber durchaus Rechtsextreme und Ideologen. Wobei die AfD im Nordosten sogar zweimal den Typ Schwiegersohn hat: Leif-Erik Holm, der als „Ministerpräsidentenkandidat“ antritt, und dazu den Spitzenkandidaten und Fraktionsvorsitzenden Enrico Schult. Im Wahlkampf treten beide als Team auf, auch wenn in Schwerin erwartet wird, dass im Falle einer Machtübernahme Schult auf Dauer der starke Mann in der Partei sein dürfte.Holm war mal Radiomoderator, jetzt sitzt er für seine Partei im Bundestag. Regierungserfahrung hat er keine. Das rieb ihm Schwesig kürzlich bei einem TV-Duell genüsslich unter die Nase: „Sie haben ja keine Erfahrung, nicht mal als Bürgermeister.“ Holm wiederum sagte, der Wahlerfolg seiner Partei in Sachsen-Anhalt erzeuge eine neue Aufbruchsstimmung. „Wir sind wieder in einer Zeit des Wandels“, behauptete er, „wie 1989.“Bei einer Direktwahl würden sich zwei Drittel für Schwesig entscheidenAuch im Nordosten macht die AfD Moped-Touren durchs Land nach dem Motto „Simson statt Lastenrad“. Auch hier hält die Partei regelmäßig „Bürgerfeste“ genannte Wahlkampfveranstaltungen ab, bei denen sich die Bürger zu Bratwurst und Bier versammeln und gemeinsam den Unmut über die Regierenden und die Medien herauslassen. Eigentlich ist also alles gegeben, um den furiosen Wahlerfolg zu wiederholen.Aber es zündet nicht so wie in Sachsen-Anhalt. Dafür verneigen sich örtliche Sozialdemokraten vor Schwesig. Dass die SPD in den Umfragen aufholt, haben sie wohl vor allem ihr zu verdanken. Einer jüngsten Umfrage nach sind fast sechzig Prozent der Befragten zufrieden mit Schwesigs Arbeit als Ministerpräsidentin. Bei einer Direktwahl würden sich rund zwei Drittel für sie entscheiden und nicht für Holm. Auch die Landesregierung von SPD und Linken schneidet in den Umfragen gut ab.Dabei steht Mecklenburg-Vorpommern nach 28 Jahren SPD-geführter Regierung nicht sonderlich gut da: Zwar wuchs die Wirtschaft zuletzt, aber von sehr niedrigem Niveau aus. Die Arbeitslosenquote bleibt hoch, die Löhne sind niedrig, die Zahl der Jobs sank zuletzt.Manuela Schwesig im Fernsehduell mit AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik HolmdpaSollte Schwesigs SPD die AfD noch überholen und diese Wahl gewinnen, stünden ihr wohl auch in Berlin manche Türen offen. Im Wahlkampf wird ihr auch von Bürgern immer wieder die Frage gestellt, ob sie denn den SPD-Bundesvorsitz übernehmen werde. Schwesig verneint die Frage stets. Ohne aber die Tür endgültig zu verschließen.Sie habe sich für Mecklenburg-Vorpommern entschieden, sagte sie kürzlich in Mirow. „Ich habe nicht das Ziel, Parteivorsitzende zu werden.“ Beim Fernsehduell gegen Holm wurde sie dann noch deutlicher. Nein, sie könne sich nicht vorstellen, Bundesparteivorsitzende zu werden, sagte sie da. Sie habe sich schon mehrfach gegen den Vorsitz entschieden. Wer Manuela Schwesig wähle, bekomme auch Manuela Schwesig. Trotzdem gehen viele in der SPD davon aus, dass Schwesig nach dem Parteivorsitz greifen dürfte, sollte ihr der Wiedereinzug in die Staatskanzlei gelingen.Sie ist 52 Jahre alt und regiert das Land seit neun Jahren. Zunächst zusammen mit der CDU, dann mit der Linken. Politisch war sie dabei wandlungsfähig, blieb nah bei den Menschen. Ihr politischer Ziehvater Erwin Sellering machte sie einst zur Ministerpräsidentin. Von ihm übernahm sie einen sehr russlandfreundlichen Kurs, der im Land von vielen geteilt wird. Man feierte etwa jährlich einen „Russland-Tag“, gesponsert von Nord Stream und Gazprom Germania, ins Leben gerufen von Sellering, just im Jahr 2014 nach Russlands Annexion der Krim.Viele wünschen sich wieder bessere