Schwesig entfaltet den Zettel und beginnt aus einem AfD-Schreiben gegen die kostenlosen Kitas in Mecklenburg-Vorpommern vorzulesen, ihre Stimme klingt triumphierend. „Was nichts kostet, erscheint eben nichts wert“, heißt es darin über die beitragsfreien Kinderhorte. Dass die Haushaltslage „die Kita-Kostenfreiheit, die sich neben Mecklenburg-Vorpommern nur der Pleite-Stadtstaat Berlin leistet, immer fragwürdiger und unvernünftiger erscheinen“ lasse, hatte die AfD Mecklenburg-Vorpommern formuliert.Schlagabtausch in der Märchenkulisse des Schweriner SchlossesKurz zuvor hatte ihr Herausforderer Leif-Erik Holm, AfD-Spitzenkandidat, noch live im TV gesagt, auch die AfD in Mecklenburg-Vorpommern sei natürlich für kostenfreie Kitas. Für Schwesig ein Beweis für Holms Unehrlichkeit: „Sie täuschen die Leute.“ Die 52-jährige Schwesig tritt an diesem Abend aggressiver als ihr 56-jähriger Kontrahent auf, der sich mit ruhiger Stimme gegen die Angriffe der SPD-Politikerin verteidigt. Am 20. September wird gewählt.Holm hatte die „Kostenexplosion“ bei den Kitas kritisiert, daher müsse man „besser kontrollieren, dass wirklich auch nur die Eltern, die wirklich einen Vollzeitplatz brauchen, auch einen nehmen“. Schwesig entgegnete, dass die Kitakosten nur gestiegen seien, „weil wir die Erzieherinnen und Erzieher endlich besser bezahlen“.Es war das erste Mal, dass die amtierende SPD-Ministerpräsidentin und Spitzenkandidatin Schwesig im TV-Duell von ntv und Ostseewelle auf ihren Herausforderer von der AfD traf. In der Märchenkulisse des Schweriner Schlosses, des wohl schönsten Landtags Deutschlands, fand die Debatte statt. Der Raum wirkte, als hätte ihn die SPD sich nicht besser erträumen können: Der Teppich hellrot, die Wände weinrot, die Ministerpräsidentin in SPD-rotem Hosenanzug. Goldene Wandleuchter und angestrahlte weiße Statuen gaben dem Raum für einen politischen Schlagabtausch eine besonders feierliche Atmosphäre. Moderatorin Pina Atalay wirkte allerdings eher schlecht gelaunt, sie saß den beiden auf einem Hocker gegenüber, fungierte zuerst nur als Stichwortgeberin und achtete darauf, dass keiner seine Redezeit überzog. Erst gegen Ende der Debatte war Atalay engagierter.Glauben Sie, dass Sie mit einer Anti-AfD-Kampagne Wähler gewinnen können?Duell-Moderatorin Pina AtalayIn der kommenden Woche werden der frühere Radiomoderator Holm und Schwesig zur besten Sendezeit noch im NDR zu sehen sein, im Vorfeld hatte es Ärger um die beiden TV-Duelle gegeben. Die CDU hatte den Verantwortlichen vorgeworfen, ihren Spitzenkandidaten Daniel Peters ausgeladen zu haben. Denn natürlich treten in Mecklenburg-Vorpommern mehr Parteien zur Landtagswahl an als nur SPD und AfD. Aktuellen Umfragen zufolge steht die AfD bei 35 Prozent, dicht gefolgt von der SPD mit 32 Prozent – die CDU kommt hingegen nur noch auf acht Prozent, die Linke auf elf und die Grünen auf fünf.Schwesig hat ihren Wahlkampf daher komplett auf das Duell zwischen ihr und der AfD zugeschnitten. Einen Tag nach dem Sieg der rechtsextremen AfD in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent hatte Schwesig in Schwerin eine neue Plakatkampagne vorgestellt. Darauf ein Porträt von ihr und der Satz „Frau gegen Blau“. Als gäbe es in dem Bundesland wirklich nur zwei Parteien.Diese Strategie versuchte die 52-Jährige auch im ersten TV-Duell fortzusetzen, distanzierte sich teilweise sogar von Entscheidungen der Bundes-SPD und sagte in Richtung von CDU-Kanzler Friedrich Merz: „Er kann nicht immer nur Nein sagen.