Beziehungen mit RusslandSchwesig trieb auch den Bau der Nord-Stream-2-Pipeline gegen viele Widerstände voran, wobei sie damit nicht allein war, auch die Bundesregierung unterstützte das Projekt. Als der amerikanische Präsident Donald Trump Sanktionen gegen den Bau androhte, schuf man in Schwerin über Nacht eine abenteuerliche Konstruktion: Eine Stiftung sollte, finanziert mit Geldern aus Moskau, Sanktionen abwehren und den Bau fertigstellen. Zur Tarnung wurde sie „Klimastiftung“ genannt, als wäre die Förderung der Seegraswiesen in der Ostsee der Hauptzweck.Sellering saß dieser Stiftung noch lange vor, trotzig seine Russlandnähe bewahrend. Schwesig aber vollzog infolge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine eine Kehrtwende. Das Festhalten an der Klimastiftung nannte sie einen Fehler, fuhr nach Kiew, unterstützt nun das angegriffene Land.Damit entzweite sie sich von großen Teilen der Bevölkerung in ihrem Bundesland. Spricht man mit den Leuten, wünschen sich viele wieder bessere Beziehungen mit Russland, sehen die NATO als mindestens mitverantwortlich für den Krieg an, fordern eine Öffnung von Nord Stream. In der SPD geht man davon aus, dass die Partei noch einige Prozentpunkte besser dastehen würde, unterstützte Deutschland nicht die Ukraine.Die AfD und das BSW versuchen diesen Unmut einzufangen, in dem sie etwa die rasche Wiederöffnung der Nord-Stream-Pipelines und bessere Beziehungen zu Russland fordern. Schwesig hat sich nie in diese Richtung geäußert. Sie ist auch nicht auf den Zug aufgesprungen, die enorme Aufrüstung infrage zu stellen, wie es andernorts nun einige Sozialdemokraten tun. Stattdessen verweist sie darauf, dass Mecklenburg-Vorpommern von der Aufrüstung profitiert und in die Werften des Landes viel Geld fließt.In Schwerin rechnen viele damit, dass sowohl die AfD als auch das BSW infolge der Wahl von Sachsen-Anhalt zulegen werden. Der AfD-Spitzenkandidat Enrico Schult sprach von einem „Erdrutschsieg“ in Magdeburg, der den Wahlkampf beflügeln werde. Doch dass es AfD und BSW für eine wie auch immer geartete Regierung reichen wird, ist unwahrscheinlich.Die CDU wird zerriebenAuch die Grünen dürften infolge der Wahl von Sachsen-Anhalt und des stark polarisierten Wahlkampfs noch etwas zulegen. Sie stehen in Umfragen derzeit bei fünf Prozent. Ziehen sie in den Landtag ein, könnte es für eine rot-rot-grüne Koalition unter Führung Schwesigs reichen.Bitter ist die Lage hingegen für die CDU. Sie wird zerrieben durch die Polarisierung zwischen Schwesig und der AfD. Zuletzt lagen die Christdemokraten nur noch bei sieben Prozent, das wäre schon das schlechteste Ergebnis überhaupt, und die Tendenz zeigt weiter nach unten.Wahlkampfhilfe: Bundeskanzler Merz begleitet CDU-Spitzenkandidat Peters (rechts) auf einer Veranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern.ReutersIhr Spitzenkandidat, der Landesvorsitzende Daniel Peters, hat dafür bisher nicht den Bundeskanzler verantwortlich gemacht. Doch Leute aus der zweiten Reihe wie der Landrat und stellvertretende Parteivorsitzende Tino Schomann tun das schon offen. Schomann sagte kürzlich, Merz habe „gezeigt, dass er das nicht kann“. Er sei ungeeignet, das Land zu einen und die Probleme zu lösen.Sollten die Grünen den Einzug in den Landtag verfehlen, wäre die CDU für eine rechnerische Mehrheit gegen die AfD wohl unverzichtbar. Peters hat jedoch sowohl ein Bündnis mit der AfD als auch mit der Linken ausgeschlossen. Über diese „Ausschließeritis“ sind nicht alle in seiner Partei glücklich. Denn in einen der beiden sauren Äpfel könnte die CDU nach der Wahl beißen müssen.