“ Schwesig ist auf solche Termine für gewöhnlich exzellent vorbereitet, hat stets unzählige Daten und Fakten auswendig parat. Was ihre Redebeiträge manchmal zu einer Art monotonem Referat von Manuela Schwesig über die neunjährige Amtszeit von Manuela Schwesig macht. Am stärksten und authentischsten ist die SPD-Spitzenpolitikerin, wenn sie über Bildung, soziale Themen und kleine Alltagsbegegnungen mit Bürgerinnen und Bürgern spricht.Für das TV-Duell scheint sich Schwesig aber auch vorgenommen zu haben, ihren AfD-Herausforderer inhaltlich zu stellen. Was ihr manchmal gelingt. Überraschend ist, wie sehr die beiden Kandidaten aber auch inhaltlich über Themen streiten. Es ging von Energiewende über Tankrabatt bis hin zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Persönliche Angriffe fehlten natürlich trotzdem nicht. Schwesig behauptete „Sie reden das Land schlecht“, Holm antwortete: „Sie machen halt das Verkehrte.“Bliebe sie im Amt, verspricht sie eine „starke Wirtschaft mit guten und sicheren Arbeitsplätzen“, Unterstützung besonders für Familien und Maßnahmen für den sozialen Zusammenhalt. „Ich halte die AfD für eine gefährliche Partei für unser Land, für die Wirtschaft, für das Soziale, auch für uns Frauen“, sagte Schwesig in die Kamera. „Glauben Sie, dass Sie mit einer Anti-AfD-Kampagne Wähler gewinnen können?“, fragte die Moderatorin.Leif-Erik Holm trägt einen dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd, das graumelierte Haar glänzt, ein mildes Lächeln im Gesicht. Die Moderatorin fragte ihn: „Wie viel Ulrich Siegmund steckt in Ihnen?“ Holm antwortete: „Ha, jeder Jeck ist anders.“Was „Remigration“ und Tourismus miteinander zu tun habenDer 56-Jährige gibt sich öffentlich gemäßigter als Ulrich Siegmund, kann bürgerlich-konservativ auftreten. Der frühere Radiomoderator hat vier Kinder, auch sein Lieblingsthema im Wahlkampf ist neben der inneren Sicherheit die Bildung. Anders als der Landesverband in Sachsen-Anhalt will die AfD in Mecklenburg-Vorpommern auch nicht die Schulpflicht abschaffen. Für Holm ist vieles „in Ordnung“, was die Bundes-AfD ablehnt.Ihn trage das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, er spüre eine Aufbruchsstimmung, sagte Holm. „Wir sind wieder in so einer Zeit des Wandels wie 1989 so ein bisschen, in einer Zeit des Aufbruchs.“ Er wolle die Politik in Schwerin, aber dann auch in Berlin ändern.Während AfD-Chefin Alice Weidel von „massenhafter Remigration“ spricht, sei im Tourismusland Mecklenburg-Vorpommern die geordnete Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland „für mich völlig in Ordnung“, sagte Holm und nannte als Beispiel „Vietnamesen und Kasachen in der Gastronomie“. Illegale Zuwanderung müsse hingegen konsequent unterbunden werden, forderte Holm aber schnell im gleichen Atemzug.In der Generaldebatte am Mittwoch im Bundestag hatte Friedrich Merz gesagt: „Das Wort Remigration ist nichts anderes als ein Synonym für ethnische Säuberungen nach Herkunft und Hautfarbe“. Wenn diese Forderung wahr würde, dann könne das „Handwerk in Deutschland nicht mehr arbeiten“, „dann kann kein Pflegeheim mehr arbeiten und auch keine Gaststätte“, so der CDU-Kanzler.Leif-Erik Holm sieht das anders, für ihn bedeute „Remigration“, Menschen ohne Aufenthaltsrecht in Deutschland nach Hause zu schicken. Gleichzeitig heiße es aber auch, für Deutsche, die abwanderten, weil sie in Deutschland keine Perspektive mehr sähen, Bedingungen zu schaffen, damit sie zurückkehren.Überraschend einig waren sich Holm und Schwesig beim Thema Gesundheit: Es brauche mehr zentrale Medizinische Versorgungszentren, sagte Schwesig, Holm nickte. Dann ergänzte er noch schnell: Schuld an der schlechten medizinischen Versorgung auf dem Land sei natürlich die SPD.